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Central-Verein-Zeitung · 1922-08-17 · 15 (17.8.1922) · p. Seite 191

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
15 (17.8.1922)
Date
1922-08-17
Page
Seite 191 (sequence 7)
Language
German
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191 U. ' ' - ' -- Es ist ein recht törichtesaber weitverbreitetes Vorurteil: das einzige, was das Judentum wesentlich vom Christentum unterscheide, sei das Dogma. Und da Jesus natürlich von der Dreieinigkeit nichts wußte, sondern nur den Glauben au den „Vater im Himmel" forderte, so folgt freilich daraus, daß er uns Juden gerade deshalb, weil I Wir nicht Christen sind, noch werden können, in gewisser Hinsicht \ näher steht als denr geschichtlichen Christentum. Folgerichtig wird i dieser Umstand namentlich von jüdischen Nationalisten Zur Ver- ' Mischung des Unterschiedes Zwischen Judentum und der Religion Jesu benutzt. So schreibt Martin Buber („Drei Reden"): „Erst im synkretistischen Christentum des Abendlandes ist der dem OkZidentalen vertraute Glaube zur Hauptsache geworden; im Mittelpunkt des Urchristentums steht die Tat." Run haben wir freilich keinerlei Anlaß, die Kluft zu unterschätzen, die Jesus von Paulus und vom geschichtlichen Christentum trennt. Das gilt namentlich auch vorn Protestantismus; das Wort Luthers, das Baumgarten zitiert: „Wenn nur die Lehre richtig ist, das Leben sei gleich wie es wolle", würde Jesus nie gesprochen, ja, nie verstanden haben. Aber ebensowenig unterschätzen wir den Gegensatz Zwischen der Sittenlehre des Jesus der Evangelien (und nur an diesen haben nur uns zu halten) und der praktischen Ethik des geschichtlichen Judentums. Für die Propheten wie für die Talmudisten ist die sittliche Tat, „die Ordnung der Welt nach dem Willen Gottes", wie unser Olenn-Gebet es ausdrückt, die Kernforderung der Religion und Zugleich das untrüglichste Symptom der Liebe zu Gott. So gewiß nun der Jesus der Evangelien in der Wertschätzung religiöser Innerlichkeit auf die besten Ueberlieferungen des Prophetismus, der Psalmen und eines Hillel Zurückgreift, so fehlt ihm zur entschlossenen Forderung der praktischen Konsequenzen ein sehr wichtiges Moment: der Glaube a n d a s D i e s s e i t s und an seinen Wert. Ausschließlich dem nahenden „Reiche Gottes" zugewandt und der Sorge für die Seligkeit hingegeben, blickt er über diese Welt mit ihren Anliegen und namentlich ihren Pflichten hinweg. In dieser Gleichgültigkeit gegen Ordnring und Einrichtung der Welt ist Jesus geradezu der Antipode der Propheten. deren Ideal der Rabbinismus folgerichtig weiterführt. Und in dieser Prinzipienfrage, ob der Religion der Weltlanf gleichgültig und nur die religiöse Innerlichkeit und ihre Symptome wertvoll sein müssen, entscheidet Baumgarten gegen Jesus und für die Propheten. Er versucht, die Indifferenz der Aussprüche Jesu gegenüber dem Volkstum damit zu entschuldigen, daß Jesus „nicht erst predigen wußte, was er bei jedem Volksgenossen voraussetzen konnte", und folgert daraus natürlich, wie unrecht man tut, das „Neue Testament nackt auf den Boden des natürlichen Menschentums zu stellen ohne den alttestmnentlichen Unterbau". Und gewiß hat Jesus das „Bewußtsein der besonderen Erwähnung und Bestimmung der eigenen Nation" nicht minder besessen als die meisten Kinder seines Stammes. Trotzdem hat Baumgarten, wenn er im Namen des Christentums die Pflicht zu politischem Interesse lehrt, das ganz unpolitische Neue Testament aus dem Alten nicht etwa ergänzt, sondern berichtigt. Und genau so steht es hinsichtlich der Anschauungen unseres Gelehrten über die Moral des Berufslebens. Das Kapitel über Erwerbsethik klingt wie eine ausgesprochene Polemik gegen die Lehre des Urchristentums, der auch Jesu eigenes Leben entsprach, daß man nicht für den kommenden Tag sorgen, nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen solle; es stellt ein grundsätzliches Bekenntnis zu der rabbinischen Erklärung des 128. Psalms dar: „Wenn du von der Mühe deiner Hände lebst, heil dir (in dieser) und wohl dir (in jener Welt)". Dasselbe gilt von Baumgartens Ausführungen über die Selbstbehauptung als Basis aller gesunden Gesellschaft und über das Recht des Egoismus. Die Schranken, die natürlich auch Baumgarten dem Egoismus zieht, sind erheblich weniger eng als diejenigen der Propheten^; das Korrektiv des sozialen Empfindens greift hier viel weniger stark in die Brutalität des wirtschaftlichen Betriebes ein; von der Verdanunung des aus äußere Güter gerichteten Egoismus als solchen ist vollends nicht die Rede. > Run hat man als Beweis für den geringeren Grad der jüdischen Frömmigkeit gern ans die „P h a r i s ä e r" hingewiesen, die im Neuen Testament gelegentlich als Folien christlicher Religiosität erscheinen. Zwar hat man zugestehen müssen, daß das Neue Testament nicht die Pharisäer selbst, sondern nur „Auswüchse, ihrer Frömmigkeit" zeichnet, und daß wir aus den eigenen Religionsquellen der pharisäischen Richtung das Bild einer wahren, echten Frömmigkeit erhalten. Daß nicht alle Anhänger dieser religiösen Richtung dem Ideal der Führer entsprachen, kann natürlich gegen die Richtung als solche nichts beweisen. Baumgarten geht einen Schritt weiter. „Alan wird immer wieder die Entdeckung machen," schreibt er, „daß mit der Höhe der religiösen Zielbestimmung und mit denr Maße, in dein ein ganzes Volk, ein ganzer Menschendurchschnitt, sich dazu verpflichtet fühlt, also m i t d e m G r a d e der V o l k s s r ö m m i gk e i t sich die Häufigkeit der Heucheleimehrt . . . Die Häufigkeit des heuchlerischen Kant im spätjüdischen und im englischen Volk ist nur eine Folge der durchschnittlichen Religiosität dieser Völker." Die Sperrungen stammen von Baumgarten; er scheint auf diesen Gesichtspunkt Gewicht zu legen, und auch ich glaube, daß er von jüdischer wie von christlicher Seite Beachtung verdiente. Wenn man Ibsens „Stützen der Gesellschaft" und Shaws „Teufelsschüler" nicht nur studiert, sondern sich auch fragt, warum es unter gewissen Voraussetzungen zu solchen Typen kommen mußte, so kann man mehr für das Verständnis gewisser Erscheinungen der Evangelien lernen als durch alles Nachschlagen; und vor allem wird deutlich, daß jene Entartung, mit deren Tadel bekanntlich auch die Talmudisten nicht zurückhalten, keineswegs Erscheinungen einer einzelnen Religion sind — wenn man nicht den Standort noch höher nehmen und sie als Verfallserscheinungen ansehen will, die sich nicht minder, wie in den Religionen, auch auf anderen Gebieten (Kunst, Bildungswesen) verfolgen lassen. Aber solche Betrachtungen, so anregend sie sind, würden zu weit führen. Fassen wir das Gesagte zusammen, so ergibt sich unser ■Jierijt, Baumgarten darin zuzustimmen, daß auch er nicht die Auflösung des Judentums, sondern seinen Fortbestand wünscht. Aber dieser Fortbestand ist nicht durch Rassentheorien zu rechtfertigen, sondern durch die Ueberzeugung, daß die jüdische Frömmigkeit durch die christliche nicht beerbt noch überboten ist. Baumgartens Buch, soviel auch er gewiß der christlichen Bibel neben der jüdischen verdankt, legt von dem Recht jüdischer Lebensanschauung unfreiwilliges, aber beredtes Zeugnis ab. *) Daß Baumaarten durchweg dem- Machiwillen des Einzelmenschen wie des Staates weiter entgegenkommt. als wir vom Standpunkt der prophetischen Ethik aus billigen können, kann hier nicht näher dargetan werden, sei aber deswegen angedeutet, weil natürlich seine Schwache gegen vererbte antisemitische Vellei täten mit dieser lieberschätzuna des naiven I n-stinkt-lebens zu so mmenh ü n gt. WEIHBRAND U!lllllli!!il!l!ll!!II!!IIIIII!!nt!i!!lll!Mllllllll!ll!!ll!lll!l!llllllIIillll!ll!!!!lllll!!iilillIl!!fll!!!i!llliltl!!!HIII! für Nr. 16 vom 24. August d. 3. ist 'Ml»$vl$|v5l|ll/tllp Montag, den 21. August, vormittags. ll!lll!!IUl!lfillII!i)i!IIIIIIi!i!!llllilll!illllll!!lll!!!!llll!!lll!!l!ll!iifl!lll!lll!!i!llll!!lillH!lill!ll!!ll!l!ll!l!(Iltil Trauerkleidung jeder Art in grösster Auswahl und bester Ausführung - Trauerhüte und Schleier Auswahlsendung bereitwilligst sofort! 1’raiier-f*iagazifi des Westens ^62, Kleiststrasse 23 HtüÜlsiMS & C@* Fernruf: Kurfürst 6818 '»V*

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