Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 11 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- Seite 137 (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 1,50 M. Serlin, 20. Juli 1922 Jahrgang I. 4. Nr. 11 VlStter für-eolsckkimMl unöluornMm Postscheckkonto: ZS472 'vraan Ses lÄrtralVereins üeutsc!»er Stnatsvüryer jüWcKen Slouvens'Tv. Verlag unö Schriftleitung; öerlin SW6S, Lin-snstraße 13 « Fernsprecher: ftmt Dönhoff 3594» 3595. 3596 Die Zeitschrift i ft nur durch d i e zuständige Po ft an ft alt zum Preise von vierteljährlich M. 15,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 12,— für die 6gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Ceniral-Vereins mit 50°/0 Nachlaß Die 90 mm breite Reklamezeile M. 60,— Dze -eutfthvölkifthen Wühlereien in -er Mbeiterfthaft. Eine Unterredung mit Otto Wels. In unserer letzten Nummer veröffentlichten wir verschiedene Briese, die bei dem Oberpostsekretär Faßhauer, dem Vorsitzenden des deutsch völkischen Schutz- und Trutzbundes in Gera, beschlagnahmt wurden. Aus ihnen erhellt, daß die deutschvölkische Bewegung, unterstützt von sehr ZahlungssähigenGeldgebern, keine M ü h e s ch e u t, die d e u t sch e Arbeiterschaft zu sich herüberzu ziehen. Diese rastlosen Versuche sind bisher von größerem Erfolge nicht gekrönt worden. Die deutsche Arbeiterschaft ist denn doch politisch zu hellhörig, um den Sirenenklängen der Roth und Kunze ohne weiteres zu folgen. Aber es darf nicht übersehen werden, daß die deutschvölkischen Rattenfänger aus sich ko mmun istisch nennenden Kreisen — die Geraer Briefe bestätigen dies wiederum — hier und da Zulauf hatten, daß weiter manche A r b e i t e r f t a u, mit Recht voller Sorgen der wahnwitzigen Teuerung wegen, nicht ungern dem deutschsozialen Volksprediger glaubte, „die Juden Feien an allem schuld", daß auch sonst die deutsch soziale Partei und der d e u t s ch v ö l k i s ch e Schutz- und T r u tz b u n d, die mit allem Geschick „vom Sozialismus bekehrten"' Bergleute, „ehemals kommunistische" Werkzeugschlosser, angebliche Arbeitslosenführer als Redner in die Jndustrieorte vorschickten, den politisch oder gewerkschaftlich nicht geschulten Arbeitern ab und zu die Köpfe verwirrten. Bei der grundlegenden Wichtigkeit dieser Fragen baten wir den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, den Reichstagsabgeordneten Otto Wels, eine Persönlichkeit von internationalem Ansehen, um eine Unterredung. Unser K-Mrtarbeiter legte ihm die folgenden Fragen vor: „Mr haben in den letzten Jahren beobachtet, daß von -deutschvölkischer Seite mit einem ungeheuer eil Aufwand von Geld und Menschen versucht wird, die Judenfeindschast in die Arbeiterschaft zu tragen. Welchen Erfolg haben Ihrer Ansicht nach diese Bestrebungen gehabte (Es wird darauf hingewiesen, daß z. B. in Spandau die Oeutschsoziale Partei in den SLaaLswerkstätten großen Anhang und fünf Stadtverordneternnandate errungen hat.) Wir haben den Eindruck, als ob Arbeiterführer dis- Gefahren der deutschvölkischen Wühlarbeit für die Arbeiterschaft nicht als schwerwiegend eingeschätzt haben. Ist dieser Eindruck richtige Was müßte nach Ihrer Ansicht in Zukunft geschehen, um den volksverderbenden deutschvölkischen und deutschsozi-aleü Wühlereien Herr zu werden?" Otto Wels erwiderte darauf: „Ich glaube, daß die Erfolge der Deutschvölkischen unter Mer Arbeiterschaft unter dem Eindruck der im Bürgertum herrschenden Nervosität sehr stark überschätzt werden. Es ist allerdings richtig, daß eine mit riesigen Geldmitteln unterstützte Agitation in verschiedenen wichtigen Bezirken des Reiches entfaltet wurde. So in Nürnberg, im Niederlausitzer Kohlenrevier, im westlichen Kohlengebiet und anderswo. Augenfällig ist allerdings der Erfolg der Deutschvölkischen in Spandau. Dieser hat aber gerade in dieser Stadt ganz besondere Ursache. Es sind fast ausschließlich frühere Staatsarbeiter, die in den Bannkreis der deutschvölkischen Agitation gezogen sind, alles Leute, die früher sowohl politisch wie gewerkschaftlich völlig indifferent waren; Leute, die durch die Art der jahrzehntelang in den früheren Staatswerkstätten ausgeübten, völlig einseitigen Spezialarbeit, z. B. als Patronenhülsenarbeiter, sich nicht mehr zur Arbeit in den auf Friedensarbeit urngestellten Staatsbetrieben eigneten und nun als tatsächlich notleidende Staatspensionäre den Hetzereien der Knüppel-Kunze und Konsorten zum Opfer fielen. In Nürnberg und in Senftenberg haben sich die Arbeiter ein und zwei Versammlungen der Deutschvölkischen gefallen lassen, dann aber den ausdringlichen Herrschaften sehr energisch die Tür gewesen. Ich will allerdings nicht "verkennen, daß es gerade das S e nftende r ge r Kohlenrevier war, auf das sie sich mit einer größeren Anzahl Agitatoren unmittelbar vor der E r m 0 r d tt n gRathenaus gestürzt hakten, und daß dieser bei allen bisherigen Unruhen völlig ruhige Jndustriebezirk es war, der unmittelbar nach der Ermordung Rathenaus der Schauplatz von Plünderungen war, Die von ortsfremden Elementen inszeniert, erst durch die vom Landratsamt eingeleitete Abwehr der organisierten Arbeiterschaft mit Unterstützung einiger Hundertschaften Sicherheitspolizei eingestellt wurden. Es ist nicht von der Hand gu weisen, daß die D e ut s ch v ö l k i s ch e n hier nach dem bekannten Plan gearbeitet haben, IT nr uh en in b er Arbeiterschaft z u erzeugen, die eine Abwehr durch die Staatsmacht notwendig machten, um dann als Retter aus dem Plan erscheinen zu können. Jedenfalls gebe ich Ihnen darin recht, daß die Bewegung mit kolossalen Geldmitteln versehen sein muß, denn es handelt sich bei jedem Auftreten der Deutschvölkischen um Personen, die die Agitation zum Selbstzweck, zum zeitweiligen Lebenserwerb gemacht haben. Ihre zweite " Frage, ob die Arbe iter f ührer die Gefahr der deutschvölkischen Wühlarbeit-für die Arbeiterschaft unterschätzt haben, kann ich weder mit einem glatten Nein noch Ja beantworten. Die sozialdemokratische Partei und die ihr angehörenden Führer der'Partei und der Gewerkschaften schätzen den Einfluß der Deutschvölkischen auf die in den Kreis der sozialdemokratischen Ideenwelt einbezogenen Arbeiter nur sehr gering ein. Die Sozialdemokratie hat sich von jeher als Bekämpferin des Rassenhasses betätigt und sie ist sicher, s i ch d i e g e i st i g e H e r r s ch a f t in der A r b e i t e r k l a s s e z u erhalte n. Die Sozialdemokratie darf es sich wohl als einen ihrer ersten Erfolge anrechnen, daß sie in den Zeiten des Sozialistengesetzes imstande war, der rasseverhetzenden Agitation der Antisemiten wie Stöcker, A h l w a r d t, B ö ck l e r, L i e b e x m a n n