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Central-Verein-Zeitung · 1922-09-07 · 18 (7.9.1922) · p. Seite 222

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
18 (7.9.1922)
Date
1922-09-07
Page
Seite 222 (sequence 2)
Language
German
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Wenn and) bei den Krawallen ein angesehener j. ü d i s ch e r Kaufmann der Hauptleidtragende war, die Plünderer haben vor den Geschäften mehrerer Eberswalder Bürger, die z u m Teil politisch Herrn Dr. S a b l o t n y recht nahe st e h e n , nicht halt gemacht. Es sieht fast so aus, als ob die Erkenntnis erst kommen wird, wenn es zu spät ist, die Erkenntnis nämlich, daß die „Erfolge" der schrankenlosen Hetze sich letzten Endes gegen Juden u n d Christen richten. 'Eberswalde hat es deutlich gezeigt, daß die Geldgeber aus den Kreisen der Industrie, des kaufmännischen Mittelstandes und der Landwirtschaft völlig falsch spekulieren, wenn sie glauben, allein den „indischen Kapitalismus" zu -treffen.. Haß macht blind, und so sehen sie nicht, daß sie sich für teures Geld bei Kunze die Bretter zu ihrem eigenen a r g e h e r st cHeu lasse n.;• Die Berliner Anschlagsäulen mit den Kunze-Aufrufen und die Eberswalder Unruhen sprechen and) für den, der Verallgemeinerungen allzeit bekämpft, eine b e rcdt e S p r a ch e. Piraten unserer Wirtschaftsnot halten ihre Zeit für gekommen. Unverstand und Unvernunft — gewiß, sie werden auch weiter an dem gesunden Sinn des deutschen Volkes scheitern. Aber der hungerige Magen jagt ruhige und stille Betrachtungen allzu leicht zum, Teufel. Ter Hungernde läßt sich von gewissenlosen Elementen, die aus seinem Elend ein Geschäft machen,, indem, sie ihm verspeechen, Steine in Gold zu wandeln, beschwätzen, verbittern und zu Gewalt hinreißen. Noch) hat die w i r t s ch n s t l i ch e N o t ihren Höh ep um kt n i'dpt erreicht, ulld'Herbst und Winter scheinen eine gute Saison für diese nrchtswürdigeu Nutznießer zu werden. Austen wir! Unterlassen nur nichts, aber auch nidsts, durch p l a n m ä ß i g e Vi u r - k l ä r u n g diese-Strauchritter unschädlich zu machen, auf daß die V e r n u u f t s legre! ch bleibe. a. sdi. Dr. 9enno Jacob. Zn se ine m 60. G e b ur t st a g e am 8. S e p t e m b c r 1022. ' Von Dr. ©.Samuel (Essenst Heute obliegt uns die sdjöue Pflicht, huldigend eines Mannes zu gedenken, der wie wenige das Streben und Wirten unseres Vereins verkörpert: Es ist Dr. Benno Jacob, der Rabbiner in Dortmund. Er vollendet morgen sein öl). Lebenswahr, und er gehört so ganz dem schaffenden Leben an, daß wir ihn vor allem zu dieser jugendlichen. Frische .beglückwünschen, -und uns gern überreden wollen, daß er in seiner Arbeit zugleid) seinen Jungbrunnen gefunden hat. s - Doch wir wollen keinen feierlichen Rückblick tun und alle seine Verdienste um die jüdische Wissenschaft und das jüdische Leben gebührend aufzählen. Keine Daten, nicht viel Namen und Büchertitel! Dr. Jacob steht mitten in der Gegenwart, und diese hat genug mit dem Heute, und noch mehr mir hem Morgen zu tun. Ein geistiges Momentbild möchten wir von dem Manne geben, besonders von der Richtung seiner Arbeit und der Art seines Wesens. Wir Freunde und Mitstreiter wollen ihn darin wiedererkennen, und wem er bisher fremder geblieben ist, der mag nun feine Bedeutung erfassen. Benno Jacob ist (besonders nach dem -veimgana von Eosmann Werner) der führende Theologe unseres Kreises: sagen wir getrost der führende Schriftgelehrte. Seit er ein doctor sanctae scripturae geworden ist, blieb er seiner Liebe treu. Wie Alexander der Große seinen Homer mit sid) führte, so -begleitet un-fern Jacob überall eine Bibel in Miniaturausgabe wo er geht und steht, daheim und auf Reisen. Es ist wieder einmal die hebräische Wahrheit, um die hier ein mit allem dazu nötigen Rüstzeug ausgestatteter Forscher ringt. Diese Wahrheit ist nicht etwa nur versandet und versiegt: nein, sie wird geflissentlich getrübt, methodisch mit dem Aufgebot bedeutender Geisteskraft verfälscht. In allen Dingen höherer Kritik, wissenschaftlicher Auslegung der Literar- und Religwnsgeschichte der Bibel i st das Judentum u n s e r e r Zeit in unwürdige Abhängigkeit von nichtjüdischer Gelehrsamkeit geraten. Der gebildete Jude sieht sid) von seinen geistigen Führern verlassen und geradezu daraus angewiesen, aus fremden Quellen zu schöpfen. Eine Arbeit von etwa dreißig Jahren hat Benno Jacob daraus verwendet, um diesem. Zustande ein Ende zu machen. Er hat heute die Genugtuung, daß zwar noch nicht alle seine Aufstellungen und Ergebnisse restlos anerkannt sind, daß aber seine Forschungsmethode siegreich vordringt. „Voran s s e tz u n g s l o s e W ist s e n s ch a f t" immerhin, ohne Zaghaftigkeit gegenüber den Resultaten, selbst wenn sie liebgewordene Vorstellungen erschütterten. Doch nicht Kritik um ver Kritik willen, und um durch Scharfsinn, zu glänzen. sondern Treue-und Dankbarkeit gegen die Vergangenheit, Aufmerksamkeit für das Geringe, Verständnis für die großen Zusammenhänge — das sind Jacobs methodische Grundsätze. Wer sid) .eine Vorstellung davon maäjen will, nehme sid) die neuesten Hefte der „Monatsschrift" vor, wo in den Aufsätzen „Bk o s e a m D o r n b u s ch" der Kampf gegendie letzten Bollwerke der Bibelkritik lim Hinblick aus *2. Band Moses, Kapitel 6, Vers 2) geführt wird. Oder er nehme die kleine Volksschrist (in der Zieglerschen Sammlung), „Die Thora Moses" zur Hand. Bücher, Abhandlungen, Skizzen über biblische Probleme, sie alle haben das gleiche Ziel: Die biblische Wahrheit aus der Verschüttung zu befreien. Und Benno Jacob glaubt heute selbst' ferne umfangreichsten Bücher nur als Vorarbeiten für eine letzte und größte Arbeit ansehen zu sollen. Ter immer wiederholte Ruf nach der Bibel irr der Auslegung eines modernen j ü d i i ch e n G c l e h r t e n — soll, so hofft er, in ihm eine erste Erfüllung finden. Mit seltener Emmütigkeit dürfte Um die jüdische Welt für den dazu Berufenen halten! Tie homiletische Verwendbarkeit seiner Forschungsergebnisse hält Dr. Jacob für einen guten Prüfstein aus ihre'Richtigteit. Die Bibel selbst ist ja so eminent praktisch angelegt; weder Thora noch Propheten glänzen in abstrakter Theorie, beide haben das Leben im Auge. Ter Bibel hat Jacob auch seinen ganz eigenartigen Predigtstil abgelauscht; er pflegt aus der Kanzel (nach dem bekannten Worte) jeden Stil, ausgenommen den langweiligen. Und er hat einen bedeutenden Lehrtrieb. Doemulo dUcimu.s. Viele Zöglinge aus seinen Gemeinden. Göttingen und Dortmund verdanken ihm eine nie versiegende. Begeisterung für die' Wunder unseres Glaubens. Sicher wäre ein Lehrstuhl für biblische Wissenschaft an einer Universität die besonders geeignete Stätte für unfern Gelchnen: da das Judentum ihm eine solche nicht zu bieten hat, so denkt er vielleicht wie Mendelssohn: besser id) bin ihrer würdig und sie wird mir versagt, als man böte sie mir, und ich wäre ihrer nicht gewachsen. Doch nun zu dem andern Benno Jacob, dem Manne der größeren Qeffentlichkei-t. dem Mitstreiter in allen jübtfdjen Angelegenheiten, dem Vorkämpfer gegen den Antisemitismus. Was gen stillen, grübelnden Forscher auszeichnet, verleugnet milch der weithin vernehmbare Kämpfer nicht. Mit derselben Feder, mit der er grundgelehrte Abhandlungen über die Septuaginta, den Namen Gottes, den Midrasch rabba usw. verfaßt, wirst er packende Broschüren, flammende Proteste, Zeitungsartikel anss Papier. Er. hak nie geglaubt, daß das Wirken des modernen Rabbiners sich in Stndierstube, Synagoge und Schulzimmer erschöpfen müsse. Die Zeit forderte anderes, sie forderte mehr. Nicht aus Lust am Debattieren und Polemisieren ist er in die Arena der Tageskämpfe hinabgestiegon, sondern dem Ruse der Pflicht folgend. Alle Wandlungen und Phasen, die der Antisemitismus in den letzten dreißig Jahren durchgemacht, hak er wachsam beobachtet, allen sei neu proteusarngen Gestalten ist er wie ein Drachentöter entgegengetreten. 'Wollte uns Jacob seine Lebenserinnorungen schenken (wie nur sie jetzt' von Josef Block) besitzen), wir hätten darin einen bedeutenden Beitrag zur Zeitgeschichte. Erlegte Größen von verschiedenem Ausmaß liegen auf seinem Wege: Bon Liebermann v. Sonnenberg an, den er mit einem Talmudfolianten unmöglich mackste, aus dem jener auch nur eine einzige Zeile zu lesen vergeblich aufgefordert wurde, bis zum Gsfängnisgeistlichen Schmidt in Dortmund, und den: Ruch-Professor Friedrich Delitzsch, dem direkten Abkömmling von Wagenseil und Eisenmenger, den er für seine Pamphlete „die große Täuschung" als Professor D r o o g st o p p e l für immer bloßstellte. Wo eine Position zu retten war, ein offenes Wort gur wiener der Wahrheit gesprochen werden mußte, war Jacob auf dem Posten. „Krieg, Revolution und Judentum" ist wohl die wirksamste Verteidigungsrede gewesen, die die ersten, wütenden Angriffe des durchs den Zusammenbruch zur Raserei gebrachten Judenhasses abschlug. „Das Berliner Tageblatt und die Juden" tat ebenfalls einen unschätzbaren Dienst: nickst minder „Die neue Krankheit" (gemeint war der Hakenkreuzbazillus) und viele andere Aufsätze im „Dortmunder General-Anzeiger", die von hier aus ihren Weg in andere Zeitungen fanden. Benno Jacob verfügt auch über die seltenen Eigenschaften, die der -Kampf Auge in Auge erfordert. Seine Heimat Schlesien hat ihm mit dem gedrungenen Körper auch den -natürlichen Mutterwitz rnitgegeben; und sich selber verdankt er den persönlichen Mut, die Kaltblütigkeit und die Geistesgegenwart. Er ist nicht umsonst einer der Mitbegründer des K. C-, wenn auch seine Schlagfertigkeit rein geistig ist. Wenigen ist es wie ihm gegeben, sich nicht allein in Radauversammümgen der Antisemiten Gehör p verschaffen, sondern

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