Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 15 (17.8.1922)
- Date
- 1922-08-17
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Otto Haumgartens »praktische Sittenlehre'. Von Dozent Dr. He ine mann in Breslau. Otto Baumgartens Stellung zur Jirdenfrage hat mich schon seit längerer Zeit interessiert. Nicht nur weil Baumgarten als einer der Führer der liberalen protestantischen Theologie und als politischer Schriftsteller einen nicht geringen Einfluß, namentlich in der liberalen Pst-rrerwelt, besitzt, sondern säst noch mehr wegen e-i-nes eigentümlichen Gegensatzes, den ich schon vor einigen Jahren in sein^ Schrift „Predigtprobleme" bemerkte. Da spricht er ganz naiv von „unserem antisemitischen Volk (wir sind es, was die Rasse angeht, fast alle)"; airOererseW findet er für die Größe der Ethik des, „Alten, Testaments" und seine Unentbehrlichkeit für den Christen warme, überzeugende Worte. Ja, bei genauem Hinhören war wohl zu bemerken, daß Baumgarten für das Ethos jüdischer Frömmigkeit gerade an den Punkten, an dem sie über die christliche hinausgeht, nicht nur ein sehr feines Verständnis besitzt, sondern weit stärker, mehr als ihm selbst z-mn Bewußtsein kommt, auf feiten des Alten Testaments gegen das Neue steht. Beide Seiten seiner Stellungnahme — also der Antisemitismus sowohl wie die Wertschätzung des eigentümlich Jüdischen in der Religion — kommen in seiner neuesten Schrift „P r a k t v s che S ittenl e h r e" (bei I. C. B. Mohr in Tübingen!) m einer Weist zur Geltung, die für uns, wie ich Aaube, -lehrreich ist, aber auch cinie kritische Betrachtung erfordert. L Ueber den Antisemitismus spricht Baumgarten im Zusammenhang mit der Rassenethik. Deren sittlicher Kern liegt „im Verantwortungsgefühl gegenüber der Arterhaltung in Rassenreinheit und Lebenskraft", aus dem zum Beispiel der Verzicht auf eine Ehe mit einem schwächlichen Menschen sich ergeben muß. „Das ist nun auch das Berechtigte bei der Forderung der Reinhaltung der Deutschen Rasse von semitischer oder gar schwarz- oder gelbblütiger Beimischung... So gemischt und trüb tk immer steigende antisemitische Flut bei uns ist, so darf sie doch nicht als sittlich ungesund und als Symptom der Entartung schlechthin betrachtet werden. Dem Antisemitismus kann eine sittliche Berechtigung nicht bestritten werden, soweit er sich in der Beeinträchtigung der staatsbürgerlich gleichen Rechte der mit uns denselben vaterländischen Boden, dieselben vaterländischen Lasten teilenden Juden sowie der schnüsselnden Schuldsucherei allein bei dieser Rasse — wo doch unzählige Christen in Kriegswucher und Genießen und Schieben mit ihnen gleichtaten — sich enthält und lediglich aus eine gewisse Zurückhaltung vor der fremden Rasse, eine Erschwerung der Zwischeuheiraten, aber auch mit kapitalkräftigen Exemplaren, aus eine gewisse Berücksichtigung des Rassengesichtspunktes bei Personalsragen beschränkt. Dieser Rassengestchtspunkt darf nur nicht für sich, unter Nichtachtung aller geistigen und seelischen Werte und, geschichtlichen Lebens- und Leidensgemeinschaft, und er darf nicht als schlechthin den Verkehr, die Vereinigung ansschließender Gesichtspunkt geltend gemacht werden. Es gibt ein Rassenethos, aber nur als ein Moment neben und sogar hinter anderen. Sonst wird es zu einer Sünde wider den Geist, die doch noch ärger ist als die „Sünde wider ldas Blut". Der landläufige Antisemitismus ist eine brutale. Zuchtlose Gefühlsroheit und Verleugnung der sittlichen Grundlage unserer Volksgemeinschaft, ordnet den Wert der Einzelseele der Massenwertung unter und bedeutet also einen Rückfall der Persönlichkeitskultur in kulturloses Naturleben. Aber wenn es germanisch-christlichen Familien bei aller persönlichen Unbefangenheit und Gbeichwertung jüdischer und christlicher Geisteserzeugnisse schwer fällt, einer Verbindung mit einer semitischen Persönlichkeit sich ohne weiteres zu erfreuen..oder wenn es überwiegend germanischchristlichen Gemeinwesen bei aller hohen Bewertung der Fähigkeiten und Verdienste semitischer Beamten doch schwer fällt, sich ein solches Oberhaupt zu wählen..dann wirkt sich darin eine einfache Tutsache, die des Rasstngegeusatzes, und ein gewisses Ethos aus, das der Art- und Rassenreiuhiültung." Mit dem „landläufigen Antisemitismus" will also Baumgarten nicht verwechselt werden; und in der Tat hat er ein Recht aus Beachtung des Unterschiedes. Es ist für uns ein schwacher Trost, zu bemerken, daß die Methoden, die unseren Gegnern nur zu oft [ die Zustimmung der Gasse und brutaler Desperados verschafft haben, s feiner und gerechter denkende Naturen äbzustoßen scheinen. Es fragt [ sich nur, ob Baumgarten die Vorurteile, die sein Geist und sein an - der Bibel geschultes Gerechtigkeitsgefühl widerlegt, auch innerlich überwunden hat. Und diese Frage ist zu verneinen. Aus dem religiösen Bekenntnis der Juden kann nach Baumgarten ein Grund zu ihrer Zurücksetzung nicht abgeleitet werden: der religiöse Gegensatz spielt für ihn, der auch dem Freidenker Gerechtigkeit widerfahren läßt, überhaupt keine Rolle. Ebensowenig denkt er daran, den Juden einen Mangel an „nationaler Gestunungstüchtigkeit" zum Vorwurf zu machen, schon deshalb nicht, weil es ihm sehr zweifelhaft ist, ob die Politik der rechtsstehenden Kreise früher und jetzt Deutschland zuur Heil gereicht hat. Es bleibt der Gegensatz der Rasse. Aber auch ihn faßt Baumgarten natürlich nicht im Chamberlaiuschen Sinn: er glaubt nicht an eine Minderwertigkeit des jüdischen Blutes, sondern nur an ein „Anderssein". Allein von hier aus sind die Zugeständnisse, die er dem antisemitischen Instinkt macht, unmöglich zu rechtfertigen. Das gilt zunächst von der Stellung zur B e a m t e n l a u f b a h n der Juden. Gewiß drückt sich Baumgarten hier recht gewunden aus und will das Aufrücken von Juden auch in höhere Veamtenstellen nicht grundsätzlich untersagen. Aber schon die von ihm gebilligte Erschwerung kränkt — einem rudimentären Vorurteil zuliebe — das klare Recht und das Interesse des Staates. Taugt jemand zu einem Amt besser als ein anderer, so hat nicht nur er einen Anspruch auf das Amt, sondern auch der Staat einen Anspruch auf seine Arbeitskraft. Wenn Deutschland sich heute irgendeinen Luxus nicht gestatten darf, so ist es derjenige der Anstellung minder tüchtiger Beamten. Etwas anders steht es mit Baumgartens Forderung einer Beschränkung der Mischehen. Wir gestehen offen: wir haben sie lieber gelesen als die in Liberalem Munde nicht seltene Forderung, dieJuden möchten doch möglichst bald durch Mischehen die leidigeJudensrage aus der Welt schaffen. Aber die Begründung Baumgartens zeigt das Bedenkliche und Unzureichende seiner Stellungnahme. Der Versuch, die Mischehen aus Gründen der Eugenik, also der Rücksicht aus die TüchticLeiit des Nachwuchses, zu verMMisjen, ist völlig mWunaAN. Aus Mischehen können genau so gesunde Kinder hervorgehen, wie aus der Verbindung mit 'Rassengenossen. Erwägenswerter ist der Gedanke an die „Remerhaltuug der Rassenart". Aber wenn man, wie es Baumgarten doch tut, vom religiösen Gegensatz von Juden und Nichtjuden ganz absieht und ausschließlich den der Rasse gelten läßt, so fragt sich naturgemäß, ob denn dieser Gegensatz so groß ist, um auch das Opfer einer echten Liebe zu rechtfertigen. Baumgarten selbst spricht einmal vom „Herumschnüffeln" an fremden Blüten, „bis man darin den Wurm des Volks- und Rassenfremden -vEeckö lünid sie sich und anj^r-eni verleidet hat". Dev emzige Grund, der sowohl logisch wie psychologisch die Bekämpfung der Mischehe rechtfertigen kann und muß, ist das Wurzeln zweier Menschen in verschiedenen religiösen Traditionen und in den Gemeinschaften, in denen diese Traditionen i-h.o Leben entfaltethaben. Solche Verbundenheit ist selbstredend auch bei vielen bewußt oder unbewußt wirksam, die zur Religion oder doch zu ihren zentralen Fragen nicht mehr die geschichtliche Stellungnahme einnehmen. Daß aber da, wo ein völliger Bruch mit der Religion erfolgt ist, auch die Mischehe auf wesentlich geringere Schwierigkeiten stößt, versteht sich von selbst. Wie „Arier", für die die Religion kein Hindernis bildet, über die Mischehe denken — davon gibt Baumgartens Anspielung auf den Rassenantisemitismus, der vor „kapitalkräftigen Exemplaren" der anderen Rasse halt macht, eine Vorstellung. Wer auch unter denjenigen Führern des jüdischen Nationalismus, denen die Religion des Judentums nichts mehr bedeutet, sind Mischehen keineswegs selten, wiewohl doch hier der Unterschied der Abstammung einen nicht wieder gutzumachenden Mangel darstellt. Alleinige Anzeigen-Annah me Rudolf Mosse, Anzeig-en-Annahme für sämtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands Berlin L^iV 19, Jerusalemer Straße 46-49 ✓ Breslau / Chemnitz / Cöln a. Rh. / Dresden ✓ Düsseldorf / Erfurt ✓ Frankfurt a. M. / Lalle (Saale) Lamburg / Lannover / Leipzig / Magdeburg / Mannheim / München / Nürnberg / Stuttgart / Prag / Wien / Warschau / Basel / Zürich Har Hautpflege 'Körperpflege/ Schönheitspflege Zup Babypflege > för 'Maffage ‘färSpoptsieute-