Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 21 (28.9.1922)
- Date
- 1922-09-28
- Page
- Seite 261 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 3 M. Serlin, 28. September 1922 I. Jahrgang ❖ Nr. 21 Vryau -es lLnkralVerems -eutsrker PIStter für Deutschtum un-luoentum Postscheckkonto: 30472 Äll^emeine Zeitung des Oudenlums Verlag unö Schriftleitung: Herlin SW 88, Linöenftraße 13 * Fernsprecher: Mmt Dönhoff 3594, 3595, 3598 Die Zeitschrift ist nurdurch die zuständige Po st an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 35',— zu beziehe^ Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Cxpedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 30,-^ für bie 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50°/0 Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 150,— Volksgemeinschaft und Versöhnung. Eine Neöe Strefemanns in Sreslau. — Die vereinigte Sozialdemokratische Partei. Die Kundgebung der Deutschen Volkspartei in Breslau und die Einigung der Sozialdemokratie zur Bereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Nürnberg haben den vergangenen Sonntag zu ,einem Tag erster Ordnung unseres innerpolitischen Lebens gemacht. Rechts- und Linksbolschewismus erheben bedrohlich ihr Haupt. Gesetzlosigkeit und I u d e n h a ß, die alten Todfeinde von Volksgemeinschaft und Versöhnung, sind an der Arbeit, in diesem Winter alle Bande frommer Scheu zu lösen und die stetig fortschreitende Gesundung unseres Volkskörpers gewaltsam zu verhindern. Es ist sicherlich kein Zufall, daß die Breslauer und Nürnberger Tagungen in einer Zeit stattgefunden haben, in der die Verantwortungslosigkeit des Radikalismus dem Bestand'der auf dem Boden der Verfassung stehenden großen Parteien gefahrdrohend wird. In Breslau hat S t r e s e m a n n, vom Rathenau-Mord ausgehend, der den Gedanken der Volksgemeinschaft und die Befestigung unserer inneren Verhältnisse schwer verletzt habe, einen Satz ausgesprochen, den wir sesthalten müssen: „I' ch b i n überzeugt, daß Bismarck in unserer außenpolitischen Lage den Unfug des politischen Antisemitismus sich entschieden verbeten hätte."' Auch inden industriellen Kreisen, die den Judenhaß im Wahn vaterländischen Tuns förderten, wächst die Einsicht, daß zum mindesten die außenpolitischen Folgen oes brutalen Judenhasses schwerwiegend sind in einem Deutschland, in dem nicht mehr der Goldbestand, sondern Ordnung und Vertrauen die Valuta bestimmen. Wir können im Central-Verein mit innerer Befriedigung diese Erkenntnis allmählich kommen sehen, weil sie zum guten Teil das Werk unsererunermüdlichen Aufklärung in Wort und Schrift ist. Nur dann werden wir Deutschland ausbauen und in absehbarer Zeit gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen entgegenführen können, wenn das Ausland, vor allem Amerika, die Ueberzeugung gewonnen hat, daß in der deutschen Volksgemeinschaft sich alle Hände fleißig rühren, daß über ihr der Geist der Versöhnung schwebt, der die Stetigkeit und damit den Erfolg der Arbeit gewährleistet. Und weil Stresemann wünscht, daß die Idee der Volksgemeinschaft nicht bei den Deutschnationalen aufhört, hat er in Breslau nochmals mit aller Klarheit verlangt, daß sich die Deutschnationale Partei von den Rechtsradikalen, von den Wulle, Roth und Genossen trennt. Bis das Verlangen des Herrn Stresemann erfüllt sein wird, dürfte noch eine geraume Zeit vergehen. Gegenwärtig wird die Dentschnationale Partei von dem Rechtsradikalismus der „Aufgelösten" beherrscht. Von Volksgemeinschaft und Versöhnung ist dort kein Hauch zu spüren. Fast sieht es so aus, als ob maßgebende deutschnatronale Kreise ein Chaos wollen, um dunkle Pläne verwirklichen zu können. Angesichts dieser „splenäick isolation" der Deutschnativ» nalen hat die Vereinigung der sozialistischen Parteien in Nürnberg besonders große Bedeutung. Was Stresemann rechts wünschte, hat sich auf der Linken vollzogen: ein Abstößen der linksradikalen Elemente. Die.sozialdemokratische Fraktion des Reichstags wird mit 180 Sitzen die bei weitem stärkste. Um so ohnmächtiger werden die „Arbeiterparteien" werden müssen, die, in Süddeutschland nationalsozialistisch, in Preußen deutschsozial, unter Aufwand ungeheurer Geldmittel aus geheimnisvollen Quellen aus den Arbeitersang ausgehen und bereits nicht unbedenkliche Erfolge zu verzeichnen haben. Die Vereinigte Sozialdemokratische Partei wird praktische Mitarbeit leisten und dem Ansturm der Unverantwortlichen eine Politik der Volksgemeinschaft und Versöhnung entgegensetzen.' In dem Leitartikel des „Vorwärts" vom Dienstag vormittag heißt es wörtlich: „Einstweilen und für absehbare Zeit dürfte in unserer Partei die Meinung vorherrschend bleiben, daß man die Möglichkeit zu einer unmittelbaren Einflußnahme auf die Staatsgeschäfte nicht preisgeben dürfe, um für sie die Vorteile ungehemmter Propagandatätigkeit einzutauschen". Die Herren Kunge, Pressl und Genossen, die bisher von den Vorteilen ungehemmter Propagandatätigkeit lebten, werden nun auch ihrerseits auf einen geeinigten Feind stoßen, der erfolgreicher als bisher diesen Herrschaften bie Maske des Arbeiterverrats vom Gesicht reißen wird. Die sozialistischen Parteien hatten in den letzten Jahren zu viel miteinander zu tun, um Zeit für diese kleinen Gernegroße zu erübrigen. Nun sängt der Knabe Richard an, der Sozialdemokratie fürchterlich . zu werden. Drinnen im Stadtparlament lacht man über diesen sonderbaren Heiligen! vor den Anschlagsäulen und in Versammlungen lacht man nicht/ da ist er der Erlöser und Erretter aus Not und Elend. Die Vereinigte Sozialdemokratische Partei wird die Gefahr, die ihr von Nationalsozialen, Deutschsozialen und Deutschvölkifchen droht, ernster nehmen, als es bei S. P. D. und U. S. P. D. bisher gesondert der Fall war. Wir deutschen Juden sind so wenig verwöhnt, daß wir Anzeichen einer Wendung zum Besseren freudig und hoffnungsvoll begrüßen. Hoffnungsvoller, als es dem notwendigen Kampsesmut zuträglich ist Der Ausschluß des Ob e r st e n v. Tyla nd er au s der.bah eri sch en M i rtelpartei, der soeben bekannt wird, ändert nichts an der ernsten Lage, in der sich gegenwärtig besonders die bayerischen Juden befinden. Die Rede Stresemanns in Breslau und der Zusammenschluß der Sozialisten sind politische Tageserscheinungen, die unser, höchstes Interesse beanspruchen, die uns aber Ausflüge' in die Welt des Scheins nicht g e st a t t e n. Wir müssen die politischen Zustände, in denen wir stehen und die sich um uns herum entwickeln, nicht wie sie scheinen, sondern wie sie sind.