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Central-Verein-Zeitung · 1922-08-10 · 14 (10.8.1922) · p. Seite 175

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
14 (10.8.1922)
Date
1922-08-10
Page
Seite 175 (sequence 3)
Language
German
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175 Völlig anders wstckt das Md eines anderen, nicht minder überzeugten Deutschnationalen, des Göttinger Professors Ulrich K ay rstedt, der in seinen „Eisernen Blättern" schreibt: . . Noch war es ein enger Kreis um Nathenau, der wieder anfing, deutsche Politik zu wachen, noch sehr bedrängt und behindert durch die persönliche Richtung Wirths und Hermes', die aus der Erfüllungsfreudigkeit nicht heraussanden. Es war ein Anfang, der auf Zwei Augen stand, aber es war ein Anfang. Diesen Augenblick hat man benutzt, um Nathenau zu ermorden. . . Sie (die deutschvölkischen Kreise) haben m unbewußtem Bündnis mit den Pazifisten die ganze Propaganda gegen die „schwarze Schmach" verdorben — sie sind imstande, cmcl] jetzt mit tödlichem Instinkte das zu tun, was Frankreich braucht. /. . Itnd wenn die Worte von deutscher Ehre und deutschem Lande, die zu schützen seien, schön und gut klingen, darf man selbst heilte daran erinnern, daß es gerade außerhalb bestimmter deutscher Parteien Menschen gibt, die man mit Recht als Bedrohung für deutsche Ehre und deutsches Land bezeichnen kann, in Paris imb Warschau, den gegenüber solche Worte mehr Sinn hätten. Dort aber haben wir sie "kaum gehört, der erste, der sie fand, der wieder'vom Volkstum als dem höchsten Gut sprach, war eben Rathenau. Hoffen wir, daß seine Leute vor allem seine Politik machen, nicht nur seine Leiche beklagen unb seine Mörder verfolgen." Später schrieb Ulrich K a h r st e d t in seinen „Eisernen Blättern": „Die Kugeln der Nathcuan-Mörder beginnen eine weltpolitische Bedeutung anzunehmen. Der Kampf iim die künftige internationale Stellung Deutschlands ist in diesen Tagen entschieden worden: Die Richtung Nathenau, die den Anschluß an England und die Abkehr von Frankreich vorbereitete, ist verschwunden Das Kabinett Wirth, seines einzigen groß-politisch denkenden Mitgliedes beraubt, ist in die alte französische Bas^enstellnng Zurückverfallen." Kahrstedt ist Deutschnationaler. Als deutschnationales Blatt will auch die „D e u t s ch e Tageszeit u u g" — „Für deutsche Art!" — gewertet werden. Hier lesen wir aber im Zusammenhang mit dem Nathenan-Mord. „Sie (die deutsch-demokratischen Blätter in der Tschechoslowakei) benutzen in Nebereinstinnnung mit der tschechischen Presse den Mord an Rathenau zu gehässigen Angriffen gegen die Deutschnationalen Deutschlands und überbieten einander in der Verbreitung von Tendenznachrichten. Es ist bezeichnend, daß ein einziges Blatt, und zwar ein tschechisches, der klerikale „Eecho", die unselige Tat von einer anderen, allerdings höchst bedenklichen Seite als der der Gehässigkeit gegen die Deutschnationalen betrachtet. Er schreibt: „Warum ist die Position der Regierung so armselig? Weil in ihr das jüdische Element vorherrscht.— Der Knobel blüht in Europa, Asien und Afrika. Der heldenmütige Deutsche erhebt sich als erster gegen ihn. Was die ganze Welt" eher vom Russerr erwartet hätte, das beginnt der Deutsche durchzusühren. Glaubt etwa jemand, daß dies nicht auch anderswo Sympathien wecken wird? — Die Schüsse, denen das Leben Rathenaus zum Opfer fiel, :stnd ein warnendes Signal für ganz Europa." Noch deutlicher wird Theodor Fritsch im „Hammer", der auf uuseren Anssatz (Nr. 9): „Wir klagen an" hinweist. Es heißt da: „Die d e n t s ch v ö l k i s ch e B e w e g u n g war und i st noch das Sicherheitsventil für den normalen, gesetzliche n, u n a u s h a l t s a m e n A u s t r a g der fs u dens x a g e. Ausnahmen, wie der Mord an Nathenau, bestätigen die Regel und Erfahrung, daß trotz dem ungeheuren Zündstoffe,' den das Judentum selbst zusammengetragen hat, den Juden in Deutschland nicht ein Haar gekrümmt worden ist. Sie selbst haben unaufhörlich der dentschvölkischen Bewegung Pogromabsichten — das sind Massentötungen— untergeschoben, haben das Aeußerste getan, solche herauszufordern. Nichts Derartiges ist geschehen und wird geschehen, solange der völkischen Bewegung der Weg der gesetzlichen Regelung der Judenfrage offen steh t. Erst wenn dieser Weg durch unsinniges Verhalten der Inden versperrt werden sollte, würden sie die völkische Bewegung ans den Weg der G ew a l t z w i n g e n. ... Das sollen die jüdischen Führer bedenken." Zum Schluß eine beachtenswerte Stimme des Allslandes: In der verbreiteten dänischen Tageszeitung „P o l i t i k e n" schreibt der Dichter Johannes V. Jensen über den ermordeten Minister: „Ein vollständiger Mangel an Aufgeregtheit, Exaltiertheit war der vornehmste Zug in R a t h e n a u s Physiognomie als Staatsmann, und doch kann man sicher sein, daß gebändigte Leidenschaften darunter lagen. Das ist eine Menschenart für sich, ein erworbener höherer Instinkt, ein Streben nach Macht in veredelter Form. Selbstliebe wegen der ganzen Menschheit. Nur das Mnttergesühl beim Weibe hat etwas Entsprechendes, elementar und zugleich unbegreiflich, aber es hält nun mal die Welt im Gange. Nathenau besaß diesen Instinkt. Man fühlte einen undefinierbaren, heilenden Einfluß von seinem Namen au s geh en, er b e - beutete A mnestie für Deutschland, für die verzerrten Geister, die noch in der Welt sind, in der unsentimentalen Wärme, die von ihm ausging. Großer Schaden ist geschehen, daß er in seinem Laus unterbrochen wurde . . Ich schlag-e die „Reflexionen aus und finde: „Das Gedächtnis der Welt ist ewig.". . . „Und wie er in das Gedächtnis der Ewigkeit eingedrungen war, so wird sie ihn bewahren." Er schließt: „Menschen und Mächte sind der Inhalt des Weltgeschehens. Zeitliche Gehässigkeit kleinlicher Mächte wird spurlos verschwinden." -r. Die deutsche Studentenschaft und die Republik. In welch unglaublich provozierender Art ein großer Teil der deutschen Studentenschaft unausgesetzt gegen die heutige Staatsform Deutsch- , lands und die Gleichberechtigung aller Staatsbürger Stellung nimmt, beweisen aufs neue die nachstehenden Vorfälle: In der Sitzung der Studentenvertretnng der Universität Berlin am Sonnabend, dem 5. August, teilte Herr cand. jur. Hans Hellmuth Preuß den Vertretern der Minderheitsgrnppen mit, daß die „deutsche Gruppe der Korporationen" (der z. B. der Wingolf und auch die im K. B. vereinigten katholischen Korporationen angehören) dem Rektor oder dem Ausschuß der Studentenschaft offiziell mitgeteilt hätten, daß sie in Zukunft n i ch t m c h r eh argi e r e n w ü r d e n, w e n n die 11 niversität u n d d^a s A u l a g e b ü u b e wieder — wie beim Friedrich-Wilhelm-Tag am tz. August — s ch w nrzrotgold beflaggt sei n m ü r d e it! Zu bemerken ist, daß Herr Preuß, der Mitglied der Fraktion „Deutscher Hochschulbund" ist, denn Ausschuß der Stndenteuschaft (A. d. St.) angehört. Ferner habe in einer am Sonnabend, dein 5. August, vormittags, stattgefundenen Sitzung des A. d. St. der Sprecher der Studentenschaft, Herr Hoefs, eine Erklärung verlesen, daß es bedauerlich sei, daß der Rektor in seiner Rede am Friedrich-Wilhelm-Tag des „j ü d i s ch e n Nt inisters R a t h e n a u" gedacht habe. Herr Preuß habe sich nachher die Erklärung ansgebeten, aber das Exemplar sei plötzlich nicht mehr aufznfinden gewesen. Außerdem, berichtete Herr Preuß von einem Schreiben, daß das Mitglied des A. d. St. Herr P i e p e n b r i n k, der Vorsitzende der Ortsgruppe der Deutschnationalen Bolkspartei an der Universität, an den Rektor oder den A. d. St. gerichtet habe, und in dem etwa folgendes enthalten gewesen sei:" Er, Piepenbrink, bedauere, an der Feier des Friedrich-Wilhelm-Tages nicht teilnelunen zu können — nicht etwa, um den hohen Stifter der Universität nicht zu ehren, sondern weit er es nicht übers Herz bringen könne, mit a n z u - sehen, daß deutsche Korporationen ihr e Fahnen vor der schwarzrotgoldenen Fahne senken rn üsse u. E r sähe darin e i n"B e k e n nt n i s z ut Staatsform, das abznlegen er nicht gewillt sei. — Der preußische Unterrichtsminister hat unmittelbar nach der Ermordung Rathenaus j in einem Erlasse alle Schulleiter dringend ermahnt, gegen die Ver - wilder u n g der Schuljugend — auch der Hochsckstlkjugend — und die staatsfeindliche Ver h etz nn g in ih reu Kreisen energisch einzuschreiten. Aus dem vorstehenden Bericht ist zu ersehen, wie dieser Erlaß beherzigt wurde und wird. Turnverein Jahn. In einer „Antwort"-Notiz in Nr. 3! unserer Zeitung hatten wir auf Grund durchaus glaubwürdigen! Materials behauptet, daß der „Turnverein Jahn", wste alle zum j „Deutschen Turnerbnnd" gehörigen Vereine, deutschvölkischen oder i antisemitischen Tendenzen huldigt. Diese Behauptung hat in München Widerspruch erregt, und ein geschätztes Mitglied unseres Vereins teilt uns folgendes mit: „Ich hatte heute eine Besprechung mit dem ersten Vorsitzenden des „Turn- und Sportvereins Iayn" und erhielt von ibm die Bersichenma das; von seiten der Vorstandsschaft i c b e a njt t f e m t tt \ d) e Strömung im Verein energisch bekä m p f t wird. D-er Vorsitzende selbst bemüht sich, in dieser Frage immer anfflärcrib und versöhnend zu wirken. Daß diese Angaben aus Wahrheit beruhen, geht auch daraus hervor, daß ich schon seit längerer Zeit Vorstand der Münchener Hocketzvereinigung Jahn, einer Unterabteilung^ des '„Turnvereins Jahn" bin und mit der Leitung des Gesamtvereins stets im besten Einvernehmen zusanunengearbeitet habe." Zum Tode Minna Cauers. Die in hohem Alter dieser Tage verstorbene Minna Cauer, wegen ihrer rastlosen Tätigkeit für die Frauenwelt allgemein bekannt, wegen ihrer Förderung aller humanen und sozialen Ärbeit geschätzt und beliebt, gehörte auch zu den Bekämpfern des Judenhasses. Was wunder, wenn von gegnerischer Seite die Lüge verbreitet wurde, sie sei Jüdin und heiße eigentlich Cracauer, eine Behauptung, die Minna Cauer, die rein „arischer Abstammung war, stets ein Lächeln entlockte. — Am frischen Grabe der Entschlafenen gedenken auch wir dieser echten Deutschen in Dankbarkeit und Verehrung. Ein weltfremder Richter. In Oberstein - Idar zog eines Tages ein Trupp Hakenkrenzjünglinge durch die Stadt und schwenkte dabei, wie nicht anders zu erwarten, eine Fahne, die natürlich mit dem deutschvölkischen Mordsymbol geschmückt war. Den Kaufmann S. Weingarten brachte dies so sehr in Empörung, daß er dem Fahnenträger die Fahne ans der Hand riß und die Jünglinge mit Ausdrücken wie „Lausbuben" u. dgl. traktierte. Die Sache kam vor Gericht und Herr Weingarten wurde wegen Nötigung zu 2000 Mark und wegen Beleidigung zu weiteren 2000 Mark, also insgesamt zu 4000 Mark Geldstrafe verurteilt. Mit diesem Urteil, gegen das sofort Berufung eingelegt wurde, wollen wir uns aber hier weniger beschäftigen als"mit dessen überaus seltsamer Begründung. Das Gericht erklärte nämlich wörtlich: „Es wurde als strafmildernd betrachtet, daß der Angeklagte geglaubt haben mag, das Haken- ' kreuz sei das Zeichen der Antisemiten. Es müsse aber dahin- [teilt bleiben, o b das t a t s ä ch I i ch der Fall sei l" So geschehen in Deutschland Anno 1922.

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