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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-30 · 9 (30.6.1922) · p. Seite 112

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
9 (30.6.1922)
Date
1922-06-30
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 ■? Die Gstjuüen in DeuLschlanö unö sie antisemitische Reaktion. Von Dr. Paul Nathan. (Schluß.) Das Groteskeste.an der Anfrage der Deutschnationalen Volkspartei des Preußischen Abgeordnetenhauses liegt nun in Folgendem. Die Anfrage gesteht zu, daß „Vorschriften, welche zu einer Eindämmung dieser Einwanderung hätten benutzt werden können, bestehen." Und an diese Feststellung wird die Frage geknüpft: „Wie ist es möglich, daß trotz des Bestehens dieser Vorschriften die Einwanderung diesen Umfang annehrnen konnte?" Kann eine Partei — im besten Falle — ihre Kenntnislosigkert und .Ahnungslosigkeit offensichtlicher dokumentieren? Um dieses Urteil zu begründen, wird es notwendig sein, bis auf dem Beginn des Weltkrieges zurückzugreifen. Im Spätherbst des Jahres 1914 machten die deutschen Heere einen siegreichen Vorstoß nach Polen hinein. Und damals wurde in Polen — soweit es irgend möglich war, auch vor der deutschen Front— ein Ausruf verbreitet in ^.„jiddischer" Sprache, d. Jj. im Jargon, und in hebräischer Sprache. Ich benutze den „jiddischen" Text, der unterzeichnet war: „Die obere Leitung vun dre verbindet deitsche un esterreichisch-ungariische Armees." Dieser Ausruf der Obersten Heeresleitung, der deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen ist gerichtet: „Zu die Jiden in Paulen", und in diesem kulturhistorisch sehr interessanten Dokument heißt es: „. . . Wi Freind lummen mir zu eich, die barbarische fremde Regierung is aus! Die gleiche Recht vor Jiden soll weren gebaut auf feste Fundamenten. Laßt eich nischt, wie a stach nrol frilcr, obnarren durch chanusedige Versprechungen ... Eier heiliger Chauw ist «jetzt, zusammen zu nehmen alle Krefteu, mitzuarbeiten bei. die Befreiung. Alle Bolkskreften: eier junger Daur, eiere Kehillaus, eiere Chewraus muffen sich schtellen wie ein Mann, mitzuhelsen zu die heilige Sach. Mir erwarten, as ihr wet beweisen durch Fakten eier Verschtand un eier Uebergcbenheit . . ." Die Wirkung dieses Aufrufes war vorauszusehen. Der Verdacht, daß die von dem Zarentum furchtbar Malträtierten den deutschen Versprechungen glauben könnten, genügte, um die zaristische Regierung zu einer der greuelvollsten Maßregeln zu veranlassen: die sich die verwegenste Phautafte nur ausdenken kann. Um die -Ostjuden von einer Verbindung mit dem deutschen Militär fernzuhalten, wurden in den verschiedenen Städten und Ortschaften zur Abschreckung Dutzende von Juden — nicht füsiliert —, sondern gehängt, damit die an Bäumen und Galgen baumelnden Kadaver eine längere Zeit hindurch Furcht erregend wirken könnten. Aber die ohne Richterspruch Gehenkten waren säst noch-die Glücklicheren. Die große Maste der jüdischen Bevölkerung der russischen Randgebiete, Männer, Frauen, Kinder, Kranke, Wöchnerinnen, Sterbende wurden wie das Bich zusammengetri-eben, wurden viel schlechter als Vieh in Eisenbahnwagen zusammengepfercht und in das Innere Rußlands abtransportiert. Die Sterbenden wurden zu Toten in die Wagen gesperrt, und die Lebenden wurden von den an ansteckenden Krankheiten Verendeten infiziert. Diese Tragödie, die der Ausruf „Zu die Jiden in Paulen" Hervorgerusen hat, war eine der greuelvollsten Tragödien des an Tragödien so reichen Weltkrieges. Wer von den Juden Westrußlands fliehen konnte, floh in die litauischen und polnischen Wälder und von dort in die Gebiete, die von den deutschen Truppen besetzt waren. Das ist die erste Flutwelle osteuropäischer Juden, die sich im Verlaus des Krieges allmählich nach Litauen hinein und weiter nach Preußen e r g o s s e n,h a t. Im Verlaufe des Weltkrieges war alsdann ' die Lage Dentschlands bedrängter und bedrängter geworden. Die Zahl der Frontkämpfer schmolz zusammen, und es wurde schwerer und schwerer, einen gleichwertigen Ersatz zu schassen. Da beschloß die Oberste Heeresleitung, die felddiensttauglichen Schwerarbeiter aus den großen, für den Heeresdienst arbeitenden Fabriken herauszuziehen. Das war nur möglich, wenn die Kräfte, die aus diese Weise den Fabriken verloren ginge», durch andere Kräfte ersetzt wurden. Und nun begannen die Arbeiterdeportationen aus den besetzten Gebieten. Die Arbeiterdeportationen aus Belgien haben einen entsprechenden Widerhall in der zivilisierten Welt gefunden. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung mußten diese Deportationen schließlich rückgängig gemocht werden. Es haben aber auch DePortationenvomOstenherPlatzgegrifferr. Und der Osten liegt nicht unter den Blicken der zivilisierten Welt. Jene östlichen Deportationen, die aus den russischen Randgebieten stattfanden, haben — glücklicherweise für das Ansehen Deutschlands — die Aufmerksamkeit kaum auf sich gelenkt. Aber da die Mitglieder der Fraktion der Deutschnationalen Volkspartei im Preußischen Abgeordnetenhause ein dringendes Bedürfnis fühlen, darüber unterrichtet zu werden, worin die Ursache der ostjüdischen Einwanderung nach Deutschland liegt, so kann dieses unerfreuliche Thema nicht völlig in Schweigen begraben werden. Als der Arbeitermangel Deutschlands in den für den Krieg arbeitenden Betrieben, in den Munitionsfabriken, in den Bergwerken, in den Maschinenfabriken größer und größer wurde, nahm man auch Litauen und Teile von Polen für die Beschaffung von Arbeitern in Anspruch. Die bäuerliche Bevölkerung mußte an Ort und Stelle bleiben, damit für die bedrängte Ernährung schlecht und recht weiter gesorgt werden konnte. So blieb für die Verwendung im wesentlichen die Handwerkerbevölkerung der Dörfer, der kleineren Ortschaften und der Städte übrig. Diese Handwerkerbevölkerung besteht dort im wesentlichen aus Juden, und diese Juden, an die sich so freundschaftlich und ausmunternd die Oberste deutsche und österreichisch-ungarische Heeresleitung in ihrem Aufruf gewandt hatte, sie wurden eines schönes Tages auf die Marktplätze, aus den Anger vor der Stadt, aus die Kirchhöfe durch die Ortsbehörden beordert; dort wurden die so zusammengebrachten Massen vielfach militärisch umstellt, und ohne daß ihnen auch nur gestattet wurde, in ihre Häuslichkeit noch einmal zurückzukehren, wurden sie auf die Bahnhöfe getrieben, einwaggoniert und nach Deutschland abgeschoben. Anständige jüdische Bürgermädchen wurden mit den Insassen von Bordellen zusammen verfrachtet; alte hinfällige Leute wurden mit kräftigen jungen Burschen unsinnigerweise zusammen verschickt; Leute, die gänzlich arbeitsunfähig waren, mußten die Reise mit antreten. Es waren Razzias nach Vorbildern, wie sie in nicht lange zurückliegender Zeit von afrikanischen Sklavenjägern veranstaltet worden sind. So ist nicht überall in Litauen und in den angrenzenden Gebieten verfahren worden; glücklicherweise durchaus nicht üb e r a l I; aber doch an einer nicht unerheblichen Anzahl von Plätzen. Und auch die sogenannte „Freiwilligkeit" war an anderen Orten oft genug wenigstens mit starken Druck gepaart. Wenn die Fraktion der deutschnationalen Volkspartei im Preußischen Abgeordnetenhaus über die Einzelheiten in der Oeffentlichkeit unterrichtet sein will, so ließe sich das aus Grund von Zeugnissen noch in ausreichender Weise bewerkstelligen. Es wäre damit ein politischer Vorstoß von den Reaktionären inszeniert, der den Feinden Deutschlands gewiß nicht unerwünscht käme, und der das kaiserliche Deutschland nicht gerade mit einem Heiligenschein umgeben könnte. Im Interesse des republikanischen Deutschlands unserer Tage soll eine solche Auseinandersetzung gewiß nicht provoziert werden; denn es ist keine beneidenswerte Ausgabe, die Wunden der deutschen Vergangenheit -aufzureißen. Aus jenen Razzias während des Krieges stammt,der größte Teil der nochheute in Deutschland in Brot und Arbeit stehenden osteuropäischen Juden. Sie sind Arbeiter und machen sich unter ihren deutschen Arbeitsgenossen nicht unangenehm fühlbar. Sie arbeiten heute in der deutschen Industrie, und damit arbeiten sie mit -daran, Deutschlands Wohlstand erneut 'hochzubringen. Es gab dann auch -eine zweite Kategorie von Ostjuden, die zu uns gebracht wurden; sie sind aus sogenannte Sechsmonatkontrakte während des Krieges nach Deutschland hinein engagiert worden; und wenn sie n a ch ] e ch s Monate n in ihre Heimat znrückkehren wollten, so wurden sie gegen Gesetz und Recht damals gezwungen, in Deutschland zu bleiben; heute sind diese Helfer in der Not reff für einen Fußtritt — nach reaktionärer Auffassung. Endlich kam noch ein weit schwächerer Zustrom aus den östlichen Grenzgebieten. Infolge der Judenmassakers in der Ukraine, in Polen und in Wilna, als es von Polen besetzt wurde, flüchteten in kleinen Scharen Ostjuden, die an Leib und Leben bedroht waren, über die Grenze nach Deutschland. Es handelt sich da um eine geringe Zahl und nicht einmal um einige Tausende.

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