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Central-Verein-Zeitung · 1922-09-28 · 21 (28.9.1922) · p. Seite 263

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
21 (28.9.1922)
Date
1922-09-28
Page
Seite 263 (sequence 3)
Language
German
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263 Ast öer Kampf gegen -en Antisemitismus aussichtslos I Von Curt Bürg e-r. Manch einer in deutschen Landen wird, wenn er den derzeitigen völkischen Hexensabbat im öffentlichen Leben Deutschlands sich austoben sieht, lebhaft an den Stoßseufzer Heinrich Heines erinnert, daß „das v e r d a in m t e Mittelalter noch i m m e r n i ch t v o r ü b e r" sei. In der Tat hat es Deutschland im Austragen politischer Meinungskämpfe herrlich weit gebracht; wir stehen nämlich noch immer aus dem Niveau mittelalterlicher Ketzergerichte.. ^„Wir Epigonen rümpfen heut", wie ein bekannter katholischer Schriftsteller, der seinerzeit wacker gegen Glaubens- und Rassenhaß gekämpft hat, einmal gesagt hat, „die Nase über die fluchwürdige Inquisition und die mittelalterlichen Judenverfolgungen. An die Stelle der Hexen haben die Vertreter der Religion der Liebe und modernen Bildung gegenwärtig das Judentum gesetzt. Statt Hexen und Druiden foltern wir heut Israeliten." Das ist gewiß nicht übertrieben. Aber man soll demgegenüber sich auch daran erinnern, daß wir jetzt in anormalen Zeiten leben, in einer Zeit, wo alles leidet, am m e i st e n aber die V e r n u n s t. Die Lust riecht — vom außenwie innenpolitischen Gesichtspunkt betrachtet — immer noch nach Blut. Die Wildheit der Zeit hat alle bestialischen Triebe im Menschen wieder galvanisiert. „Denn ein gefleckter Tiger ist der Mensch." Auch ist Immer mann voll beizustimmeu, wenn er in den „Epigonen" sagt: „Die alten Jahrhunderte haben uns ihre Röcke h i n t e r l a s s e n, in die steckt sich die jetzige Generation. Abwechselnd kriecht sie in den frommen Rock, in den Patriotischen Nock, in den historischen Nock, in den Kunstrock, und in wie viele Röcke noch sonst." In unserer nun schon zwei Jahrzehnte andauernden nationalistischen Periode, in welcher der R a ss enwahn Trumpf ist, der, um ein Wort des Dichters Freiherrn v. G a u d h („Nömerzng") anzuführen, „seinen grätig enPatriot i s m u s ballenweise ausbricht", ist es der bis zur Selbstvergötterung gesteigerte Kultus des Blutes, der rassenreinen Abstammung. Indes auch dieser von unseren Teutonen zur allgemeinen Anbetung ausgestellte „heilige Rock" wird keinen ewigen Bestand haben. Die Dinge sind im ewigen Fluß und „die Zeit ist", wie Goethe gesagt hat, „i n e w i g e m F o r t s ch r e i t e n begriffen, die rn e n f chk i ch e n Dinge haben alle 50 Jahre eine andere G e st a t t". Vor 50 Jahren war das eben erst geeinigte Deutsche Reich unter Nachwirkung Zweier siegreichen Kriege und dank des freiheitlichen Ausbau V im Innern nahezu frei von irgendwelchem Antagonismus gegen die Juden. Da kamen die G r ü ud e r j a h r e und in ihrem Gefolge der wirtschaftliche Zusammenbruch vieler aus hohlem Schein oder schwindelhafter Unterlage ausgebauten Unternehmungen — und der im Lause der Jahrhunderte schon so oft bei politischen oder wirtschaftlichen Katastrophen bewährte Prügelknabe, der Jude, wurde wieder Zentralobjekt der allgemeinen Hetze. Damals' als ein Berliner Stadtgerichtsrat den ' Neigen der antisemitischen Pamphlete mit einer Schrift „Die goldene JnternaLion>ale" (Berlin 1876) ervfsnete, war B e r t h o l d Auerbach, der nur seinen dichterischen Neigungen lebte und um die Politischen Tageszänkereien sich wenig kümmerte, wie aus den Wolken gefallen; ein n o ch m a l i g e s A u s s l a ck e r n des Judenhasses, den er längst, sür alle Zeiten, begraben wähnte, erschien ihm ganz unfaßbar: „Ist es nicht entsetzlich," schreibt er in seinem Tagebuch, „daß das alles noch einmal sein muß? Vor nunmehr 50 Jahren hat Hofacker in Stuttgart und dann Kotteck in Karlsruhe gegen die Juden geeifert — und das nun Wiede r." Man beachte, — nebenbei 'bemerkt — wie der von Goethe erwähnte 5 0jährige Wechsel der A n f ch a u n n gen bzw. die Wiederkehr längst Überwunden geglaubter Vorurteile in beiden Fällen nahezu aufs Jahr zugetroffen ist. In Frankreich hat sich eine parallele Erscheinung, allerdings in längeren Zwischenräumen gezeigt. Die Judenfrage brannte lichterloh in der französischen Presse von 1806. Die gewaltigen Umwälzungen, die die uapoleonische Zeit gebracht, ließen sie jedoch bald in der Versenkung verschwinden; sie tauchte auch während der Bourbonenzeit und nach der Rückkehr der Napoleoniden nicht mehr auf. Erst in der Dreyfus- Zeit flammte der Antisemitismus in Frankreich, geschürt durch die „Union de eloc'hes et des tambours“, wieder in Hellen Flammen auf, die nach Beendigung der „Assaire" sehr bald wieder erloschen; seit der Zeit haben die Juden in Frankreich vor nationalistischen Umtrieben, die sich gegen s i e richten, Ruhe. In Deutschland aber hat sich jetzt glücklich „d i e Erneuerung der greulichen Gemeinheit", wie A u e r b a ch 1881 das Aufslackern der alten gehässigen Vorurteile bezeichnete, wieder eingestellt, und womöglich noch in potenzierter Form. Die politische Giftmischerei wird von den völkischen Demagogen mit einem diabolischen Raffinement betrieben. „Nicht mit ihren Händen, aber in ihrer Seele mischen sie das Gift" sagt Karl Frenzel in seinem bekannten Roman: „Watteau" von einer ähnlichen Politisch gearteten Geistesrichtung. — Was sollen die Juden nun tun, nachdem sich gezeigt hat, daß es gegen Glaubens- und Rassenhaß ein politisches ,A r k-a n u m nicht gibt? Nun, sie sollen weder m u t l o s werden noch an der Möglichkeit, daß es doch noch einmal gelingen wird, diesen bösen Trieb aus der Menschenseele auszurotten, verzweifeln. Th. M o m m s e n hat einmal mit Recht gesagt: „Verzweiflung ist das nichtswürdigste der Gefühle." Sie sollen sich auch nicht vom Ekel übermannen lassen und die Hände in den Schoß legen. Lagarde, eine gewiß unverdächtige Persönlichkeit, der ja auch seine völkischen Pappenheimer gekannt hat, hat gegen den Ekel ein gutes Rezept empfohlen: „Wenn Menschen vor Ekel sterben könnten, wäre ich längst t o t. Ich habe den Ekel n i e d e r g e k ä m p s t und niedergearbeite t." Das ist es, was auch den Juden frommt. „Arbeiten und nicht verzweifeln." „D i e Juden müssen sich wehren" hat schon Börne ausgesordert — wenn auch die widrigen Zeitverhältnisse und die geistige Verfassung eines großen Teils der derzeitigen Generation einen nahen Sieg, einen raschen Umschwung der Volksstinuuung nicht in Aussicht zu stellen scheinen. Fichte hat einmal gesagt: „Der m e n s ch l i ch e G e i st geht n u r st u s e n w e i s e von Klarheit z u Klar h e i t." G e d u l d ist der Schlüssel jedes Erfolges. Die ll n geduldige n sollten sich stets das Wort Bismarcks vor Augen halten: „Wir können das Reifen der F r ü ch t e nicht dadurch beschleunigen, daß "wir eine L a in p e d a r u n ter h a l t e n , und nur können den Gang der Ereignisse nicht dadurch beschleunigen, daß wir unsere Uhren voranstellen." ( M achiavelli hat au dem Beispiel der römischen Geschichte gezeigt, wie ein ewiges Vorrücken und Z u r ü ck w e i ch e n, ein ewiges Steigen und Sinken, ein Fortschreiten zum Guten und Zurückgehen zum Bösen stattfindet, wie sich keine Entwicklung auf einer geraden, ununterbrochenen Bahn vollzieht, sondern in scheinbar verschlungenen, widerspruchsvollen und Zurückstrebenden Läufen, oder in einer aussteigenden Spirallinie, welche, mit das hohe Ziel zu erreichen und die Steigung zu überwinden, sich in weiten Kreisen aufwärts wendet, bis, je mehr sie sich der Spitze nähert, die Kreise kleiner werden und die Bewegung rascher. Keine große Idee — und welche wäre größer als der Humanltütsgedanke — hat das Zeichen, das sie sich als Ziel gesetzt, im ersten Anlauf e erreicht, sondern, oft zurückgefchlagen, stets wieder von neuem kräftigenden Aufschwung nehmen müssen, -um endlich den Kampspreis zu erreichen. Das gilt auch von der nur oberflächlich Urteilenden als Sisyphusarbeit erscheinenden Bekämpfung des jetzt im Wandel der Zeiten wieder einmal in hellen Flammen auflodernden Judenhasses. Also darum kein Pessimismus, kein Verzagen, kein Hände-in-den- S ch o ß - L e g e n oder gar absichtliches Ignorieren der antisemitischen Bewegung! Auch solche Typen wie die letzteren gibt es nämlich im Judentum, die, offenbar eine aninia candida, wie Ed. Laske r kopieren zu dürfen glauben, der, als die damalige „antisemitische Welle", von der ja unsere Reaktionäre auch jetzt wieder alles Heil sür die Wiederetablierung ihrer Herrschaft in Deutschland erwarten, bereits einige Monate alten politischen Morast aufgewühlt hatte, Julius Stettenheim, der ihm aus der Straße begegnete und der ihn fragte, was er von dieser Erscheinung halte, ganz erstaunt e r w i d e r t e : „E x i st i e r t das noch immer?" Ja, „d a 8 e x i ft i e r t" auch jetzt leider noch! Darum halten wir es aber doch mit Gotthold Ephraim L e s s ing s Glauben an den E n d s i e g d e s G u t e n : „Geh deinen unendlichen Schritt, ewige Vorsehung. Nur laß m i chdieser U u m e r k l i ch k e i t Wege n , an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir sollten scheinen, zurückzugehn, so ist n i ch t n> a h r, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist." So der Schöpfer des „Nathan", dieses Hohenliedes auf den Gedanken der Versöhnung und Verträglichkeit des Menschengeschlechts. Auch der völkische Rassenwahn, der, sich jetzt in- Deutschland auf allen Gassen austoben darf, durch die Toleranz einer republikanischen Negierung, die den Toleranzgedanken zuweilen sogar über die Aufrechterhaltung der Autorität des Staats stellen zu sollen glaubt, wird wieder zurückebben. Auch diese „glorreiche" Bewegung wird dereinst vielleicht kläglich im Rinnstein enden. Oder wie das Wilhelm Raabe ungleich poetischer ausgedrückt hat: „Alles im Leben k o m m t s chlie ß l i ch aus den S ch ü d d e r u m p", den greulichen Schinderkarren, der in den mittelalterlichen Städten die Pestkeicheu von der Straße aufnahm. Auch sür den Antisemitismus wird d e r e i n st d e r Sch ü d d e r u m p ko in m e n 1 iZZ7''TJT7JJ.7J,'Z / L.'T777 ll Mitglieder des C. V.! Ihr spart viel Geld und unterstützt wirksam euren Verein, wenn ihr eure Familienanzelgen und Stellengesuche CV.-Zeitung in der erscheinen läßt, deren Auflage von über 60000 Exemplaren ihnen weiteste Verbreitung sichert und wo ihr 50 % Ermäßigung genießt,

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