Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1922-08-31 · 17 (31.8.1922) · p. Seite 210

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
17 (31.8.1922)
Date
1922-08-31
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277380-2277397--00228-2279334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

210 irgendwo aufgezogen wurde, sehr ungnädig geäußert hatte: „Man ehrt -mich nur in meinen Landesfarben." Neben diesen Deutschvölkifchen norddeutscher Herkunft haben sich allerdings einige ihrem Wesen und ihren Teilnehmern nach bayerische Organisationen ausgetan, vielleicht nur deshalb, weil sie finden, daß sich mit dem Antisemitismus auch in Bayern ein Geschäft machen läßt, und dieses schöne Geschäft den „Preußen" vom Schutz- und Trutzbund nicht gönnen wollten. Denn den Augsburger Dr. Dickel von der „Abendländischen Gemeinschaft" und den Nürnberger Lehrer Streicher, der die von ihm gegründete Organisation mit jener zur „Deutschen Werkgemeinschast" Zusammenschloß, können wir Bayern nicht abschütteln, so wenig wie die Herren Drerler, Esser, Hitler von der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, wenn Hitlers Wiege auch ein paar hundert Meter jenseits der bayerischen Grenze im österreichischen Braunau stand. Denn unzweifelhaft haben gerade diese Führer dem Antisemitismus in Bayern eine besondere Note gegeben. Sie schieben den letzten Rest von Grundsätzen, geistigen Grundlagen und geistigen Methoden, die andere völkische Organisationen noch anwenden, beiseite und bieten dem bayerischen Kraftbewußtsein Betätigungsmöglichkeiten in den „Sturmtrupps", die vorgeblich nur Zur Brechung jüdischen Terrors gebildet wurden, aber zweifellos nicht nur zur Abwehr, sondern^auch zum Angriff geschult werden. Die bayerische Regierung Hab die außerordentliche Gefährlichkeit dieser Richtung längst erkannt, hat doch der bayerische Ministerpräsident in eigener Person die rohe Angriffslust dieser Sturmtruppler erfahren, als er in München einmal als Redner vor das Volk trat. Das führende Organ der Bayerischen Volkspartei hat auch einige Male vor den widerchristlichen Aellßerungen und vor den rohen Gewaltmethoden dieser kleinen, aber wohldisziplinierten Truppe gewarnt und ihre Aehnlichkeit mit italienischen Faschten zutreffend hervorgehoben. Auch die Negierung hat Anläufe gemacht, gegen die sich zumeist aus früheren Spartakisten rekrutierenden Nationalsozialisten vorzugehen, ist aber bald wieder mutig zurückgewichen, weil sie die Drohung mit einer Volksbewegung ernst nahm und weil ihr bei ihrem Konflikt mit der Reichsregierung selbst die Hilfe dieser betriebsamen Gruppe niä)i unwillkommen war. Die Nationalsozialisten haben sich zwar oft selbst als stramme Unitarier und wütende Gegner des Föderalismus gebärdet, solange aber in Berlin der „verjudete Sozialismus" herrscht, leitzem sie jedem willig ihre Unterstützung, der gegen Berlin arbeitet. So erleben wir die merkwürdige Erscheinung, daß Graf Lerchenfeld sich in die Ausübung der bayerischen „Hoheitsrechte" statt mit der vom Volk erwählten Reichsregierung lieber mit Herrn Adolf Hitler teilt. Denn einer Teilung der Hoheitsrechte kommt es nahe, wenn man es zuläßt, daß dieser gefährliche Agitator in der Polizei und Reichswehr aus keineswegs verhüllten Seitenwegen festen Fuß saßt. Von dieser besonderen Spielart bayerischer Antisemiten abgesehen, ist der Unterschied zwischen der völkischen Bewegung in Bayern und im übrigen Reich gar nicht so groß. Die ganze Unsicherheit der innerpolitischen Zustände Deutschlands beruht ja aus dem Fehlen einer klaren' und tragfähigen parlamentarischen Mehrheit. Anhänger der jetzigen Staatssornr einerseits und Anhänger der Monarchie anderseits halten sich überall in Deutschland nahezu die Wage. Der Widerstreit zwischen Bayern und dem Reich beruht aus der Tatsache, daß im Reich eine Mehrheit für die Linke, in Bayern eine keineswegs größere Mehrheit für die Rechte vorhanden ist. Während neun Zehntel des Volkes hier und dort gleich gesinnt sind, treibt das letzte Zehntel in Bayern die Negierung immer wieder in Konflikte mit dem Reich. Ob es sich dabei um die Entwaffnung der Einwohnerwehr, die Verfolgung der Erzberger-Mörder oder das Gesetz zum Schutze der Republik handelt, ist verhältnismäßig nebensächlich. Wir deutsche Juden — gleichviel ob innerhalb oder außerhalb Bayerns — haben das freudige Bekenntnis zum Vaterland, das der Central-Derein als unser Wortführer so oft gegeben hat, stets als ein Bekenntnis zum gesamten deutschen Vaterla nd und seiner unauflöslichen Einheit verstanden. Wir halten -unerschütterlich an der Einheit des Reiches fest, nicht nur ans wirtschaftlichen Interessen — deren Bedrohung durch eine Spaltung des Reiches von den geschäftlich weiter blickenden Inden längst erkannt wurde —, nicht nur, weil wir sehen, daß die tatkräftige Verfolgung der Rathenau- Mörder Zugleich eine entschiedene Wwehr aller gegen die Inden gerichteten Bedrohungen bedeutet und daß der Schutz der Juden gegen Bedrohung ihrer Ehre und Sicherheit Zurzeit von den Reichsbehörden tatkräftiger betrieben wird ,als von den Ländern sondern aus dem allen Vernunfierwägungen entrückten Gefühl der Hingabe an das Deutsche Reich, dessen Einheit das letzte ist, was uns von seiner einstigen Größe geblieben ist. Das heutige Reich trägt nicht mehr das Gepräge, das Bismarck ihm gab, aber es ist das Erbe seiner Reichsgrün'dung. Bismarck hat oft in Zeiten der Sorge um seine Gründung und in Stunden des Unmutes die Parteien seiner Gegner mit dem bösen Wort „Reichsseinde" gebrandmarkt. Heute müßte er wohl einsehen, daß diejenigen, gegen die er diesen Vorwurf schleuderte, ihn nicht mehr verdienen und daß Z e n tr u m, So zia l d em o kr a t e n un d I u d e n h e u t e die eifrigsten Verteidiger der R e i ch s e i n h e i t s i n d. Es wäre im höchsten Grade ungerecht, den vielen guten Bayern, die aus Sorge um die Daseins-Möglichkeit ihres engeren Vaterlandes sich dem Willen der Volksgesamtheit, wie er im Reichstag zum Ausdruck kam, nicht vorbehaltlos unterwerfen wollen, vorzuwersen, daß sie bewußt, die Einheit des Reiches zertrümmern wollen. Höchstens ein ganz kleines Häuflein Menschen steuert vorsätzlich aus eine Loslösun-g vom Reiche hin, weil ihnen wirtschaftliche Herrschgel-üste oder dynastische Sonderinteressen höher stehen. Die große Masse der „guten Bayern" sind ebenso gute Deutsche und würden eine der Reichseiuheit gefährliche Politik nie unterstützen, wenn die Frage klar gestellt würde: „Für oder gegen das Reich". Sie können zu Schleppträgern solch gefährlicher Bestrebungen nur geworben werden, weil wir"in Bayern leider keine bürgerliche Presse besitzen, die ihrer A u f k l ä r u ugsp f l i ch t u n b e u g s a m u n d unbeein - f l u ß t na ch geh t. Die Blätter, die früher einen maßvollen Liberalismus oder eine entschiedene Demokratie vertreten haben, sind eins nach dem anderen ausgekaust worden und entweder offen zu den Deutsmuationaleu abgeschwenkt oder ihnen wenigstens im stillen verbunden. In auffälligster Form haben sich gerade anläßlich des jüngsten Konfliktes zwischen der bayerischen und der Reichsregierung Blätter, die einst die Vorkämpfer des Vismarckschen Einheitsgedankens waren, in den Dienst der bayerischen Sonderbündelei gestellt. Nur aus diesen unklaren Pxesseverhältnissen und aus der als Ueberblerbsel der Rätezeit verbliebenen — maßlosen Angst des bayerischen Bürgers vor dem Bolschewismus sind die besonderen bayerischen Zustände zu verstehen. Nationalismus, Antisemitismus sind durchaus nicht in dem Maße bayerische Besonderheiten, wie es dem oberflächlichen Beobachter erscheinen mag. Sie sind bekanntlich in allen Teilen Deutschlands stark genug vorhanden; es liegt nur an diesen besonderen Umständen, daß sie zurzeit im Stimmenchor der öffentlichen Meinung in Bayern über Gebühr hervortönen und scheinbar die Tonart bestimmen. Wir bitten unsere außerbayerischen Freunde dringend, deshalb nicht in das hochmütige Aburteilen über das ^zurückgebliebene Bayern" einzustirmnen, das von manchen norddeutschen Blättern nur zu gern geübt wird. Leider läßt sich nicht leugnen, daß auch jüdische Journalisten hiervon nicht freizusprechen sind. Sie nützen uns bayerischen Juden, die wir und mehr als unsere übrigen Glaubensgenossen angegriffen und bedroht fühlen, damit wahrhaftig nicht. Wir setzen unsere Hoffnungen vielmehr auf eine Ueberwindung der bayerischen und norddeutschen Gegensätze, die nur herbeigeführt werden kann, durch den liebevollen Versuch gegenseitigen Verstehens. 11=11 Mitglieder de; 8. 0.! Br 5pAl viel 6e!ü SU und unterstützt euren Herein, wenn eure n fatnllie«aii2«igeti u. 5>e»engttucbr in der £. ü.'Zeittnig Hü erscheinen, deren Auslage von über 60 000 Exemplaren idnenweilesieOerbreitrmg sichert ■ und vvo ihr Hl genießt. ÜÜ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.