Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1922-09-28 · 21 (28.9.1922) · p. Seite 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
21 (28.9.1922)
Date
1922-09-28
Page
Seite 262 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277380-2277401--00284-2279394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

262 betrachten, klar zu erkennen suchen und dann geräuschlos handeln- Nur auf dem Boden versöhnlicher Volksgemeinschaft wird die Arbeit an Deutschland und für Deutschland gedeihen. Bis diese Erkenntnis Gemeingut des ganzen deutschen Volkes geworden ist, müssen wir mit allen, die guten Willens sind, kämpfen, tagein, tagaus kämpfen, gegen den Wahnwitz des Judenhasses, für unsere völlige politische, religiöse, wirtschaftliche und soziale Gleichberechtigung. A. Sch. Zum Versöhnungstage. Von Bezirksrabbiner Dr. B e e r m a n n (Heilbronn). Der jüdische Religionsphilosoph des neunzehnten Jahrhunderts Hermann Cohen legt entscheidenden Wert daraus, wie sich in den «beiden großen Festtagen, die im sogenannten Spätjudentum erhöhte Bedeutung gewannen, Neujahr und Versöhnungstag, die Wendung Zum Reinmenschkichen vollzieht. Nicht eher verzeiht am Versöhnungstage der Allvergeber die Sünden, als bis der Mensch sich mit dem Menschen ausgesöhnt hat, lehrt die Mischnah. Wie der Gottesdienst sich im Dienste am Nächsten vollendet, so wird die Sündenvergebung eingeleitet mit der Versöhnung der Menschen untereinander. Von diesem Geiste des Reinwenschlichen ist auch das Bibelbuch erfüllt, das der Takt unserer Weisen Zur eigentlichen Festschrift des Versöhnungstages bestimmt hat, die Erzählung vom flüchtigen Propheten Jona. Man hat den Grundgedanken, die Tendenz unserer Schrift geradezu auf die Formel gebracht: Heiden sind auch Gottes Kinder. Der Prophet, der sich seiner Sendung entzieht, das Vorurteil, das seine Flucht verschuldet, und die lehrreiche Erfahrung, die ihm Gott vermittelt, haben auch uns Juden, die wir dem Banner des Central-Vereins folgen, wertvolle Winke Zu geben. Der Prophet, der sich seiner Sendung entzieht, der dem Rufe seines Gottes aus dem Wege geht, das ist ein narrendes Bild für uns moderne Israeliten. Der Glaube an eine bestimmte Sendung, die wir unter den Völkern zu vollbringen haben, ist ein Erbgut aus der Prophetenzeit, und das Bewußtsein, Adel verpflichtet, hat in den Jahrhunderten des Druckes unsere Väter davor geschützt, der äußeren Schändung die Preisgabe der inneren Würde folgen Zu lassen. Unsere Väter wußten, wofür sie litten. Das gab ihrem Leben etwas Heldenhaftes. Das wob um unsere Geschichte den Glorienschein des Duldertums. Entziehe dich nicht deiner Ausgabe, arbeite an der Verwirklichung des jüdischen Gedankens, pflege bei dir und den Deinen das Bewußtsein, Jude zu sein! Warte nicht, bis der Sturm des Hasses und die erregten Wogen der Leidenschaft dich zu dem Bekenntnis zwingen, mit Jona zu sprechen: Ein Jude bin ich Iwri onoehi, sondern erfülle dein ganzes Sein und Wirken mit entschieden jüdischer Gesinnung, welche die Vorurteile entwaffnet, den Heldensinn entflammt, die Kämpsertreue in der Seele fest begründet und nicht nur dem Gegner schließlich Achtung abnötigt, sondern in den eigenen Reihen die Säumigen sortreißt, die Gleichgültigen aufruft, die Jugend begeistert und so den Sieg unserer Sache gewährleistet! Warum flieht Jona? Ein Vorurteil will ihn den Predigertalar abtun lassen. Nach Ninive soll er zu den Feinden seines Volkes, ihnen soll er rettende Bußbotschaft bringen. Das mag er nicht. Die Feinde sollen nicht göttlichen Heiles teilhaftig werden. Doch Gott weiß, ihn in seinen Dienst Zu zwingen. Schon aus dem Schiffe müssen ihm die heidnischen Seeleute zeigen, daß auch in ihrer Brust Eottessehnsucht sich regt und ein Gewissen schlägt, und hernach, als er sich an Ninives Küste sieht, zeigt sich die Heidensckraar dem himmlischen Bußruf in vollem Ernste willfährig. Und nun packt ihn der Groll, daß er durch seine Worte seines Volkes Erbfeind vor Strafgericht und Verderben gerettet hat. Da setzt er sich bis zum Sterben verärgert unter die blattreiche Staude, die ihm vor der Sonnenglut mit ihrem grünschattenden Dach Schutz gewähren soll, und muß betrübt werken, wie der giftige Wurm die weitblättrige Pflanze tödlich verletzt, daß sie müde dahinsiecht. Gott aber läßt ihn erkennen: Dir tut es leid um die kurzlebige EinLagsPflanze, um die du dich nicht mühtest, und mir soll es nicht leid tun um Ninives TauseWe mit den vielen kleinen Kindern! Auch die Heiden sind Gotteskinder^ auch ihre Kleinen Lieblinge des Allvaters und berufen, Gott zu dienen. So ist das Buch ein Protest gegen engherzigen Nationalismus, ein Freibrief hochgemuten Menschentums. Hinweg über die künstlichen. Grenzen verbindet es die Völker zu einem Götterreich der Liebe und Gerechtigkeit. jKamPs gegen das Vorurteil, das ist auch die Aufgabe, die wir Anhänger des Central-Vereins auf uns genommen haben. Den Judenhaß niederringen und entwurzeln, das heißt: dem Menschentum und der Güte eine Gasse bahnen, das heißt schließlich: aus der Verflachung den Weg finden zur Vertiefung. Die Leute von Ninive fanden durch ihre Butze Gottes Gnade, weil ihre Reinheit nicht in äußerlichen Gebärden bestand, sondern in innerer Neugeburt und Auferstehung. Gott sah nicht, wie die Alten betonen, aus ihr Fasten sondern auf die neuen Werke der Liebe, die sie als Bußfertige taten. So muß man auch uns den aus der Gemeinschaft mit Gott gewonnenen Höhengeist der Versöhnung in unserem Umgang mit den Menschen anmerken. Wo es gilt, zu heilen und zu helfen, da darf bei uns nicht die Frage heißen: woher stammst du. was glaubst du, sondern nur das Wort muß herrschen: Kol happoschet jado nosnim Jeder Hand, die sich ausstreckt, werde Hilfe. Die Sage weiß zu erzählen, daß der bekehrte Jona an der Stelle des lehrreichen Kikajon-Erlebnisses ein Beth-hamidrasch, ein Lehrhaus, errichtet habe. Auch für uns, die wir mit der Abwehr die Einkehr verbinden, ist die Kenntnis vom Lehrgehalt des Judentums überaus wichtig. Ein modern-jüdischer Dichter gibt uns eine Szene unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalems. Da hält die Mutter, ein Blümlein vom heimischen Garten, der Sahn ein Schwert, die Tochter ein Ackergerät in den Händen. Das haben sie aus dem Zusammenbruch -gerettet, der Vater aber will von der welkenden Blume, dem rostenden Eisen, dem modernden Holze nichts wissen. Er sagt, indem er auf die Thorarolle weist: En lonu schrjjur rak hattoroh hasot. Uns ist nur die Gotteslehre geblieben. So sehen auch wir im Lehrgehalt des Judentums das Ewig-Bleibende. Darum begnügen wir uns nicht, die Verdächtigungen unserer Feinde, die Verleumdungen unserer Gegner in ihrer Haltlosigkeit und Nichtigkeit darzutun, sondern wir mühen uns, in unseren eigenen Reihen das Verständnis für die Schönheiten unserer Religion, für die erlösende Gewalt ihrer Gedanken zu vermehren und zu vertiefen, weil wir von der Wahrheit des Prophetenwortes durchdrungen sind: Wechol bonajich limmude adonaj weraw scholom bonojich Sind alle deine Kinder Jünger des Ewigen, dann beglückt Fülle des Heils deine Kinder. Die Nationalsozialisten. Jüngst fand in Dort in und die erste Versammlung der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei unter der Devise „Juden haben keinen Zutritt" statt, deren Referent der Genosse Esser aus München war. Einige besonders bemerkenswerte, die Kampfmethoden dieser Partei charakterisierende Aeußerungen seien hier wiedergegeben. < . . . Zur Besserung der jetzt bestehenden himmelschreienden Zustande auf dem gesamten mirtschaftspolitischen Gebiet bedürfe es einer grundlegenden Aenderung in der Einstellung der Menschen. Die Staatssorm ist dabei von ganz nebensächlicher Bedeutung. Wir brauchen dazu keine Monarchie und keinen Kaiser, wir brauchen auch keine Räterepublik, sondern da würde die heutige Mistrepublik vollkommen ausreichend sein . . Der Indianer, der früher die Gewohnheit hatte, dem Fremdling, den er besiegte, die Kopfhaut abzuziehen und sich nachher an den Bauchnabel zu hängen, und die Kannibalen, die die Gewohnheit hatten, den Fremden auszufressen, werden von keinem Indianer oder Kannibalen de n V o r w u rf gemacht bekommen, d a U derartiges nicht am Platze sei ... Ein gerüttelt Maß von Schuld trifft unseren letzten Kaiser, der das Judentum zur Macht gebracht hat. Bei ihm konnten die Juden Rathenau, B a 11 i n und ähnliche Mädchenhändler ausundeingehen und ihm ihre wohlgemeinten Ratschlage, die zur Verjudung des maßgebenden Deutschland führten, zuflüstern, während er einen Mann wie Bismarck zum Teufel jagte . . . Alle Schieber und Wucherer müssen ausgehängt werden, sie — die Nationalsozialisten — würden sich gern als freiwillige Hi lfs man nschuft zu diesem Zwecke zur Verfügung stellen ... Und diese wüsten Rohlinge nennen sich „deutsche Männer"! Ein Deutschland, dessen repräsentative Männer so aussehen, wäre einzig in Zentralasrika denkbar und stände dort weit hinter Suahelis und Zulukasfern,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.