Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 10 (13.7.1922)
- Date
- 1922-07-13
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 lein. P h i l i p p Scheid e m a n n sagt dieser Tage im „V o rwärts": „Das antisemitische Gift kann nur unschädlich gemacht werden durch eine energische Aufklärungsarbeit." Seit Jahren predigten wir diese Wahrheit. Und wenn auch vieles geschehen konnte — wie vieles mußte unterbleiben, weil Menschen und Mittel fr hl len. I h r alle in ü ß t h elfe n! Lernt den Gegnern Rede stehen! Besucht unsere Rednerkurse! Unterrichtet Euch an den zahlreichen Schriften des Philv-Verlages! Gebt sie, wie das schon hunderttailsendsach geschehen, Euren christlichen Bekannten weiter! Verschickt die gelesenen Nnmmern der „C.B.-Ieirnng"! Bringt bei geeigneten Gelegenheiten und in geschickter Art das Gespräch auf' die Jndensrage lini) sagt unfern christlichen Mitbürgern, wie der jüdische Deutsche in Wahrheit aussieht. Rur durch rastlose Kleinarbeit errangen die Deutschvölkischen die Erfolge. Bei uns liegt es damit noch vielfach im ärgern Seht es mehr denn je als Eure o r i n gende Pflicht, denr Central-Verein f r e u d i g u n drei ch l i ch zu gebe n, was er braucht. Geizt nicht! Nicht seinetwegen! Euretwegen! Führt ihm neue Freunde zu! Wir brauchen'jeden, dern Vaterland und Judentum heilige Güter sind. Dr. A l f r e d W reue r. die Brutstätten öes Moröes. Ein Aufruf des ttntcrrichtsminifters an die Erzieher. Jugendliche, der Schulbank kaum eutlvachsene Menschen waren, wie nun feststeht, Mitwisser rnld Helfer des Mordes an Rathenau. Es dürste kein Zufall sein, rvenn fast gleichzeitig mit diesen Ermittlungen der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Herr Dr. Boelitz, einen Ausruf au die Erzieher erlaßt, nur der „Verwilderung sittlicher Begriffe" zu steuern. Der Minister gibt also — auch dies ist eilt Fortschritt — diese Verwilderung zu und ist entfchlvsfcn, sie zll bekämpfen. Er sagt: „Unverständliche Roheiten, unbegreifliche Verbrechen, lvie die Ermordung des N-eichsministers Rathenau, die Hetze, die vielfach voraugegaiigen, und die Roheitsänßerlntgen, die vielfach gefolgt sind, zeigen deutlich, daß noch nicht genug geschieht. Mehr als je tut der Jugend Erziehung not." Herr Dr. Boelitz erkennt auch, wie mau sieht, die Zusammenhänge zwischen diesenr Mord, der At'.nosphäre, in der er reiste, und den wichtigsten Achill- und Erziehungsfragen unserer Tage. Dennoch geht er' anr Kernpunkt dieser Frage vorbei nlld verrneidet auszu sprechen, daß diese Verwilderung die notwendige Folge der maßlosen politischen Hetznild Wühlarbeit ist, die heute unter dein Vorwand nationaler, patriotischer Erziehung fast-in allen Schulen Deutschlands betrieben wird, fast die ganze Jugend Deutschlands umgarnt und verführt, ihr öeu Blick für staatsbürgerliche Notwendigkeiten und Pflichten oft für immer umnebelt. Man weiß es lännft, daß die Fäden dieser Umgarnung in den Händen der extremen Rechtspartei liegen. Aus der richtigen Empfindung, daß ihr Progranun vor kritischer Urteilskraft schwerer zu bestehen vermag, wirst sie ihre Netze vor allem dort aus, wo der Verstand das Gefühl noch nicht kontrolliert und wo der schmetternde Klang romantischer Phrasen-unbehindert den Weg in schwärmerische Herzen findet: In der Schule. Weitbekannte Generäle, hochbetitelte Staatsmänner treten als Hüter und Wächter der wahren Vaterlandsliebe, als Zeugeneinstiger deutscher Macht und Größe an die Schuljugend heran,'beschworen vor ihr die Gestalten deutscher Necken und Helden, den Glanz der deutschen Kaiserkrone — — nnd in den empfänglichen Boden rasch entsachter Begeisterung für entschwundene Zeiten läßt sich nur allzu leicht der Keim des Hasses, des Widerstandes gegen die Gegernvart, gegen das Deutschland unserer Tage und dessen Führer streuen. Nichts ist begreiflicher: Tie Vorstellung eines Staate?, der einer 'Pyramide gleicht, an deren höchste Spitze die Krone funkelt, wie der Stern ans dem Weihuachwbaum, spricht seit jeher lebhaft zur . Phantasie des Knaben, der sich unter einer Republik nichts vorzustelteu vermag, doch seit Kindheitstagen mit Säbel und Gelvehr gespielt, in Märchenbüchern von Kaisern, Königen, Kriegshelden gelesen, vielleicht gar einmal den Kaiser selbst an der spitze der Fahnenkompagnie emhrrreiten gesehen hat. So tritt er freudig in den Deutschnatwnalen Jngendbund ein, zieht, die schwarzweißrote Fahne schwingend, zu Hiudeubnrg-Feieru, wo schwungvolle Reden vom Flügelschlag des Preußischen Aars diirchrauscht sind. Er wird in der ersten Gruppe des Bundes (für 12- bis 14jährige') über Hermann, den Ehernster und Barbarossa, in der zweiten (für G- bis 17jährige) über die Entstehung der .Monarchie belehrt und erhält in der dritten (für 18jährige und ältere) die höheren Weihen, durch Einführung in das Leben der politischen Parteien. Er lvächst so heran nnd ist durchdrungen davon, nur dein Vaterland, dem. wahren deutschen Geist zu dienen. Doch da er immer wieder hörhZmß „landfremde", fremdstämmige böse Menschen — die Inden — schuld an der Niederlage tragen, daß cf der „zersetzende jüdische Geist" sei, der auf den Trümmern der Kaiserherrlichkeit diese verhaßte Republik schuf, beschimpft er .trotzig deren Banner als Jndeufahne (vergessend, daß es auch das Banner deutscher Einheit lvar), beschmiert die Wände mit Hakenkreuzen und nennt sich stolz einen Antisemiten, obwohl er vom Wesen des Juden und des Judentums weniger Ahmmg hat als von der Relativitätstheorie — die er ein paar Jahre später frisch, fromm, frei, einen jüdischen Schwindel nennt. Sein Bundesorgan, das gelegentlich sogar durch Beiträge des Ehrenpräsidenten- Luderworsfcheschmückt wird, bestärkt ihn dauernd in solcher Gesinnung, die •mtd) in Lehrerkrcisen vielfach als die einzig patriotische gilt. Er liest da: „Die Aufgabe, zu der Deutschlands Jugend berufen ist, heißt: Die Kronezu heben, das Reich wiederzngewinnen in germanischein Trutzkampf. Und wenn wir Not and Schimpf ertragen müssen und wenn j ü d i sch e M c u ch e I - ni ö r d e r Hausen ans deutschem Boden, die deutsche Jugend beugt sich nicht." („Dcutschnationale Jngendzeitung" vorn 1. Oktober 1919.) Allmählich schwillt so dem Pennäler gewaltig der Kamm. Er fühlt sich als „.Kämpe" im politischen Streit. Kindlicher Uebermut, jnaeudliche Lust au Allotria wird zur Agitation gegen die verftstsuugsmäßig verbürgte Staatssorm. .Keller mengt er sich in die Politik. Wulle und M'aurenbrccher werden mit bewundernder Hochachtung in feinem Kreise genannt, die Erzberger - Mörder' den griechischen Tyranneumordern gleichgestellt nnd die Ermordung Ralhenaus — Minister Boelitz gibt es zu — mit brutalem Freudenaeheul gefeiert. Die Lehrer Find machtlos. Was Wunder, wenn viele von ihnen teils ans opportuner Anpassung an solche von namhaften Politikern genährte Strömung, teils * aus jenem Konservatismus, der ihrem Berns iunewohut, und teils auch ans eigener Keberzeugung -- zu Gesinnungsgenossen nnd. Helfern dieser mißleiteten Jugend werden. So voraebftdet, zu jedem selbständigen, nüchternen Erfassen nut Begreifen polilischeu Geschehens unfähig, verhetzt, verwildert, unduldsam und kratehlsüchtig verläßt heute der Primaner das Gymnasium, in denr ihn: ein letzter Rest von Zwang und Disziplin noch Zügel anlegie. Die aber fallen, sobald er die Universität besucht nnd als „akademischer Bürger" aus den Plan tritt. Mit dem Rapier in der Faust fühlt er fick) znm Träger feudaler Tradition erwählt, verachtet die arbeitende — vollends die sozialistisch organisierte — mism-u plebs und berauscht sich an Bier nnd an Kon'unersliedern, die den „freien Burschen" als edelste Blüte des deutschen Siannnes feiern. Was ihm nicht deutsch dünkt, ist jüdisch, ist das Werk der verächtlichen Fremdlinge, von denen das Vaterland befreit werden muß. Er für seinen Teil beteiligt sich an dieser Befreiungsarbeit durch Ausschluß der Inden aus fernen Verbindungen, durch Provokationen jüdischer Kommilitonen und namentlich durch die schon auf dem Gymnasium geübte Dekorierung der Anstandsorte mir Hakenkreuzen. Viele seiner Professoren — man denke an Gustav Roethe, der Goethe-Gesellschaft Präsidenten — bestärken ihn in 'solcher Haltung und solchem Dun. Sie sorgen dafür, daß sein bisher bloß übernommener, seldgeschreiartig zum Ausdruck gebrachter Antisemitismus ein „wissenschaftliches" Fundament erhaltet auf dem er sich nun zur „Arierthcorie" auswächst und so grotesk pathologische Blüten treibt, wie jenen Eisenacher Rütli schwur „kein jüdisches oder farbiges (!) Weib zu ehelichen . . Doch auch sein Groll gegen die bestehende 'Staatsform, gegen die ueue Zeit überhaupt erhält ein festes Fundament. Es ist das Gefühl, daß in der Republik die Zugehörigkeit zu einen: „vornehmen" Korps nicht inehr, wie bislang, auch spätere Anwartschaft auf Karriere bedeutet; die böse Ahnung, daß diese verdammte „Judenregieruug" am Ende geneigt sein könnte, Leine zn Oberprändentelck und 'Staatsanwälten zn machen, die keineswegs nur alte Herren eines feudalen Korps, sondern — nun: denke! — bloß tüchtig, fachkundig inih zuverlässig sind. Anderes tritt hinzu: Dieser heutige, von völkischen nnb antisemitischen Ideologien umnebelte, verwirrte Student fühlt deutlich, daß die neue Zeit unscntimenta! und nnromantisch, daß sie ersichtlich bem Korps- und BurschenschajNeben abhold ist, ja daß sie über Wichs nnd Fahnen, Bicrkomment und Paukereien 31t lächeln wagt — kurzum,' daß iw dieser neuen Zeit die „alte Birrschenherrlichkeit" an Altersschwäche zugrunde zu gehen droht. Das darf nicht sein! ruft der Bursch nnd faßt an den Schläger. Mit dem ungeberdigen Trotz der Jugend stermnt er sich der Zeit entgegen, verachtet und beschimpst alle ihre politischen und sozialen Formen unb wirst sich nun erst in begeisterter Ueberzeuguug jenen in die Arme, die den nngeschcuten Kampf gegen das neue Deutschland und gegen die Volksfeinde, die Juden, und Sozialisten, am lautesten führen? der radikalen Rechtspartei, derselben, die ihn. schon seit Jahren am Gängelbaude führte. So konnten diese Zeitläufte eine Gestalt von unwahrscheinlicher nnd tief betrübender Art entstehen lassen: Den r ü ck schrittl i ch e n S t u d e n t e n. Eine Gestalt, so widerspruchsvoll, so widersinnig, als spräche man von einem senilen Säugling oder einem wasserscheuen Fisch. Tenn seit es eine Studentenschaft, Zumal seit es eine deutsche Studentenschaft gibt, hat sie immer und überall vom Recht der Jugend Gebrauch gemacht: Frisch und wagemutig der Zukunft cntgogenzueilen, denr Fortschritt, der Entwicklung, denr Morgen zu dienen, ihr Banner auf geistigen Hohen anfznpflanzeu, zn denen der am hergebrachten Alltag klebende „Philister" nur mit Bangen empor sah. Irr der Aula, in" der heute deutsche Studenten die deutsche Verfassung begeifern und die dreiste Roheit besitzen, eine Traucrfeier für Rathenan als „Provokation" zu erklären, Blickt vorn Wandbild Vogels die Gestalt Johann Gottlieb Fichtes auf sie herab, der gewiß kein schlechterer Deutscher war als Herr Roethe, nnd in seinen „Reden an die deutsche Nation" die Studentenschaft zum Kamps gegen die Vergangenheit, gegen Napoleon nnd für dir deutsche Freiheit ausries. Damals leistete Ille ihm Gefolgschaft. Heute würde Fichte gewiß aus dein Hörsaal gescharrt und beschimpft. Durch den Buchdruckerstreik musste die in der vergangenen Woche fällige Nummer der „C. V.-Zeitung“ ausfallen. Auch diese Nummer erfckeint deshalb verspätet.