Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 24 (19.10.1922)
- Date
- 1922-10-19
- Page
- Seite 289 (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 3 M. Serlin, 19. Oktober 1922 l. Jahrgang -o Nr. 24 Blätter sürÄeuIsrlUmnM un01uoentum ' P«stsch«ckkon<»! 30472 wrymr öes Ccntrol-Vmins üeuticKer StaalsdüryerMlscden CloufrensTt». Allgemeine Zeitung des Oudenrums Verlag und Schriftleitung: öerlin SW öS, Linöenstraße 13 * Fernsprecher: finit Dönhoff 3594, 3595, 3590 Die Zeitschrift i ft nur durch di e zuständige P o ft a n st a l L z u m Pr eise von vierte ljährlichM. 35,— zu b e z i ehe» Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expeditiorr Nndols Masse, Berlin SW 19, imb deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 60,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Aiosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Bereius mit 50°/« Nachlaß, Die 90 mm breite Reklamezeile M. 300,.— 1 Die Lehren -es Rathenau-Prozeffes. Unterredung mit einem Richter des Staatsgerichtshofes. — Vas muß geschehen! Wer der zehntägigen Verhandlung des Sraatsgerichtshofes in Leipzig gegen die Rathenau-Mörder beiwohnen und auf der Anklagebank den leibhaftigen Judenhaß in allen seinen Spielarten studieren konnte, mußte.feststellen, daß fast allen Angeklagten das eine Charakteristikum gemeinsam war: die glänzende Fähigkeit, sich herauszulügen. Schonungslos hat der O b e r r e r ch s a n w a l t in seinem Schlußvortrag — der bedeutungsvollsten Rede des Prozesses — mit dieser feigen Mörderzunft abgerechnet, in der jeder sein Stich w o r t habe, die Zusammenhänge wie die Kletten und die sich aus allen Enden der Welt im richtigen Augenblick z u fällig träfe. Mit schweren Zuchthausstrafen ist der Stäätsgerichtshof in die verlogene Mörderbrut hineingesahren und hat damit die Auffassung des Anklägers zu der seinen gemacht, „die fortgesetzte antisemitische Hetze habe eine vergiftete Atmosphäre geschaffen, daß man es wohl verstehen kann, wenn schließlich in den Köpfen der Leute, die heute vor uns stehen, solche Mordpläne zur Entwicklung und Ausführung kamen". Die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte reißt Techow und Genossen die Maske politischen Märtyrertums vom Gesicht. E i n g e nt einer Mord ist der Rathenäu-Mord gewesen ... Werden die Zuchthausstrafen ern a b s ch recke n d e s Beispiel für diejenigen sein, die, um .mit den deutschnationalen „Leipziger Neuesten Nachrichten" Zu sprechen, in „sturnpssinniger, fanatischer Hetzarbeit den Mord geistig vorbereitet-haben"? Und soll es an diesem Exempel vorläufig genug sein? Diese und einige andere Fragen richtete ich an den Herrn Beisitzer des Staatsgerichtshofes, den Abgeordneten der Demokratischen Partei und ersten Vorsitzenden derHirsch- Dunckerschen Gewerkschaften, Gustav Har t m a n n, der mehrfach bedeutsam in die Verhandlungen eingegriffen hatte. Herr Hartmann sagte etwa folgendes: . „Aus den Verhandlungen des Mordprozeftes Rathenau ergibt sich für mich, daß der Antisemitismus nach dem Kriege Formen angenommen hat, die unser Volksleben schwer b e d r o h e n. Die Schale, insbesondere die höhere Schule, scheint sich ihrer Verantwortung der Heranwachsenden Jugend und dem Volke gegenüber nicht genügend bewußt Zn sein, wie der Fall Stube n r a u ch zeigt, sonst müßte sie das zersetzer.de Gift des Antisemitismus energisch bekämpfen. Eine E n t g i s t u n g d e ret rt t i s emitische n M o r d a t m o - sphäre ist nur möglich, wenn in Wort und Schrift, in Versammlungen und in der Presse die verbrecherischen Wirkungen des Antisemitismus in der richtigen Weise gekennzeichnet und für genügende Volksaufklürung gesorgt wird. E s w i r d d a b e i i n Erwägung zu ziehen sein, ob nicht verhetzende an t i s e m i t i s ch e Sch r ist e n u n d D r u ck s a ch e n mehr als bisher und ans Grund der bestehenden Gesetze strafrechtlich verfolgt werden können. Der Central-Verein hat mit dem besonnenen Teil des Judentums Zudem die Aufgabe, von den Gliedern innerhalb der Glaubensgemeinschaft deutlich und klar abzurücken, die vom Volk als Schädlinge angesehen werden müssen. Der Kampf gegen Schieber, Wucherer und Ausbeuter muß auch v o m Indent u m nt i t alle r Kra f t durchgeführt werden. Geschieht das nicht mit aller Energie, dann ist die Aufklärungsarbeit der anderen Volkskreise rvenig fruchtbar. Das Judentum selb st kann und muß sehr vieles zur Entgiftung der antisemitischen Mordatmosphäre tun, wenn es allen Schädlingen bewußt zu Leibe geht." Jeder Satz der Laienpredigt Dr.' Holländers in unserer Neujahrsnummer verrät, welch gutes Gewissen wir in unserem Kampf gegen die Schädlinge in den eigenen Reihen haben. Der Arbeiterführer Hartm an n soll uns in der Erkenntnis der Notwendigkeit dieses rücksichtslosen „Zuleibegehens" nur bestärken. Wir werden unsere Pflicht tun. Sache der Mehrheit des Reichstages wird es sein, umgehend Aussührungs'besti'mmlmgen zu den bestehenden Gesetzen zu erwirken, die den Anregungen des Herrn Abgeordnenten Hartmann, der ja wohl die Ansichten der demokratischen Partei vertritt, Rechnung trägen. Wie mir ein bekannter Reichstagsabgeordneter, der mit zu den besten Kennern der politischen parlamentarischen Verhält rt t f f e Englands zählt und sich auf diesem Gebiete unbestrittener Autorität , erfreut, jüngst in einer Privatunterhaltung versicherte, gibt es in England ein Gesetz gegen die Lüge. Jenseits des Kanals würde ein Buch wie „Die Weisen von Zion" auf Antrag ohne weiteres unter Anklage gestellt werden. Jeder Mensch mit anständiger Gesinnung wird als die große Lehre des Rathenau-Mordprozesses das vom Oberreichsanwalt aufgegriffene Wort Düringers anerkennen müssen: „Schaltet den Geist aus, aus dem die Attentate geboren sind." Dieser Geist ist der Geist der Verhetzung und Verleumdung, der heute noch tagtäglich die judenfeindliche Presse durchweht. In der ersten großen Versammlung nach dem Ratheuau-Prozeß im Zirkus Busch, die das bedauerliche blutige Nachspiel zeitigte,, wurden Hochru fe auf T ech o w äusgebracht, so daß der volksparteiliche Redner G e i s l e r nach seinem Vortrag unverhüllt dem En-ts etz en Ausdruck gab über solche sittliche Verwahrlosung unter der falschFlagge „Ordnung - und Freiheit!" Wir im CentrakWerein kennen, den grauenerregenden Umfang der Verhetzung. Wir verzweifeln nicht und werfen uns ihr mit' fast übermenschlicher Kraft, entgegen. Unsichtbar schleicht heute in jedem kleinsten Oertchen ein Tillefsen herum, Spitzel dingend, die die Bevölkerung künstlich erregen sollen. Wacht auf, deutsche I u d en! Besinnt euch auf die Macht der Abwehr, wenn ihr dem geeinten Judenhaß einig gegenübersteht. Nicht nur an die Gesetzgebung appelliert die Lehre von Leipzig, sie rüttelt auch an eure Türen: „K ä m p f t gegen die Lüge! Kämpft unverdrossen mit dem starken Idealismus eurer Vorfahren! Begreifet in Stadt und Land den Weckruf aus Leipzig: „Jude sein, heißt Kämpfer sein!" A. Sch,