Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 9 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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113- Schiffbrüchige in das offene, sturmgepeitschte Meer zurückzuftoßen,' gilt ms Barbarei. Diese Barbarei hat erklärlicherweise die deutsche und die preußische Regierung nicht geübt. Die Pogrome jenseits der Grenze haben unter französischem und englischem Druck feit längerer Zeit anfgehört, und die deutschen Grenzen sind jetzt seit Jahr und Tag für Zuwanderer überhaupt gesperrt. Diejenigen osteuropäischen Juden aber, die sich bereits vor der Sperrung der Grenzen in Deutschland befunden hatten, vermindern sich durch eine vom Arbeitersürsorgeamt sehr verständig geleitete Auswanderung von Halbjahr zu Halbjahr sehr erheblich. Man kann behaupten, daß die Zähl der Ostjuden heute in Deutschland keine größere ist, vielmehr eine geringere als sie vor dem Kriege war. Freilich der Charakter dieser Ostjuden hat sich, wie nngedeutet, verändert; vor dem Kriege überwiegend Kaufleute und Agenten, die den Handel nach dem Osten vermittelten; heute eine kleine Anzahl wohlhabender Ostjuden, die hier Konsumenten sind, und die bessere Zeiten für die Rückkehr nach dem Osten abwarten; daneben Arbeiter, die mit den deutschen Arbeitern zusammen unsere Industrie in Gang zu halten berufen sind. Wenn min die Fraktion der Deutschnationalen Volkspartei die Frage an die Preußische Regierung richtet: Welche Schritte gedenkt das Staatsministerium zu tun, um unerwünschte Gäste abzuschieben, so erscheint die Antwort außerordentlich einfach. Unerwünschte Gäste, das heißt solche, die sich irgend etwas haben zu Schulden kommen lassen, die Straftaten verübten, w e r d e n auch heute a b - geschoben. Und keine Hand regt sich, auch keine jüdische Hand, um bei solcher Sachlage den Behörden in den Arm zu fallen. Die zweite Anfrage aber wünscht Auskunft darüber, wie ..eine schärfere Kontrolle auf diesem Gebiet durchzuführen" sei. Nur ans Unkenntnis oder ans Schlimmerem kann solche Frage an die Regierung gerichtet werden. Tie Grenzen sind gesperrt, und bei der Lage Deutschlands kann niemand ihre Freigabe verlangen. Es kann also nicht mehr von einer Zuwanderung die Rede sein; es ist auch von einer Zuwanderung nicht die Rede bei irgendwelchen Kennern der Verhältnisse; es kommt nur noch eine Ab w and e r u n g in Betracht, die sich b e st ä n d i g v o l k z i e h t, freilich ohne Katastrophen, und ohne daß ans diesen Borgängen ein politisches Ereignis für die zivilisierte Welt gemacht wird. Innerhalb der deutschen Grenzen aber üben die lokalen Polizeibehörden eine Kontrolle aus, die für die öffentliche Wohlfahrt völlig ausreicht. Für das Agitationsbedürsnis reaktionärer Parteien ist eine solche sachliche Behandlung natürlich n i ch t ausreichend. Man wird den Vorstoß im Preußischen Abgeordnetenhaus aber auch noch unter dem internationalen Gesichtspunkt zu betrachten haben. Er ist ein Vorstoß deutschvölkischer Tendenzen. Und als solcher schasst er s ü r d i e ch a u v i n i st i - scheu Feinds Deutschlands in der Welt einen Präzedenzfall von recht erfreulicher Art. Wenn wir in Deutschland eine verschwindende Anzahl von Ostjuden bei uns nicht glauben dulden zu dürfen, so haben die Polen den herrlichsten Vorwand, um sich der Deutschen, die es bei ihnen gibt, zu entledigen- Dann haben die Tschechen den ausgezeichnetsten Borwand, um gegen die Deutschen in den böhmischen Randgebieten in erbitterter Feindschaft sich zu betätigen. Dann können die Italiener das gleiche in Tirol tun. Die entsprechenden Modifikationen des Vorgehens zu finden, ist für skrupellose Politiker kinderleicht. Das ist die eine Richtung der Rückstöße, die erwartet werden können. Es stehen aber auch noch andere Rückstöße in Aussicht. Wir wissen nicht, in wie kurzer Zeit die wirtschaftliche Lage Deutschlands sich in solchem Umfang verschlechtern kann, daß Tausende und Zehntausende und Hunderttausende Deutscher zur Auswanderung in überseeische Gebiete gezwungen sein werden. Wir kennen die Stimmung, die in den französischen Kolonien noch heute herrscht. Wir kennen auch die Stimmung, die in den australischen Kolonien und auch in den Ostgebieten der Vereinigten Staaten von Amerika bisher besteht. Sie ist einer erneuten Betätigung deutschen Unternehmungsgeistes und deutscher Arbeit zum Teil abgeneigt, zum Teil völlig feindlich gesinnt. Man haßt den Deutschen nnd seine kaufmännische Tüchtigkeit dort aus Chauvinismus 'und aus Konkurrenzneid. Für diese deutschfeindlichen Elemente in Uebersee gäbe es keinen erwünschteren Präzedenzfall, als wenn Deutschland ohne zwingenden wirtschaftlichen oder politischen Grund sich seiner Ausländer in Scharen entledigte," durch nichts bewegt, als durch einen blinden Nationalismus, der sich bei uns gegen die Ostjuden regt, und der in Uebersee gegen die Deutschen mit Leichtigkeit mrzusachen ist. Und zwar genau mit denselben Argumenten, die die Reaktionäre bei uns zur Hand haben. Wenn eine solche Bewegung von größerem Umfange einsetzen sollte, dann werden die Ueberseedeutschen wenigstens wissen, wer das Material zur Schädigung und Untergrabung ihrer Existenz geliefert hat. Die Frage der „Ausländer in Deutschland rollt nämlich gleichzeitig die Frage der Deutschen im Auslandauf." Nurdie K u rzsi ch tig en i önne n die sen Z u s a m m enhang überse h e n. Alsein Vorurteil ‘iogenannter Realpolitiker ist es zu betrachten, wenn sie behaupten, daß die Humanität ein überflüssiger, gänzlich nutzloser Ballast im politischen, Leben des einzelnen Volkes und der Volker untereinander sei; vielmehr seien mit der brutalen Rücksichtslosigkeit die besten Geschäfte zu machen. Diese edle Weltanschauung ist niemals zweckmäßig, und sie ist ganz gewiß recht ungeeignet für ein Reich wie Deutschland, dem die Waffen der brutalen Macht aus der Hand geschlagen sind. Heute ist Deutschland gewiß auf eine humane Ausgleichung der Gegensätze angewiesen, und wir liefern uns selbst ans Messer, wenn wir auch unserseits zur Politik brutaler Kurzsichtigkeit uns bekennen. Ein Vortrag Arthur Vinters. — Ausfälle gegen die christliche Kirche. — Herr Artur Sinter versammelte am 13. Jimi die Zwar zahlreiche, aber dennoch beschränkte Schar seiner Gläubigen in Berlin und stieß wieder einmal mächtig ins Wotanshorn seiner „heroisch-arischen" Weltanschauung, die er sich aus den Brocken längst widerlegter, nur noch belächelnswerter Theorien Gobineaus nnd Chamberlains znsammengebraut hat, und die er Leuten, deren Naivität und Urteilslosigkeit selbst die seine übertrifst, immer noch erfolgreich als „Philosophie" und „Wissenschaft" austischt. Da eine Disk u s sion durch den Vorsitzenden a priori abgelehnt wurde, war Herr Dinier davor geschützt, an Ort und Stelle als unwissendster Faselhans und gewissenloser Hetzer überführt zu werden. Ein Schutz, dessen er dringend bedarf, um seinen Albernheiten von den zwei Weltanschauungen im zeitigen Leben — der idealistischarischen uab der materialistisch - jüdischen — noch Wirkung zu sichern. Sonst könnte ihn jeder halbwegs Gebildete darüber belehren, daß aller religiöse Idealismus, aller ideal-reine Gottesg lande seine Wurzeln in der jüdischen Religion hat. Aber Herr Dinier will gar nicht belehrt sein. Für ihn — aber nur für ihn und seinesgleichen — steht fest, das; Christus natürlich ein Bollblntgermane und nur aus Zufall jüdischer Staatsbürger und Anhänger jüdischer Neligionsanschauung war und konsequenterweife wandte er sich nun rnit scharfen Ausdrücken gegen das Kirchen- 'ejenigen, welche an der chriftlidhen 'eferung fefthalten wollen? find nickt imstande, fish mit Nachdrücklichkeit gegen das Judentum zu wenden. Dr. Engen Dühring (-Die'Parteien und die Judenfragc»). ch r t ft e n t u m, w eil er in der Kirche eine jüdische S ch b p s u h g erblickte, d i e ans den Juden Paulus zurück g e f ü h r t w i! r d e. Im Interesse des religiösen Lebens hält er es für dringend notwendig, die reine Christuslehre von den jüdischen Jngredenzien, welche die Kirche, sogar auch Luther teilweise, ihr zugesetzt haben (!), nachdrücklich zu befreien. Leider wäre die heutige Menschheit stark mit diesem jüdischen Materialismus infiziert, der kein anderes Ziel kennt, als die Knechtung der europäischen Volker durch das Judentum. Das internationale Judentum hat in dieser Absicht den W e l t k r i e g h e r a u f b e s ch w o r e n, das internationale Judentum hat den Frieden von Versailles gemacht, das internationale Judentum muß mit allen Mitteln ausgerottet werden. Das alles ist uns aus diesem Munde nicht mehr neu. Einem . Manne, der nicht wie Dinter aus dem richtigenGesühleiner Schwäche jede Diskussion ablehnt, würden wir leicht beweise n, daß am Weltkrieg und am Zusammenbruch jedoch diejenigen Schuld tragen, die jetzt die Juden zu Sündenböcken machen mochten. Mein, Herrn Dinier gegenüber wären i sachliche Beweise Perlen vor die Säue.! In manchen christlichen Kreisen aber wird er noch ernst ge-! nommen. Dort sollte man doch seine A u § f a 11 e gegen das kirchl i ch e C h r i st e n t u m ein wenig näher betrachten.