Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 17 (31.8.1922)
- Date
- 1922-08-31
- Page
- Seite 209 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«nitlmunmcc 1,50 M. «erl!°, 31. puguft ms Verlag und Schriftleitung: Herl'm SW öS, Linöenftraße 15 ❖ Fernsprecher: flmt Dönhoff 3594, 5595, 5594 Die Zeitschrift ist nur Durch die zuständige Po ft an ft alt zum Preise von vierteljährlich M. 15,- zu beziehe« I. Jahrgang 9- Nr. 17 Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 16,—- für die Ogespattenr Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesfer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50% Nachlaß Die 90 mm breite Reklamezeile M. 90,— Urteile und Vorurteile. Zur Lage Ln Hapern. Der „Miesbacher Anzeiger" wendet bekanntlich sein ganzes Bemühen daran, beim Anstrag politischer Gegensätze und bei der Bekämpfung von Gegnern, je£>e Schroffheit des Ausdruckes und jede kränkende Maßlosigkeit des Tones zu vermeiden. Er .hat deshalb auch vor allen anderen Blättern das Recht, sich zn entrüsten, wenn einmal auf der anderen Seite eine Entgleisung unterläuft und die Grenzen des guten Tones überschritten wenden. Kein Wunder, daß deshalb der „Miesbacher Anzeiger" Gift und Galle spie, als vor einiger Zeit ein jüdischer Berliner Journalist >die Bayern mit Aschantts verglich.. Gewiß war dieser Verreich kränkend, ungerecht und vor allem unzutreffend. Wir Bayern wissen und fühlen selbst am besten, wie beschämend und mederdrückend die Formen sind, in denen sich der Judenhaß derzeit in Bayern Luft macht, aber wir verwahren uns sehr entschieden dagegen, daß man daraus vergleichende Schlüsse über die Kultürhöhe Bayerns und des oußerbayerischen Deutschlands zieht. Wir bitten den Berliner Zeltnngsschreiber, der von der vermeintlichen Höhe seiner Kultur so überheblich auf die Aschantibarbarei Bayerns herabsieht, zu bedenken, daß es auch im Norden antisemitische Ausschreitungen gröbster Art gibt und nicht nur heute, in einer Zeit, in der daS ganze deutsche Volk unter den Nachrwirkungen der Kriegs- und Revolutionspshchose und unter dem Druck unerhörter außenpolitischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten in seinem seelischen Gleichgewicht schwer erschüttert ist, und daß in Norddeutschland, vor allem in der Reichshauptstadt, die sich so gern als Mittelpunkt der deutschen Zivilisation fühlt, nicht nur Stöcker, Liobermann v. Sonnenberg., sondern auch die übelsten Radauantisemiten Ahlwardt und der Dveschgras Pückler jubelnde Gefolgschaft fanden, zu einer Zeit, da noch preußische Zucht herrschte und die Volksverhetzung leichter einzudämmen gewesen wäre als heute. Müssen wir das unüberlegte und böse Wort von den Aschantis, soweit es die Kulturstufe Bayerns kennzeichnen soll, entschieden zurückweisen, so können wir es nur in dem Sinne gelten lassen, daß unser Wesen außerhalb der weißblauen Grenzpfähle nahezu ebenso unbekannt ist wie das der Neger im Innern Afrikas. Dieselben norddeutschen Brüder, die sich heute den Bayern als «men Menschen vorstellen, der Tag und Nacht darüber brütet, wie er die Republik stürzen, die Wittelsbacher auf den Thron heben kann, und der dabei mit dem ganzen kräftigen bajuvarischen Wortschatz auf die Juden schimpft, sie mit Austreibung und Mord bedroht, dieselben Leute sahen noch vor acht Jahren in den Bayern ein harmloses, aller wirtschaftlichen Betätigung abgeneigtes Völkchen, das seinen Unterhalt und die Befriedigung seiner bescheidenen Bedürfnisse aus den Kassen des Fremdenverkehrsvereins bezog und dafür tagaus, tagein sich dem Verzehren von Weißwürsten und dem Vertilgen erheblicher Biermengen, in den Wenid- und Nachtstunden aber dem Zitherspielen, Schuhplatteln und Fensterln hingab. Die eine Vorstellung ist natürlich so falsch wie die andere: beide treffen, wenn überhaupt, nur auf einen ganz kleinen Teil des Volkes zu, der aber dem oberflächlichen Beobachter maßgebend erscheint und dem Ganzen die charakteristische Färbung gibt, weil er in einem Fall von einer verlogenen Bauerndramatik, im anderen von einer zielbewußt arbeitenden Presse so gekennzeichnet wird. Neben den paar hundert „Buam" und „Deandln" von ehedem, die im Dienste von Bauerntheatern und Volkstrachtenvereinen aus der Treuherzigkeit ein Gewerbe machten, und neben den paar tausend völkischen Schreiern von heute, die zum großen Teil ebenfalls die Karre irgendwelcher Unternehmer ziehen, steht die große Masse der Bevölkerung, die sich von der großen Masse im übrigen Deutschland gar nicht so sehr unterscheidet, sondern mangels eigenen Urteils in den Ton einstimmt, der von den ihnen maßgebenden Schichten angeschlagen wird, und das ist zurzett leider der völkische Ton, mit dem man das Gespenst de8 Bolschewismus zu bannen und die Scham über die Schwäche des Bürgertums während der Rätezeit zu bemänteln trachtet. Die breite Masse der Bevölkerung hat das Bedürfnis zu schimpfen wie der Wiener das Bedürfnis hat, zu raunzen, und für das Schimpfen waren von jeher neben den Preußen die Juden das dankbarste Objekt. Nur daß dieses Schimpfen vormals im Grunde harmlos und gutmütig war, während es heute, von einer geldkrästigen Organisation geschäftsmäßig und mit all der Rücksichtslosigkeit betrieben wird, die eine moderne Organisation anwenden muß, um ihre Auftraggeber zufrieden zu stellen und sich neben Konkurrenzunternehmungen zu behaupten. Diese Organisation ist aber durchaus nicht in Bayern bodenständig. Bayern und vor allem München ist nur die Operationsbasis, von der aus der Deutschvölkisch e S ch u tz - und T r u tz b -u n d, die Organisation C o n s u l und ähnliche Vereinigungen ihre Tätigkeit ausüben, weil zurzeit die-Standortsbedingungen für derartige Unternehmungen in Bayern besonders günstig zn sein scheinen. Die Gründer und Leiter dieser Organisationen aber sind überwiegend Norddeutsche. Dafür sei ein sehr bezeichnender Beleg erwähnt: In die Zeit des Besuches des Reichspräsidenten Ebert in München, der den Antisemiten Anlaß zu heftigen Kundgebungen gab, fiel der Geburtstag König Ludwigs II. von Bayern. Das benützten die Führer der Deutschvölkischen Arbeitsgemeinschaft in München zu Demonstrationen, indem sie am Sarge dieses ihnen selbst wahrscheinlich herzlich gleichgültigen Fürsten, der dem heutigen politischen Getriebe schon durch sein unglückliches Schicksal entrückt sein sollte, einen Kranz niederlegten, und zwar einen, der, wie sie in einer Presseerklärung verkündeten, mit weißblauen und schwarzweißroten Schleifen geschmückt war. Das sollte ein Hieb gegen die beim Präsidentenbesuch sehr angefeindete „Judenfahne" sein. Dabei übersahen die in der bayerischen Geschichte wahrscheinlich nicht sehr beschlagenen Herren, daß Ludwig II. aus fernem sehr ausgeprägten wittelsbachischen Empfinden heraus die schwarzweißrote Fahne immer abgelehnt hat und, als sie einmal an seinem Geburtstag