Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 23 (12.10.1922)
- Date
- 1922-10-12
- Page
- Seite 282 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Und das alles wird geglaubt, w-rrd für bare Münze genommen, wird in weite VcMskreHe getragen, wird zum Um und Auf des „politischen" Denkens Ungezählter, zum Ausbangspunkt ihres Tuns und Lassens und gelegentlich — nun ist's keine Schwarzseherei mehr! — zum Anlaß furchtbarer Verbrechen. Aber geglaubt wird auch wieder das tausendfach widerlegte, längst für.völlig undiskutierbar gehaltene RitualmordMärchen. Der „Sturm" — das antisemitische Hetzblatt Hannovers — brachte neulich eine Liste namentlich aufgesührter jüdischer Schächter mit der gleichfalls namentlichen Aufzählung von ihnen geschlachteter christlicher Kinder! Auch va s w ird ge gl a ub t! Andere antisemitische Hetzer holen sich wieder den Talmud hervor — dieses Werk, aus dem sie keinen Buchstaben verstehen, das sie verkehrt in die Hand nehmen, aber dennoch unverfroren „zitieren" — und finden dort angeblich die Aufforderung eines Rabbiners an seine Gläubigen, „alle ihnen «erreichbaren Christenmädchen zu schänden, um so das jüdische Blut zu verbreiten". Auch das wird geglaubt' Es wird überhaupt — man kann es nicht oft genug, nicht eindringlich genug wiederholen — alle s g eglaubt, jeglicher Stumpfsinn, die blödeste Lüae, die dreisteste Erfindung, der hahnebüchenste Bierschwefel, sofern er nur in die Kerbe judenfeindlicher Hetzpolitik schlägt, sofern er den Hast schüren hilft, an dessen Flammen sich ein paar Schurken ihre Suppe kochen. Der Leipziger Prozeß beweist es bitter und unwiderlegbar allen, die noch daran zweifelten. -Die Lehre aber, die aus solcher Erkenntnis wä^st, ist klar und deutlich: Es darf kein antisemitischer An- Wurf leicht genommen, kein Au s fall a ls z tt läppisch, keine Verleumd u n g als zu unwirksam gewertet werden, sondern alle sind auf - klärend und w i d e r l e g e n d' m i t den W a s f e n der Vernunft, d e s W i s s e n s , mit der Anruf UK g von Moral und Menschenliebe z u b e k ü m p f e n. Der Centralverein ist sich tiefer seiner Pflicht stets bewußt und dauernd auf dem Posten. A l l e i n e r b e d a r s d r i n g e n d d e r w a ch - s a m e n Mitarbeit aller seiner Freund e. Wer hierin erlahmt, wer sorglose Vogel-Strauß- Politik treibt, macht sich mitschuldig an den Folgen des traurigen Wahns, der jetzt große Teile des deutschen Volkes ergriffen, der diesem deutschen Volke einen Mann wie Rathenau geraubt hat. Ernst G o t h. Die völkischen. . Von Wilhelm M i ch e l. Ich sah gefangene Italiener einmal um den Zugang zum Suppenkessel streiten. Einer stieß den anderen weg, das Gedränge ward schließlich so schlimm, daß im Handgemenge der Kessel umsiel und den heißbegehrten Inhalt aus die Straße entleerte. Ein Zug aus diesem Bilde kehrt überall da wieder, wo der Veitstanz des Rassenhasses, der Chauvinismus tobt: Mitten im Kampfe wird dasjenige, worrun gestritten wird, urngestürzt und unter die Füße getreten. Im Kamps unserer Völkischen geht es ängeblich um die Reinheit des Deutschtums. Aber der Kamps wird so geführt, daß das Deutschtum durch ihn zu viel schlimmerem Schaden kommt, als er ihm je vom Bekämpften hätte drohen können. Der Kampf geht weiterhin um das Christentum — wenigstens bei solchen Nationalisten, die sich noch nicht schlankweg zur Wotansanbetung entschlossen haben. Dabei springt au^ seiten der Verteidiger Jesu wildes, schamloses Heidentum auf, so verbohrt und, so bestialisch, daß Christi reines Antlitz sich mit tiefer Scham von solchen Parteigängern abwenden müßte. Ist es möglich, die Partei dessen, zu nehmen, der die allumfassende Menschenliebe zum obersten Gebot machte, und gerade auf Grund dieser Parteinahme zu Haffen wie ein Hunne, bis zum offenen, organisierten Mord? Es ist wahr, daß das Christentum nicht gegen die Nationen und daher auch nicht gegen einen besonnenen Nationalismus ist. Aber mit tausend Zungen predigt es, daß es die nationale Bestimmtheit als eine untergeordnete, zweitrangige Bestimmtheit ansteht: daß es die nationale Bindung nur als eine naturhaste Bindung bewertet, die in keiner Weise den sittlichen und religiösen Bindungen vorangeht. A'b e r a l l e s, was wahrer christlicher Geist ist, gilt unseren Völkischen ebensowenig wie d a s Deutschtum. Sie und alle Chauvinisten in allen Ländern stellen die wildeste und schmählichste R e o 1t e des Heidentums dar, die je erlebt wurde. Wobei nicht an das Heidentum der hochgebildeten Asiaten zu denken ist, sondern allerhöchstens an Fetisch isten und Dämonengläubige. Als Deutsche wie als Christen müssen wir uns gegen den völkischen Wahnwitz zur Wehr setzen, verbündet mit allen redlichen und vornehmen Juden, die unser deutsches Schicksal mit uns teilen. Der Rassenhaß ist nichts als eine böse materialistische Ausschwitzung am Leib unseres Volkstums, Ausstoß wilder, bitterer Säfte, die in jedem Volkskörper umgehen, die wir mit Hottentotten und Buschmännern gemeinsam haben und die eben darum nichts auszeichnend Deutsches sind, sondern echte internationale Wildheit, von der ein Volk um so weniger besitzen sollte, für je edler es gelten will. Die Gelögsber -er „völkischen". Bei den Leipziger Verhandlungen taucht immer wieder die Frage nach den geheimen Geldgebern auf. Wir sind in der Lage, diese Frage zum Teil beantworten zu können, da in einer wenig beachteten Notiz der „Niederländischen Volksstimme" vom 6. August die Namen einiger Geldgeber des „Sturm", des Blattes des deutschvölkischen Lug- und Mordbundes in Hannover, veröffentlicht find. Die Namen sind: Müller, Grohnde; Oberamtmann Sander, Coppenbrügge; Sander, Aerzen; S p e i s e ö l w e r k e, Aerzen; Weberei G tut ther , Rohrsen; Fabrikbesitzer Hahlbrock, Hameln; Concor di a, .Hameln; P i g g e w. M arquardt, Hameln; H e r e f a b r i k, Emmer tal; C h e m i f ch e F a 6 r i i, Hameln; B ä h r e u. Co., Hamelspringe; Hanaelner P a p i e r w a r e n f a L r i k, Bumpfkeil und Söhne, Hameln; W i n L e r s ch e Papierfabrik, Berkel; Rittergutspächter Schenk, Hämelschenburg; Dr. Klesfer, Aerzen; Apotheker Z u m b u s eh, Aerzen: Bürgermeister de V r i e s , Eldagsen; PoftdirekLor M a t h e s ins, Hameln. ffermann Strack gestorben. Der bedeutende Hebraist und Bibelforscher, Geh. Konsistorialrat I). Dr. Hermann L. Strack, ordentlicher Honorarprofessor der Theologie an der Berliner Universität, ist am 5. Oktober im Alter von 7b Jahren gestorben. Strack war der Sohn eines namhaften Pädagogen und studierte in seiner Vaterstadt Berlin und in Leipzig Theologie und Philologie. Er unterrichtete einige Jahre am hiesigen Wilhelmsnmmmftiim und vollendete während seiner Tätigkeit an der'großen Petersburger Bibliothek die Ausgabe einer wichtigen hebräischen Handschrift der .prophetischen Bücher des Alten Testaments. Im Jahre 1877 wurde er als Nachfolger Kleinerts außerordentlicher Professor^ für alttestamentliche Wissenschaft an der Berliner theologischen Fakultät. Seine Einleitung in das Alte Testament, sein Bibelkommentar Zeigen ihn uns als erfahrenen Pädagogen, der auch durch seine Kenntnis des nachbiblischen jüdischen Schrifttums, vor allem des Talmud, den er herausgegeben und erläutert hat, die größte Autorität genoß. Als Kenner der taldmudifchen Schriften und Lehren war er in der Lage, das Judentum gegen den Vorwurf umittticher oder staatsfeindlicher Geheimlehren oft wirksam zu verteidigen und war -einer der unerbittlichsten Gegner Stöckers und Rohlings. In seiner Schrift „Das Blut im Glauben und 'Aberglauben der Menschheit" widerlegte er das antisemitksche Blutmärchen; er war stets bestrebt, die Kenntnis des Judentums und das Verständnis der jüdischen Religion und ihrer Lehren in christlichen Kreisen zu verbreiten. Die Bedeutung seiner Persönlichkeit und seines Wirkens soll noch näher gewürdigt werden. er W nOren w yWtMflsvWtzllW am 22. ©Hobst itr Berlfn MilenöM vsrjlanöMit' 0km Wim, mit mm Vergütung, m vsrfnpngl ❖ MellMtt» fliiö an Das Bntsau, LiliöWr iZ, Pfeilung Waß-Berlln, p richten.