Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1922-06-30 · 9 (30.6.1922) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
9 (30.6.1922)
Date
1922-06-30
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277380-2277389--00125-2279223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

115 zur Durchführung der UeberleitungsgeschästL erklärte. Der Vertreter Königsbergs bat unter Zustimmung zur Gründung um Berücksichtigung der besonderen ostpreußischen Verhältnisse. Dr. Freund (Hannover) wünschte stärkere Dezentralisation, als der Entwurf sie vorsieht. Dr. Klee (Berlin) brachte seine und seiner Freunde Einverständnis zum Ausdruck, weil für sie jede Einigung kleinerer Kreise des Judentums ein Schritt auf dem Wege zur Einigung des gesamten Judentums bedeute. Für den Allgemeinen deutschen Rabbinerverband gab Dr. Netter eine ZustimmungserklÜrung ab. Mittelschullehrer Stern und Oberkantor Davidsohn taten dasselbe für den jüdischen Lehrerverband und für den Allgenuinen deutschen Kantorenverband. Sie alle - erklärten, daß mancherlei Bedenken, die sie dein Entwürfe gegenüber hätten, zurückireten mühten hinter der Notwendigkeit, der jüdischen Beamtenschaft schnelle und umfassende Hilfe zu bringen. Ter Vorsitzende des D. I. G. B., Professor Kali scher, setzte in eingehender Darlegung auseinander, weswegen die Gründung eines preußischen Landesverbandes der Gesamtorganisation schädlich werden müßte. Er tonnte jedoch gegenüber der Stimmung der Versammlung, die von der Notwendigkeit der Gründung in ihrer Gesamtheit überzeugt war, nicht durchdringen. Die Erklärung H a l b e r st a d t s sür den Verband g e s e tz e s t r e u e r S y n a g o g e n g e m e i n d e n, daß sie sich dem Verbände nicht anschließen könnten, weil sie bei ihm nicht die Sicherheit sür Wahrung der Tradition zu finden vermeinen, ries Herrn M. A. Loeb aus den Plan, der die Halberstädter Erklärung als unberechtigt und als ein Ueberbleibsel aus den Zeiten des jüdischen Kulturkampfes hinstellte. Nach eingehender Spezialdebatte wurde die G r ü n d u n g eines Landesverbandes der preußischen Shnagogengemeinden einst imntig beschlossen. Der Verleumder Kellerbauer. Aus Kleinlangenheim in Untersranken schreibt man uns: Der letzte Sonntag brachte uns hier eine antisemitische Hetzversammlung, die in der Bahnhofswirtschaft stattsand. Einberuser war Simon Link, Referent ein Herr Kellerbauer ans Nürnberg. Was sich dieser Herr an skrupellosen, dummen Verleumdungen leistete, geht über alles je Dagewesene. Er macht die Inden sür den Ausbruch und unglückseligen Ausgang des Krieges verantwortlich, wie sür alle Attentate und Morde, die seit Hunderten von Jahren an Monarchen, Parteiführern und anderen Persönlichkeiten vorgekommen sind. Die Inden sind schuld an den Bränden von. Mühlen und anderen lebenswichtigen Betrieben; endlich sind die Juden schuld an allen Widerwärtigkeiten, die wir jetzt im Deutschen Reich erleben. Die heutige Regierung nannte er eine Judenregierung. — Zur Zett, als er dies tat, war die neue Ausnahmeversügung, die zede Beschimpfung der Republik und ihrer Regierung mit Gefängnis ahndet, leider noch nicht in Kraft. Wir empfehlen Herrn Kellerbauer trotzdem der Aufmerksamkeit des Staatsanwalts. Die Amnestie in Ungarn. Knapp vor Beginn der Wahlen zur Nationalversammlung wurden die Individuen, die in den verflossenen drei Jahren viele Hunderte Juden im Pester Komitat niedermetzelten und ausraubten, unter Berufung auf die Amnestieverordnung aus freien Fuß gesetzt. Diese Verfügung hat in oppositionellen Kreisen höchste Empörung hervorgerusen; die liberalen Blätter unterzogen dieses Vorgehen des Justizmimsters Tomczanhi einer scharfen Kritik. Unter den Freigelassenen ist in erster Reihe Franz Balogh zu nennen, der im Jahre 1920 die Keczkemeter jüdische Bürgerschaft schwer insultiert hat. Dann hat er in Jzsak alle dort ansäßigen Juden aus ihren Wohnstätten vertrieben. Später machte Franz Balogh das Dorf Mariahaza im Solter Bezirk zum Schauplatz feiner Heldentaten und brachte wenigstens fünfzehn jüdische Bewohner dieser Gegend ums Leben. Franz Balogh befindet sich heute auf freiem Fuß und im vollen Besitz feiner bürgerlichen Rechte. Nach dem Abzug der Rumänen im November 1919 organisierte Ivan Hejjas in Keczkemet und Umgebung ein Detachement, das unbeschränkte Gewalt hatte, und zahlreiche Juden ermordete und ausraubte. Alle diese Raubmörder wurden nun amnestiert. Professor Dr. C. NerrberH, dem Direktor des Kaiser-Wilhelm- Jnstituts für Biochemie in Berlui-Dahlem, der kürzlich zum ordentlichen Professor der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin ernannt wurde, verlieh die Hauptversammlung des in Hamburg tagenden Vereins deutscher Chemiker „in Anerkennung besonderer Verdienste um die Chemie und Technologie, der Gärungsforschung" die Lrebig-Medaille. Wir sprechen dem geschätzten Mitglied unseres Hauptvorstandes zu dieser außerordentlichen Ehrung unsere aufrichtigsten Glückwünsche aus. Hohe Strafen wegen Beleidigung eines Inden. In einer märkischen Stadt wurden kürzlich der Gutsbesitzer Richard R e i n i ck e in Unterpeihen im Saalkreis und der Gutspächter Walter Lange in Schönholz bei Hagenau wegen öffentlicher Beleidigung, gemeinschaftlich versuchter Nötigung und Körperverletzung zu einer Gesamtstrafe von je 75 000 Mark verurteilt. Das Urteil führt aus: Gelegentlich eurer Nachfeier der am Tage stattgefundenen Enthüllung einer Gedenktafel für gefallene Soldaten, an der auch ein jüdischer Herr teilnahm, ergingen sich" die Verurteilten in Hetz- und Schimpfreden gegen die Juden, verlangten, daß der Jude entfernt würde und wurden schließlich tätlich. Das Gericht, dem außer dem Vorsitzenden Amtsgerichtsrat ein Landwirt und ein Techniker allgehörten, kam aus Grund der Beweisaufnahme zu dem angegebenen Urteil. Dem Beleidigten wurde die Publikationsbefugnis zugesprochen. Der General und der jüdische Bizefeldwebel. Die Ortsgruppe E r s u r t des Reichs b u n d e s jüdis ch e r F r ontsokdaten berichtet uns über einen Vortrag, den am Dienstag, den 13. Juni, Generalmajor a. D. Busse über die Verteidigung der Feste Bohen gegen die Russen im August-September 1914 hielt-, und zwar im Verbände nationalgefinnter Soldaten und in Nationalverband deutscher Offiziere, Im Lallse dieses Vortrags schilderte er u. a., wie bei einem kühnen Erkundigungszug seiner Radfahrerabteilung deren Führer, der damalige Vizese l d webe l K a m n i tz e r, e i h tm ssisches A uto m i t vier Generalen u n d s e h r wichtigen Papieren erbeutete. Er erwähnte hierbei, daß er zu seiner großen Freude heute diesen 'Herrn zufällig' in Erfurt wieder getroffen habe. Kamerad K a m n i tz e r (S y ndik u s des L a n - oesverbandes Thüringen des C e nt r a l - B e r e i n s deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) ist Zweiter Vorsitzender unserer Ortsgruppe des Frontbundes. Wir anwesenden Mitglieder des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten vernahmen mit Stolz die lobende Erwähnung! unseres Vorsitzenden aus dem Munde des Generals. Der „Nationalsozialist" Cordier vor Gericht. Der bekannte Vorsitzende .der nationalsozialistischen Arbeiterpartei in Köln, Richard Cor di er, stand kürzlich als Kläger gegen die „Kölner Voltsstimme" vor dem dortigen Lchöfsengericht. Von dieser Zeitung waren ihm U n t e r s ch l a g u n g e n von Kriegsbeschädigten-Zentralverbandseigentum sowie diverse Schwindelei e n vorgeworsen worden.. Das Gericht kam zu einer Freisprechung des beklag t e n R e d a k t e u r s Z i m m e r m a n n und führte in der Begründung des Urteils aus, daß nach all denr Material, welches Zimmermann über Cordier 'vorgelesen habe, diesem der 8 193 zugebilligt werden müsst und er nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hatte, gegen Cordier vorzugehen. Die Kosten fallen dem Privatkläger zur'Last. Der geohrfeigte Alfred Roth. In Würz b u r g kam der lieblich bekannte Alfred Roth neulich an den Unrichtigen. _ Nachdem er dort wieder einmal seine bekannten Hetzlügen abgesondert hatte, meldete sich ein Herr Paul Wolfs zu Wort, begann feine Rede mit dem Satz „Der Referent ist ein ganz gemeiner Lügner und Verleumder" und verabfolgte Herrn Roth gleichzeitig rechts u n d l i n k s e i n paar s ch a l l e n d e O h r f e i g e it Es entstand eine regelrechte Keilerei, bei der die Anhänger Roths vielfach das Schicksal ihres -Führers teilten. Ein antisemitischer Film. „Düfte a u s d e m O st e n" nennt sich laut der „Lichtbild-Bühne" ein neuer Film. Diese „Düfte" scheinen wenig wohlriechend zu sein, denn der Prospekt der Firmagibt dazu folgende nähere Angaben: „Ein Judenfilm, der zeigt, wie sie an der Grenze auswandern, ^tratzenhandel in Berlin beginnen, sich zum Schieber entwickeln, der waggonweise schiebt, bis zur feudalen Villa mit Auto. Im Gegensatz hierzu der Kampf der Wolgadeutschen, denen die Regierung, obgleich sie Stammesbrüder sind, im Gegensatz zu den Juden, die Einwanderung verboten Hat/J Was sagt die Zensur be h ö r d e zu diesem Versuch, den Radaua n t'i s e nt itism u s mm auch ins Kino einzuschmuggeln? Deutscher Schutzbund. Diese — nicht mit dem deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund zu verwechselnde — Vereinigung faßte auf ihrer in Allenstein stattgehabten dritten Tagung, die Anfang Juni stattfand, eine einstimmig angenommene Entschließung, deren vollständigen Wortlaut die „Deutsche Tageszeitung" vour 6. Juni veröffentlicht, aus der wir hervorheben, „daß alle, die sich als Deutsche fühlen, ohne Unterschied der Konfession, ohne Unterschied der Parteien und Klassen, ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit oder der Umgangssprache kraft inneren Gesetzes eine un - a u s l ö s l i ch e E i n h e i t s i n d". Man kann nur wünschen, daß alle Volksschichten sich diese erhabeneil Gedanken zu eigen machen, muß aber freilich skeptisch hinzusügen: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Die polnische Kabinettskrise und die jüdischen Parlamentarier. Der polnische Staatschef Pilsudski beriet auch mit den jüdischen Sejmabgeordneten Grünbaum, Farbstein, Hirschhorn und Mendelsohn über die Bildung des neuen Kabinetts, welches das bisherige Kabinett Ponikowsti ersetzen soll. Die Konferenz dauerte eine Stunde und trug einen, freundschaftlichen Charakter. Die jüdischen Abgeordneten erklärten sich bereit, eine neue friedliche Negierung, die keine antisemitische Politik treiben will, zu unterstützen. Jedoch stellten sie die Bedingung, daß der bisherige Kriegsminister Sosnikowski im neuen Kabinett kein Min ist er amt bekleiden darf, da er mehrere Male die Grundsätze der Konstitution vergewaltigt habe. Eine Bibliographie über die Geschichte der Juden in Holland. Die Gesellschaft für jüdische Wissenschaft in Holland erläßt ein Preisausschreiben» für eine Bibliographie über die Geschichte der Juden in Holland. Gefordert wird eine systematische Aufzählung von Büchern und Artikeln über die Geschichte der Juden in Holland,, ferner ein. Verzeichnis von einschlägigen Resolutionen, Pamphleten,.. Gelegenheitsschri.ften-, Statuten ufw. Die Einreichung der Manuskripte mutz bis zum 1. April 1923 an den Schriftführer der Gesellschaft in Amsterdam erfolgen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.