Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 22 (5.10.1922)
- Date
- 1922-10-05
- Page
- Seite 273 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer S M. Serlin, 5. Oktober 1922 I. Jahrgang ❖ Nr. 22 Mütter fürtteutscttl unvlsuoentum Postscheckrontv: 30472 vr-a« 0es tentral Perüas SeotlcK^. Stluttsdüryerjüüiscden Vlaubens'?« I^H^srr^Sir^S Uss 3uden.ry.rns Verlag unö Schriftleitung: Serlin SW 6$, Linöenftraße 13 ❖ Zernsprechee: flmt Dönhoff 3594, 3695, 3596 Die AeiLfchrifL ist nur durch die zuständige Postanstall zum Preise von vierteljährlich M. 35,- zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudols Mosse, Berlin SW19, imb deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 30,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50^ Nachlaß. Die 90 nun breite Reklamezeile. M. 150,— Der flntifemitiömus in -er höheren Schule. finlisemitische Lehrer. — Religionsunterricht. — stufgaben -er Schule. Herr Professor Hildebrandt, der bekannte pädagogische Schristst'eller, hatte die Freundlichkeit, ims ans unsere Bitte hin die folgenden Ausführungen über das wichtige Thema: „Antisemitismus 'und höhere Schule" zu übermittln. Wir verösfent- - -lichen sie unverändert, schon, um den christlich-religiösen.Standpunkt des geschätzten Der fasse rs - unseren Lesern nicht vörzuent-! . . halten. .' D i e S ch r i f t l e i t it n g. I; Muß man heilte noch Nachweisen, daß Antisemitismus in der i , höheren Schule vorhanden ist? Oder soll man ein Register der höheren Schulen anlegen, in denen er sich nicht allzusehr bemerkbar macht? Es würde nicht allzulang ansfallen. Treibt doch auch in ihnen, der Hakenkreuzteufel sein Spiel und versucht, auch die Schüler, die über'solche Dinge nicht nachgedacht haben, darüber zu : belehren, daß unter seinen Kameraden sich „Bolksfremde" befinden, mit denen er eigentlich nichts gemein hat. Fallen doch auch ab . .und zu in ihnen Aeußerungen, die einen nichts weniger als christlichen Geist der Nichtduldung gegen Andersgläubige verraten. .; Eins steht jedenfalls fest: es wäre eine Leichtigkeit, eine lange Reihe von „Fällen" auszuzählen, bei denen den Lesern die Haare stch sträuben würden und von denen doch wenigstens manche — Gottlob! — mehr ans Gedankenlosigkeit und Nachrederei der Jungen und Mädchen zurückgehen als aus wirklich feindliche Gesinnung ihren jüdischen Kameraden und Kameradinnen gegenüber. Und was nützen diese Dinge schließlich in der Oeffentlichkeit? Es ist.besser, daß der Centralverein jedem einzelnen „Fall" nachgeht -und ihn womöglich durch Rücksprache mit dem Direktor oder durch Vermittlung. des Provinzialschulkollegiums ans der Welt schafft. Die schlimmsten Fälle .sind die, in denen § e h r e r m i t i rn Sp ielsi n d. Es liegt auf der Hand, daß ein Erzieher, der Mißtrauen und Verhetzung einzelner Schüler gegen andere in seiner Klasse allskommen läßt,' seine Pflicht aufs gröblichste verletzt. Meist ist : der jüdische Schüler der schwächere, .immer sind' sie'im der, Minder- - 'zahl. Es ist: ein - Gebot . der Ritterlichkeit, für .'die Schüler, der einfachsten, elementarsten Gerechtigkeit für den Lehrer, sie nicht 'Unterdrücken. '.zu: lassen. -Selbstverständlich: soll er sie nicht bevor- . ZNtz-ett, '.er" soll! .fte;:auch.nicht/'wenn' ste.'etwa''zu leicht verletzt sind — und wir wissen, daß ' Natur und' Umstände. oft 'die Minderzahl in ’ einen stark erregbaren Zustand versetzen — verhätscheln,- aber er soll ^iste gegen.Rohesten'Wutzen, namentlich dann, wenn diese Roheiten :; von, ihren . Mitschülern ausgehen. ' Es',, muß gesagt werden, daß ' es der Lehrer um'seiner'selbst chillen tun'muß: Ein Lehrer,'.dessen ' Gerechtigkeitsgefühlvon seinen Schülern. mit Recht singezweifelt ' 4verden kann, macht' sich unmöglich, -und nichts „förin ihn in den 1 t Augen - seiner Schüler verächtlicher - wachem-'-als gerade dies, - -- daß er '.parteiisch verfahrt.'' Oft genug, wird -er" ja in die Lage kommen,-für einen Jungen Partei zstl. nehmen, der ihm aus irgend- ' . einem Grunds nicht sympathisch ift;r er muß es bod^j tun, weil. er . fönst seine Stellung un-tergraben -Würde.5 Diele -Lehrer ahnen gar nicht/ wie. feist aüsgebildet das Gerechtigkeitsgesühl der Schüler auch in den unteren Klassen ist; die Quartaner schon reden sehr ernsthaft darüber, daß dieser' oder jener ihrer Mitschüler „im Tee" bei seinem Lehrer sitzt und empfinden das als allßerordentlich falsch. Wieviel stärker macht sich dies Gefühl erst in den oberen Klassen geltend! Ohne Ansehen der Person urteilen — das ist für jeden Lehrer das A und 0 seiner gesamten Pädagogik. . Darum ist Grlmdbedingung für eine Zurückdrüngung des Anti^ semitismus auf den höheren Schulen, daß die Lehrer nicht antisemitisch eingestellt sind. Es ist — um das hier mit aller Deutlichkeit zu sagen — die Schuldigkeit der Aufsichtsbehörden, besonders der Provinzialschnlkollegien, rücksichtslos in diesem Punkt durchzugreifen, und es ist auch — soweit ich das übersehen kann -- bei ihnen immer der Wille vorhanden gewesen, diesev Pfticht uachzukommen. Wo sich der Ausführung Schwierigkeiten in den Weg stellen, muß eben ans Ministerium gegangen werden. Wer den Gang unserer Bureaukratie kennt, wird sich nicht wundern, wenn Hemmungen eintreten, die die schnelle Erledigung mancher . Beschwerden verhindern — aber überall da, wo ich die Dinge aus der Mühe verfolgen konnte, ist doch allßerordentlich viel erreicht worden. Meistenteils allerdings werden diese Dinge (wie ich schon bemerkte) im Keim erstickt. Wie kann man in der Schülerschaft selbst gegen den Antisemitismus wirken? Es gibt meines Erachtens nur einen einzigen Weg: Indem wir in Unterricht und Erziehung gleichmäßig die Mittel anwenden, die uns in die Hand gegeben sind.. Zwei Fächer sind es vor allem, die uns dazu dienen können, dem Antisemitismus entgegenzutreten: R e ligi 0 n u n d G e s ch i ch t e. In der Religion soll vergleichende Religionsgeschichte getrieben werden. Es muß gezeigt werden', wie das Judentum abhängig ist von den alteren orientalischen Religionen; es muß gezeigt werden, und zwar schon von unten herauf, um sich allmählich in ihm,, ein geradezu fanatischer Monotheismus durchsetzt, der die Welt mit den köstlichsten ethischen und religiösen Gütern beschenkt, der als letzten in der Kette der gewaltigen Prophetengestalten uns den Mann beschert, der zum ersten Male den grandiosen Gedanken der Gotteskindschaft vorgelebt hat. Wenn der Religionslehrer seine Pflicht tut und seinen Schülern diese Gedanken vortrügt, wenn er als echter Christ ' die ungeheuren Errungenschaften, die das Judentum der Menschheit -gebracht hat, in der Person Jesu hervorhebt, dann werden Mine Schüler nicht kritiklos auf die verbrecherischen Verdrehungen eines so empörenden Buches wie des „falschen Gottes" des Herrn Fritsch hineinfallen. N u r s ch l e ch t e r Religio n s u n t e r r i ch t erzieht Antisemiten! Im Geschick) k s u n t e r r i ch t aber werden wir ja nun eine neue Bahn.emschlagen müssen. Wir werden nicht mehr allein die deutsche Geschichte treiben können, sondern trotz aller Betonung unseres Deutschtums, auch ein wenig die um uns herumwohnendeu Völker betrachten. Wir werden dabei die Beobachtung machen, daß auch unsere'Geschichte manchen Flecken aufweist — daß bei uns die Judenverfolgungen in einer fatalen Verbindung mit dem Auftreten^ eines christlich-germanischen Kaufmannsstandes standen, der sich die unangenehmen Konkurrenten vom Halse schaffte, von denen