Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 22 (5.10.1922)
- Date
- 1922-10-05
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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274 -er gelernt hatte. Wenn wir mehr Kulturgeschichte treiben, werden unsere Schüler durch die Schilderung des Elends, in dem die Juden im Mittelalter lebten-, vielleicht selber Zu der Erkenntnis kommen, weshalb sie noch heute sich so gern dem Handel züwenden. Und wenn dann etwa in der Prima die historischen Grundbegriffe gelehrt werden, dann werden unsere Schüler einsehen, aus welche Weise so schiefe Urteile wie die der Antisemiten zustande kommen: durch unzulässige Verallgemeinerungen, die einen groben Mangel an geschichts-philosophischer Bildung verraten. Damit sind wir bereits in das Gebiet der Erziehung gekommen. Die Grundlagen zu einer Weltanschauung soll die Schule'geben: sie kann es, wenn sie vor allem den Schüler zur Selbsttätigkeit treibt, wenn sie ihm immer wieder klarlegt, daß das Nachschwatzen von Urteilen anderer charakterlos ist. In jedem Unterrichtsfach kann diese Erziehung getrieben werden. Ob ich im Deutschunterricht der Polonius-Hamlet-Szene gedenke, ob ich den HoraZ traktiere und mit ihm den Schüler über das jurare in verba magistrl lächeln lasse, die Hauptsache ist, daß: der Junge merkt: es kommt darauf an, daß ich selbst denke. Dilbum ist nichts schlimmer, nichts unerzieherrscher, als wenn der Lehrer verlangt, daß in einem Aussatz der Schüler immer nur die Ideen des Lehrers verteidigen soll. Das untergräbt den Charakter und selbständiges Denken! Auch scheinbar ganz entlegene Fächer können hier wirken. Die Mathematik mit ihrer Unerbittlichkeit logischer Schlüsse Zwingt den Schüler immer wieder, sich aus das Letzte zu besinnen. Er selber merkt es nicht— aber der Lehrer ist dazu da. es ihm immer wieder ins Gedächtnis zurückzurufen: Nur dann bist du selbständig, wenn du immer wieder prüfst, an den Fundamenten prüfst, ob dein Gebäude richtig aufgeführt ist. Wenn solcher Geist in Erziehung und Unterricht waltet, dann können wir ruhig den Antisemiten an den jungen Menschen heranlassen. Seine Lehren wird er nachprüfen, er wird sich nicht von den autoritativ vorgetragenen Lehren verblüffen lassen, sondern sie scharf sondieren, wo er aber damit nicht zu Rande kommt, einen Freund zu Rate ziehen, der anderer Meinung ist. Der junge Mensch wird überhaupt, wenn seine Erziehung durch die Schule richtig ist, genug von der Relativität der menschlichen Dinge begriffen haben, um von vornherein Lösungen schwieriger Fragen, die allzuglatt ausgehen, kritisch gegenüberzustehen. Diese kritische Einstellung — sowieso das Kennzeichen echter Jugend — darf der Lehrer nur nicht mit Gewalt unterdrücken. Er darf den jugendlichen Menschen nicht vergewaltigen. - Und so ist die Frage der Vernichtung des Antisemitismus eine Frage der Erziehung und vielleicht in noch höherem Gr a de eine F rage der S ch u l e a l s d e s H a n s e s. , Denn erfahrungsgemäß wird der Junge leichter vom Lehrer ‘ als von den Eltern — ' wenigstens in der Mehrzahl der Fälle — beeinflußt. Stellen wir deshalb die Er-' ziehung von der früheren rein autoritären um zu einer freiheitlicheren, locken wir aus unseren Kindern selbständiges Arbeiten, selbständiges Denken hervor, dann werden wir den Nährboden des Antisemitismus beseitigen. Es ist kein Zufall, daß dieselbe Generation, die aus den Schulen der Aufklärung kam, uns die Periode des Neuhumanismus, der Erkenntnis des hohen Menschheitsideals brachte. Es ist kein Zufall, daß heute dieselbe politische -Partei, die am. stärksten für die Beibehaltung der sogenannten Autorität eintritt, die Partei des Antisemitismus ist. Selbständiges Denken laßt.auch den anderen gelten/Einschnürung freier Gedanken .erzeugt Mißtrauen gegen den Mitmenschen. So gewiß der Antisemitismus— auch, in seinen feinsten JAbarten — eine kulturelle .Rückständigkeit ist, so gewiß muß er verschwinden, wenn Verbreiterung und Vertiefungder Bildung das Volk immun macht gegen das Gift der Rassentheorie und empfänglich für die Idee eines Menschiums, die sich auf der Liebe zu sämtlichen Angehörigen des eigenen Volkes und der Achtung vor fremdem Volkstum ausbaut. Das aber ist der Weg, den eine richtige Erziehung dem jungen Menschen weisen muß. Professor Tr. Paul Hi l d e b r a nd t. I l i 1 I Verband Grass-Berliner (hlsgrapnen des t. V. VORANZEIGE: Mittwoch, den l.November: Zwei grosse Versammlungen im Logenhaus, Kleiststr. 10, und im Brüdervereinshaus, Kurfürsten - Strasse 115/116. Redner und Thema werden noch bekanntgegeben. Erftarkenöer Glaube. / ' 'S Von Ernst Goth. Wenn sonst zu Zeiten, da frisch entfachter Haß und laut gellender Schimpf die Jndmheit umtobte, jene Herbsttage anbrachen, a>n denen des Widderhorns Don die Jahreswende kündete, und das Versöhn-ungsfest zu kasteiender, Buße rief, schlich der Mäubige oft gedrückt und eilig, dem Blick der Straße ausweichend, nach dem Bethause. Sollte er auch heute von rohem Geiferwort getrossen werden?. Sollte sein nngewohntes Festgewand die ringsum sprungbereit lauernde Spottsucht wecken? Besser, den Toren aus dem Wege zu gehen. So drückte er Tallisbeutel und Gebetbuch fester unter den Arm und mied die Menge. Heute aber? Auch jetzt sprüht dem Judentum verständnisloser Haß entgegen. Doch an den Festtagen zogen', zahlreicher als je, Juden- und Jüdimren durch die Straßen. Mitten -unter jenen schritten sie heiter und aufrecht einher, die im Alltagskleide der- Alltag, sarbeit nachgingen. Buch und Gebetmankcl in Händen, und keiner fürchtete unerwünschtes Aufsehen oder gar höhnenden Blick. Festlicher Ernst und frohe Würde lag aus ihrem Antlitz. Haltung und Ausdruck verrieten es deutlich: sie waren stolz, Juden zu sein, sie scheuten es nicht, als Juden erkannt zu werden — heute, da das Wort Jude im Munde so vieler Schimpf bedeuten will! Seltsames und erfreuliche Wandlung! Nt an muß an jene niederländischen Edelleute des siebzehnten Jahrhunderts denken, denen ihre Feinde das verächtliche Wort „Geusen" entgegenschleuderte'n, und die solche Schmähung als Ehrentitel begriffen-, das Geusen- Zeichen m. ihr Wappen nahmen -und sich -fortan selbst stolz Geusen nannten.. Auch das Selbstbewußtsein der „Geusen" unserer Tage ist derart «erwacht. Wem es das Straßenbild allein nicht zeigte, dem . Zeigte es der mächtige Strom nach -allen Gotteshäusern. Dir Synagogen vermochten ihn nicht auszunehmen. Hunderte von Sälen mußten zu Bethäuser werden, und selbst Stätten profanster Vergnügungen dienten plötzlich gläubig -frommer Einkehr -und hallten wider vom tausendjährigen Rufe: Höre, Israel! Was ist geschehen? Nichts, als was notwendig geschehen mußte. Verfolgung und Unterdrückung bewirkenworan Darwin nicht dachte — auch im Geistigen die Auslese und Erstarkung der Tüch^- tigen. Mögen Feige und Kleimnütige dem Bütergtauben untreu geworden sein oder ihn ängstlich verleugnen — die große Mehrheit ist zur Erkenntnis dessen gelangt, was es bedeutet, Jude zu sein. Das laute Feindesgezeter vom Unwert des Judentums hat sie zum Bewußtsein seines Wertes gebracht. Fortgesetzte Aechtung trieb sie zur Selbstbesinnung und Prüfung. Und sie fanden — manche vielleicht zu eigenem Erstaunen — daß das Judentum der bNenschheit mehr gegeben'/ als irgendein Stamm, irgendeine Religion, vor ihm. Sie erkannten, daß ohne die Botschaft,' die Moses vom Sinai gebracht, diese Menschheit eine -gewalttätige Horde geblieben wäre — jene Botschaft, die bis ans den heutigen Tag Grundlage aller Gesetzbücher, aller Rechtsprechung der Erde ist. Sie erkannten, daß in den Fußstapfen dieses kleinen, umhergetriebenen Volkes immer und überall Kultur und Gesittung ausgesprossen -waren, und sie ermnerteU sich als deutsche Juden daran, daß die Judengemeinden in Mainz, Worms und Speyer zu einer Zeit schon Horte der Gelehrsamkeit und -der /Bildung waren, als rings umher — von den Klöstern abgesehen — noch dumpfe Geistesnacht über Deutschland lag. Sie sahen ferner, wie dieses winzige Häuslein deutscher Juden dem geistigen Deutschland eine Reihe von Philosophen, Gelehrten, Dichtern und Künstlern geschenkt hat, wie kein anderer, selbst ungleich größerer Volkstamm. Keinerlei Verfolgung-, keinerlei. Unterjochung, weder Scheiterhaufen noch Ausnahmegesetze konnten ihnen die Mission rauben, immer ein- Sammelbecken all jener Kräfte zu sein, denen die Menschheit ihre Höherentwicklung, verdankt. Stets erstanden in ihrer Mitte Männer, die, jeder ein neuer Prometheus, der Judenschaft das Licht, die Leuchte der Gesamtkultur je einer Epoche zu vermitteln-, zu bewahren wußten. Aus solcher Erkenntnis erwuchs ihnen der Stolz aus ihr Judentum. Und wenn sie an diesen-Tagen der Versenkung in das Gotteswort uralter Schriften, der Neubelebung uralter Bräuche nur jener dreier Großen gedachten, die in symbolhaftem Zufall alle Moses hießen: an dengroßen Gesetzgeber, der aus dem Born ägyptischbabylonischer Kultur alle lebeussühiaen Keime sonderte und in neues Erdreich pflanzte; an Moses Maimonides, der die -äristotelischgriechische, nnd an Moses Mendelssohn, der die ausklärende, europäische und germanische Kultur ins einstige Ghetto brachte, dann müssen sie in dankbarer Erschütterung ein höheres Wialten erkennen, eine Vorsehung, die auch den Zweiflern die dauernde Erüeuerüng