Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 28 (16.11.1922)
- Date
- 1922-11-16
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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323 semi t >i s ch e r R e i Hsta-ss,s a b g-e o r d ne L e r war. und ws'^ er dem Anträge des Der-teidiaers, eine größere Anzahl von Zeugen Zn laden, nicht st'attgegeben hatte. Zum letzten Punkt gab -der Richter die Erklärung -ab. daß Dinter verschiedene gegen ihn gerichtete Vorwürfe. 3. V. unkeusches Leben und Ehebruch 3 u gegeben habe, und aus diesem Grunde die Vernehmung von Zeugen nicht für erforderlich erachtet sei. Der Derteidlger machte geltend, daß auch die Ladung von Zeugen unterblieben sei. die über andere Vorwürfe vernonnuen werden sollten. Die Verhandlung wurde darauf vertagt. Dinter versuchte noch nachträgliche Ausführungen zu -machen, der Vorsitzende schnitt ilrnt jedoch das Wort äh Um nicht ganz unverrichteter Sache den Saal zu verlassen, wandte sich Dinter nunmehr an das Publikum mit einigen a u 8 f a l l e n d e n a n tt s e m i t i s ch e u Redensarten. Ter Verteidiger fiel ihm ater ins Wort mit dem Bemerken. d a ß e s D i n t e r s ch e i'l r t sei, 5 . e Wahrheit -a u f d e n K 0 v f 3 rr st e l l e n. Weltwirtschaftspolü i? lmö FuKenmNSKAipaZiM. Von Felix A. Theilhaber (Berlin-Wilinersdorf). Eine der auffallendsten Erscheinungen des Wirtschaftslebens int Mittelalter ist die Schwerfällufteit aller Wirtschaftsaktionen. Nur ganz langsam vollzieht sich der Umschwung, daß Güter regelmäßig vom Erzeuger gegen Geld abgestoßen und dafür andere Wirtschaftsbedürfnisse bezogen werden. Wenn auch im Mittelalter bereits Waren aus dem Orient in Europa auftauchen und Erzeugnisse von den Ländern untereinander ausgetaufcht werden, so kann von einer Weltwirtschaft keine Rede sein. Die Weltwirtschaft beginnt erst in denn Augenblick, in dem die geschlossene Binnenwirtschast der eiuzetneu Staaten energisch durchbrochen wird. Wenn Amerika den alten Kontinent mit Baumwolle, Petroleum, Mais versorgt, England Millionen Tonnen von Kohle, Deutschland eine große Flotte mit Düng er Mitteln, Chemikalien und Maschinen beladen in alle Welt hinaussendet, dann sind dies Beispiele der neuen Weltwirtschaft, die die Güter oder ihren lieber schuß unter den Völkern austauscht. Die Versuche der Fugger und Welser in Augsburg, der Behaims und der Nürnberger Handelsherren, eine organisierte Weltwirtschaft am Ausgang des Mittelalters ins Leben 31t rufen, aus Bergwerken in Spanien lind Italien Materialien nach Deutschland zu schassen, die Bestrebungen der Hansa, den Seeweg 311m Transport fremdländischer Waren auszunutzen, haben einen nur mäßigen Erfolg gezeitigt. Trotz der Entdeckung neuer Welten nimmt das Wirtschaftsleben zu Beginn der Neuzeit keinen bedeutenden Aufschwung. Was aus Amerika, Indien und Afrika in-die alte Welt transportiert werden kann, ist all der Menge gemessen, nicht allzuviel. Die Entstehung der Weltwirtschaft fällt noch llicht in jene Jahrhunderte. Bei der ersten Einführung des Geldes im Mittelalter als Tauschnliitel, bei der Organisierung der Städte, in denen Handwerker, Soldaten und Kausleute leben linb sich die Lebens.mittel des Landes eintauschen müssen, spielen Juden eine bedeutende und ausschlaggebende Rolle. In allen aufstrebenden deutschen Städten des Miitelalters begegnen wir ihnen. Die Emanzipation der deutschen Juden ist nicht ein ausschließlich politisches linb religiöses Problem. Sie ist eine kolossale nationalökouomische Bewegung. Tie Elnanzipation der deutschen Jllden, die mühevoll und langsam in allen deutschen Städten am Ende des 18. Jahrhunderts beginnt und in Bayern, Sachsen usw. erst zwischen 1848 und 1864 einen gewissen Abschluß erfährt, wird nicht nur von aufgeklärten Menschenfreunden getragen. Sie war eine Art Naturnotwendigkeit. Die neue Weltwirtschaft, die sich im Zeitalter der Fabriken, des Dampfschiffes und der Eisenbahn anbahnte, mußte alle chinesischen Mauern des Wirtschaftslebens niederreißen. Die kindliche Gesetzgebung der früheren Zeit, die rein bureaukratisch das Bedürfnis ermittelte, wonach sich in 3h— botf ein Glaser, in P—bürg ein- Weber ansiedeln durfte, die die Zahl der Kausleute beschränkte und die Arbeit der Arbeitenden überwachte, unterlag einer freiheitlichen Wirtschastsaussassnng. Die neue Weltwirtschaft, die Brücken schlug Zwischen den Ländern, konnte keine Aufenthaltsbeschränkungen, wie sie zum Beispiel für Engländer imb Juden noch um 1600 sogar von der Handelsstadt Hamburg durchgesührt wurden, ausrechterhalten. Weltwirtschaft verlangt Freiheit der Wirtschastsbetätigung. Die Emanzipation der Juden in Deutschland ist nickst nur ein rein politischer Gnadenakt gewesen. War es übrigens nicht sogar Moses Mendelsohn, der den Zusammenschluß der Seidenhändler und Seidensabrikanten in Preußen anregte, um in Italien als geschlossener Aufkäufer zu erscheinen, und war es nicht ein Liebermann, der mit Recht seinen Fürsten sagen konnte, daß er die Engländer aus dem Felde, nämlich der Kattunfabrikation, geschlagen hatte? Waren es nicht die Rothschilds, die sich spanische Quecksilberminen für Deutschland sicherten, die Speher-Ellissen, die amerikanische Bahnen begründeten, und die Veits, die Südafrikas Goldfelder 'erschlossen, die Bleichröder und Mendelssohn, die der norddeutschen Industrie die Kredite beschafften? Ein Gedenkbuch der Breslauer Banksirma Hermann zeigt deutlich, wie ausschließlich jüdische Unternehmer den Erzeugnissen der ober« schlesischen Industrie den englischen, den russischen Markt erschließen und zusammen mit den oberschlesischen Magnaten das Aufblühen der schlesischen Industrie betreiben. Im Verlauf des Mittelalters suchten die deutschen Handwerker in ihren Zünften und Gilden den Zwischenharckel auszuschließen und mit dem Konsumenten direkt in Verbindung zu treten. Tressen wir lange Zeit nicht nur weltliche Reichsfürsten, sondern Bischöfe und Aebtisfinnem die sich ihren „Juden halten", so erlischt gegen Ende des Mittelalters das Interesse an den Juden. Wenn sich zum Beispiel im Laufe des Jahres 1286 eine große Anzahl der Inden aus Speier, Worms, Mainz, Oppenheim aus den Weg nach dem Osten machten, so sind es nicht Politische und religiöse Momente, die diesen Abzug allein bedingen. Es bleibt allmählich immer weniger für die Juden zu handeln übrig. Die nussteigenden Handwerkerverbände schalten den Handel mit der Fertigware im Lande selbst aus, die politische Unsicherheit, die Transportschwierigkeiten. behindern einen großzügigen Warenaustausch von Land zu Land. Die Augsburger Weber, die vom Handwerk zürn Handelsstand ausrücken, leiden letztens in den religiösen Wirren Deutschlands int 16. Jahrhundert Schissbruch. Da sich die Handwerker den Vertrieb ihrer Artikel zum Verschleiß selbst vorbehielten, blieben den Juden nur der Warenhandel mit allerlei Trödelkram übrig, soweit sie sich nicht mit Ausländern der Organisierung des Kreditwesens noch weiter zuwandten. Die Organisierung des Kreditwesens nennt man im ganzen Mittelalter „Wucher". Die Funktion, die heute die Banken besorgen, nämlich Geld aus Werte herzngeben, die der Erzeuger oder Besitzer noch nicht absetzen kann, erscheint heute als wichtige ökonomische Einrichtung. Sie war es auch im Mittelalter, sie hatte aber damals eine stärkere Persönliche Note, und der Träger dieser volkswirtschaftlichen Ausgabe belud sich mit dem Odium einer wenig moralischen Tätigkeit. Beamte, Soldaten und andere Berufe leisten auch nur in recht bedingtem Sinne Produktive Arbeit, erzeugen keinerlei Positive Güter und Werte. Auf ihrer Stellung haftet keine verächtliche Note. Wie nötig gerade die Organisierung des Geldhandels gewesen ist, bezeugen die immer wiederkehrenden -Privilegien, die im Mittelalter den Juden erteilt wurden. Da aber die Volkswirtschaft durch unzählige Hemmungen in ihrer Entfaltung zu keiner freien Entwickelung kommen konnte, finden wir ein Stocken des ökonomischen Fortschrittes. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnt der eigentliche neuzeitliche Aufschwung der deutschen Wirtschaft. Es ist noch viel zu wenig bekannt, daß Friedrich II. von Preußen ungefähr hundert Juden die Erlaubnis erteilt, Fabriken zu begründen, daß zu seiner Zeit an fast allen Fürstenhöfen Juden einflußreiche Stellen bekleideten, um das Geldwesen zu reformieren. Inuner mehr verlieren die mittelalterlichen Privilegien der Gilden ihre Vormachtstellung, inuner stärker verbuchen jüdische und nichtjüdische Kausleute den Freihandel durchzusühren. Die Weltwirtschaft hat ihre geistigen Vorkämpfer nicht nur in den Literaten der Märztage des vorigen Jahrhunderts gefunden, die mit Heine und Börne, deren Wirkungsweite ja eine ungeheuer gewesen ist: das Judentum hat nicht umsonst durch Jahrhunderte den Gedanken an den Messias, der die Welt erlöst, bewahrt. Noch 1666 hat man allerorts das Reich Gottes auf Erden erwartet. Der Optimismus, das Leben bejahende Denken und die Brüderlichkeitsidee der Juden haben eine tragsähige Basis abgegeben für die intellektuellen Voraussetzungen, deren eine Weltwirtschaft bedurfte. Arg' dem Boden der Emanzipation haben Juden sodann die geistige Organisierung des Weltwirtschaftsgedankens erstrebt. Internationaler Austausch der geistigen und der ökonomischen Güter erschien dem bürgerlichen Lager im Liberalismus, in der Demokratie und im Freisinn als Leitmotiv. Ihm huldigte die breite Masse der Juden, dieser Wirtschaftseinstellung neigten fast alle ihre geistigen Koryphäen zu und ihm erstanden bedeutende Führer in Laster, Oppenheim und anderen, die sich im Kampf mit den in Kürassierstieseln umherstampfenden lokalpatriotischen Junkern verzehrten. Mit der breiten Masse des Volkes schufen Juden wie Marx und Lafsalle die große politische Partei des Sozialismus, die theoretisch und theoretisierend das Wesen der Weltwirtschaft in mathematischer Rechenmethode zu lösen versuchte. In der Vorstellung der reaktionären Kirchturmpolitik ist „Internationalismus" eine mißverstandene Erscheinung. Je mehr in der Entwicklung der Welt die Zwischenräume der Welt täglich kleiner werden — die Zeit der Zollschranken um jede kleinste Freistadt, um jedes Bischosstmn ist längst geschwunden —, umfo stärker und sichtbarer treten die Zusammenhänge und die Verknüpstheit Zwischen dem wirtschaftlichen Wohlergehen aller Menschen auf Erden hervor. Geistige Erkenntnisse folgen den Wirtschaftsbahnen. Die Emanzipation der Juden in Deutschland ist in diesem Sinne nicht nur Liebesakt, sie ist die Voraussetzung gewesen für die Einführung und Durchführung des modernen Wirtschaftslebens. Und die Entwicklung moderner menschlicher Kultur, die Betonung humaner Gesittung haben — wie sich leicht beweisen ließe — ebenso wie die wirtschaftliche -Entwicklung gerade an den Inden Deutschlands einen starke« Stützpunkt gefunden.