Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 24 (19.10.1922)
- Date
- 1922-10-19
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 politische Silarrz öes Rathenau-Prozeßes. Noch vor Abschluß der Verhandlungen gegen die Mörder und Verschwörer im Rathenau-Prozeß zieht die auf dem Boden freie Republik stehende Presse die politische Bilanz dieses Prozesses und kommt einmütig zu dem Schlüsse, daß einzig und allein die schrankenlose a n t i se m Nische Agit a t i o n frer deutschvölkischen Gruppen und Zeitungen die Atmosphäre des Mordes vorbereitet hat. Einen großen Einfluß auf die Erweckung der Mordinstinkte unter der deutschvölkischen Jugend schreibt die linke Und zum Teil die voltsparteiliche Presse der ungeheuren Verbreitung des berüchtigten Pamphlets „Die Weisen von Zion" in Deutschland zu, und sie weisen nochmals auf Ludendorff und andere Führer der rechten Parteien als diejenigen hin, die dadurch, daß sie eine offenbar unsinnige Fälschung wie das genannte Buch in ihren Schriften und Neiden als ernste Quelle zitieren, der Jugend ein böses Beispiel der Begriffsverwirrung gaben. Aus der Hochflut der deutschvölkischen Reden der letzten Monate zitieren die Blatter eine große Anzahl Stellen, die offen zu einer Ausrottungsaktion gegen die Juden auffordern. In einer der Zeitbroschüren des sogenannten deutschen Volksrates in Leipzig lieißt es z. B.: „Macht ganze Arbeit mit den Juden; Bestien reizt man nicht, man tötet sie!" In einem Flugblatt der „Deutschen Vereinigung für Volksgesundung" heißt es: „Auf zur Tötung, aus zum offenen Kamps gegen die Blutsauger." In einem von derselben Vereinigung verbreiteten Gedicht wird „allen Judasbrüdern" ein „roter" Tag angekündigt, an dem sie „wie tolle Hunde niedergeschlagen werden". Einer der engsten Mitarbeiter des Kapitäns Ehrhardt, des Leiters der Organisation Eonsul, schrieb an den Adjutanten Ehrhardts, Hauptmann Berthold: „Hoffentlich vergißt der kommende Diktator nicht, die Juden für v o g e l f r e i zu erklären. Eine Nacht genügt, u m diese Hunde auszurotten. Ich habe hier schon eine schwarze Liste angefangen, damit auch die „Richtigen" totgeschlagen werden." Die Zeitungen weisen nach, daß die Ausstellung solcher „schwarzer Listen" in verschiedenen Städten, besonders in Bayern, vorgenommen wurde. Viel beachtet wird auch ein Artikel des Verfechters des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus Theodor Barth in der letzten Nummer der Zeitschrift „Der Hammer", in welchem ausgeführt wird, man müsse gegen die Juden verfahren wie der Arzt gegenüber dem Vandwurmleiden feiner Patienten: man müsse den Bandwurm töten imb ausstoßen. Die Iuöenhetze unü Deutßhlanüs außenpolitische Lage. Ter vor kurzem aus der Deutschnationalen Partei ausgetretene ehemalige Minister und jetzige Reichstagsabgeordnete Dr. Düringer veröffentlicht in dem Organ frer Deutschen Volkspartei „Die Zeit" eine scharfe Polemik gegen die Kampsesweise fres Grafen Westarp und anderer deutschnationaler Führer gegen die Juden, die er -al^ f e h r ls ch ä fr i g e n fr für D e u t f ch l a n fr s außenpolitische Positionbezeichnet. Dr. Düringer fragt, welche positiven Resultate sich Graf Westarp von seinem in der letzten Zeit angekündigten verschärften Kampf gegen die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung des Judentums verspricht, „gerade jetzt, wo das deutsche Volk nicht nur um feine'politische,' sondern auch um seine wirtschaftliche Existenz mit seinen äußeren Feinden aus Leben und Tod zu ringen hat, gerade jetzt, lvo an einer Wiederherstellung unseres internationalen Kredites und unserer Wirtschaft im Verhältnis zum Ausland gar nicht zu denken ist ohne Mitwirkung des jüdischen Kapitals und der mit ihm verknüpften intellektuellen Kräfte." Dr/ Düringer schreibt weiter: „Meines Erachtens ist ein solcher innerer Kamps niemals so unzeitgemäß, den Interessen des Vaterlandes so -direkt zu w ifrer - laufen fr gewesen als in dem gegenwärtigen Zeitpunkt." Aber gerade die blindwütigsten Jufrenhetzer stellen ihr schändliches Handwerk als — patriotisches Beginnen hin und verleihen sich den Titel „natioyaler Kämpfer", während in Wahrheit die Nation — der Rathenau-Prozeß zeigte es auch den Verblendetsten — keine vernichtungswürdigeren Schädlinge hat. Die Geldgeber der völkischen. Wir veröffentlichten kürzlich die Namen mehrerer Einzelpersonen und Firmen, die das hannoversche Hetzblatt „Sturm" anateriell unterstützten. Unter den Genannten befand sich auch die Firma P i g ge u. Märquard (Hameln), die — wie uns von zuverlässiger ^eite versichert wird — dem Treiben des „Sturm" durchaus ablehnend gegenübersteht. Die Firma hat in völliger Unkenntnis des eigentlichen politischen Zwecks den Sammlern das Geld für antibolschewistische Propaganda hergegeben. Es gehört seit jeher zur Taktik der Völkischen, ihre wahren Ziele zu verschleiern, und so, wo es geht, auch aus dem Gegner Geld herauszulocken. Die Herren, die das tun, nennen sich mit Vorliebe „deutsche Männer!" vom Zeinöe kann man lernen! Der D entfchnationnleHandlungsgehilfcnvcrbanv ist jedem Juden durch die Rührigkeit bekannt, mit der er sich an der antisemitische« Bewegung beteiligt« Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, daß die meisten seiner Angestellten neben ihren Verbandsgeschäften sich mit der Bekämpfung der Jnde« befasien. Nr. 39 des Bereinsorgans „Deutsche Handels- Macht" vom 27. September 1922 veröffentlicht die ab 1. Oktober geltenden monatlichen Beiträge: 399 Mark bei einem Monatseinkommen über 17 999 Mark, 259 Mark bei einem Monatseinkommen unter 17 999 Mark. Bei geringerem Einkommen können diese Monatsbeiträge ermäßigt werden. Die lebenslängliche Mitgliedschaft kostet 39 999 Mark. Ein Lehrling zahlt 19 Mark monatlich. Der verbauhat weit über 2-9 999 Mitalieöer, rechnet also mit einer Monatseinnahme von 60 Millionen Mark! Aeußerst lehrreich ist der Aufruf, mit dem diese Beitragsforderungen gerechtfertigt werden. Dort heißt es: „Der Maßstab für den Erfolg unserer Arbeit kann nur die Frage sein: Wie stände es gerade in diesen Tagen um die Handlungsgehilfen, wenn sie sich nicht in ihrem Verbände das gewaltige Machtmittel geschaffen und zu gebrauchen gewußt hätten? Dieses Machtmittels bedürfen wir gerade jetzt und in nächster Zukunft in ungebrochener, ja erhöhter Kraft, und deshalb verlaßt Euch darauf, daß wir auch dieses Mal in Eurem Interesse das Rechte trafen, wenn wir an Euren Opferwillen erhöhte Anforderungen stellen. Wir bekennen es ganz offen: In der Hoffnung auf bessere Zeiten haben wir in den letzten Monaten einen zu geringen Beitrag erhoben. Der plötzliche Sturz ins Bodenlose läßt uns keine Wahl mehr. Wir müssen rücksichtslos die Folgen ziehen aus der Lage, vor die wir brutal gestellt sind. Mit den bisherigen Beiträgen wäre das Gefüge des Verbandes in seinem gegenwärtigen Umfange nicht mehr ansrech,t zu erhalten. Ohne erheblichere Opfer unserer Mitglieder wäre die alte Schlagfertigkeit gefährdet. Eine Einschränkung konnten wir aber gegenüber unserem Stande nicht verantworten. Selbstverständlich sparen wir auch in Zukunft, wo es nur irgend möglich ist. Aber dieser Wille muß dort seine Grenze finden, wo die Verkümmerung unserer Macht beginnt. Wie uns, die Gewerkschaft, die Teuerung, trifft, davon hier zu sprechen ist unnütz. Unnütz darunst die Steigerung der allgemeinen Kosten bei Post, Telegraph, Fernsprecher und Eisenbahn zu erwähnen; unnütz darum zu erwähnen, daß unsere mehr als 1800 Angestellten in ihrer Gchaltsentwicklnng nicht wesentlich hinter den Kollegen draußen znrückstehen dürfen. Wir wollen auch nicht viel Worte machen, daß die ungeheure Teuerung, insbesondere bei Papier- und 8 Druckkosten, alle Befürchtungen weit übertras." Wort für Wort könnte der Central-Verein veni selben Aufruf an feine Mitgliever richten. Man ' setze überall, wo „Handlungsgehilfe" steht, „Jude" ein und lese dann den Aufruf noch einmal aufmerksam durch. Nur ein Unterschied besteht. Die Antisemrten erhalten ihre 3 0 0 M a r k m o n a t l i ch, im Central-Verein geben nur vereinzelte reiche Mitglieder annähernd das Gleiche. Die große Mafle der Central-Vereins-Mitglieder leistet noch nicht einmal das, was ei» antisemitischer Lehrling aufbringt! Hoffentlich wird diese Mitteilung die Gemüter ausrütteln. Manch jüdischer Arbeitgeber wird sibh doch überlegen, ob er zur Bekämpfung des Antisemitismus nur ein Zehntel oder ein Zwanzigstel dessen ausbringen darf, was fein eigener Angestellter zur Förderung des Antisemitismus leistet. Zur Beseitigung von Mißverständnissen sei bemerkt, daß in dem Monatsbeitrag von 300 Mark der Beitrag für die Krankenkassen des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes nicht enthalten ist. Vorbildlich erscheint die Abstufung der Beiträge nach dem Einkommen. Von den vielen Glaubensgenossen, die ein geringes Einkommen haben, wird niemand viel verlangen wollen. Aber die nicht wenigen, die sehr viel mehr Einkommen haben als monatlich 17 000 Mark, sollten es sich doch überlegen, ob sie nicht ein Mehrfaches der 300 Mark im Monat ausbringen können. Wenn es so weitergeht, daß Tausende deutscher Juden noch immer so tun, als ob eine Papiermark eines Tages unsere ganze Verteidigungslinie zusammenbricht. Dann wird man helfen wollen, aber dann wird es zu spät sein.