Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 28 (16.11.1922)
- Date
- 1922-11-16
- Page
- Seite 327 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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327 schilds sagte einmal, wie Bismarck bei irgendwelcher Gelegenheit erzählt, auf die Frage, ob es Krieg gebe, „Nein, mein Sohn erlaubt es nicht"— die Aufzählung aller dieser antisemitischen Lügenbeuteleien, und der genaue Nachweis, daß es sich um bewußte Fälschungen handelt, ist gewiß angezeigt und auch t notwendig, nun der Hydra der Lüge, so oft ihr wieder neue Köpfe anwachsen, den Garaus zu machen. Indes, das mag ein andermal geschehen, hier soll nur noch — und zwar zum ersten Male — rm Zusammenhänge gezeigt werden, wie die Apostel der völkischrassischen Weltanschauung die Lüge bewußt i n d e n Die n st ihrer niedrigen Parteiziele stellen. Es handelt sich also bei dem Gros dieser Fabrikanten von Schwindelnachrichteu nicht etwa um „harmlose" Leute, die an der „E r f i n d e r k r a n k h e i t" leiden, Sondern unr veritable hartgesottene L ü g n e r, denen das chgen zur zweiten Natur geworden ist. Da die an gegriffene Seite, wie noch an einem charakteristischen Beispiel des fünften Reichskanzlers gezeigt werden soll, meist aus falscher Vornehmheit oder Resignation schweigt, so ist schon seit einer Reihe von Jahren goldene Zeit für beherzte Schurken, gleichviel ob sie aus Wotan schwören oder fromme Bibelchristen sind. Auch die letzteren findet man nicht selten unter denen, die das Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" zwar sehr oft auf den Lippen, aber nie im Herzen tragen, g-leichsanr als wollten sie auch für die heutige Zeit die Erfahrung, die schon F r i e d r i ch d e r Große gemacht, bestätigen: „Wer aufrichtig die Wahrheit sucht, wird stets seine Brüder unterstützen wollen. Nur der hochmütige Par teige ist I und das persönliche I n r e s s e , das sich gern unter d e m Namen der Sache Gottes verbirgt, bewaffnet die Hände der Verfolger mit dem Schwert, das sie von d e m A l t a r e nehmen" (Brief an die Herzogin Louste Dorothea von Gotha 18. Mai 1764) — das mag sich auch der Verfasser der „Großen Täuschung" gesagt sein lassen. Als 1891 die dem Hintertreppenroman des „Kreuz-Zeitungs"- Redakteurs Hermann G o e d s ch e entnonnnene erdichtete G roßrabbinerrede als Flugblatt unter dem Titel: „Die geheimen Ziele des Judentums" von der „Antisemitischen Korrespondenz" veröffentlicht wurde und selbst in antisemitischen Kreisen auf starke Zweifel stieß, führten die Hintermänner des anfänglich von Th. Fritsch geleiteten Blattes einen förmlichen Eiertanz auf, um der Beantwortung der peinlichen Frage, ob eine solche Rede wirklich gehalten worden sei, zu entschlüpfen; sie drehten und wanden sich wie leibhaftige Schlangenmenschen. Als das Zugeständnis, es sei „ni ch t z u ersehen, inwieweit das M i t g e t e i l t e st r e n g historisch ist (?), so viel sei aber sicher, daß der Verfasser das Wesen und Treiben des Judentums im innersten Kern kannte und treffend gezeichnet hat", von den eigenen Gesinnungsgenossen als ungenügend zurückgewiesen wurde, gaben die Fälscher ihrem bedrängten Herzen einen weiteren Stotz und erklärten: Wenn man auch annehmen wollte, „daß die Rede in dieser Form, nicht gehalten worden, daß sie eine Fiktion (!) ist, so wird doch niemand, der das Treiben des modernen Judentums beobachtete, bestreiten, daß das Judentum aus allen Gebieten in der angegebenen Weise' arbeitet". Als auch diese Erklärung, abgelehnt . wurde, räumten sie schließlich ein: „Nun, es ist ein Roman" und fügten daran abermals langatmige Betrachtungen und kühne Schlußfolgerungen der obigen Art. Die „Antisemitische Korrespondenz" rechnete es sich noch 15 Jahre später „zum. Ruhm", an. daß sie mit diesem Flugblatt dein russischen „Schwarzen Hundert" . Aufklärungsmaterial in die Hand gegeben habe, um das russische Volk „von seinen Todfeinden zu befreien". Auf dem Umwege des „Weisen von<(Zion" ist dann derselbe plumpe Schwindel wieder nach Deutschland zurückgelangt. Und deutsche und russische Antisemiten reiben sich über den „dummen deutschen Michel" schmunzelnd die Hände; erleuchtete Geister wie Graf Reventlow und Politiker vom Range eines Ludendorff fallen auf diesen abgefeimten Gaunertrick herein. „Es ist eben nichts in der Welt zu dumm, es findet doch sein Publikum". Im „Grünen Heinrich" läßt Gottfried Keller den Titelhelden das Eingeständnis machen: ,,Daß eine Nt e h r h e i't, die, einmal a n g e l o g e n, s o r t - fahren kann, an ge logen werden zu wollen, und immer nur Lügner aus den Schild erhebt, als wäre sie nur ein einziger bewußter und entschlossener Bösewicht — das alles bedachte und kannte ich nickt." Auch der deutsch-völ l i s ch e Nt i ch e l b e d a ch,t e s i ch nicht, als er sich zum zweiten Male — und womöglich in noch plumperer Form — von H -e r r n P e n t h a - T u l l a n - lügen ließ, und dann, als der Schwindel m den Tag kam, genau dieselben Ausflüchte und Kommentare der Fälscherpresse gläubig hin nahm. Die „D e u t s ch e Z e i t u n g" (16. August 1920), die bei Ankündigung des Schliepmanuschen Schwindelbuches sich noch miss hohe Pferd gesetzt und renommiert hatte: „W er wagt, angesichts solcher E n th ü l l u n g e n, die leider keine Uebertreibungen sind, sondern auf Wahrheit beruhen ..ferner noch von der 11 n ch r i st l i chk e i t und der politischen Gefährlichkeit des Antisemitismus zu sprechen?", schlug genau in dieselbe Kerbe wie seinerzeit die „Ant. Korr.": „Der Verfasser ist zwar kein Herr Tulpenthal, auch kein Jude, er b e n u h k nur ...die jüdische M aske, um unter ihr mit erbarmungslos nach allen Seiten treffender Logik ein Bild der Weltanschauung und der Zustände 31t geben, die'aus einem völlig von s i t t l i ch e n Begriffen losgelösten Zweckdenken notwendig h e r v 0 r g e h e n müssen, wie solches ja leider infolge hundertjährigen jüdischen Einflusses in Literatur, Presse, Geschäfts- und Wirtschaftsleben n ich t nur in machthungrigen jüdischen Kreisen um sich greift und von denktrügen Deutschen noch immer nicht begriffen wird" usw. Karl B l e i b t r e u, der ja selbst zu völkischen Kreisen lange Jahre hindurch in freundschaftlichen Beziehungen gestanden hat und die Psyche des Leserpublikums dieser Presse einigermaßen kennen dürfte, sagt einmal in seinem Roman: ,,Zwei wackre Helden": „Gerade die Ungeheuerlichkeit, die Dinge genau aus den Kops zu stellen, trägt Früchte. Der höchste Grad von D r e i st i g k e i t macht immer stutzen, denn ein U n - befangener denkt unwillkürlich: so lügen kann man doch nicht." Bei großen Teilen des durch andauernde Lektüre völkischer Blätter systematisch verblödeten Publikums verfehlt diese Spekulation auf die Dummheit auch keineswegs ihr Ziel. In der „Pol. Anth r0p. Monatsschrift" (Jahrg. 13, Nr. 2) hat der Herausgeber Dr. Schmidt-Gibichenselds übrigens schon einmal das Zynische Geständnis gemacht, daß es „hinsichtlich der Wirkung der ö f s e n t l i ch e n M e i n u n g gar nicht Weil die Zahnpasta Pebeco die Bildung von Zahnstein und Säuren, die den Verfall der Zähne verursachen, verhindert. Darum: Soeben erschien: Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914-1918 Von Dr. Jacob Segall, Vorwort von Prof. Heinr. Slibergleit Dritte, verbesserte Auflage Preis M. 60,— * * * * Caesar Selismann: Geschichte der jüdischen Reformbewegung von Mendelssohn bis zur Gegenwart Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M. Philo Verlag mul BuclandlUDg G.m.iJ.H., Berlin SW68, Lindeuslr. 13. Wrim