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Central-Verein-Zeitung · 1922-08-24 · 16 (24.8.1922) · p. Seite 200

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
16 (24.8.1922)
Date
1922-08-24
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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200 ♦ Hundert völkische Fragen und Antworten. In der Druckerer des deutschnativnalen ,.,Vogtländischen Anzeigers" in Plauen ist dieser Tage eine 123 Seiten starke Broschüre heimlich hergesteilt worden, die' den verheißungsvollen Titel führt: „H u n d e r t v ö l k i s ch e F rage n n n d A n t w orten aus Rasse, Volkstum, Staat und Turnen zum Gebrauch für die völkischen Prüfungen (!) in den Vereinen des Deutschen Turnerbundes und als Lesebuch für alle seine Mitglieder". (Alan erfährt hier die interessante Tatsache, daß es „völkische Prüfungen" gibt. Offenbar, sind Helsferich und Ludendorff Vorsitzende, Kunze und Mulle Beisitzer des Prüfun-gskoll-egimns, und der reif befundene Kandidat erhält ein Schießdiplom.) Herausgrgeben hat die Broschüre im Aufträge des deutschvölkischen Turnvereins Planen und des deutschvölkischen Turnvereins „Jahn" in Chemnitz der Ghmnaflaloberlehrcr. Friedrich Rudolf- Zenker in Ltraßberg bei Plauen. Das Ganze ist eine antisemitische Hetze g e g e u die d e u t f che R e p u b l i k um d ihre F ü h r e r. Z e nker b e -s ch i m p s t R e i ch s - und L a n d e s r e g i e r u n g , republikanische Parlamentarier und Parteiführer: Max von Baden, Erzberger, Groener, Scheidemann nennt er Judensoldlinge. Für den Znsanunenbruch hat er die Erklärung: „Unter der Oberleitung heimischer Juden fielen die willigen Knechte der Plutokratie, in i ß b r a u ch t e u n d b e z a h l t e Trottel u n d Verbre ch e r , nltramontnne, demokratische und sozialdemokratische Parteiober- und -Unterhäuptlinge durch. Entfesselung des Umsturzes dem Frontheere in den Rücken..." Daß der Herr Oberlehrer den „Tag der Revanche" verkündet („aufgeschoben ist nicht aufgehoben!"), nur nebenbei. Tie Hetzbroschüre sollte in 5000 Exemplaren über, die Grenze nach Deutschböhmen geschmuggelt werden, als die Staatsanwaltschaft in Plauen diese Lvrte nationaler Wiederausbanarbeit unterband, indem sie die gesamte Auslage beschlagnahmte. Hoffentlich ist die Angelegenheit damit nicht erledigt und Herr Zenker wird nicht nur des Berufes eines Jngenderziehers enthoben, sondern erhalt auch reichliche, von Staatswegen gesicherte Muße, um das Gesetz zum Schutz der Republik studieren zu können. Ein Brief Minner Cmrers. Herr Landtagsabgeordneter W a l d eck- Ma n a ff e sendet uns einen Brief der jüngst verstorbenen, hochverdienten Minna Cauer, der auf das'lebhafte Interesse unserer Leser Anspruch hat. Es heißt darin u. a.: ... Nichts aber tut mir wohllr als das Gedenken vieler aus Ihren Kreisen, diesen Kreisen, die jetzt mehr denn je zu dulden und zu tragen haben. Es ist mir stets ein Geheimnis gewesen undist es noch, daß die jüdische Presse sowie, das ganze Judentum mir stets ein ganz besonderes Interesse gewesen ist. so dach ich bis auf den heutigen Tag mich mit der Geschichte des Judentums -beschäftige und das Alte Testament mir immer von neuem eine Fundgrube für die christliche Lehre ist. . Vielleicht kommt es daher, weil ich die Herausarbeitung der Gestaltung e i n e s Gottes den Juden so hoch anrechne, obgleich der Gedanke eines persönlichen Gottes mir längst verloren geaangen ist. aber dieses Volk hak doch den Gottes^danken wunderbar gepflegt als Idee, als etwas, das einen Planin der Menschheit vertritt, und das in einer Zeit, wo anscheinend davon nichts oder wenig existierte. Und nun dieses Volk voller Intelligenz. Zähigkeit und Begabung — verfolgst gehaßt und doch niemals Zn überwinden. Es hat seine besondere Bestimmung in dein Weltgetriebe wie jedes Volk, aber hier liegen doch wohl geheime Pläne der Gottheit vor. dem Judentum eine besondere Mission zu übergeben. Welche? Niemand weist es, wer weist denn überhaupt, welche Pläne in Welt- und Volkstragödien liegen? Nun denn, schassen und arbeitenwir weiter! Ein neues Gesetz über die Einbnegernng von Juden in Danzig. Infolge eines im Jahre 1921 vom Danziger Senat ausgearbeiteten Gesetzentwurfes, -welcher die Rechte der Juden dieser Stadt schwer benachteiligte, hat das Komitee der jüdischen Delegation bei verschiedenen Faktoren diesbezüglich intervenierst In mehreren an den Völkerbund gerichteten Memoranden hat das Komitee der jüdischen Delegationen einige Aenderungen im Einbürgerungsrecht vorgeschlagen, welche die jüdischen Rechte zu beschützen geeignet waren. Aus dem neuen, am 15. Juli d. I. im Gesetzbulletin der Freien Stadt Danzig veröffentlichten Text des neuen Einbür gernngsg-esetzes folgt nun, daß die gerechten Forderungen des Komitees der jüdischen Delegationen Leim Danziger Senat zum Teil aus Anklang stoßen. Kraft des neuen Gesetzes können diejenigen Personen Danziger Staatsbürger werden, welche einen ununterbrochenen fünfjährigen Aufenthalt Nachweisen können. Außerdem sieht dieses Gesetz für diejenigen Antragsteller, denen der Senat die Einbürgerung verweigert hat, eine Berufung beim Obergericht der Freien Stadt Danzig, vor. Mit sanfter Hand. Wegen n n q u a l i s i z i e r t e r, roher Beschimpfungen der R e i ch s r e g i e r u n g und einer „Verunglimpfung" des bayerischen Ministerpräsidenten ist der „Völkische Beobachter" jetzt auf acht Tage verboten worden. Effekt: Ganze zwei Nummern verfallen dem Verbot, weil das Hetzblatt nur alle drei Tage erscheint. Das ,,LoLe" Cherson. Der Leiter der Hilfsaktion in Rußland, Dr. Bogen, entwirft in feinem letzten Bericht über die Lage in Südrußland ein erschütterndes Bild der Verhältnisse der Gouvernementsstadt Cherson. „Cherson" — erzählt Dr. Bogen — „ist eine tote Stadt. Der Hunger hat die Bevölkerung verwüstet. Typhus grassiert stark, Chvleriasälle kommen vor; die Sterbbich-keibsz-isser erreicht eine unerhörte Höhe. Die Madt, die früher 80 000 Einwohner zählte, beherbergt jetzt kaum noch 40 000, von denen 12 000 Juden sind. Die Juden litten und leiden am meisten; wohl deshalb, weil sie dem Mittel- und Handwerkerstand angehören und sich schwer versorgen können. Früher zum Beispiel waren sämtliche Wäschereien der Stadt in jüdischen Händen. Nunmehr sind die Wischer buchstäblich a-uisiaestorben. Das trifft zu>m Deck auch für das Schuhmacher- und Schneiderhandwerk zu. Unter den Juden ist die Sterblichkeüszlner größer als unter den Nichtjuden: sie erreicht die tägliche La hl von 50 bis 60. Die Massengräber auf dem jüdischen Friedhof geben eine traurige Illustration zur allgemeinen Lage." Schwere Niederlage des „BöMschen Beobachters". Vor den Schranken des H eilb rönne r Schöffengerichts kam kürzlich ein Prozeß zum Austrag, der wieder einmal so recht in die Tiefen der antisemitischen Volksverhetzung hinabblicken ließ. Angetlagt war der bekannte Friedrich I m H o l z (Osnabrück) und Dietrich E ck a r d t, der verantwortliche Schriftleiter des Münchener „Völkischen Beobachters", wegen Beleidigung des Rabbiners der Heilbronner israelitischen Religionsgemeinde, Herrn Dr. Beer man n^in einem am 11. Marz d. I. in dem genannten antisemitischen Organ erschienenen Artikel. Die Kontroverse ging aus von einem durch und durch unwissenschaftlichen und aufreizenden Pamphlet von Pfarrer Auer (Geislingen) über „Das jüdische Problem". HierzuLerfahte Herr Dr. B e e r m a n n eine in durchaus versöhnlichem Tone^ gehaltene Gegenschrift, die dann vom C e n t r a l - V e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an sämtliche Geistlichen Württembergs gesandt wurde. Es folgte ein von Jmholz verfaßter Gegenartikel im „Völkischen Beobachter", in dem die Rechtfertigung einzelner Talmudstellen durch Dr. Beermann in Zweifel gezogen wurde und an diesen die öffentliche Aufforderung gerichtet war, für einen Preis von' 10 000 Mark die Bedeutung der fraglichen Stellen in objektiver Weise zu interpretieren. Dr. Beermann kam der Aufforderung auch tatsächlich unter Aufwendung streng wissenschaftlicher Methoden nach, wurde aber nichtsdestoweniger von Jmholz in dem inkrimimerten Artikel vom 11.Mürz d. I. mit einem Kübel schmutzigster und leichtfertigster Beleidigungen überschüttet, wie dies ja in jenen Kreisen gang und gäbe ist.' Herrn 2)r. Beermann wurde darin unter anderem vorgeworfen, er habe „feige g e k n i f s e n" unb überlaste es nun anderen, über Jmholz üble Nachrichten zu verbreiten. In einem glänzenden Plädoyer ging der Vertreter des Privattlägers, Dr. ©umfiel, mit den völlig haltlosen Argumenten des Gegenanwalts ins Gericht. Er wies darauf hin, daß die Auersche L-chrift jeder Wissenschaftlichkeit entbehre und zudem in einem Verlag (Karl Rohm, Lorch) erschienen sei, der wegen seiner gemeinen hetzerischen Attacken gegen das Judentum übel berüchtigt sei. Außerdem stellte er fest, daß es eine „jüdische G ehe iml eh r e", wie der Vertreter der Angeklagten behauptete, nicht gebe und überhaupt nicht gegeben habe. Das Gericht, unter Vorsitz von Amtsrichter Wanner, gab nach längerer Beratung folgendes Urteil bekannt: Ter Angeklagte Jmholz wird wegen verleumderischer Beleidigung 3u einer Geldstrafe von 1500 Mark, der Angeklagte Dietrich E ck a r d t wegen P r e ß v e r g e h e n s zu einer solchen von 10 0 0 Mark verurteilt. Die Kosten des Verfahrens haben die Angeklagten zu tragen. Außerdem wird dem Privatklüger das Recht zugebilligt, obiges Urteil einmal im „Völkischen Beobachter" zu publizieren. Semittaroberlehrer Dr. Max ErigeLmarrrr, derseit einem Memchenaller an der Lehrerbildungsanstalt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine überaus verdienstvolle Tätigkeit entfaltet, begeht am 24. d. M. in seltener Frische seinen' 79. Geburtstag-. Seine ehemaligen Schüler veranstalten aus diesem Anlaß am 28. d. M., abends 8 Uhr. im Lehrervereinshaus. Mexanderplatz. einen Festkommers. Ein jüdischer" Soldat. In Frankfurt a. M. starb kürzlich Im Alter von 67 Jahren der Zollbeamte Bernhard Sander. Er war mit 16 Jahren freiwillig ins Heer eingetreten und hatte dann 14 Jahre lang im ehemaligen Leibinfanterieregllnent Nr. 114 gedient. Zu seiner Bestattung hatten sich zahlreiche seiner früheren Regimentskameraden eingefunden. und der Vorstand der Kriegerkameradschaft sagte in seiner Grabrede m a.: „Er war ein Jude wie selten einer; edel, hilfreich und ein treuer Kamerad. Wir waren stolz auf ihn." Bitte. Für einen Kriegsinvaliden, dem beide Beine amputiert wurden, der jetzt Lchüler an der Breslauer Kunstakademie ist und Anfang -September zu Studien- und Besuchs.zwecken für etwa zehn Tage nach Berlin kommt, wo er bei den großen Berliner Entfernungen seinen Selbstfahrer nicht benutzen kann, wird stundenweise ein Privatanto benötigt. Wer stellt es — fei es auch nicht für die ganze Zeit — zur Verfügung? Zuschriften an Dr. Alfred Wiener, Berlin SW 68. Lin denftraße 13 (Central-Verein) erbeten. Für die jüdischen Kriegsblinden. Die Zentrallvohlfahrisstelle der deutschen Juden, Berlin C 2, Rosenstraße 2—4. ersucht alle Gemeinden, die einen Btindenfonds besitzen, ihr dies mitzuteilen. damit die zu diesem Zweck zur Verfügung stehenden Gelder bestmöglichst verwendet werden können. , Warnung. Die I ü d i s ch e A r b e i t e r s ü r s o r g e st e l l e in K ö l n ersucht um Ausnahme folgender Zeilen: Wir warnen hierdurch alle vor einem raffinierten L-chwindler namens Mendel- K-lajner, der mit falschen Briefen ^unb unter Vortäuschung von Fallsucht in mehreren Städten größere mummen erbettelt hat. Klajner ist 37 Jahre alt. verheiratet und hat sechs Kinder. Frau und Kinder befinden sich in größter Dürftigkeit und leben getrennt von ihm. Kleiner ist arbeitsscheu, spielt und führt auch sonst emen höchst leichtsinnigen Lebenswandel. Die Sammlung „Jüdische Kinderhilfe", die seit mehr als einem Jahre von der Z-entrallvohl-fakrtsstelle der deutschen Juden veranlaßt,worden War. hatnunmehr ihren vorläufigen Abschluß gefunden. Es find im Reich im ganzen direkt für die „Jüdische Kinderhilfe" zirka S!4 Millionen Mark aufgebracht worden, ein Betrag, der sich auf zirka 5 Millionen Mark dadurch erhöht, daß gleichzeitig, angeregt durch diese Aktion, in den einzelnen Orten noch besondere Sammlungen für jüdische Kinde rhilsseinri ch tu n gen stattgefund-en haben.

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