Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 18 (7.9.1922)
- Date
- 1922-09-07
- Page
- Seite 221 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 1,50 M. Serlin, 7. September 1922 L Jahrgang ❖ Nr. 1$ _„ vlätter sürDeuffclitmnWl undPnoentum Postscheckkonrv: 30472 vrMN des LnlrolVermrs deutftder Skaatsvüryeriüdiscden ÄauvenSL« Verlag und Schriftleitung: Serlin SV) 68, Linöenftraße 13 ❖ Zernfprecherr ftmt Dönhoff 3594, 3595» 3594 Die ZeitschrLft t ft nur durch die zu ständige Po ft an statt zum Preise von vierteljährlich M. iS,- zu beziehe» Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 18,— für die 6 gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-VereinS mit 50"/<> Nachlaß Die 90 nun breite Reklamezeile Nt. 90,— Piraten -er Mrtfthaftsnot. Aunze an -en Anschlagsäulen. Die Berliner Anschlagsäulen stellen sich neuerdings m den Dienst des Herrn Knüppel-Kunze. Das „Deutsche Wochenblatt" wendet sich — zwischen „Autodiebe" und „Brillantenverkauf" — mit einer sensationellen . ceisung an die Bevölkerung Groß-Berlins. Riesenlettern: „Zweita u send Mar t" locken ein Heer von Neugierigen an, die meinen, es sei eine Prämie" aus die Ergreifung, eines Raubmörders ausgesetzt. Tritt man näher heran, so sieht man, daß es sich um zweitausend Mark handelt, die Herr Stadtverordneter Kunze an einer Sitzung des B erlitt e r S t a d t p a r l a m e n t s für die Minderbemittelten zur Einkellerung von Kartoffeln beantragt hat. Besonders die Frauen lesen begeistert, was sie hätten bekommen können, wenn es nach Herrn Kunze gegangen wäre, der in altreißerischem Plakatjargon den Gläubigen als Ersatz für die abgelehnte Einkellerung einen anderen Weg weist, aus dem heutigen Elend herauszukommen, nämlich — den B e z u g des „D e u tschenWochen b latte s". Bis in die Reihen der Linksradikalen hinein ries man Herrn Kunze, als er seinerzeit den Antrag stellte, entrüstet zu, er sei ein elender Demagoge, der die Not der Zeit für seine p a r t e i p o l i t i s ch e n Z w e ck e « u s u u tz e n w olle. Er könne ja selbst nicht glauben, daß ein solcher Antrag ohne finanziellen Zusammenbruch Groß-Berlins ausführbar sei, wenn er nicht schon rein t e ch n i s ch ein U n d i n g wäre. Jeder Stadtvater, der all' sein Sinnen und Trachten in dieser Zeit schwerster wirtschaftlicher Krisis darauf richtet, den: Elend nach besten Kräften steuern zu helfen, war mit tiefer Verachtung erfüllt vor diesem Kmrzeschen Ptrate n t u m. Hier offenbarte sich schandbare Demagogie als skrupellose Nutznießer in der wirtschaftlichen Not des unter den Folgen deS Versailler Friedensvertrages schmachtenden deutschen Volkes. Vor wenigen Tagen, fast genau ein Jahr nach Memmingen, kam es in Eberswalde zu Teuerung skr awa"l!en. die, wie wir an Ort und Stelle f e st st e l l e n konnten, von Anhängern des Herrn Kunze für ihre Zwecke mißbraucht wurden. Was man in Eberswalds beobachten konnte, war einprakt i scher Kommentar zu den Anschlagssäulentheorien des Herrn Kunze in Berlin. Und weil leider damit zu rechnen ist, daß diese systematische Arbeit sehr bald sich auch in andern Teilen Deutschlands .auswirken wird, scheint uns die Fest stel l u n g ei nige r T at s ach e n u n d die Schilderung einzelner Begleitumstände notwendig. 'Schon seit einigen Monaten wurde in Versammlungen der Kommunisten und der Deutschsozialen Partei in Ebers Walde mit dem Hinweis auf die' große wirtschaftliche Not der Bevölkerung in allen sattsam bekannten Variationen gehetzt. Als der berüchtigte Knüppel- Kunze in einer größeren Versannulung mit einem seiner - Die Unruhen in Eberswal-e. wüstesten Ergüsse aufwartete, erklärte ein kommunistische« Führer, daß seine Partei gar keinen Grund habe, die wirtschaftliche» Anschauungen Kunzes zu bekämpfen. Dies« „entente cordiale" zwischen Kommunisten und Rechtsradikalen, die in Memmingen gerichtsnotorisch war, ist neuerdings in einer Berliner Versammlung recht deutlich zu beobachten gewesen, in der der unabhängige Abgeordnete Dr. Moses ganz nach dein Vorbild der Kunze-Garde von Kommunisten mit Zurufen: „Sch m e i ß t d e tt I u denken g e l r a n sl" 'überschüttet und beinahe tätlich angegriffen wurde. Wie uns weiter aus Gleiwitz berichtet wird, fand sich am 21. August in einem großen Demonstrationszuge d e r Gewerkschaften gegen Wucher. Schiebertum und Preistreiberei unter den verschiedensten Plakatausschriften! auch eine mit dem Hakenkreuz geschmückte Aufforderung: „A u s zur Judenvcrfolguu<3.'' Sv arbeiteten auch in Eberswalde Linksu nd Rech tsb0lschew i sten Hand in Hand mit dem Erfolg, den die Zeitungen am vergangenen Freitag aller Welt verkünden konnten. Frauen und halbwüchsige Burschen, die vornehmlich die Versammlungen der Kunze, Preßl und Genossen zu füllen pflegen, waren in der Hauptsache an den Plünderungen und Zerstörungen in Eberswalde beteiligt, und wild gewordene Weiber stießen zahlreiche Schmähruse gegeu die . Juden aus. Durch einwandfreie Bekundungen angesehener christl i ch e r Bürger von Eberswalde ist schon jetzt festgeftellt worden, wie dieses Piratentum der Wirtschastsnot arbeitet. Der als fanatischer Judenhetzer stadtbekannte erste Vorsitzende der Deutschsozialen Partei, früher erster Vorsitzender des Schutz- und Trutzbundes, der im Verwaltungsd i e n st Der Stadt beschäftigt ist. war am Tage Der Plünderung. mittags gegen 12 Uhr, lebhaft damit beschäftigt, aus Arbeiterfrauen einzureden, die ersichtlich zunächst mit seinen Ausführungen nicht einverstanden zu sein schienen, dem Hetzer "aber zum Schluß Recht gaben, als er sich immer mehr ereiferte. Ein St'adtrat, der doch die Verhältnisse in Eberswalde überschauen muß. ist davon überzeugt, daß sich bei den Unruhen Einflüsse d er deu ts ch s0 zialen Versammlungen und der agitatorischen Tätigkeit der Leiter deS Schutz-'und Trutzbundes kenntlich gemacht haben, die noch in einer demokratischen Versammlung am Abend vor dem K r a n> a l l das Wort z» einer ganz erbärmlichen Judenhetze genommen und sich dadurch als Piraten der Wirtschaftsnot entpuppt hatten. Man müßte annehmen, daß sich in jeder Stadt und in jedem Flecken eine Partei der anständigen Leute bildet, die diesem Treiben den Kampf bis anfs Messer ansagt. Weit gefehlt. In Eberswalde ist seinerzeit der Vertreter der Deutschnationalen, Herr Dr. S a p l 0 t n y , Herrn Preßl nicht nur nicht entgegengetreten, er hat ihn gebeten, in Zukunft die Bestrebungen der Deutschnatwnalen mehr zu unterstützen und die Bruderhand nicht auszuschlagen.