Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 28 (16.11.1922)
- Date
- 1922-11-16
- Page
- Seite 325 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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egenüber. Zu diesen GLgensützen! 'der Geistigkeit tritt als weiterer der stangel an „Glexchzei-tigkeit", dennum 1000 nach Christi, als die tiixo.e abendländische Kultur erwachte, war die jüdische als Teil des roßen arabischen Kulturkreises schon innerlich fertig, war alles Schöpferische bereits geworden und erstarrt, die Juden selbst: ziviliiert und weltstädtisch, Menschen des Verstandes und des „Geld- Ankens", das Abendland aber noch ganz Religion, erfüllt von tiefer mnkler Ahnung. Antisemitismus als abgezogener Begriff ist nun nach Spengler >as Ainfeinanderstoßen dieser Gegensätze, zweier inhaltlich verschiedener Kulturen, davon die eine jung, die andere alt. „Antisemitismus" ist der Haß gegen die Chinesen in Kalifornien, gegen den indischen Händler in Ostafrika, gegen die Römer zu Beginn der früharabischen Welt, die damals die großen Geldh-and-elsgeschäfte führten, wogegen die Juden Provinzler und Bauern waren. Aus diesem tief ins Blut gedrungenen Gefühl einer inneren Disharmonie kamen die Kreuzzngspogrome, kommt die Kluft, die noch heute herrscht. Aber dieser Gegensatz und damit der Antisemitismus sinkt von Jahr zu Jahr. Der Gegensatz, der ursprünglich religiös war und die Diskrepanz der Geistigkeit, das wechselseitige. gefühlsmäßige Mißverstehen betraf, ist immer wehr und wehr verdrängt worden, und ist heute in erster Linie eine durch die Zeit bedingte Verschiedenheit der geschäftlichen, wirtschaftlichen Fertigkeiten, die das Ende jeder Kultur ausfüllen, wenn Kunst, Religion und Wissenschaft ihren Höhepunkt überschritten haben. Denn mit dem Untergang des Abendlandes nähert sich der faustische Mensch schneller und schneller dem zivilxsterten, zwangsläufigen Zustand des Judentums. Der Amerikaner und Angelsachse hat die jüdische, wirtschaftliche Ueberlegenheit bereits eingeholt und überflügelt, befindet sich im gleichen Geschichtsstadium, in der Zelt ausgereisten Gelddenkens, der Blüte der Technik, aber zugleich des inneren Totfeins. Jede Stilisierung der Geschichte ist getragen von der Weltanschauung, dem Pathos ihres Schöpfers, mag er noch so objektivtatsächlich sein, sie besitzt Gültigkeit und Wahrheit für den, der ihn: wesensverwandt ist; den anderen «ist sie ein wertvolles Bild neben Bildern, ein großes Geschichtsepos. Was man nun gegen das Spenglersche Geschichtsbild und besonders seine Einschätzung unserer zeitgenössischen Lage eingewandt hat, gilt in gleichem Maße and) für seine Beurteilung des Judentums. Wer nicht an den Untergang des Abendlandes, nicht an ein Ende des Schöpferischen glaubt und die Spitze noch vor sich sieht, der seinem Gefühl nach die Entwicklung zustrebt, der kann dabei getrost die Mehrheit der iur Abendland lebenden Juden dieser noch werdenden und wachsenden Kultur als verwandte Teile einschließen. Denn Spengler mag recht haben, wenn er einem jüdischen Reitergeneral des 30jährigen Krieges das Verständnis für die Ideen Luthers und Loyolas ab spricht; aber die 300 Jahre, die dazwischen liegen, haben ein wesentliches Auseinandergehen der seelischen Einstellung, wenn nicht ganz ausgehoben, so doch ein noch vorhandenes „magisches" Weltgefühl ganz bedeutend verdrängt, und der Internationalismus, Pazifismus und Sozialismus mancher Juden kann nicht verallgemeinert und als letzte Auswirkung des ,,consensus" betrachtet werden. Menschen sind nicht Pflanzen, die im Gewächshaus stehen, isoliert und einzeln, sondern wirken wechselseitig auseinander ein, sind' bedingt durch Natur und alle Umgebung, und die hereiinftürzende abendländische Welt ging, sobald nur das Ghetto offen war, nicht spurlos vorüber, sondern hat nach der historischen Tatsache des llorror vacui, den inneren Hohlraum, der sich mit dem Absterben der magischen Metaphysik gebildet hatte, mit ihren Anschauungen erfüllt. Die Wirtschaftswelt in ihrer, faustischen Dynamik ist von Juden nicht nur übernommen, sondern auch erfühlt, verstanden und wextergebildet worden; die Musik eines Strauß, Mahler, das Theater eines Reinhardt mag Spengler zivilisiert erscheinen, aber es ist aus jeden Fall abendländische Zivilisation, und hat nicht Einstein dem abendländischen unendlichen Raumgefühl, der gotischen Mathematik und Physik irr seiner Relativilätstheorie neuen vertieften Ausdruck verliehen? Es ,k. ist deshalb die Wurzellosigkeit der beiderseitigen großstädtischen Jn-! telligenzen, ein Aushören des kulturellen Urerlebnisses, ein gleichgradiges Manko auf beiden Seiten, wohl nicht das einzige, was zürn Ende des Antisemitismus führt, viel eher doch noch eine sich anbahnende und durchsetzende Gemeinsamkeit im Positiven, Werdenden, rote etwa in der Welt eines Einstein. Das Bewußtsein einer Solidarität im Fühlen, Denken und Wollen, das Umschlungensein durch eine gemeinsame Natur, die innere Gewißheit einer Wesensverwandtschast der schöpferischen Tat, das sind kulturelle Werdemöglichkeiten im Sinne Spenglers, die vielleicht einmal beim Aufgang des Abendlandes den Antisemitismus überwinden loerden. I. Goldstein, A u s d e m V e r m ä ch t n i s de s n e u n * z e h rr t e n I a h r h u n d e r t s. Philosophische Aussätze. Berlin, Schwetschke, 1922. Der bekannte Philosoph am Polytechnikum in Darmstadt, Prof. Julius Gvldstein, der sich mit der Behandlung der Geschichtsaufsasfung David Humes vorteilhaft ein geführt und in seinen „Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart" als intimer Kenner und feinsinniger Beurteiler der Philosophie ausgewiesen hat, gibt eine Sammlung seiner philosophischen Aufsätze aus der Vorkriegszeit heraus. Nur der Aufsatz „Das Irrationale und die Volksbildung" ist in der Nachkriegszeit.entstanden (Juli 1921). Der zusammenhaltende Faden aller dieser Aussätze ist die Idee des Irrationalen, in welcher Goldstein das philosophische Vermächtnis des 19. Jahrhunderts erblickt. Man wird über diese Etikettierung anderer Meinung sein dürfen. Als Uebersetzer von William James (Das pluralfttische Universum) 'bricht Goldstein eine Lanze für einen gedämpften Ir rational Ismus i m Sinne von James und Bergson, denen die beiden ersten Aufsätze des Büchleins gewidmet sind, zumal Goldstein sich ihnen gefinnungsverwandt fühlt. Bei der Entdeckung der unbewußten wie unterbewußten Vorgänge (S. 59) hätte an Cd. v. Hartrnann erinnert werden müssen. Für das Judentum kommt Gvldsteins tief schürfendes Wort (S. 85) in Betracht: „Wo schöpferisches Werden ist, da ist Gott." L u d w i g S t e i n. I. Münz (Berlin). Die jüdischen A e r z t e im Mittelalte r. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Mittelalters. (I. Kaufsuxann, Verlag, Frankfurt a. M.) Wir müssen den außerordentLichen Fleiß bewundern, mit dem der Verfasser, gestützt aus eine reiche Literaturkenntnis, ein Stück altjüdischer Kulturgeschichte zusammengetragen hat. Wer einigermaßen mit der Geschichte der . Medizin vertraut ist, weiß, in welch hervorragender Weise jüdische Aerzte und Gelehrte am Ausbau der medizinischen Wissenschaft -und der ärztlichen Kunst beteiligt sind. Nun erfahren 'wir aus dem Münzschen Buche, das auch viele bisher wenig -oder noch, gar nicht 'bekannte Angaben enthält, daß die Liebe zu unserem Berufe uns tatsächlich angestammt ist, daß wir die Epigonen von Männern sind, die in aller Herren Länder, unter den schwankenden und für die Juden oft traurigsten Zeikverhältnissen, die Heilkunde aus geübt haben. Interessant ist es, daß Münz nns sogar von Frauen berichtet, die den ärztlichen Berus ausübten. Ein heiliger Berns, ein Ausfluß ihrer religiösen. Ethik war den jüdischen Aerzten des Mittelalters die Heilkunde; so erscheint uns unser Beruf auch heute noch. Wir jüdischen Aerzte werden dieses Erbes unserer Vorfahren, denen Münz in seinem Buche ein so schönes Denkmal gesetzt hat, eingedenk bleiben. „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zxr besitzen." Pros. Dr. W. V. S i m o n (Frankfurt a. M.) Alleinige Anzeigen-Annahme Rudolf Blosse, Anzeigen-Annahme für sämtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands Berlin 19, Jerusalemer Straße 46 -49 / Breslau / Chemnitz / Cöln a. Rh. / Dresden ✓ Düsseldorf / Erfurt ✓ Frankfurt a. M. / Lalle (Saale) Lamburg / Lannover / Leipzig / Magdeburg / Mannheim / München / Nürnberg / QtKttqavt / Prag / Wien ✓ Warschau / Basel / Zürich Also sprach der 'Resimann, „Neulich", erzählte Onkel Resimann, „ist mir auf einer Auktion ein kostbares Buch in die Hände gefallen von dem berühmten alchynnstrfchenGelehrten Bonifacius. Ich brn nun nicht im geringsten abergläubisch, und' gerade deswegen machte es mir Spatz zu erfahren, wie sich so ein oller Mystiker. allerhand Zauber borgest llt bat. Nämlich so: Alle Wunder stecken iu den Edelsteinen: großer Diamant macht den Menschen unsichtbar, ^Achat verleibt Beredsamkeit. roter Hyazinth macht Schlaf und angenehme Träume, Amethyst vertreibt axrs benebeltem Kopf den Weindunst usw. Sehr schön soweit, aber die Haxiptsache handelte in dem geheimnisvollen Buch von dem wichtigsten Zanberftern, vom „Stein der Weifen". Der verleiht alsoWerehett und untrüglichen Blick in die Zukunft. Wexxu einer den Sein der Weifen m der Tasche trägt, dannwird's ihm unterm Schädeldach hell, und er weitz dann mit unfehlbarer Sicherheit: „Es wird regnen!" Und mit dieser Weisheit ausgerüstet kann er nie irregehen, er ist sich vielmehr des rechten Weges stets bewußt: Direkti'sime und sofortissime in einen Laden, wo es „Nest-Schirme" gibt. Denn mit einem „Nest- Schrrm" in der Hand, kann er getrost jene ihm vom Stein der Weisen eingegebene Prophezeiung abwarten, die da lautete: „Es wird regnen!“ •) M. d. R. bedeutet nicht etwa „Mitglied des Reichstags", sondern „Mit dem Nesi-Schirrn". Nest-Schirme führen in Berlin u. a. alle Schirm-Uhligs: