Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 11 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- Seite 142 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277380-2277391--00154-2279254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
142 Das Schreiben eines Pfarrers. Herr Felix Brock, Prediger in Schweidnitz, sendet unsfolgenden Brief: Am 21. Juni beging hier Herr Stadtpfarrer M a \ at n k e, bn dessen Eiusühruugi vor vier Jahren ich Ehrengast der katholischen Genre in de war und ihn begrüßen durfte, sein 25jähriges Pri-esterjubiläum, wozu ich schriftlich gratulierte. Am 29. Juni erhielt ich nachstehendes Antwortschreiben des Jubilars, das w der Tat verdient, der Oesfentlichkeit übergeben zu werden. „Sehr geehrter Herr Brock! Unter den zahlreichen Glückwünschen zu, meineur silbernen Amtsjubiläum hat mich der Ihrige besonders erfreut. Ist er mir frodj. ein Zeichen dafür, daß ich mein bei meiner Einführung gegebenes Versprechen, die Wahrung des konfessionellen Friedens mir besonders angelegen sein zu lassen, gehalten habe, und daß ich dafür auch Anerkennung gefunden habe. i e k ö n n c n v e r sichert sein, daß m i r d >e r öde, u r t e i lKl o s >o A n t i se m i tii s m us, de r sich in vielen Schichten b r e i t m a ch t, geradezu w i d e r w artig i st. I ch w i. t X m i ch b e nt ü h e n, d a g e g e n , -w o i m m e r i ch kann, an zukä m p s e n. Ihnen selbst wünsche ich die Erfüllung des Psalm Davids (unserer Zählung nach ist es der 127.): „Es segne dich der Herr von Zion, und lasse Dich Jerusalem im Glücke sehen all Dein Loben lang. Und lasse Dich die Kindeskinder sehen, Friede über Israel!" In ausgezeichneter Hochachtung Ihr sehrergebener M a j it nf e, Stadtpfarrer. <litt neues Blutmärchen? Noch ist der Wongrowitzer Vorfall nicht zum Abschluß gekommen-, und schon bringt die Telegraphen-Union ans Prag unter dem 14. Juli folgende Meldung: „Aus Jglau wird ein rätselhafter Mord gemeldet: Am Montag abend fand eine Grasmäherin auf einer Wese bei Polna eine gänzlich nackte Leiche eines jungen Müdchms, welches allen Anzeichen nach den guten Ständen angehörte. Das Mädchen trug, nur zwei Spangen im .Haar. Ein Arzt konstatierte Wunden im Nucken, und auf der Brust, die von einem Knüppel herrühren dürsten, und oberhalb des rechten Auges ein kleines Loch im Kopf, das durch einen Schuß verursacht sein mag. Ferner wurde am Halse eine mit einem Messer hervorgerusene Stichwunde entdeckt, aus der die durchschnittene Hauptader klaffte. Am auffälligsten ist der Umstand, daß der Körper vollständig von Blut entleert war. In der Umgebung von Polna wurde vor Jahren bereits eine Mädchenleiche gefunden, dieser Mord hatte damals einen Aufsehen erregenden Ritualmordprozeß zur Folge. Auch der neuerliche Fund hat wieder ungeheuere Erregung hervorgerufen. Die Bevölkerung strömt, in Scharen, an die Fundstätte. In Polna kam es zu Kundgebungen gegen die jüdischen Einwohner der Stadt." Wir haben diese Meldung, deren Fassung durch die T. U. einiges Befremden Hervorrufen dürfte, bisher-in der „Deutschen Z e i t u n g" ‘ gefunden, wo sie unter der UeberschrifL „R i t u a l e r M o r d V veröffentlicht ist, und in der „T ä g l i ch e n Rundschau", die der Meldung hinzusügt, was jeder anständige Mensch sich dabei denken muh: „Hoffentlich gelingt es, den Mord bald aufzuklären, damit der Wahnchon einem Ri-Lua-lmord nicht um sich greift und nicht viele Gemüter erregt und verwirrt." — Der Mord in Polna, an den die Meldung erinnert, fand seinen Abschluß vor dein Schwurgericht in Kuttenberg am 9. März 1900. Ueber diesen Prozeß schrieb damals der jetzige Präsident der Tschechoslowakei, Professor T. G. Masaryk, in >de-r Vorrede zu einer Broschüre über diesen Vorfall: „Das Polnaer Verbrechen ist kein Ritualverbrechen, im Gegenteil ist es ein schlagender Beweis dafür, daß der Ritualaberglaube in der Tat im vollsten Sinne des Wortes ein Aberglaube ist. Dieser Aberglaube ist eine Schmach der Zeiten, eine brennende Anklage des offiziellen Christentums, die offene Türe alles übrigen Aberglaubens, die hohe Schule nationaler und sozialer Verblendung und Gewalttätigkeit." — Man darf hoffen, daß unter diesen Umständen die neue Polnaer Affäre ihre gerechte Erledigung finden wird. Jedenfalls verdient der Umstand Beachtung, daß die antisemitische Hetze besonders unter der Bevölkerung, kleinerer Städte eine sehr starke Disposition für solche Beschuldigungen geschaffen hat. Polen und Juden. In einer Posener deutschen Zeitung lesen wir das folgende: „Die in Bromberg -gegründete „GaZeta Bydg o s k a" verstergt sich Zu folgenden Sätzen: „... des weiteren sind wir uns dessen bewußt, daß unser Blatt in dem Teile unseres Vaterlandes entsteht, der bereits vor-150 Jahren unter fremde Herrschaft geriet. Hier gerade, in diesem Streifen des Netzegaues, konzentrierte unser ewiger Feind seine allerersten und erbittertsten Anstrengungen zur vollständigen Germamsierung des Landes. Wir haben dieses Joch abgeworfen. In nationaler Hinsicht haben wir im Lause der letzten drei Jahre ungeheuere Fortschritte gemacht, doch werden wir hierbei nicht stehen bleiben, — wir müssen .das noch verbliebene Deutschtum und das es unterstützende Judentum von der Oberfläche dieser Erde vollständig vertilgen. Hierfür werden wir ausdauernd und hartnäckig kämpfen." — Ob auch die christlichen Deutschen im neuen Polen dem Deutschevölkischen Schutz- und Trutzbund angehören? Ans Samoa macht uns ein Mitglied unseres Vereins und der ehemals deutschen Kolonie, Herr Arno Gur au, in einem Briefe folgende allgemein interessierenden Mitteilungen: . Unter den etwa 50 noch auf Samoa ansässigen Deutschen bin ich der einzige Jude. Diese früher deutsche Kolonie steht jetzt unter dem Mandat Neuseelands, das bekanntlich in religiöser Beziehung äußert ordentlich tolerant ist. Die etwa 2000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung Neuseelands erfreut sich großen Ansehens und gedeiht wirtschaftlich. Während des Krieges bekleidete ein jüdischer Neuseeländer, Hon. A. M. Myers, mehrere Ministerposten im neuseeländischen Kabinett. Eine Anzahl Juden sitzen im gesetzgebenden Rat her Dominion und die jüdischen Neuseeländer haben ihre Vater- - ländischen Pflichten in Krieg und Frieden treulich erfüllt. Eine bedeutende Rolle spielen auch die jüdischen Bewohner Fijis, der iLamoa benachbarten Inselgruppe. Dort sind einige der bedeutenden Firmen in jüdischen Händen, und die Namen Lazarus, Solomons, Brodziak, Marks spielen eine große Rolle in der Geschichte Fijis. — Ich brauche Ihnen nicht von der bedeutungsvollen Rolle Zu sprechen, die Inden als Minister, Kaufleute, Juristen und Diplomaten in der Geschichte Australiens gespielt haben, war doch im Weltkriege der Kommandeur des australischen Armeekorps, General Monas h, ein Jude, und unter überhaupt fünf jüdischen Inhabern des Viktoriakreuzes, der höchsten militärischen Dekoration für Tapferkeit, waren zwei jüdische Australier. Unter diesen Umständen ist irgendwelche Intoleranz den Juden gegenüber in Australien vollkommen undenkbar. Trotz all dieser Toleranz der Australier und Neuseeländer möchte ich jedoch meinem Wunsche Ausdruck geben, daß Samoa wie andere deutsche Kolonien wieder unter die deutsche Flaggezurückkehren möge. Betonen möchte ich noch, wie es uns deutsche Juden hier sehr betrübt, daß weite Kreise des deutschen Volkes von wüstem Antisemitismus angekränkelt sind, anderseits sich im britischen Weltreich Juden in jeder Weise hervorragend betätigen, ohne dadurch von der Negierung oder dem „Mann der Straße" Angriffen auf ihre Abstammung ausgesetzt Zn sein." Deutsche Adelsgenoffenschaft. Dem Maiheft der Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung" entnehmen wir, daß die ,,Deutsche A d e l s g e n o s s e n s ch a f t" auf dem Adelstage 1920 die Satzungen durch nachstehende Bestimmung ergänzt hat: „Wer unter seinen Vorfahren im Mannesstamm einen nach dem Jahre 1800 geborenen Nichtarier hat oder zu mehr als ein Viertel anderer als arischer Nasse entstammt, oder mir jemanden verheiratet ist, bei dem dieses zutrifft, kann nicht Mitglied der „Deutschen Adelsgenossenschaft" werden." Die Mitteilung ist durch die Bemerkung unterstrichen, daß, wer solche Verbindung^ eingehe, der Deutschen Adelsgenossenschaft anzugehören nicht würdig sei. — Danach hat die Deutsche Adelsgenossenschaft dem überwiegenden Teil des deutschen Adels das Recht der Mitgliedschaft abgesprochen. Denn daß die größte Hälfte der deutschen Adelsfamilien mehr oder weniger verdünntes jüdisches Blut in ihren Adern führt, beweist der — von völkisch-antisemitischer Seite herausgegebene! — Semi Gotha. ZeuiralwohLfahrtsstette der deutschen Juden. Gegenüber der immer wiederkehrenden Behauptung der Judengegner, daß die Juden besonders materiell veranlagt seren, sei kurz auf die Arbeit der Z e n t r a l w o hl fa h r t s st e l l e der deutschen Juden (Berlin C. 2, Rosenstraße 2—4) hingewiesen. Die Zentralwohlsahrtsstelle arbeitet mit allen großen jüdisch-sozialen Organisationen Hand in Hand; so mit dem Gerne:ndebund, dem Jüdischen Frauenbund usw. Sie wird von diesen als Auskunft^ und Beratungsstelle über jüdische Wohlfahrtseinrichtungen in Anspruch genommen und betrachtet es als ihre besondere Aufgabe, die notwendigen Unterlagen für alle Wohlfahrtsaktionen zu beschaffen. Besonders eifrig gepflegt wird auch die Verbindung mit den interkonfessionellen Organisationen. So wirkt die ZenLralwohlsahrtsstelle mit bei der Auslandshilfe, Altershilse, Sammlung „Brüder in Not", Flüchtlingssürsorge, Rheinland-Dank, Oberschlesterhilssw e rk u. a. Durch diese Mitarbeit ist eine unparteiische Behandlung der jüdischen Interessen in diesen Wohlfahrtsorgamsation-en gewährleistet. Durch Fachausschüsse, deren Mitglieder Sachverständige der einzelnen Gebiete sind, regeln sie Finanzen-, Pressefragen, Kinder- und Juge.ndwohlsahrts-, Auslandsfragen, organisatorische Arbeit und Sozialhygiene. Besonders erwähnenswert ist die Tätigkeit der- Zentralwohlsahrtsstelle bei der K i n d e r h i l f s s a -m m lung, die ein gutes Ergebnis gezeitigt hat. Mt Unterstützung der Zentralwohlfahrtsstelle ist auch vom Jüdischen Frauenbund in Wyk auf Föhr eine Abteilung für tuberkulös gefährdete Kinder geschaffen worden, eine Einrichtung, die im Interesse der Volksgesundung gar nicht dankbar genug, begrüßt werden kann. Das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge aus den abgetretenen Gebieten ist häufig ein recht trauriges. Die Zentralwohlsa'hrtsstelle läßt es sich besonders angelegen sein, diese Glaubensgenossen in ihrer neuen teimat unterzubringen und ihnen Arbeit zu verschaffen. Auch zur rhaltung der notleidenden Wohlsahriseinrichtungen in den früheren östlichen Provinzen, wurden Mittel zur Verfügung gestellt. Zurzeit beschäftigen die ZenLra-lwohlfahrtsstelle besonders die Vorbereitungen für die im 'Herbst geplante Erzieh-ungskonserenz, die der Berufsberatung, der Anstaltsreform und anderen wichtigen Fragen gewidmet -sein soll.! Reuchlin-FcLer in Pforzheim. Am 30. Juni jährte sich zum 400. Wale der Todestag des großen Humanisten Johann Reuchl i n, dessen mutiges Emtreten für die arg bedrängte Judenschast seinerzeit und für die hebräische Wissenschaft auch heute unvergessen ist. In seiner Vaterstadt Pforzheim begannen die Feiern schon am 11. Juni mit einer Festversammlung der freireligiösen Gemeinde, in der Dr. Karl Weiß ein.Lebensbild des Gelehrten entwarf, und sie setzten sich am 18. Juni in der Synagoge fort, wo Hauptlehrer Max Rothschild über Reuchlin sprach.