Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 11 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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138 v. S onne n b e r g usw. den Garaus zn machen. Gelang ihr das in jenen Zeiten der ausnahmegesetzlichen Verfolgung, so dürfen wir hoffen, daß die augenblickliche Verirrung mancher Arbeiter nur vorübergehend ist, >venn es überhaupt Arbeiter sind, die sich im Bannkreise der Deutschvölkischen befinden. Wir neigen stark zu der Auffassung, daß die Deutschvölkischen ihr Rekrutierungsfeld viel stärker unter den durch den Krieg s o z i a l D e k l a s s i e r t c n des Bürgertums haben. Die Sozialdemokratische Partei ist entschlösse n, dieser Wühlarbeit mit allen Kräften entgegenzutreten, um ihre Tätigkeits d a u e r nach Möglichkeit einzuschränken. Dazu ist eine umfangreiche schriftliche u n d m ü n d l i ch e Propaganda notwendig, die unter der Arbeiterschaft und dem mit ihr sozial auf gleicher Stufe stehenden Beamten- und Bürgertum unverzüglich durchgeführt werden muß. Je stärker und energischer der Ansturm gegen die volksverwüstendc dcutschvölkische Reaktion seitens aller erfolgt, die den. friedlichen Ausbau Deutschlands fördern wollen, um so schneller wird die Todcsglocke für die wahnwitzige, jedem kulturellen Empfinden ins Gesicht schlagende Hetze gegen unsere jüdischen Volksgenossen schlagen. Dabei handelt es sich nicht um eine Par teipr o pa ga u da, sondern um Kultura r b e i t i m vollsten und wahr st c n S i n n c des Worte s." Der Kampf gegen die deutschvölkische Wühlarbeit „ist nicht Parteipropaganda, sondern Kulturarbeit im vollsten und wahrsten Sinne des Wortes". Mit diesem Worte hat Otto Wels. allen vaterlandsliebenden Deutschen a u s' d e m Herzen gesprochen. Aus das Thema: Dcutschvölkische Bewegung und Arbeiterschaft kommen wir noch einmal zurück R „Wenn alle so wären wie Sie . . G r u ndsützliche Bemerk u n g e ix z ir unsere in K a m p f e. Mir soldatisch-handfesten Worten stellte Generalmajor Freiherr fc>. Schöuai ch jüngst im „B e r l i n e r Tagebla t t" wieder einmal dem deutschen Volke gewisse erleuchtete Kreise vor, die, getragen vom anmaßenden Bewußtsein körperlicher und geistiger Untadeligkeit, wie von der unerschütterlichen Gewißheit der nur ihnen eigenen Herrsch- und Besehlsrechte, jeden Andersdenkenden mir Ausdrücken — und je weiter politisch entfernt, mit um so saftigeren- — belegen, die einem Zwar notwendigen, aber nicht gerade sauberen. Teile des landwirtschaftlichen Betriebes' entnommen sind; Kreise, die nur in der Knute, im Knuten oder auch, um eine jüngere Wendung gu gebrauchen, im „an die Wand stellen" das b e k ö m m l t ch st e m e n s ch l i ch e und P o l i t i s ch e E r - z i e h n n g s - n n v H eilmitte l sehen. Was das den C e ntrnl - Bere i n kümmert? Ten Centrat- Verein, der in jahrZehntelanger Bewährung keiner p o l i t i - s ch e n P a x t e i z u I i e b c n n d keiner zuleide — sie sei denn ausgesprochen judengegnerisch — seine Arbeit verrichtet, der jüdische Angehörige aller Parteien, denen der Begriff deutsches Vaterland das Herz befeuert, als Mitglieder und Mitarbeiter umschließt. Nun, diese Ueberheblichen, diese .so brutal und vaterl-andsverdervlich Denkenden sind die gleichen, denen der Jude „der s ch r e ck l i ch st e d e r S ch r e ck e n" ist, sind jene „ Men scheu - freunde", die nach unseres großen Leopold Zunz Worten „Schinder, Juden und Schweine stets zusammen nennen". Banale und beruhigende Wahrheit, daß solche Sippschaft den Juden, welch geistiger Schicht auch immer, meidet wie Pesthauch, und daß die den Inden versagte „Ehre" ihres Umganges von diesen gewiß nicht als Verlust empfunden wird. j Neben diesen Schichten vornehm Knüppel-Kunziicher Prägung können aber andere, aus ähnlichem gesellschaftlichen Milieu nicht übersehen werden, die gediegenere Bildung und edelm ä n n i s ch e r e Ueberliese r u n g vor strauchritterlichen Derbheiten bewahrt. Wir denken an den freilich immer spärlicher werdenden Typus der Adligen, der unseres Theodor Fontane märkische Romane durchschreitet, und der in all seiner Knorrigkeit und Poltrigkeit, in seinem zähen Festhalten am Ueberkommenen das Herz auf dem rechten Fleck hat und ein ganzer und wertvoller Mann ist. Vom Gymnasium her kennt er den „Nathan", hat vielleicht auch den „Ka u s m a n n v o n Venedi g" auf der Bühne gesehen. Er läßt sein Geld vom jüdischen Bankier erfolgreich verwalten, wie es schon der Vater getan; und 'der gewiegte jüdische Anwalt führt leine Prozesse. Im Kriege saß er an der Kasinotafel mit dem Leutnant Cohn, dessen uralten 'etamm weder Name noch Nase verleugneten, der aber ein prächtiger Draufgänger war und nicht Tod noch Teufel fürchtete. Die Inden als Ganzes, als Rasse, — nein, undiskut n b e l. Aber gewiß, der einzelne kann einmal passieren. Zwar Privatverkehr unmöglich und gar nicht auszudenken, aber vor Cohn als Offizier und als Mensch alle Hochachtung. Eines Tages schwätzt bei Lisch ein weinseliger. Major allzu unvorsichtig seine antisemitische Gesinnung heraus. Tadellos erledigt unser Freund den Zwischenfall. Dann ein freimütiges Gespräch mit Kamerad Cohn unter vier Augen über die Inden frage. Er beschließt es mit den Worten: „I a, w e nn alle Juden so wären wie Sie, lieber Cohn!" „I a, w en n alle so wären w i e S i e . . Auf deutsch: Die Juden find der Regel nach keineswegs so wie Sie, sind nicht so anständiger Art, nicht so idealer Gesinnung, nicht so taktvollen Benehmens, nicht so gerade und ehrlich, nicht so national, nicht so mutig, sind das Gegenteil von Ihnen. In den Augen der R o t h und Fritsch und Dinier können sie es sogar — welch erbarmungslose Schicksalsfügung! — niemals sein, noch werden; denn sie sind das Kains-Volk der Völker, verdorben und verderbend seit Weltenbeginn. Ist unser Leutnant Cohn, der in anderer Szene ein Rechtsanwalt Levy oder ein drittes Mal der Getreidehändlcr Meyer sein kann, der aufrechte Charakter, der gerade an ihm von - der gewissen christlichen. Seite geschätzt wird, — augenblicklich wird er, „die Schlange im Rosenbeet", das Herabsetzende des vermeintlichen Lobes spüren und höflich-deutlich klarstellen. Nun könnte es uns letzten Endes kalt lassen, wie der Vereinzelte, der also „Bevorzugte", sich mit dem Wohlwollen dritter absiudet. Leider aber fühlt sich mancher als stolzer Edel st am m unter der breiten Masse g e in eine r R o ß ka st a n i e n, und schleunigst soll nun der C e n t r a l - V e r e i n> den gründlichen Veredelungsprozch der.gemeinen Stämme nach seinem Vorbilde in die Hand nehmen. Wären erst alle Judensolche Ausbünde glänzender Eigenschaften wie er — nun, dann könnte der Central-Verein alsbald das Schild „Wegen A r b e i t s m a n g e l geschlossen" über seine Tür hängen. Kurzsichtig und töricht wäre cs, eine Kritik andersgläubiger Mitbürger abzulehnen, sofern Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe ihre Grundpfeiler sind. Sie hat oft genützt und soll weiter fördern. K u r z s i ch t i g und töricht wäre es auch, zu verkennen, daß, wie jeder einzelne Mensch und jede einzelne Schicht an ihrer Vollendung arbeiten müssen, auch die jüdischen Deutschen ihre Beziehungen zn den deutschen Volksgenossen anderer Schichtung und ihre Beziehungen zu den jüdischen Angelegenheiten im Vaterlande ständig zu veredeln und z u v e r t i e s e u haben. Kurzsichtig und t ö r i ch t wäre es, zuübersehen, daß das Politische, geschäftliche, gesellschaftliche Verhalten gewisser Juden „Scheiben einschlägt, die von der gesamten deutschen Jndenheit bezahlt werden müssen". Und ebenso töri-cht wäre es, leugnen zu wollen, daß zuweilen auch irregeleitetes vaterländisches Gefühl der deutsch-völkischen Bewegung Anhänger Zuführt und daß hinter mancher Ju-dengegnerschast eine das Gute erstrebende Gesinnung steckt. All diese Grundtotsachen stehen seit alters auf der ersten Seite jedes ABC-Buches für den Kämpfer gegen den Judenhaß. Sie treffen aber nicht der Kern der Sache, der in der Frage beschlossen liegt: Warum ist der Judenhaß seit dem Sturze des alten N e g i m ents s o a n g e s ch w o l l e n? Weil — es ist eine Binsenwahrheit, und die „Schuld" einzelner ist belanglos — dieser Hatz von der großen, sich national nennenden Partei dazu benötigt wurde, als billige. Mähre den Parteikarren aus dem gefährlichen Sumpf zu Ziehen und ihrer Weltanschauung, koste es, was es wolle, den Weg zn bereiten. Dieser Judenhaß schleudert seine Pfei (schwärme g e ge n d a s I ud e n t u m als G a n z e s, gegen den einzelnen aber n it r so wei t, als er ihm als „unheilvoller Träger der jüdischen Rasseeigenschasten" erscheint. Engen Fuchs hat das Wort geprägt: „Selbst wenn wir rr? härenen Gewändern mit Lilien in den Händen über den Kurfürstendamm'spazierten, wären die Anfeindungen keinen Deut geringer." Er trifft den Nagel aus den Kops. Man führt den Streit gegen uns t nt Wesenskern au s politischen Gründen und m i k politischen Waffen. Diese Erkenntnis wollen wir uns stets klar vor Augen stellen. Darum schwingen auch wir jede erlaubte Waffe des politischen A r s e n a l s! Daneben aber gebrauchen wir die gewaltigen Mittel der A u s - klärunF durch Wort und Schrift! Daß dann dem jüdischen Deutschen das unentwegte Streben nach leuchtender Vorbildtichkeit in seiner Lebensführung ans Herz gelegt wird, ist neben alter Tradition vaterländische Pflicht in dieser Nnheilszeit, ist Pflicht gegen das Judentum, dem die üble Tat des einzelnen schwer schadet, die edle Tat kaum gutgeschrieben wird. Unser Ziel wird aber verrückt, unser Gefühl beleidigt, wenn einem deutschen Juden das Scheinlob: „Wenn alle so wären! w ic S i e . . ." einen Pfiff e r l i n g wert ist. Lautete dcrO' Wunsch: „B es ä ß en a l l e B e w oh n er deutscher Erde d i e gute n E i g e n s ch a s t e n, di e d a s Iudent u m von' scinc n j A n Hänger n verlangt", so wollen wir es uns gern gefallen; lassen. Tr. Alfred Wiener.