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Central-Verein-Zeitung · 1922-09-14 · 19 (14.9.1922) · p. Seite 234

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
19 (14.9.1922)
Date
1922-09-14
Page
Seite 234 (sequence 2)
Language
German
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234 f a ft völlig z u verdunkeln"; oder wenn Justizrat C-laß, der Vorsitzende des Verbandes, eifert: „Das Judentum werde als das anerkannt und behandelt, was es ist, als fremdes V o l k s t u m, das feinem Wesen nach mit unserem Volke und seinen grundlegenden unverdorbenen Eigenschaften nichts gemein hat, das uns nicht verstehen kann — selbst, wenn es wollte; das in unbewachten Jahrzehnten in Ausnutzung unbrauchbarer, fremden Völkern entlehnter AnyHauungen und Einrichtungen die Herrschaft über olk und Staat, Wirtschaft und Kultur errungen hat, wobei man nur an Presse, Bühne, Börse und den Gleichheitswahn denke; das die Seele unseres Volkes vergiftet, ursprüngliche Gefühle, wie die der Treue und Ehre, zerfressen hat; das durch dies alles die treibende Kraft unseres Unheils geworden ist. Das Matz desien, tvas zur Abwehr des jüdischen Einflusses nötig ist, wird sich nach dem Maße des an ge richteten Schadens zu richten haben — von Rechts wegen." Die von fast 660 Delegierten besuchte alldeutsche Tagung ist zweifellos ein vollgültiger Ersatz für die Generalversammlungen der „Aufgelösten" gewesen. Ein Flugblatt unbekannter Herkunft hat 'der „Rheinisch- W e st f ä l i s ch e n Z e i t u n g" am besten gefallen, weil es dort zmn Schluß heißt: „W ennwirSklaven seinmüssen, dann lieber der europäischen Engländer und fr a n z o s e n, a l s d e r I u d e n." Dian veranschauliche sich: in vielgelesenes Blatt im Herzend esKohlenrevi er s, des Landes der, Sehnsucht sür alle Schwerinüustriellen Frankreichs, gibt mit sichtlichem Wohlbehagen solch nichtswürdige Vaterlandslosigkeit wieder. Man, weiß nicht, wie weitgehend die unterirdische, aber rührige Arbeit der „Aufgelösten" ist, zu deren Sprachrohr die „Rheinisch- W e stf äl i s ch e Z e i t u n g" sich gemacht hat. Vielleicht sind sie in ihrem fanatischen.Judenhaß schon so weit, daß sie im Ruhrgebiet und anderwärts Ehrenpforten für das kleinere Nebel, den liebwerten Franzmann, vorbereiten mit dem. hakenkreuzgeschmückten Gruß: „W i l l k o m m e n Poincarä, die deutschen Judenfeind eg rußen Dich!" A. Sch. Mmsr Mtuk Dinier! Die „Sünde wider das Blut" — „eine Mischung vonHalb Wahrheit und hetz erischerFälfchuug." Der Judenhaß hat in Deutschland nach Kriegsende, ein umfangreiches Warerchaus errichtet. Jedem Geschmacke, jedem Bedürfnisse, jedem Alter wurde darin Rechnung getragen. Wie jedes Warenhaus hatte auch dieses seine „Schlager". Die wurden zu Zehntaufenden abgesetzt; denn &sie arbeitete eine Riesenreklame. Die „Geheimnisse der sen von Zion" des großen Nilus, die, wie wir kürzlich berichteten, nun sogar von deutschnationaler Seite als übles Machwerk erkannt worden sind, und die „Sünde wider das Blut" des großen Dr. Phil. nat. Artur Dinter leuchteten aus vielen Buchhandlungsschaufenstern. Der Buchhändler empfahl sie dem Kunden oder der Kundin als „die gelefensten Bücher des Jahres". Leihbüchereien, ja Volksbüchereien nahmen sie — meist über die Hintertreppe hineingeschmuggelt — aus, und Dinters „Sünde" war oft monatelang „vorausbelegt". In zahllosen Versammlungen feierte Artur Dinter, der Verfasser der „epochemachenden Sünde wider das Blut", billige Triumphe, und sein so „pikantes" Buch — ein Buchhändler kündigte es als für Unreife nicht geeignet an — hielt seinen Siegeszug in 200 000 Exemplaren durch die Töchterpenstouate und Frauenzirkel. Die maßgebende deutsche Presse ließ -Herrn Dinter Herrn Dinter sein. Die „Sünde wider das Blut" durfte Hunderttausenüe unreifer Köpfe verseuchen. Dieser Pestilenz rechtzeitig mit Feuer und Schwert zu begegnen, war eine notwendige Kulturaufgabe für die anständige Presse -aller Parteien. Nichts geschah. Mahnungen verhallten. Erst ein Theologe, der auf deutschnationalem Boden stehende Profeffor Hermann L. Strack, gab in seinen „Jüdische Geheimgesetze?" Herrn Dr. Dinter die reichlich verdienten Hiebe. Der Bremer Pastor Emil Felden 'brandmarkte in Form eines Schlüsselromans Dinters GesAreibse! als „Sünde wider das Volk". Der sächsische Satyriker Hans Reimann stäupte „Artur Sünder" in die „Dinte wider das Blut". Ja, einem Deutschvölkischen, Paul Wehland, siel Artur Dinters Gehabe derart auf die Nerven, daß er seinen nicht geringen Zorn in der „Sünde wider den gesunden Menschenverstand" kräftig Luft machte. Vor kurzer Zeit hatte Artur Dinter die „Dresdner Volkszeitung" wegen Beleidigung verklagt. Er siel in allen Instanzen mit Pauken und Trompeten durch. Aber der juristische Reinfall paarte sich — und das ist für uns bedeutsam — mit einem literarischen und moralischen ersten Ranges. . Die „Dresdner Volkszeitung" hatte nämlich des Prozesses wegen die „Sünde wider das Blut" einer erlesenen Zahl christlicher Schriftsteller unterbreitet. Wir sind heute in der Lage, aus den Gutachten dieser Sachkenner Wesentliches wiederzugeben, die, wie wir in deutschem Interesse hoffen, dem irgendwo noch vorhandenen schriftstellerischen und moralischen Ansehen Dinters den Rest geben werden. Der bekannte Kunstschriststeller Professor Paul Schum a n n, ein hervorragender Mitarbeiter des „Dresdner Anzeigers", urteilt: Ich habe Artur Dinters sogenannten Roman „Die Sünde wider das Blut" nur mot starkem Widerwillen zu lesen vermocht. ES ist nichts weiter als eine heftige Werbeschrift! gegen das Indent,um. Diesen An.tisemi'tisMnK, über dessen Berechtigung ich hier nicht zu urteilen habe, hak Dinier in eine Erzählung gekleidet, die nach Art der Kinodramen sich in abstoßenden Aeußerlichkeiten bewegt, ohne psychologisch zu überzeugen. Einen künstlerischen Wert vermag ich den: Werke nicht beizumessen. K u r t M e r t e n s, der Präsident der bayerischen Künstlergewerkschaft, schreibt: Den Roman von A. Dinter „Die Sünde wider das Blut" halte ich sür eine sittlich wie ästhetisch abstoßende Kampfschrift ohne jeden literarischen Wert. Die Behandlung des Stoffes ist plump und roh. das Problem des Judentums ist ganz oberflächlich und schief gesehen. Ich könnte mir, da eine bestimmte Tendenz dem literarischen Werte eines Romans an sich nicht im Wege ist, sehr wohl eine . gegen die Fehler und Gefahren d«S Judentums gerichtet« scharf« Satire oder eine vom nationalen Geist getragene polenrisch« Dichtung vorstellen. Das Buch von Dinter gehört aber keinesfalls in eine dieser beiden Kategorien. Vielleicht hat Versasier das Best« gewollt, seine schriftstellerische Begabung hat aber nicht ausgcreicht, das Werk über den niederen Rang einer Hetzschrift hinauszuheben. Der antijüdischen. Bewegung hat er damit nur einen schlechten Dienste erwiesen. Dies ist, soweit ich die Aeußerungen der Presse verfolgt habedie einhellige Meinung der gesamten ernsten Kritik. Profeffor Ottomar Enking, dessen Romane weit verbreitet sind, sagt: . Durch das Dintersche Buch „Die Sünde wider das Blut" habe ich mich mir mit Mühe und einer oft in Ekel übergehenden Abneigung durchlesen können. Es ist mir auch nicht leicht, mich über das Werk zu äußern, da es sich mit der belletristischen Literatur und überhaupt mit der Kunst gar nicht berührt. .. Solch« schauerlichen Uebcrtreibungen sind der Ausfluß hetzerischen Geistes, wie ich denn nach bestem Wissen und Gewissen überhaupt nicht anders urteilen kann, als daß das ganze Buch nur einem fanatischen Hasse sein Entstehen verdankt. Jeder gerecht und vernünftig denkend« Manu — gerade wenn er aus sein Deutschtum etwas hält — wird von dem Verfasser abrücken. Und zum Schluß möge der Verfasser der „Buddenbrocks", Thomas Mann, zu Worte kommen: Die Druckschrift von Dinter -.Die Sünde wider das Blut" habe ich erhalten und — nicht ohne Widerstand — gelesen. Dichterisch völlig wertlos und wohl auch ohne Ehrgeiz in dieser Richtung, wird das Buch durch die Mischung von Halbwahrheit und hetzerischer Fälschung, die es darstellt, zur geistigen Gefahr. Bei der gewaltigen Verbreitung, die es, getragen von populären Strömungen, gesunden hat, scheinen die schärfsten Formen der Abwehr mir entschuldbar. So zusammengehauen verläßt Artur Dinter das literarische Schlachtfeld. Darf man in diesem Deutschland hoffen, daß er sich zu Tode „gesündigt" hat? Oder wird seine angekündigte „Sünde wider die Liebe" (der Titel läßt allerlei vermuten!) im deutschvölkischen und deutschnationaleu Heerlager wieder mit Hurrageschrei und Fansarengeschmetter ausgenommen werden? Artur Dinter, über den das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, wirft sich inseinen Versammlungen als „ein Führer der völkischen Bewegung", bejubelt von Tausenden, in die Heldenbrust. Wir nehmen an, daß die Deutschnationale Volkspartei, nachdem sie ihr Bekenntnis zum deutschvölkischen Programm so kräftig erneuert hat, sich die völkische Mitarbeit dieses ,-Führers" weiter sichern wird. Neben Gustav Roethe, dem Vorsitzenden der Goethe-Gesellschaft, Artur Dinter, der Verfasser der „Sünde Wider das Blut", aus dem deutschnationalen Parteiwagen — das gibt ein zwarseltsames, aber kein schlechtes, sür das deutschnationale Land Goethes jedenfalls bezeichnendes Bild. Dr. Alfred Wiener.

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