Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 11 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
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140 Deutsche? Geist und wistenschaMcher Antisemitismus» Von Rabbiner Dr. Mai; Wiener. Geistig geschichtliche Erscheinungen, die ein Voltsleben in.breiter Strömung durchfurchen, saugen ihre Kraft n i e in also u s e i n e r einzigen Quelle, 'sondern stellen sich als das Ergebnis einer F ü l l e einander durch flechtender Tatsachen dar. Indem aber der überaus zusammengesetzte Charakter des Produktes übersehen wird, kann es geschehen, daß ein und dasselbe Phänomen von verschiedenen Veurt-e'ckern aus verschiedene Gründe zu rückgeführt wird. Dann werden praktische Konsequenzen aus jeder dieser Ableitungen gezogen, die vielleicht einander widersprechen: Man hat den Teil mit dem Ganzen verwechselt und so das Wesen der Erscheinung verkannt, weil ihr Ursprung nur unvollständig ausgedeckt war. Wir wollen dieser Gefahr eingedenk sein, wenn wir hier ans einen der Wege aufmerksam machen, ans welchem der moderne Antisemitismus im deutschen Volke sich ossenbart hat. Aus zahlreichen Quellen sprudelt der Judenhaß: Rasse und Religion, Gesellschaft und Politik, wirtschaftlicher Kampf und persönliche Neigungen oder Abneigungen und gewiß noch viele andere Verästelungen des Lebens bestellen seinen Acker bei uns zu Lande' und anderwärts. Aber der Antisemitismus jeder Nation hat seine besondere Tönung, die aus ihrem Charakter und Schicksal stammt. Und von einer besonderen Nuance des deutschen, des hier besonders gepflegten „w i s s e n s ch-a f 11 i ch e n A ntisemiti s m u s", wie er mit einer tief im deutschen Geist wurzelnden Eigenheit zusammenzuhängen scheint, wollen wir hier reden. Vergleicht man die Grundgestimmtheit d e u t s ch e r Wissenschaft mit derjenigen der Fremdvölke r, zumal der westlichen, der Franzosen-, und besonders der Engländer, so bricht ein Unterschied hervor, der anfsatten muß. Geist stellt sich der Selbstbesinnung des Deutschen dar als etwas Aktives und Produktives: Die Seele ist nicht die dem weißen Blatt Papier gleichende Tafel, in die alle Wirklichkeit ihre Zeichen eingrübt, um sich in ihr 31t spiegeln; sondern sie besitzt Kräfte der Schöpfung, der Erzeugung, Fähigkeiten der Gestaltung und Um* formung, die dem trügen Stoff gegebener Dinge erst Sinn und Bestimmtheit verleihen. Das ist ja der Charakter dessen, was man Idealismus heißt: Alles Weltsein und alles Weltgeschehen ist nieAn toter Vollendung, in starrer Abgeschlossenheit ein für allemal fertig, daß es so, wie es ist, nur anzueignen, aufzubewahren und sortzupflanzen wäre; sondern ausgelöst, dahinströmend in einem nie versiegenden Fluß des Werdens, empfangt es Richtung, Geltung, Wahrheit und Sinn erst aus den Ideen, die der Geist aus seinem Wesen schöpft, durch die Zielgedanken und in sich klaren Vewegungsantriebe, die seine Natur ausmachen. Dieser Idealismus bewährt seine Kraft und seine weittragende Bedeutung am deutlichsten auf ethischem Gebiete. Hier zeigt er sich am sichersten als schöpferisches Können, als Freiheit und ursprünglicher Gestaltungswille. Es scheint geradezu ein Widerspruch zu sein, wie mit diesen Tendenzen einer aktiven Gestimmtheit der Seele, die den Sinn des geschichtlichen Lebens in einer schaffenden Gestaltung nach Ideen, in einer Produktiven Weltbildung erblicken muß, sich die Neuestdeutsche Neigung vereinbaren läßt, den Gegebenheiten von Rasse, das heißt ursprünglicher, nicht umzuwandelnder Naturbestimmtheit, eine entscheidende Bedeutung beizumessen. Selbst wenn die populären geschichtsphilosophischen Betrachtungen und Wertungen des durchschnittlichen gebildeten Deutschen von heutzutage, die alle im nationalen, ja vielmehr im Nassegedanken wurzeln, besser begründet und wissenschaftlich haltbarer wären als sie sind, Ware es eine Erscheinung von höchster Ausfälligkeit, daß gerade dieser idealistische Geist einem seinem Wesen so fremden Einschlag solchen entscheidenden Einfluß verstattet hat. Man möchte von einem Abfall reden, von einer völligen Abwendung zu materialistischer Auffassung, wenn, man nicht Psychologisch einfühlenderweise einen Gegensatz zu begreifen imstande wäre, der logisch unüberbrückbar erscheint. In der Passiven Hingegebenheit an die Dinge, in der durch bloße Assoziation sich bewirkenden Aneinanderreihung des Gegebenen ist der menschliche Geist geneigt, tiefgegrabene Unterschiede Zwischen den von ihm beobachteten Gegenständen der Wirklichkeit, prinzipielle Differenzen möglichst äbzuschleifen; qualitative Trennungen tunlichst in quantitative aufzulösen; Verschiedenheiten der Art in solche des Grades zu mildern. Das zeigt sich ganz hervorragend im Geist der englischen Philosophie, die doch gewiß in hohem Maße als Ausdruck der nationalen Seele gelten darf: Empfinden, Vorstellen, Denken, Urteilen liegen in einer Linie; die Willensentschuldigung ergibt sich I von selbst gleichsam als die reise Frucht eines Zufammenspiels von Gefühl und Vorstellung, nur dem Grade nach hinauswachsend über den bloßen Instinkt. Angenehm, nützlich, gut, schön, solche Werte i gelten als wenig nuancierte, nur quantitativ voneinander geschiedene Antworten auf die Fragen des einen menschlichen Grundtriebes, des egoistischem Das Schlechte ist ein weniger Gutes, die Mannigfaltigkeit des Seins ist nur eine graduell abgestuste, wie die Anpassung an die Umwelt oder natürliche Zuchtwahl für das zum Leben Geeignetste ergibt. Auch die Wahrheit ist kein Wert, der sich im Prinzip von dem der Nützlichkeit abhebt. Sie ist nur der kürzeste, der bequemste Weg zur Lebenserhaltung. Kurz, überall konstatieren wir die Tendenz Zu möglicher Ausgleichung und Nivellierung, zu tunlichster Sparsamkeit im Grundsätzlichen, weil es letzthin das entscheidende Erlebnis des Geistes ist, unter denn Eindruck von außen her zu stehen, oder vielmehr sich selber völlig der Umwelt anzupassen, zu nivellieren. Die Tatsächlichkeit der Tatsachen, die Gegebenheit des Vorhandenen, das wird als das allein Wesentliche empfunden. Innerhalb der Fakten sucht man durch Unordnung und Gliederung durch Klassifizierung und Einteilung des Gewirrs Herr zu werden. Und man erreicht dieses Ziel am ehesten, indem man immer und überall auf die feinen, unmerklrcheu llebergänge achtet, welche die Allheit der wirklichen Dinge charakterisieren. Daß Neues werden kann. Unerwartetes, Unvergleichbares, ist für diese seelische Haltung so gut wie ausgeschlossen, eine Erfahrung, die besonders das sittliche Leben des so gestimmten Menschen tief berührt, und die das genaue Gegenteil von dem besagt, was ethischer Idealismus behauptet. Denn für diesen entspringt aus der Idee und ihrer Geltung der Glaube zu neuer Gestaltung, zu wirklicher Schöpfung. Der Wille ist nicht das ein für allemal feststehende, weil aus gegebenen Faktoren zu errechnende Resultat, sondern der ewige Quell jungen Lebens. Was aber die Hauptsache ist, die hieraus unmittelbar erhellt: Gut und schlecht, Richtigkeit und Verkehrtheit sind nicht quantitativ voneinander verschiedene Bestimmungen, sondern qualitativ gesonderte Werte, divergierende Grundrichtungen, durch welche wirkliches Leben, Mannigfaltigkeit in das Dasein hineinkommt. Diese von Kant und Fichte besonders betonte ethische Freiheckslehre hat nun ein eigentümliches Schicksal gehabt. In ihrem Wesen war zweierlei gesetzt: Erstens die unbedingte Forßdrung, daß der sich selbst bestimmende Wille positiv das Gute ergreife, und Zweitens, damit zusammenhängend, die scharfe Auseinanderhaltung, ja Entgegensetzung der beiden Richtungen des möglichen Willensverlaufes nach der guten wie nach der schlechten Seite. In die Freiheitslehre war eine Werttheorie eingeschmolzen, die den schroffsten Dualismus verkündete. Diese letztere nun ist praktisch von größter Bedeutung geworden: Gut und schlecht, wertvoll und minderwertig, diese Prädikate wurden vor allem dazu benutzt, um menschlich geschichtliche, nationale Rasfencharaktere als fest bestimmte, ein für allemal vollendete zu beurteilen. Gut oder schlecht sind Werte, die durch den Willen in nie abschließbarer Vollendung sich verwirklichen sollen. Charakter in diesem Sinne ist etwas ewig Zukünftiges. Indem aber diese Lehre von den qualitativen Unterschieden vor allem dazu verwendet wurde, um fest umgrenzte Gruppenwesenheiten, „Eigenarten" ethisch hoch zn werten oder zu stigmatisieren, wurde das genaue Gegenteil von dem erreicht, was ihre Urheber wollten. Der ethische Idealismus, der die grundsätzliche Gesondertheit von gut und schlecht aufgedeckt hat, wurde dazu mißbraucht, um extrem auseinanderstrebende Wertprädikate für angeblich ursprünglich rassenmüßige und nationale Naturen abzugeben. Aus dem echten und edlen Radikalismus, der sich in der Bewertung sittlicher Handlungen zu bewähren hat, einem Radikalismus, der außerhalb der deutschen Freiheitslehre der Kant und Fichte nirgendwo einen so starken Ausdruck gefunden hat, wie in dem sittlich religiösen Pathos der israelitischen Propheten, wurde ein höchst unbesonnener Radikalismus in der Beurteilung von Stammes- und Volkscharakteren; die Kraft des quellenden Geistes betätigte sich nun weniger in der Straffung des Willens zum höchsten Ideal, in Tatbewährung und Läuterung zu hehrem Ziel, als daß vielmehr etwas ganz anderes sich an die Stelle setzte: Liebe oder Haß im-Urteil, Verhimmelung oder Vrandmarkung geistig geschichtlicher Erscheinungen des Menschheilslebens. Gobineau und Chamberlain, zwei Nichtdeutsche, würden nicht den gewaltigen Einfluß gerade auf die deutsche Empfindungsweise gewonnen haben, wenn dieser nicht die Distanzierung im Werten, die Charakterisierung nach extrem verschiedenen Prädikaten so im Blut läge. An den Teufel hat man aufgehört Zu glauben; aber die Wurzel, aus der einst der Teuselsglaübe hervorwuchs, die dualistische Auseinanderreißung der Fundamente der Welt in ein göttliches und ein höllisches Prinzip, trieb neue Sprossen. Ein naturwissenschaftliches Zeitalter, das weder an Gottnoch an den Teilfel glaubt, ersetzte diese Religion durch