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Central-Verein-Zeitung · 1922-11-02 · 26 (2.11.1922) · p. Seite 306

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
26 (2.11.1922)
Date
1922-11-02
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 Ein beherzigenswerter Aufruf. Das „H amburger Fr e m d enb la tt" vom 21. Oktbber bringt einen Aufruf, -der die weitgehendste Beachtung und Verbreitung verdient und dessen wesentlichste Stellen wir hier wiedergeben wollen. Es heißt dort: „Mitbürger! Unfriede vergiftet unser Volk, Haß und Verhetzung kennzeichnen das öffentliche Leben. Es ist kein Wunder, daß der wahrend des großen Völkerringens mühsam gezüchtete Haß nach Kriegsende sich'andere Objekte suchte, daß viele, niedergedrückt durch die aufgezwungene Schuldlüge, halb unbewußt nach S ü nden - bocken sich umschauten, denen sie die Schuld am Elend der. Nation aufbürden könnten. Und doch kann ein Deutscher nur mit Trauer und Scham das Bild betrachten, das unser Volk in seiner Verzweiflung bietet. Partei- und Rassenhaß überwuchern und ersticken ernste, würdige, sachliche Arbeit. Führende Männer verfallen dem Meuchelmord, der Besudelung, weil ihre A b st a m m u u g, ihre Parteirichtung törichten, verhetzten Knaben tadelnswert scheint. Republikaner und Monarchisten bekämpfen sich in Formen, die inen grauenhaften T i e f st a n d der Gesinnung verraten. Der Reichsgedanke ist gefährdet. Geschrei beherrscht die Straße. Wer kann als anständiger Mensch diese Herrschaft der Phrase gutheißen in einer Zeit, da nur höchste Anspannung des Willens zur Sachlichkeit unsere letzte Hoffnung sein muß? Wir wissen: viele leben unter uns, die die Engstirnigkeit des Haffes verabscheuen. Sie aber leben still und mutlos und lassen die Phrase widerstandslos über sich ergehen. Das darf nicht sein! Gegenüber blinden Leidenschaften, gegenüber Lüge und Verleumdung muß Rechtschaffenheik und Duldsamkeit, muß Menschen einende Vaterlandsliebe Geltung-gewinnen. Jeder arbeite, daß das Gist, das unser Volk Zerfrißt, ausgemerzt werde. Wer duldet, daß in seinem Hause, i n K irche u n d Schule, in der O e f f e n t l ichkeit v e r b t s s e n e in Haß das Wort geredet w i r d, d e r i st mitschuldig an den furchtbaren Taten, d i e vor der Welt Deutschland i n den Staub z i e h e n. Gedankenlosigkeit ist heute nicht Schwäche, ist Verbrechen am Vaterlande. Jeder achte darauf, daß in seinem Kreise Haß und Verhetzung keine Stätte mehr finden, daß Achtung vor der Ueberzougung Andersdenkender nicht als Gesinnungslosigkeit gebrandmarkt wird. Sorgt, daß E h r f u r ch t wieder lebendig wird, Ehrfurcht vor Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit, Ehrfurcht auch vor der Größe unseres Unglücks. Schließt euch zusammen, alle, die ihr im Herzen die deutsche Schicksalsstunde ersehnt!" Unterzeichnet ist dieser Aufruf von Männern wie Hauptpastor Beckmann, Hauptpastor D. Sage, Gehermrat Cuno, I. v. Berenberg-Goßler, Max Jsaac, Wolf gang Fehling, Bernhard Frhr. v. R e ch e n b e r g, Senior D. Dr. F. Rode und vielen anderen hervorragenden Persönlichkeiten Hamburgs. Es wäre innig zu wünschen, daß diese Worte vornehmer Menschlichkeit im ganzen Deutschen Reich gehört würden und überall auf empsänglichen Boden fielen. Neue Krifc innerhalb üer üeutjchnationalen Partei. Nachdem vor einiger Zeit zwischen dem rechten und dem linken Flügel der Teutschnationalen Volkspartei eine Annäherung zustandegekommen war, haben sich in den letzten Tagen die Gegensätze wieder so weit verschärft, daß eingeweihte Kreise von einer' bevorstehenden Absonderung des gesamten deutschvölkischen Flügels von der deutschnationalen Partei'wissen wollen. Einer der Führer der Deutschvölkischen, Herr v. Graese-Goldebee, wurde aus der Deutschnationalen Volkspartei ausgeschlossen, weil er offen seine Absicht kundtat, sich für die von der Partei abgelehnte Arbeitsgemeinschaft auch dann zu betätigen, wenn diese sich außerhalb der deutschnationalen Partei konstituieren würde. In einem Artikel in der „Deutschen Zeitung" behauptet derausgeschlossene v. Graese, daß an dieser neuen Spaltung a t l ein d i e I u den f ch u l d feie n. Die Juden seien es gewesen, die schon vor dreißig Jahren die Spaltung zwischen dem Antisemiten Stöcker und der konservativen Partei herbeigejührt Hütten, v. Graese schließt seinen Artikel mit den Worten: „Es ist All-Juda gelungen, den Spaltbazillus in die große, mächtige. Zukunftsstarke, völkische Teutschnationale Volkspnrtei zu tragen." Ein Vortrag Pfarrer % Oleiers. Spät, doch nicht zu spät erfahren wir von einem Vortrag, den der Charlottenburger Pfarrer A. B l e i e r am 31. Juli in Flensburg hielt, und in dem so viel echtes, religiöses Empfinden und so viel mannhaftes Bekennertum im Dienste warmer Menschlichkeit enthalten ist, daß wir bedauern, ihn nicht dem ganzen Umfange nach hier wiedergeben zu können. Aus Raummangel beschränken wir uns auf folgende, uns Juden angehende Stellen. Pfarrer B l e i e r spricht über den Propheten Amos, der sein Volk zur Selbstbesinnung und Gerechtigkeit mahnte, und sagt dann weiter: „Sehen Sie, dieser Prophet war allerdings ein Jude! Er gehörte dem Volke an, über das viele heute, die glauben, besonders' gAte Deutsche zu sein und besonders gute, tief religiöse Menschen zu sein, die Nase rümpfen und sagen: Mit denen haben wir nichts zu tun und wollen wir nichts zu tun haben, die Juden sind schuld an allem Elend, kaust nicht bei Juden, schlagt die Juden tot, der jüdische Geist ist unser ganzes Unglück geworden, an dieser jüdischen Zersetzung sind wir zugrunde gegangen, der jüdische Geist, er muß so scharf bekämpft werden, daß das alte Testament ganz verschwindet aus den Religionsbüchern der Schule, wir wollen lieber dafür deutsche l Märchen lesen. Wir wollen die Religion des Wotan wieder haben, des Hammerschwingers. Wir wollen sein Bild anbeten. Ja, wenn man dieser Ausfassung ist, dann möge man einen Wotan anbeten, aber ein Christ ist man dann nicht mehr .. . . (Stürmischer Beifall.) Und deshalb soll die wahre Religion der Menschenliebe in unseren Herzen aufgerichtet werden, die Religion der Menschenliebe. Verehrte Anwesende, deshalb kann ich kein Antisemit fern, deshalb behaupte ich, ein wahrer C h r i st kann kein Antisemit sein. Jeder Rassenhaß i st^ e i n e^ V e r s ü n d i -- g u n g gegen das C h r i st e n t u m . . . Hetzen Sie, und deshalb halte ich den A n t i s e in i t i s m u s für eine B r u n n e n Vergiftung unseres Volkes, und wo der Antisemitismus sich in ein religiöses Gewand hüllt, da sage ich: Das ist eine Gotteslästerung (Lebh. Beifall.), denn die Religion beurteilt niemand nach seiner Nasenspitze, sie beurteilt den Menschen nach seinen Charaktereigenschaften, ob er guten Willens oder ob er bösen Willens ist, und ich kenne manche Christen, die in Raffgier sich von keinem Juden übertreffen lassen, und ich kenne auf der anderen Seite manchen Juden, der eine so große Liebe zur Menschheit durch die Tat z e i g t, d a ß jeder Christ sich an ihm ein Beispiel nehmen konnte. Sehen Sie, das Christentum ist doch aus dem Judentum herausgewachsen. Das Christentum ist nun einmal seiner ganzen Entstehung nach von jüdischem Geist beeinflußt. (Zwischenruf: Leider!) Da ruft jemand „leider". Vielleicht geht es mit dem Leider so wie mit der Statistik über die Juden, die bekanntlich Ludendorss in seinem zweiten Band nicht mehr aufrecht erhalten konnte, weil das Komma an eine falsche Stelle gerückt ht. (Lachen, Händeklatschen.) Ich sage, wenn wir wirklich religiös sind, wenn wir uns vor der sittlichen Idee der Wahrheit beugen, dann können wir nicht Antisemit sein . . Wenn es viele Männer" vom Schlage dieses Pfarrers gäbe, es sähe heute in Deutschland anders aus. Der Text des Vortrages, den wir Freund und namentlich Feind warm empfehlen können, ist im Verlage der Deutschen Friedensgesellschaft, Ortsgruppe Flensburg, erschienen. Der ^uüenhaß unü öas Denken. Von C o n st a rr t i n B r rr n n e r. Wir geben hier eine kurze Probe ans dem neuen Buche Constantia B r u n n e r s „D e r I u d e n h a s; u n d d a s D e n k e n", das soeben im Philo-Verlag, Berlin, erschien. Die Juden müssen denken, müssen heraus aus ihrer bisherigen Gedankenlosigkeit über ihre eigene Sache, müssen ihre Lage und ihre Kraft kennen. Sie müssen denken und leisten. Je mehr sie denken, desto leichter ertragen sie die Schläge ihrer Feinde; und je mehr sie leisten, desto gründlicher schlagen sie ihre Feinde — nicht um Feinde zu schlagen, sondern ihren Wert zu erweisen und nach wie vor die Kraft ihres Geistes mit fester Treue tief einzusetzen in das Leben der Menschheit. Groß ist die Kraft in Menschen von jüdischer Abstammung; auch in Deutschen von jüdischer Abstammung. Deutsche von jüdischer Ä bst a m m u n g gehören zu den tü chti gst e n Deutschen, mit harten Köpfen; und so schwer es ihnen auf dem Nacken hängt, möchten sie doch um alle Herrlichkeit der Welt nichts anderes sein als das, was sie sind: Deutsche von jüdischer Abstammung. Könnten ja auch, mit aller Absurdität der Welt, nichts anderes werden und nicht sich selber entwischen. Und wissen sich im Recht aus ihr Vaterland trotz den noch so Frechen, Verleumderischen und Niederträchtigen im Vaterlande, denen ihre Frechheit, Verleumdung und Niedertracht Lust ist, und trotz allen durch diese Verführten, die daran nur eine betrübte Narrheit haben; und da kann der Judenhaß noch höher lohen, die Deutschen jüdischer Abstammung lassen sich aus ihrem Deutschtum nicht heraushetzen. Sie kämpfen darum; sie können kämpfen. Und wirklich: zu dem Schmerz, daß sie kämpfen müssen, zu der Empörung, daß sie kämpfen müssen, überkommt sie wirklich auch die Lust des Kämpfens, die Lust der harten Arbeit, die Lust an ihrer starken Kraft und ein Lachen! Ihre starke Kraft stärken sie nur immer mehr. Der Jude wird besser durch den Judenhaß, der Judenhasser wird schlechter durch ihn — denn der Judenhaß lügt über die Juden, mit dem Teil Wahrheit vom allgemein Menschlichen aber, den er den Juden sagt, bessert er an den Juden, und das heißt, stärkt er sie, während er die Judenhasser schlechter und also schwächer macht, über und über nichts als sie belügend, sie vor sich selber schöner malend, als sie sind, und ihr Häßlichstes als ihr Schönstes; und der Judenhaß macht den Deutschen v o n j ü d i s ch e r Ab st a m m u n g zu e in e m b e s s e r e n und st cvr k e r e n De u Ls che n , aber De u t s ch l a n d im ganz e n w i r d d a d u r ch i m m e x w eite r degradiert, wird auch immer roher. Es steht beschämend schlimm um ein Land, wo

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