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Central-Verein-Zeitung · 1922-09-21 · 20 (21.9.1922) · p. Seite 250

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
20 (21.9.1922)
Date
1922-09-21
Page
Seite 250 (sequence 6)
Language
German
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250 tausenden herbeizubringen verstanden habe, da hört man, daß ein Führer gegen Besprechungen anderer Gruppen jugendliche Sprengkommandos ausgesandt habe, und daß sich der Schriftleiter des „Volkswillen" nachsagen lassen muß, er sei Freimaurer, da spricht Streicher von der WahnsinnsdikLatur eines vorn Alkohol verderbten Dickel und seiner fanatisch aufgehetzten Gefolgschaft und Knüppelgarde, und wenn er gleichzeitig wehmütig ankündigt, daß das Forterscheinen des „Volkswillen" gefährdet sei, so können wir ihm nur unser herzlichstes Beileid aussprechen. Dis schreiende Not jüdischer Lehrer. rmd KnLLrtzsbcamten gibt dem „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" erneut Veranlassung, daraus hinzuweisen, daß dieses Uebel an den Lebensnerv des Judentums rührt, dem die Männer erhalten bleiben müssen, die seine Lehre verkünden. Es sei unvereinbar mit der jüdischen Lehre, wenn in heutigen Teuerungszeiten es Beamtensamilien gibt, die bei geringer Möglichkeit zu Nebeneinkünsten Jahresgehülter beziehen, die hinter der Erwerbslosenunterstützung zurückbleiben. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" hat in seinem letzten Etat die Summe von einer Million eingestellt sür die Unterbringung notleidender Kleingemeinden und ihrer Beamten. Durchs Umlegung von 1 Prozent ihres Einkommens im Jahre 1921 aus die Vundesgemeinden ist aber nur ein Betrag von 400 000 Mark eingekommen. Der Gemeindebund muß jedoch mindestens eine volle Million zur Befriedigung der selbstverständlich mit aller Gründlichkeit durch ortskundiae Sachverständige nachgeprüsten Gesuche zur Verfügung haben. Die Bitte um Spenden sür diesen guten Zweck können wir umsomehr unterstützen, als der Central-Verein mit seiner Zuwendung von 100 000 Mark sür notleidende Lehrer mit gutem Beispiel vorangegangen ist. Völkische SiLtenverwiLderrnrg. Der Hauptmann Römer vom früheren Freikorps Oberland wurde vom Bolksgericht Muncyen wegen versuckllen Straßenraubes Zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte an einige seiner Leu-te das Ansinnen gestellt, ein Auto mit Fremden, die zum Besuch der Passion ssprele von^ München nach Oberammergau fuhren, unterwegs zu überfallen. Der „Völkische Beobachter", der den völkischen /Helden zu, entschuldigen sucht, berichtet, daß er sich vor Gericht damit entschuldigte, dieser Plan sei nicht ernst gewesen, sondern habe nur dazu gedient, den Gehorsam seiner Leute auf die Probe Zu stellen. Das Gericht schenkte diesem „Berichte" keinen Glauben. Aber nehmen wir einmal an, diese Ausrede sei wahr, was für eine Begriffsverwirrung und Sittenverwilderung kommt darin Zum Ausdruck, daß ein Offizier, ein Mann aus gebildeter Familie, glaubt, die Zuverlässigkeit seiner Untergebenen durch eine Aufforderung zu einem gemeinen Verbrechen aus die Probe stellen zu dürfen! Mau sprach früher oft von Kadavergehorsam. Für völkische Ziele scheint manchen Herren dieser Kadavergehorsam immer noch erwünscht zu sein. Der vaterländische Vrrnd jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Berlin, hat seine Winterarbeit in vollem Umfange ausgenommen. In der Bezirlsgruppe Süd sprach Dr. Alfred Wiener über „Wie verteidigt der jüdische Frontsoldat seine Ehre?", in der BezirtsgruPPe Stadtpark Dr. Brandt über „Strafjustiz und Antisemitismus", in Nord Dr. L. Löwenstein, der Vorsitzende des Reichs-» bundes jüdischer Frontsoldaten, über „Zwecke und Ziele des Bundes". In allen Veranstaltungen wurde darüber geklagt, daß noch zahlreiche Frontsoldaten in Groß-Berlin dem Bunde fern stehen. Wer die Beschimpfung der jüdischen Kriegsteilnehmer nicht tatenlos hinnehmen und unseren Verleumdern energisch begegnen will, melde sofort feinen Beitritt bei Georg Marcus, Berlin C 2, Stralauer Straße 3—6. Dr. Arnold Rüge. Herr Dr. Arnold Rüge, der sich immer noch Privatdozent nennt, obwohl ihm schon im Sommer 1920 „wegen ehrenrühriger Umtriebe gegen Rektor, Senat und Professoren" die venia, legendi entzogen wurde, kämpft jetzt auf dem radikalsten Flüge! der Schutz- und Trutzbündler. Als kürzlich einer seiner Vorträge in Ulm angekündigt war, nahm der dortige Rechtsanwalt Dr. August Nathan dies zum Anlaß, um in der Presse vor dem Hetzredner zu warnen und der Oessentlichkoit einiges über den Charakter des.Dr. Rüge mitzuteilen,' der sich u. a. nicht entblödete, wenige Stunden vor seinem Vortrag einer jüdischen Ulmer Dame, von der er früher manche Wohltat empfangen, Gruß und Besuch anbieten zu lassen —was natürlich dankend abgelehnt wurde. Als Antwort auf diese öffentliche Warnung pöbelte Rüge irr seinem Vortrag Dr. Nathan auf die unflätigste Weise an und verklagte ihn überdies wegen Beleidigung. Auch diese Anklageschrift an das Amtsgericht in Ulm (das Rüge natürlich als „königliches" Amtsgericht anspricht) strotzt von rüdesten Jnvektiven, spricht von Juden buben art, schmutzigster Denkungsweise und bezeichnet Nathan stets nur als „den Juden". Unterfertigt ist diese Eingabe mit: „Dr. Arnold Rüge, Privatdozent für Philosophie der Universität, zurzeit durch jüdische Frechheit an der Ausübung -des Lehramtes verhindert." Das Schöffengericht in Ulm verurteilte den Volksvergifter wegen Beleidigung zu einer G e l d st r a f e v o n 5 0 0 M a r k — und zu den Kosten. Von einer Freiheitsstrafe wurde, wie es in der Urteilsbegründung heißt, abgesehen, da der Angeklagte wegen Beleidigung noch nicht vorbest rast ist, sondern nur Wege n -unbefugter T i t e l f ü h r u n g uns Uebertretung gegen ein badisches Landesgesetz. Keine Milderung des zivsmeras clausus in Ungarn» Trotz der Versprechungen der Negierung, den n u m erus clausus zu mildern, besteht derselbe in unverminderter Härte fort. Am 2. September hat der Kultusminister an das Dekanat der philosophischen Fakultät der Budapester Universität die Weisung ergehen lassen, daß in dem ersten Jahrgang dieser Fakultät bloß 300 neue Schüler ausgenommen werden können, von denenbloß sechs Prozent Juden sein dürfen. Es werden also im ganzen 18 Juden in diese m Jahr e Philosophie studieren dürfen. An dieser Fakultät werden die künftigen Mittelschulprofestoren ausgebildet und jöuf diese Weise will mau verhindern, daß in Ungarin Juden Professoren werden können. Diese Verordnung betrifft die jüdischen Mittelschulen in Ungarn schwer, da die Zahl der jüdischen Gymnasien bereits verringert werden mußte, weil nicht genug jüdische Lehrkräfte aus ge triebe re werdenkonnten. Jüdisch-Theologischen Seminar Breslau werden im Wrntersemester leserr: Seminarrabbiner Professor Dr. Guttmann, Dozent Dr. Heinemann, Dozent Dr. Lewkowitz, Dozent Dr. Rabin und Rabbiner Dr. Lümonsohn. Als besonders interessant hervorzuheben sind die Vorlesungen über „Geschichte der Religions- Philosophie des Mittelalters nach Maimonides" von Dr. H^üremann, „Judentum und Buddhismus nebst Lektüre aus Texten zur indischen Gottesmhstik" von Dr. Lewkowitz und „Lektüre mittelalterlicher Dichtungen" von Dr. Rabin. Die Aufnahmeprüfung findet am 26. Oktober stakst die Vorlesungen beginnen am 29. Oktober. Anmeldungen sind bis zum 25. Oktober an den Vorsitzenden des Dozentenkollegiums, Herrn Dr. I. Rabin, Breslau, Wallstraße 14, zu richten. Waisenkinder anfs Zand! Bedarf es in unseren Tagen einer näheren Begründung des hygienischen und moralischen Segens der Verpflanzung der Großstadtkinder aufs Land? Wen:/der Vorsitzende der Waisenkommisston der Berliner Jüdischen Gemeinde an" den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund die Aufforderung gerichtet hat, ihm bei der Unterbringung seiner männlichen und werblichen Dchutzbesohlenen im Alter bis zu 14 Jahren an kleinen Plätzen behilflich zu sein, so verfolgt er damit aber noch ein weiteres, sehr fördernswertes Ziel. Er wünscht nämlich die Kinder nach solchen kleinen Gemeinden zu bringen, derer: jüdische Volksschule aus Mangel an Zöglingen von Auslösung bedroht ist, was, wie die Erfahrung lehrt, vielfach zur Folge hat, daß die Gemeinde nicht mehr einen qualifizierten Beamten änstellen kann. Der vollständige Verfall des jüdischen Lebens läßt dann nicht auf sich warten. Deshalb ist die Anregung zu begrüßen, die auch den jüdischen Lehrern wie anderen geeigneten Familien Gelegenheit zu einem Nebeneinkommen bietet. Als höchster Pslegesatz werden monatlich 660 Mark angeboten. Anerbietungen sind an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, Berlin W 35, Steglitzer Straße 91, zu richten. Für' die Juden ln der Ukraine. Wie wir bereits mitteilten, fand unter den jüdischen Einwohnern Göteborgs in Schweden eine Sammlung sür die ukrainischen Juden statt, die bis jetzt den Betrag von 45 000 Mart ergab. Die Summe wurde dem Hilfsverein der deutschen Juden zugesührt, dessen Berliner Adresse nicht wie bisher angegeben, Steglitzer Straße 9, sondern Steglitzer Straße 12 lautet. Aus Lörrach (Baden) wird gemeldet: Die feierliche Erithülluna der Gedenktafel sür die acht Opfer des Weltkrieges fand am 13. Sep-t-eniib/er in hiesiger Synagoge unter Beteiligung der Behörden, evanaelifchen Geistlichen, Vertreter der Militärverein-e sowie der benachbarten Kultusgemein-den statt. Herr Gustav Jacob, das älteste Mitalled der israelitischen Kultusgemeindo Willrnars in Unter franken (Bayern) feierte am 4. Sepv tember in seltener körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geibjurtstaa. Anfrage. Bei der Schriftleitung ist ein Artikel „Zur Psychologie des Aniisemitisrnus" ohne Angabe des Verfassers eingeaanaen. Wir bitten den Autor, uns seine Adresse angeben Zu wollen. AKYLrsnLWsrLlichs Geschaftsreklams. Dieser Tage prangten ausfallende Plakate an den Litfaßsäulen des Berliner Nordens, in denen 2000 Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren ausgefordert wurden, zu einer bestimmten Zeit an der Gethsemane- Kirche zu erscheinen. ' Dort würde jedes Kind ein Geschenk erhalten. In der Erwartung, von einem wohltätigen Amerikaner Lebensmittel oder Kleidung zu erhalten, fanden sich lange vor der angegebenen Zeit mehrere Tausend Mütter mit ihren K'mdern ein, um" dann nach stundenlangem Warten von einem Herrn kleine Papierfähnchen zu erhalteu, durch die für ein neueröffnetes Schuhgeschäft Reklame gemacht wurde. Daraufhin bemächtigte sich der enttäuschten; Menge eine so große Erregung, daß sie das neu eröffnete Geichast demolierte und der Inhaber nur durch ein starkes Polizeiaufgebot vor den empörten Frauen geschützt werden konnte. Für uns ist der Vorfall deshalb von besonderer Bedeutung, weil der Geschäftsinhaber Jude ist und antisemitische Hetzer sofort die Gereiztheit der Menge ausnutzten. Wir stehech nicht an zu erklären, daß w i r die Empörung des Volkes in diese m Falle volla u f Wer stehe n, wenn w i r auch die A u s s ch r e i t u u g e n e n t s chi e d e n m i ß b i l l t g e n. Geschäftsleute, seien es Juden oder Christen, die in dieser Zeit von Teuerung und Not sich so unverantwortlich. a u ffü h r e n , wie im vorliegenden Falle, d ü r s e n sich nicht wundern, wenn ihnen die B o l k s m e i n u. n g a u f e t w a s s e h r deutliche Weise bei - g e b r a ch t w i r d. Besonders traurig ist es, daß ein jüdischer Geschäftsmann in dieser Zeit antisemitischer Hochflut so unüberlegt handelt. Möge der Vorfall allen Geschäftsleuten ohne Unterschied der Religion als warnendes Beispiel dienen.

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