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Central-Verein-Zeitung · 1922-07-20 · 11 (20.7.1922) · p. Seite 143

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
11 (20.7.1922)
Date
1922-07-20
Page
Seite 143 (sequence 7)
Language
German
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143 . Der Verein zur Abwehr des Auttseuritismus hat seine Hauptversammlung zu Stettin abgehalten. Reichsminister a. D. Gothein sprach über „Die Schädigung deB 'deutschen Ansehens nach innen und außen durch den Antisemitismus". Nach lebhafter Aussprache, in der alle Richtungen Zu Worte tarnen, bildete sich in Stettin eine Ortsgruppe. Ebenso wurde in Dortmund eine Ortsgruppe des Abwehrvereins ins Leben gerufen. Mr begrüßen den Zusammenschluß unserer christlichen Mitbürger gegen den Judenhaß als vaterlandschädliches Treiben aufs wärmste. Eine schöne Ehrung. Herr Kommerzienrat Bernhard G o lösch mtM in Mainz ist anläßlich seines sechzigsten Geburtstages zum Ehrenbürger der Stadt Birkenfeld uach einstimmigem Beschluß des Gemeinderates ernannt worden. Der Gemeinderat wollte damit das eifrige, charrtative Wirken Goldschmidts für seine Heimat anerkennen. Ueber jüdische Poesie und Musik -sprach im Landsberger Verein für jüdische Geschichte Oberkantor M. Davidsohn (Berlin). Welchen großen Eindruck seine Ausführungen aus christliche Zuhörer gernacht. haben, beweist folgende Stelle aus dein Berichte des „Neumärkischen Voltsblattes": Hätten diejenigen, die heute am lautesten über bie Juden schimpfen, nur einmal Gelegenheit genommen, an diesem Abend das Wesen des Judentums am Urquell seiner geistigen Elemente ein^wenig zu studieren; vielen von denen, die ein Opfer der lautesten Schreier in ihrem Lager geworden sind, hätte der Abend manches zu denken gegeben, was ganz dazuangetan gewesen wäre, ihre Meinung über einen wesentlichen Teil unserer Volts gen offen zu revidieren, die heute noch vielfach dank der Verblendung einer Clique von Fanatikern, die sich auch Kulturmenschen nennen, um ihre einfachsten Menschenrechte einen Kamps' führen müssen. Deutsche Gesellschaft 1914. Wir hatten unlängst -»nitgeteilt, daß ein Bereits festgesetzter Vortrag Herrn Dr. Naumanns in der Deutschen Gesellschaft 1914 wieder von der Tagesordnung abgesetzt worden ist. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft 1914 teilt uns hierzu mit, daß nach den Gepflogenheiten der Gesellschaft ein Vortrag abgesetzt wird, wenn «in Einspruch aus Mitgliederkreisen erfolgt. Dies geschieht rein automatisch, ohne daß der Vorstand für oder gegen den Inhalt des Vortrags Stellung nimmt. Der Sezieksrabbmer von AoriÜsöorf. Von Dr. Felix Hermann (Stettin). Kurz nach dem Deutsch-französischen Kriege, im Jahre 1871, erschien in erster Auslage ein Buch, das — an sich nicht originell — schon der Persönlichkeit des Verfassers wegen geeignet war, das größte Aufsehen zu erregen. Der k. k. Professor der hebräischen Altertümer an der ältesten deutschen, der Prager Universität, Dr. August Rohling, zog gegen das jüdische Schrifttum und im besonderen gegen den Talmud zu Felde, und in seinem Buche „Der Talmudjude", in dem er die mosaische Religion mit dem Worte „Talmudismus" kurz bezeichnet^ ist erschrecklich viel zu lesen von der „gänzlichen Vernichtung des Sittengesetzes" durch den Talmud und davon, daß nach den „Gesetzen" (!) desselben Buches der Jude den Christen betrügen, bewuchern. ermorden, sein Verlorenes sich Zueignen, seine Töchter mißbrauchen, ihm abgeschworene Eide brechen dürfe. Das Buch des Prager Professors hatte überreichlich Zündstoff in die Massen getragen, und die erste größere Explosion erfolgte im Jahre 1882, Ein antisemitischer Hetzer, namens Franz Holubek, hatte in einer „Versammlung der christlichen Gewerbetreibenden" zu Wien am 4. April 1882 zur Existenzvernichtung der Juden unter Berufung auf das „unsittliche" Buch, den Talmud, nach dem sie angeblich lebten, aufgefordert. Vor Gericht zur Rechenschaft gezogen, berief er sich durch seine Verteidigung aus Stellen aus Rohlings Buch „Der Talmudjude", und auf Grund dieses Zeugnisses wurde Franz Holubek einstimmig von den Geschworenen freigesprochen. — Das Judentum war moralisch verurteilt und schwer getroffen. Die beiden Wiener Seelsorger, Dr. Güdemann und Dr. Jellinek, beteuerten in einer in sämtlichen Wiener Tageszeitungen veröffentlichten Erklärung, daß der Talmud nichts Feindseliges gegen Christen enthalte. Der streitbare Prager Professor blieb die Antwort nicht schuldig. Am 11. Dezember erschien ein Artikel aus seiner Feder in der — inzwischen eingegangenen -r- „Tribüne". Dieser Aufsatz wurde wiederholt und ergänzt und unter dem Titel „Meine Antwort an die Rabbiner" nachher herausgegebeix und in Hunderttausenden von Exemplaren nicht nur in Oesterreich, sondern vor allem auch in Deutschland verbreitet. Die Wogen der Erregung gingen hoch. Ernsthafte Leute glaubten den Behauptungen des „Professors der hebräischen Altertümer", der es doch wissen müßte. Humane, liberal denkende Richter und Staatsanwälte wurden schwankend — und was ganz besonders bedenklich war — die Arbeiterschaft fing an, den Verleumdungen und Lügen Rohlings Glauben zu schenken, taten dasselbe doch selbst Juden, denen bn Talmud ja bekanntlich mehr noch als den Antisemiten ein Buch mit sieben Siegeln ist. ' In diesen Tagen aufgepeitschter Leidenschaften erschien auf der Bildfläche des politischen Lebens ein Mann, dessen ragende Erscheinung unauslöschlich in der Geschichte der Bekämpfung des Judenhasses eingezeichnet ist, — Dr. Joseph Bloch, der Bez i r k s r a b b i n e r v on Floridsdorf bei Wien. Keboren am 20. November 1850 in Dukla (Galizien), armer Bäckersleute Kind, machte Joseph Bloch die übliche Entwicklung ostjüdischer Knaben und Jünglinge durch. Vom „Cheder", den er seit seinem dritten Lebensjahre bereits besuchte, kann er im sechsten Lebensjahre zu einem „Melamed" (Lehrer) für Talmud. ' Mit dreizehn Jahren, nach seiner Einsegnung, verließ er das elterliche Haus und wunderte in bitterster Not, ohne einen Heller in der Tasche, durch Galizien. Nach mancherlei Irrfahrten ^kam er nach Krakau, von dort nach Eisenstadt, zu Dr. E. Hildesheimer, in dessen orthodoxe Nabbinerschuleer eintrat. Ein wirklich nicht tragisch zu nehmender Witz, den er sich gelegentlich leistete, verscherzte ihm das Wohlwollen seines Lehrers, der ihm bei der Ueberstedlung nach Berlin nicht mitnahm. Nun ging Bloch nach Breslau, dem damaligen „Generalstabssitze der jüdischen Wissenschafr"..Dort wirkten Graetz und Zuckermann, David Rosin und Frankl. Von Breslau ging er nach Liegnih, von dort nach Magdeburg-, nach Mecklenburg, nach Zürich, hierauf zur Universität München, wol Blochs wissenschaftliche Tätigkeit mit einer kurzgefaßten „G e sch i ch t et? der I u d e u i n Spanie n" begann. Die bitterste Not Zwangs ihn, sich möglichst bald nach Broterwerb mnzusehen. Er bewarb! sich 1874 um die Stelle eines Predigers und Oberlehrers in Rends-« bürg (Holstein) und erhielt diest Stelle, nachdem ihm Dr. Loeb, deH Oberrabbiner von Altona, ein äußerst günstiges Zeugnis ausgestellt' hatte. Gemeindestreitigkeiten, in^die er hineingezerrt wurde, veranlagten ihn, bald seine erste Stellung aufzugeben, und nachdem, er in einzelnen anderen Orten Deutschlands und Oesterreichs amtiert hatte, wählte man ihn zum B e z i r k Z r a b b i n e r von F l o r i d sdorf bei Wien. Am 22. Dezember 1882 erschien unter dem Titel „Professor Rohling und das Wiener Rabbi na t" oder „Die arge Schelmerei" in der „Wiener Allgemeinen Zeitung" der erste aus der Reihe jener so berühmt gewordenen Artikel, mit denen Bloch den damals gefährlichsten und verlogensten Feind des Judentums und der Wahrheit niederkümpste und vernichtete. Eine Stelle lautete: . . Diesen Erwägungen entspringt der Entschluß, die Züchtigung des Herrn Rohling meinesteils zu übernehmen, eine Antwort nach Gebühr und Verdienst ihm zu erteilen. Er soll nicht ungestraft als kompetenter Fachmann für ein Wissensgebiet sich öffentlich berühmt haben, aus welchem er, der Professor für dieses Gebiet, notorisch ein unwissender Laie ist . . . Die gelehrte Maske will ich ihm vom Antlitz reißen, daß seine völlige Ignoranz von aller Welt erkannt werde... Ihnen, Herr Rohling, fehlt die moralische Eignung, über den Talmud ein Urteil zu fallen, ein Gutachten abzulegen! . . . Ihnen, Herr Rohling, fehlt es auch an der nötigen wissenschaftlichen Eignung, über den Talmud zu urteilen!" . . Ich, der Bezirksrabbiner von Floridsdorf nächst Wien, biete Ihnen 3000 Gulden und bin bereit, sie im voraus bei einer Bank zu deponieren für das korrekte, fehlerfreie Lesen und Uebersetzen einer einzigen Seite im Talmud! Herr Professor, Sie bringen das nicht zusammen, solches haben Sie wohl in Ihrem Leben auch noch nie versucht — allein „Gutachten" über den Talmud, und zwar unter Ihrem „Amtseid", haben Sie bereits wiederholt abgegeben.. Der Hieb saß. Die Verteidigung Rohlings in der „Tribüne" vom 31. Dezember 1882 war recht matt und gedrückt. Die Waffe des Prager Professors hatte eine erhebliche Scharte bekommen. Am 6. Januar 1883 erschien der Zweite Brief Blochs: „Des k. k. Profess o r R o h l i n g n e u e st e F ä l s ch u n g e n." Am 9. Januar publizierte Bloch einen „Offenen Brief" an Rohling, in dem er ihn ersuchte, ein Gutachten der von Rohling so oft für sich in Anspruch genommenen „Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" beizubringen. Falle das Gutachten gegen ihn, Dr. Bloch, aus, so werde er sein Amt als Bezirksrabbiner niederlegen, andernfalls verlange er, daß Rohling die Konsequenzen ziehe. Am 24. Januar desselben Jahres erschien dann ein Schlußartikel Blochs, wiederum in der „Wiener Allgemeinen Zeitung". Die Wirkung dieser Aufsätze war ungeheuer. Die Zeitungen wurden den Verkäufern aus der Hand gerissen. Die gesamte Öffentlichkeit stand im Banne der Rohling-Blochschen Auseinandersetzung. Lebhafte Zustimmungserklärungen erster wissenschaftlicher und politischer Persönlichkeiten liefen bei Dr. Bloch ein. > . Mittlerweile fand in Nyireghäza die Schluhverhandlung gegen die Märtyrer von T i s z a - E s z la r, die des Ritualmordes an. einem Christenmädchen beschuldigt waren, statt. Unter dem 19. Juni 1883 wandte sich Rohling an den bei der Verhandlung anwesenden antisemitischen Abgeordneten GszaOnädy mit einem Schreiben, dessen Inhalt, erweitert, nachher auch im „Linzer Sonntagsblatt" erschien. Der Prager Professor erbot sich dem Abgeordneten gegenüber unter seinem Eide zu bekräftigen, daß „das Vergießen nichtjüdischen jungfräulichen Blutes für die Juden eine außerordentlich heilige Handlung ist".

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