Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 25 (26.10.1922)
- Date
- 1922-10-26
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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298 sind in den großen Städtenkonzentriert. Ihr Reichtum, und beschränke er sich auch nur auf wenige, Liegt sichtbar zutage, vermag Neid und Mißgunst leichter zu entfesseln, als der des Agrariers, des Industriellen. Der neue Bodenbesitz, den jener erwirbt, die Aktienmengen, die dieser an sich reißt, stechen so wenig ins Auge, wie. die Goldstücke, die der Bauer im Strumpf, im Strohsack verbirgt. Aber das neulackierte Auto des Mischen Kaufmanns wird zum leuchtenden Symbol jüdischer Raffgier, jüdischer Ueberhebung und so zum willkommenen Demonstrationsobjekt für hetzerische Aufreizung. Hieraus aber ergibt sich für uns Juden zweierlei: Erstens, daß wir jeden Aufwand, der in Zeiten, wie den jetzigen. Provozierend wirken kann, vermeiden müssen. Bei uns/bei unseren Frauen, bei unseren Kindern. Schon in alten Zeiten glänzte auf dem Sabbathtische der silberne Festleuchter. Aber die Fenster waren dann verhängt. Verhängen auch wir die Fenster, um den Nachbar nicht zu reizen, der heute reizbarer ist, als in alten Zeiten. Zweitens, daß wir, sofern wir Arbeitgeber sind — und viele unter uns Juden sind es — im eigenen, engeren Kreise unablässig bedacht sein müssen, den Arbeiter die Ueberzeugung gewinnen zu lassen, daß das Wort vom „jüdischen Kapitalismus", vom „jüdischen Ausbeuter" Verleumdung ist. Sozialer Geist, soziale Gesin n u n g in weiteste m M a ß e — s e l b st u m d e n Preis von O p f e r n — zu betätige n , i st h e u t e L e b e n s g e b o t des jüdischen Deutsche n. Für den Juden ist dieser Geist, ist diese Gesinnung alte Tradition. Sie liegt in den ethischen Geboten seiner Religion begründet. Nur verständnisvolles Eingehen aus die Not und die Wünsche der arbeitenden Klassen kann den Lockrufen der Völkischen entgegengesetzt werden. Nur wenn die arbeitende Bevölkerung aus eigener Erfahrung weiß, daß der Jude nicht so ist, wie ihn jene Pogromlüsternen Volksverderber schildern, nur dann wird er ihnen seine Gefolgschaft verweigern. Und dann, nur dann, wird der Jude in Deutschland auch die nahenden schweren Zeiten bestehen. — tli. Staatsanwalt Leiß. To hieß der öffentliche Ankläger in dem Prozeß, der kürzlich mit der Verurteilung des Schriftstellers Karl Einstein und seines Verlegers wegen Gotteslästerung endete. Wir wollen dem Kernpunkt dieses Prozesses hier nicht nähertreten, wollen das wenig geschmackvolle Werk Einsteins gewiß nicht verteidigen, ja, wir wollen uns nicht einmal bei der immerhin bemerkenswerten Tatsache aushalten, daß weder die zwei Belastungszeugen, deren religiöses Empfinden verletzt wurde, noch auch die Sachverständigen d as B u ch g e I esen hatten, sondern sich an willkürliche Zitate deutschvöltischer Blätter hielten — — wir wollen uns hier nur mit dem Herrn StaaksarUvalt L e i ß beschäftigen. Dieser Herr tat in seinem Plaidoher folgenden Ausspruch: ,,D e r Angeklagte Einstein ist Jude. Als Jude ist er konfessio ns los und demnach un religiös." (Der Schriftsteller Heinz Poüack, der in Nummer 42 der „Weltbühne" über diesen Prozeß berichtete, erklärt: „Ich habe diese Worte mitgesch rieben und nehme es auf meinen Eid, daß sie wörtlich so gefallen sind.") Herr L-eiß verkörperte, als er dies sagte, den Staat. Also die demokratische deutsche Republik, deren Gesetze und Verfassung von dieser Aeußerung in einer Weise mißachtet und ins Gesicht geschlagen werden, die eine Stellungnahme des Reichsjustizministers R a d b x u ch dringend nötig m a ch t. Nietzsche, die „jütische Canaille". Die Zeiten sind bitter — aber, Gott sei Dank, das Lacher; müssen wir doch nicht völlig verlernen. Dafür sorgen schon unsere lieben Völkischen, ihre staatsrettenden Rednergrößeu und ganz besonders ihre journalistischen Clowns. Unter diesen fällt neuerdings die Welt m e i st e r s ch a f t d e r B l a rn age Herrn Dietrich Eckart, dem Leiter des „Völkischen Beobachters" in München zu. Folgendes begab sich nämlich: Die „Weltbühne" zitierte kürzlich eine bemerkenswert aktuelle und lesenswerte Stelle aus Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse" (8. Hauptstück, Nr. 251). Dort heißt es: „Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die st Ü x k ft e, 3 ä h c st eundre i n st e N a s s e, die setzt in Europa! lebt: sie verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Bedinaunaen sich durchzusetzen, besser sogar als unter günstigen, vermöge .irgendwelcher Tugenden, die man heute gerne zu Lastern stempeln möchte — dank vor allem einem resoluten Glauben, der sich vor den «modernen Ideen" nicht zu schämen braucht. Daß die Juden, wennsie wollten — oder wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten au wollen scheinen — setzt schon das Uobergewicht, sa ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest: daß sie nicht darauf hin - arbeiten und Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen.wollen sie und wünschen sie vielmehr, sogar -mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürsten danach, irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dein Nomadenleben, dem- „ewigen Juden" ein Ziel zu setzen: und wem sollte diesen Zug und Drang, der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen. Instinkte ausdrückt, ja Wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozues vielleicht nützlich und b i l l i g w ä r e , die antisemitischen Schrei- Hülsedes Landes <z u> v e. r w e i s e n." Herr Dietrich Eckart bekam, als er dies las, offenbar einen gelinden Wutanfall. Da er den Namen Nietzsche nie gehört, geschweige denn gelesen hatte, war er überzeugt, die Auslassungen eines „jüdischen Schmierers" vor sich zu haben. Da er sich aber immerhin nicht imstande fühlte, diesen Schmierer sachlich zu entkräften, hals er sich einfach so, daß er jenes Zitat abdruckte und mit -dem kurzen Zusatz versah: „S o schreib t i n N r. 3 7 der j ü di f ch e n ,,W e l t b ü h n e" eine jüdische Canaille unter denk Namen Nietzsch e". Dieser „Europäer" ist eine Leuchte, ein Führer der Deutschvölkischen. Wie es um das Geistes- und Bildungsniveau der übrigen bestellt -sein \mg, wagen wir gar nicht zu untersuchen, Rnüppel-Runzes Meöergang. H i n a u s w u r f in R a t i b o r. — Prüg e l i u- Oppeln. - Knüppel-Kunzes Stern ist arg int Erbleichen. Und wenn der pogromdurstige Hetzdemagoge letzt einet; neuenverbesserten- Knüppel erfand und ihn in seinem Schmutzblüttchen als „Verteidigungsloafse" anpreist, so ist das diesmal vielleicht nicht so sehr eine Verhüllung roher Nausgelüste wie sonst, sondern halb auch ein Eingeständnis der Verteidigungsstellung, in die er gedrängt wird. Die Deutschnationalen sind längst von ihm abgerückt und habet; seine bauernfängerischen Umtriebe und sein politisches Windbeuteltnm vernichtend gebrandmarkt. („Deutschnationaler Volksfreund" vom 1. Juni >d. I.). Und so wenig die Dummen je alle werden — der geschwollene Stumpfsinn, den dieser Wirrkopf absondert, wird auch jenen 31t bunt, die sich in Kunzes Versammlungen hineinlocken lassen. Leine letzt'e, in Ratibor, wurde polizeilich a n f g e l ö st, weil er — natürlich! — N e p u b l i k, D e r fass u n g n n. i> N e g i e x it 1; g b e sch i m Pfte. Und was die Politischen „Saniertingsvorschläge" Kunzes an geht, so zitieren wir — da unser Urteil befangen erscheinen könnte — den Bericht des „Natiborer Anzeigers". Dort heißt es: Herr Kunze entwickelte ein u n a tu u b L ich wirres und konfuses Programm-, mit dem. nach seiner Mwmuna die Pavieraeldwirtschast beseitigt werden könnte. Die einZigo Nettung bestehe nach feiner Allinung in betn llebergang zur Goldwährung) ... Zur Kennzeichnung des unglaublich dem a.g 0 g i s ch e u it nd und e t - a n tw 0 rtliche n Vorgehens Kunzes genügt der Hinw-eis.' daß derselbe Mann, der heute die Einführung der Goldwährung vorschlägt, vor zwei Jahren dafür agitiert hatte, daß Deutschland den Staatsbank e r 0 t t erklären müsse ... Er kam aber mit seinen Ausführungen! teils wegen des erwähnten polizeilichen Einspruches, teils 'wegen der stürmischen Opposition der Hörerschaft nicht zu Ende und mußte schleunig das Podium verlassen, um Prügeln zu entgehen'. In Oppeln aber, das er Tags darauf beglückte, ereilte ihn dieses Schicksal. Schon nach den ersten Sätzen wurden Rufe wie ** „Schwindel!", „Betrüger!" usw. laut und bald drangen eine paar Handfeste aus das Podium und gingen zu schlagenden Gegenargumenten über. Herr Kunze, von allen seinen Getreuen verlassen, zog nicht seine selbsterfundene Verteidigungswaffe „Heda!", sondern einen Revolver und gab einen Schuß ab, der einen jungen Mann schwer verletzte. Dann aber brachte er sich, aus mehreren Wunden blutend, in Sicherheit. Es liegt uns auch in diesem Fall fern, solchen Kampsformen zuzustimmen. Aber— „wer Wind sät, wird Sturm ernten". Bei Herrn Kunze scheint die Erntezeit angebrochen. A© tut Verurteilung eines FlugzeiLelverLeilers. Der Korbmachergeselle Willy Marten in Wriezen verteilte auf der Straße und in Lokalen Flugzettel des Hammer-Verlages, in welchen ans bekannte Weise gegen die Juden gehetzt und zum Ankauf der diversen Lügenschristen dieses Verlages für Zwietracht und Volksverdummung ausgesordert wurde. Wir stellten Strafantrag -~ mit dem freilich nur geringen Erfolge, daß Marten zu 30 0 Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Dieses überaus milde Urteil erklärt sich damit, daß der zuständige Oberstaatsanwalt ein Vergehen gegen 8 130 des St. G.-B. (Aufreizung) nicht gegeben sah. Nun verstehen es ja die Hammertente längst, diesen Paragraphen zu umgehen. Der Nichtjurist wird in einem Flugzettel, der die Gleichberechtigung der Juden als bedauerliche Folge mangelnder Talmudkenntnisse bei den Gesetzgebern hinstellt, der behauptet, daß der Talmud alle Mittel und Wege, sich fremden Reichtum anzueignen, für erlaubt erklärt und daß die Juden, die Volksbetrüger, alle Stände ausbeuten, doch wohl mehr sehen, als der Herr Oberstaatsanwalt in Prenzlau. Air die Landesverbände und Ortsgruppen. Wir machen darauf aufmerksam, daß unser bekannter Freund Herr Dr. Julian Marcuse (Ebenhausen bei München) nur noch in diesem Winter bereit ist,' einen wissenschaftlichen Vortragsabend über das Thema „G e s ch i ch t l i ch e E n t w i ck l u n g ' d e s I u d e n h a s s e s" äbzuhalteu. Durch das Entgegenkommen des Vortragenden werden sich die Ausgaben dafür beschränken lassen, wenn eine größere Anzahl von Ortsgruppen eine gemeinsame Veranstaltung unternimmt.