Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 18 (7.9.1922)
- Date
- 1922-09-07
- Page
- Seite 223 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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--223 die Gegner selbst .herauZzufordern. Wessen man sich von diesen, die alles Jüdische mit blutunterlaufenen Augen und geifernden Zungen umtoben, versehen kann, wissen wir alle. Ehre dem Manne, der — mit nur dies zu nennen — an der Universität Münster inmitten der antisemitischen Studentenschaft die Sache des Judentums führte. Er wußte genau, daß er das moralische Gewicht eines Mannes in die Wagschale zu werfen hatte, der überall warm und beredt für die deutsche Sache eingetreten war. Jacob ist Deutscher, deutscher Jude. Er liebt und ehrt das deutsche Volk, seinen Fleiß, sein Ingenium, sein Wissen und Können. Freilich, das Dcutfchlan-d der inoderuen Eharlataue, eines Ehamberlain, Fritsch. Bartels, Delitzsch und Dinter kann er nicht achten, sondern nur beklagen. Er glaubt auch an eine Zukunft des deutschen Judentums. Wasser zu dessen innerer Wiederbelebung und Kräftigung nötig fand, das hat er gefordert und gefördert. Er war ihm immer ein Erwecker und Mahner, und sein Rat wurde vom Judentum immer gern gehört, weil er stets den blitzenden Schild über dessen Haupt hielt, wo ihm ein tückischer Schlag drohte. Wir sagten, Benno Jacobs Platz wäre ein' theologischer Lehrstuhl gewesen. Hütten wir deutschen Juden eine Gesamt- Vertretung, eine Zentralbehörde, eine Art Parlament, auch dort wäre er unentbehrlich. Es ist erstaunlich, daß er ohne äußere Ehren ans unscheinbarem Platze sich dennoch die Stellung verschafft hat. von der ans er weithin wirken konnte, mit Wissen und Könne», in Lchrift rmd Rede. Uns also wollen wir an seinem Ehrentage wünschen, daß wir ihn noch recht lange den unfern nennen können! Ein Führer wie er läßt dauernd neue Kämpfer erstehen. Ein Wirken wie das seine verbürgt unserer Sache den Sieg. Die jüöifthe Schule ). Bon Direktor Dr. Garsebach (Hamburg). Die Frage der konfessionellen Schule darf bei uns Juden keine Entscheidung aus politischen Rücksichten erfahren. Sie ist Lebens- und Schicksalsfrage, nicht eine der Opportunität. Sie ist eine Konsequenz unseres -einzigartigen geschichtlichen Seins, unserer besonderen Kulturaufgabe und Veranlagung. Nicht, als ob wir unsere Verflochtenheit und Zusammengehörigkeit mit dem gesamten Kulturleben leugnen oder geringschätzen, nicht als ob wir unseren Kindern versagen wollten, sich mit beiden Füßen aus den Boden ihrer bürgerlichen Aufgaben m stellen, nicht, als ob wir eine sozial oder politisch gesonderte Machtsphäre zu schaffen die entfernteste Absicht hätten. Sondern weil wir ohne jüdische Schule in dem unendlich schweren geistigen Daseinskampf unseren Kindern ' keine Zukunft gewährleisten könnest, weil wir die Welt sonst des hohen jüdischen Kulturbeitrags berauben würden. Ehrliches Selbsterkennen muß uns die bittere Gewißheit geben, daß in unfern Reihen die Kenntnis des Judentums mehr und mehr schwindet, daß nicht nur die christliche Allgemeinheit jüdischen Dingen mit unglaublicher Fremdheit gegenübersteht, sondern selbst führende jüdische Persönlichkeiten in ihrem Gedankenleben und ganzen geistigen Habitus, in ihrer moralischen Weltwertung und Lebensbeurteilung die jüdische Orientierung beschämend vermissen lassen. „Leider", — so lautet die subjektiv wohl annehmbare Rechtfertigung des einzelnen ans Schritt und Tritt — „habe ich von meinen Eltern nicht genügend jüdisches Wissen erhalten." Das Aschenbrödel des sogenannten Religionsunterrichts kann den vornehmen und anspruchsvollen Schwesterdisziplinen in Wissenschaft und Erziehung nicht Gegengewicht genug bieten. Der Grundirrtum, der bei der jüdischen Erziehung so verhängnisvoll wirkt, ist die Vorstellung vom beziehungslosen Nebeneinander der allgemeinen und der j ü d i s ch e n B i l d u n g. Man sagt sich: Mein Kind kann imb soll die Weltkultur genau wie jedes andere Kind in sich aufnehmen, ein besonderer jüdischer Unterricht im privaten Zirkel wird ihm seine spezielle jüdische Interessensphäre erhellen. Das aber ist praktisch eine Unmöglichkeit und theoretisch ein Trugschluß. Praktisch eine Unmöglichkeit: es gibt keinen Königsw e g z um I u d e n t u m , keine bequeme Heerstraße zu seinen Quellen. Es ist eine Herabsetzung der großen 'Geistesmacht des Judentums, wenn man glaubt, ihr im Nebenberuf mit einer zeitlichen Minnnalabsindung gerecht oder gar Herr werden zu können. Seine Geschichte und Literatur, seine Sprache und Quellenschriften, seine Gegenwart und seine Vergangenheit, sind so große Gebiete, daß selbst ein oberflächliches Erfassen und Erkennen ein Opfer an Zeit, eine Hingabe unb geistige Bereitwilligkeit fordern, deren nur eine besondere Anstalt gerecht werden kann. "Der schlimmere Irrtum aber ist der theoretische. Als ob diese jüdische Geistesmacht isoliert neben der allgemeinen einherginge; als ob Judesein nur Angelegenheit der Synagoge oder einiger Feierstunden des Lebens wäre! Auf dem kuapven Raum, der hier zur Verfügung steht, kann das tiefgründige Problem der Einordnung des Judentums kaum gestreift werden; wir begnügen uns, das Endergebnis vorweg- Zunehmen: Die Ausgabe der Schule muß sein, eine Synthese des jüdischen mit dem allgemeinen K u l t u r b e w u ß tse i n zu vollziehen. Wir haben unsere Kinder als einheitliche *) Vergl. den Artikel „Die konfessionelle jüdische Schule", van Oscar Cassel, in Nr. 17. - ganze Menschen zu erziehen, deren geistiges Ich aus einem Gusse ist, und in denen das Judentum die zentrale Lebens- und Geisteskraft darstellt. Diese Synthese ist eine eigene Aufgabe der jüdischen Erziehung, die nur die Schule vollbringen kann. Erlesene Geister der - Gegenwart haben aus der Genialität itttb intuitiven lleberlegeicheit ihres Denkens sie für sich vollzogen. So hat Hermann Cohen das System der reinen Logik und Ethik aus jüdischem Geiste erschaffen, mit jüdischem Geiste durchwebt. Was hat Lögik, was hat die allgemeine Ethik mit dem Judentum zu tim? Cohen war deshalb der große Philosoph, weil er den Mut der jüdischen Weltsynthese besaß, er war deshalb eine solch ragende jüdische Gestalt, weil er die Ausfüllung des Judentums als die letzte Wahrheit der reinen intetlettueUen Welterfassung gegeben hat. Ueberblickt man in großen Zügen die gesamte Kultur,' so sieht man deutlich auf allen verschiedenen Gebieten der geistigen Entwicklung eine ganz eigene Linie, die den jüdischen Beitrag, darstellt. Obwohl die Inden allerorten und allezeit Mitarbeiter und Förderer des allgemeinen Meisichenstrebens waren, hat ihre Tätigkeit dennoch eine besondere Note, zu der sie eben nur als Juden fähig waren, bei der sie ihre jüdische Eigenart in großartiger Kulturnussion betätiat haben. Das gilt auf philosophischem luie auf astronomischem, auf kaufmännischem wie auf künstlerischem, auf schriftstellerischem wie auf politischem Gebiet. Diese lasiere Geschichte auszeichnende Tatsache ist darin begründet, daß die früheren Generationen vollgesvgen unb durchtrünkt waren mit dem jüdischen Geistesleben, in denr ihre Kindheit sich auslebte, in der ihre Erziehung Wurzel und Ziel sah. Heilte kann uns unsere Besonderheit, unsere allereigenste kulturelle Aufgabe nur erhalten bleibe!?, wenn wir in eigener jüdischer Schule aus breiter Basis die geistige Synthese vollziehen, die ethische Pflicht gegen die Allheit in organische Verlandung bringen mit unserem Jlldeseiu; noch mehr, wenn uns ai;s jüdischer Weltbejahung die Pflicht gegen die menschliche Gesamtkultur entspringt. Die Zeit der geistigen Uniformierung, der Gleichmacherei ist pädagogisch rückständig u'ud überwunden. Nur in höchster Differenziertheit erreicht man die höchste Kulturentivicklung. Weh uns, wenn wir ans politischer Engherzigkeit der Menschheit des Beste rauben,-was wir besitzen: die Möglichkeit, unseren- Knlluranteit zu verwirklichen, den wir und nur wir leisten können, der ohne uns unwiederbrin-glich verloren ist. Die geistige Entwicklung der Neuzeit zeigt uns zudem zwei große Strömungen:' die -eine, von'der christlichen Kultur getragen, die andere, sozialistisch-atheistisch, in Retigionsfeiudtichkeit eine Welt ohne transzendente Kräfte bauend. Zwischen diesen zwei polaren Mächten pendelt auch die Schulender Gegenwart. Droht auf der, einen Seite die Scylla des: „c u j u s reg i o ejus r e 1 i g i o" die ioelkbeherrschende Macht der Kirche alle jüdische Einstellung unmöglich zii machen, so gefährdet uns heute die Charybdls der These: „cujus regio, ejus irreligio", eine Schule ohne religiösen Inhalt, die unsere -Kinder uns seelisch entfremdet und ihnen entsetzliche Gewissenskämpfe auszwingt. Die einzige Rettung liegt in der eigenen jüdischen Schule. ''Wir schweigen von den unendlichen seelischen Werten, die sich ails der ermöglichten Savbathruhe, aus der natürlichen Teilnahme am Gottesdienst der Gemeinde unserer Jugend ergeben. Wir haben es im Weltkrieg draußen erlebt, daß zirka 80 Prozent aller jüdischen-Soldatei; nicht — beten tonnten, und an keiner jüdischen Feier, wie zum Beispiel der des Sederabends, teilzunehmen in der Lage waren. Wir Haben zi; tief die Schande der deutschen Judenheit wahrnehmen müssen, als daß wir alles dies gering schätzen könnten. Und diejenigen, die diese Schande mit sich schleppen nnsiseu. erheben wider ihre Erzieher die schwersten Vorwürfe. Wir wollen, davon schweigen: ebenso wie wir von all ben niedrigen Mächten geschwiegen haben, die das Schulleben vergiften, vom Antisemitismus der Lehrer wie von der Grausamkeit verhetzter nichtjüdischer Mitschüler. Denn unser Standpunkt ist nicht aus der Feindseligkeit der andern gegen uns oder ails unserer Feindseligkeit gegen andere geboren, nicht aus den zufälligen Uuzulünglichkeiien "der Geaenwartsschulen, nicht aus den praktisch-religiösen Schwierigkeiten, die dem Einzelnen Opfer auferlegen. Die jüdische S ch u l e* t ft u n s e i n e absolute N o t w e n d i g k e i t, weit n u r d u x ch f te d a s Problem der doppelte n K lt lturaufgabe, der jüdischen und der allgemeinen, bewältigt, nur durch sie die Unwissenheit der deutschen Juden behoben und die Synthese zwischen Judentum und Weltbürgertum ermöglicht wird. . . Durch die jüdische Schule wird unserer Jugend eme geistige Hemmt geschenkt/ die sie vor Entwurzelung, vor Golusnot, vor der bitteren Alternative zwischen der Umwelt und angestammtem Vatererbe bewahrt. Raubt unseren Kindern nicht den Nährboden der Seele — dm Heimat! | Vortrag von Julius Hab: „Der Entert -er 3u-en an -er -rutschen Gegenwarts-Dichtung" am Montag, den 18. September, 8 Uhr, in den Arminlus-Hallen, Bremerstr. 72/73 (Fährverbindungen bis Turmstraße, Attmoabtt und Perlebergstraße) Veranstaltet von der Ortsgruppe Berlin Nord-West des C.V. Durch Mitglieder eingeführte Gäste sind sehr gern gesehen. Eintrittspreis M. 8.50 Karten im Bureau des C.V., Lindenstr. 13 Ul, oder an der Abendkasse.