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Central-Verein-Zeitung · 1922-09-28 · 21 (28.9.1922) · p. Seite 264

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
21 (28.9.1922)
Date
1922-09-28
Page
Seite 264 (sequence 4)
Language
German
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264 Äem, jp Sieben Monate Gefängnis fnv Hottenrott. Der bekannte Hans H o t t e n r o t t, Herausgeber der deutschvölkischen „Mitteldeutschen Presse", stand wieder einmal vor Gericht und hatte sich in einer einzigen Schöffengerichtssitzung gleich wegen dreier B ele id ig u n g sd e 'l i kt e zu verteidigen. Der erste Fall betraf eine durch^die Presse begangene Beleidigung des ersten Bürgermeisters von Staßfurt Dr. Berger, die dem Angeklagten — der sich entschieden weigerte, auf der Anklagebank Platz zu nehmen, und sich erst nach scharfen Drohungen des Vorsitzenden dazu beq uem te — v i e r Monate G e f a n g n i s einbrachte. Im zweiten Falle, gleichfalls eine unbegründete Beschimpfung, kam er mit 5 0 0 Mark Geldstrafe davon. Interessanter ist der dritte Fall. Der Angeklagte hatte dem Kaufmann Joseph, der als Kriegsfreiwilliger die schweren K ä m p f e auf der L o r e t L o h ö h e m i t - g e m a ch t und -dann in französische Gefangenschaft geraten war, Feigheit, Beleidigung, des Offizierskorps und ähnliches angedichtet. Da der einzige Kronzeuge Hottenrotts völlig versagte und die übrigen Z e u g e n a u s n a h m s l o s z u u n g u nst e n H o t te nr o t t s aussagten, lautete das Urteil auf drei M ouat e G e - fängnis. Tragung der Kosten und Publikation. In der Begründung heißt es: „Es ist dem Beklagten Hottenrott nicht gelungen, Zeugen für feine Behauptung gegen den Kläger zu erbringen. Offenbar lag die Absicht vor, den Kläger als S t u r m - bock für die Jude n hetze zu benutzen. Die Handlungsweise Hottenrotts bei Propagierung seiner Ideen, die häufigen strafen und der geringe Respekt vor dem Ehrgefühl feiner - Mitmenschen .lassen die Höhe der Strafe gerechtfertigt erscheinen." Znsam.menÄvttch einer „christlichen" Bant. Der „christliche Kurs" in Ungarn hat kürzlich eine arge Schlappe erlitten, die ihm wohl zu gönnen Ware, wenn sie nicht für hundert Unschuldige schwersten schaden, vielfach selbst materiellen Ruin bedeuten würde. Bekanntlich arbeitete der Hetzantisemitismus der Horthyschen Reaktion seit jeher mit den Schlagworten von der Verjudung der Volkswirtschaft, vom jüdischen Geldwucher und von der Notwendigkeit, den Budapester jüdischen Großbanken die finanzielle Hegemonie zu entreißen. Diese Schlagworte, die vielfach auf fruchtbaren Boden sielen, machte sich ein unternehmungslustiger kleiner Bankbeamter namens Pälfy, dessen Wagemut ungleich größer war als seine Fachkenntnisse, zunutze und gründete rasch die sogenannte „ P ä l s y - Bank". Dieses Institut sollte, wie es in den Prospekten hieß, die Aufgabe haben, den jüdischen Banken ihre Macht zu entziehen und die Bank aller christlichen Ungarn zn werden. Tatsächlich hatte Pälfy beträchtlichen' Zulaus namentlich klerikaler Kreise, Viele Geistliche, Landwirte, aber auch Aristokraten waren vertrauensselig genug, der neuen Bank ihre Kapitalien anzuvertrauen, besonders da ihnen gewaltige Börsengewinne in Aussicht gestellt wurden. In Wahrheit führte aber Pälfy die i hn: Ankommenden B ö r s e n a u f träge gar nicht aus, sondern verwendete die ihm durch ein über das ganze Land verbreitetes Netz von Zutreibern eingebrachten Gelder zu tollkühnen Baissespekulationen aus eigene Rechnung. Das stete Steigen der ungarischen Krone, das vor wenigen Wochen einsetzte, ließ diese Spekulationen sehlschlagen und der 'Zusammenbruch war schließlich nicht mehr aufzuhalten. P ä l s y st e l l t e s i ch, a l s e s s o w e i t w a r , selbst d e m Gerichte und die Untersuchung ergab, daß die gesamte Geschäftsgebarung dieser ersten „rein christlichen" Bank ein einziges gewissenloses S ch w in b e I in anöver w a r , und daß die Vertrauensseligen, die ihre Spargroschen zu Pälfy getragen hatten, nun das Nachsehen haben. Die Verluste beziffern sich auf m e h r e r e hundert Millionen Krön e n, sind aber in ihrer genauen Höhe gar nicht festzustellen, da viele es nun vorziehen, sich zum Schaden nicht auch noch den Spott zu holen, und es unterlassen, die Anzeige zu erstatten. Unter diesen soll es — was überaus wahrscheinlich ist — M anner in den h ö ch st e u politischen Stellungen geben, ja einem Gerücht zufolge soll auch die Exkaiserin Zita den Verlust von fünf Millionen Kronen zu beklagen haben. Pälfy wurde wegen Berrugs in Hast genommen. Die Selbsthilfe rmter den Juden der Ukraine. Nach einem uns aus Charkow zu gegangenen Bericht ist das jüdische gesellschaftliche Leben in den Städten der Ukraine, das so lange daniederlag, in der letzten Zeit wieder im Aufblühen begriffen. So hat sich in Charkow eine Gruppe Personen des jüdischen öffentlichen Lebens zu einem Komitee für Hungerhilse konstituiert Dieses Komitee wandte sich an die jüdische Welthilfskonserenz und an die anderen jüdischen Organisationen im Ausland mit einem detaillierten Arbeitsplan, der unter anderem die Schaffung neuer Speisehäuser, die Wiedernuslebuuq des von der medizinisch-sanitären Gesellschaft „Oze" geschaffenen Systems von Ambulatorien und der Verteilung von Milch und Medizin fürjüdische Säuglinge, sowie manche andere Aktionen umfaßt. In Ausnutzung der neuen Wendung in der Wirtschaftspolitik Rußlands plant das Komitee die Einrichtung einer Spar- und Darlehnskasse. Auch in Rostow am Don hat sich eine jüdische Gesellschaft für gegenseitige Hilfe gegründet, die Arbeitskooperativen organisiert und ärztlich-medizinische Ambulatorien eingerichtet hat. Die in Odessa bestehende Kommission für Hilfe an der jüdischen Intelligenz hat an die Welthilfskonserenz und an andere jüdische Organisationen ein Memorandum geschickt, in welchem aus die Notwendigkeit hingewiesen wird, der gesamten Hilfsarbeit in der Ukraine eine gesellschaftliche Prägung zu geben und sie derart umzubauen, daß die Judenheit in der Ukraine allmählich zur Selbsthilfe übergehen kann. Anonyme Feiglinge. Bor dem Amtsgericht Polzin spielte sich jüngst eine Gerichtsverhandlung ab, die in das Treiben a n o n y rn e r F e i g l i u g e aus d e m de u >t sch v ö l k i s ch e n L a ge r hineingeleuchtet hat. Besonders in der letzten Zeit mehren sich die Fälle, daß jüdische Bewohner eines Ortes durch Briese oder Postkarten unflätigen Inhalts beschimpft und bedroht werden. Daß aber Judenfeinde sich als „M itglreder einer Synagogen gemei-ube" bezeichnen, dürfte immerhin zu anonymen Seltenheiten gehören. Aus der Anklagebank erschien der Drogist Ludwig, während der Angeklagte G ä d t ke , seinerzeit Geschäftsführer bei einer d e u t s ch n ät i o n a l e n Organi-. satrvN', vom Erscheinen entbunden war. Gegenstand der Anklage ist ein anonymer Brief, der unter dem 5. August 1921 an einen Herrn v. Cosel gerichtet war und folgenden Wortlaut hatte: l „Mit Befremden haben wir davon Kenntnis genommen, daß Ihre Tochter Annemarie Vorsitzende des Deutschnätionalen Jugendbundes geworden ist. Sie wissen wohl nicht, daß die Mitglieder den Satzungen nach Antisemiten sind? Wir können es uns auch nicht denken, daß Sie diese Bestrebungen mit Ihrer Tochter an der Spitze billigen. Wir möchten Ihnen doch nahelegen, zu veranlassen, daß Ihre Tochter den Vorsitz niederlegt. Wir warnen Ihre Tochter, sich weiter als Antisemitin au betätigen. Indem wir. geehrter Herr v. Cosel. Rücksicht auf Ihre werte Frau Gemahlin nehmen, m ächten wir nicht, daß I h r e Tochter durch Zufall einem Unglück z u nt Opfe r fallen würde. Mehrere Mitglieder der S y n a g o g e n g e m e i n d e. Wir warnen, diesen Brief Z u veröffentlichen!!!" Ludwig gestand-, den Brief gemeinsam mit Gädtke an einem Sonntag geschrieben zu haben, aus Interesse an der deutschnation a l e n Sache, weil er . Fräulein v. C. , nicht für eine geeignete Vorsitzende hielt. DaA Gericht erkannte aus eine Geldstrafe von 500 Mark. Eine staatliche hebräische Volksschule in der Bukowina. Ter hebräische Land-esschulverein in der Bukowina erhielt von der rumänischen Unterrichtsbehörde die Bewilligung zur Eröffnung einer Volksschule mit hebräischer Unterrichtssprache. Im ersten , Schul)ahr dürfen in die erste Volksschulklafse vorläufig nur 40 Kinder ausgenommen werden. Wieder einmal „das Schächten". Die angeblicher Belehrung gewidmete Beilage der „Freiheit" bringt dieser Tage Aeußerungen eines Schweitzer Metzgers über das jüdische Schächten, das dieser als «die brutalste, quälendste Art der Tötung bezeichnet Man sollte nachgerade meinen, daß halbwegs vernünftige Leute,, selbst wenn sie sich zum Antisemitismus bekennen — eine Voraussetzung, die von der „Freiheit" gewiß abgelehnt werden wird — über diesen einst viel umstrittenen jüdischen Brauch genügend aufgeklärt, sind und wissen, daß das Schächten nicht nur die human st e, sondern auch jene Tötungsart darstellt, bei. welcher infolge der vollkommenen Ausblutung, die H-Ebar-kei t des Fleisches am längsten gewährleistet ist. Aus diesem Grunde hat z. B. die deutsche M i l i t ä r v e r wTl ltu NH schon seit dem Jahre 1895 in allen ihren S ch lachth ä u fern eine d e m Schä ch te n ä h n l i ch & Tötungs - m e t h o d e ein geführt und seinerzeit wurde überdies dem Reichstag ein Gutachten der „Königlichen Deputation für das Medizinalwesen" vorgelegt, das sich gleichfalls für das Schächten aussprach. Dieser Deputation gehörten Männer wie Virchow, v. Bardel-eben, v. Bergmann, v. Leyden u. a. an. Autoritäten,^ vor denen die „Freiheit" eigentlich verstummen und -antisemitische Hetzereien dieser Art lieber der Rechtspresse überlassen sollte. Eine neue deutsche Antisewitenpartei. Obwohl in den jüngsten Verlautbarungen aus dem Lager der Deutschnätionalen Partei die Festigung des Bandes zwischen Konservativen und Deutschvölkischen als eine vollzogene Tatsache hingestellt wurde, scheint sich die Absplitterung auf der äußersten Rechten der Partei weiter fortzusetzen. In der letzten Zeit hat sich eine neue Partei mit rein antisemitischer Tendenz gebildet, die sich in ihrem Programm „Deutscher Freiheitsbund" nennt und die „Befreiung von der Herrschaft der Fremdstämmigen", von der „Willkür des Parlamentarismus" und vom Versailler Vertrag zum Ziel setzt. Wie es heißt, stehen die aus der Deutschnationalen Partei ausgetretenen bzw. hinausgedrängten Herren Wulle und v. Gräfe der neuen Parteigründung nahe, aber auch mehrere, noch bis Zuletzt dem Gefüge der Deutschnätionalen Partei angehörigen Kreise sollen sich an der Gründung, beteiligen. Ehrung Gefallener. Die Einw>eihung der Gedenktafel irr der Synagoge der Filialgemeinde Zeitz gestaltete sich unter Beteiligung der städtischen und Schulbehörde zu einer erhebenden Feier. Rabbiner Ludwig gedachte der für ihr Vaterland gefallenen Kämpfer, während Studiendirektor Dr. Brohm versicherte, -daß unter den siebzig gefallenen Jünglingen seiner Schule die sechs jüdischen Gefallenen nicht vergessen sein würden. — In der Synagoge zu Mellr i ch st a d t wurde eine Gedenktafel für die gefallenen Krieger des Weltkrieges 1914/18 errichtet und am 29. IM durch, ein kurzes Gebet des Lehrers Gott lieb eingewecht. Die aus der Tafel eingravierten Namen der Gefallenen schließen mit dem in hebräischer Schrift eingehauenen jüdischen Spruch: „Das Andenken der Gerechten sei zum Segen." ‘ , Danksagung. Zu meinem 60. Geburtstage sind mir zu meiner freudigen Ueb'erraschun-gi von allen Seiten so viele freundliche Glückwünsche und Anerkennungen ausgesprochen worden, -daß ich alle lieben Freunde bitten muß. ihnen auf diesem Wege meinen herzlichen Dank sagen zu dürfen. In treuer Gesinnungsgemeinschast , .... Rabbiner Dr. J a c o b (Dortmund). -

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