Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 9 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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111 Dürfen wir, die wir den Kampf für Deutschtum und Judentum aus unsere Fahne schrieben, ihn heule nicht als ei-nen edlen Mitkämpfer beweinen? Späteren Zeiten, in denen — so wollen wir hoffen all diese Fragen Und Probleme überholt und überwunden sein werden, wird sich Rathenaus Judentum freilich nicht bloß in solch aktivem Eintreten für Recht und Billigkeit erschöpfen. Im Lichte der Geschichte werden die tieferen Zusammenhänge.zwischen den deutschen und den jüdischen Wesenszügen seiner wunderbar komplizierten Individualität Heller erkennbar werden, als es heute der Fall ist. Man wird die eigenartigste, heute fast noch rätselhafte Antithese seines Wesens, den seltsamen Aufschwung aus der Welt naturwissenschaftlicher Realität zu philosophisch-transzendenten Höhen Dostojewskischer und Tolstoischer Ideen begreifen. Als eine ewig lebendige Sehnsucht nach den Sphären einer zwecklosen, reinen Menschen- und Gottesliebe begreifen, die ein urjüdisches Erbteil, die nichts anderes als der tiefe Drang zu ethischer Läuterung ist, der noch alle großen Juden erleuchtet und verklärt hat. Denn er war ein lauterer Deutscher und ein lauterer Jude. In dieser schlimmsten aller Welten, in der wir leben, ward ihm dies zum Verhängnis. Ä kd. Me gegen Rathenau gehetzt wurde. Eine kleine Blütenlese. Die „E m d e r Zeitung" (Kreisblatt sür den Landkreis Emden, Ostfriesisches Voltsblatt sür nationale Politik) schreibt am 25. April d. I. unter dem Titel „Die 39 . . ." folgendes: ,,Jn Genua befinden sich unter den deutschen Delegierten zur Konferenz 39 Juden. 39 Juden vertreten uns Deutsche in Genua. Der Nichtjude, aber Judas, der heute am Neichskanzlerstuhle sitzt, der Zentrumsmann Dr. Wirth hat sie hingeschickt. Wir wissen nun, was eine gewisse Presse als Tat kennzeichnet, daß die in Deutschland wohnenden Juden mit den in Rußland wohnenden Juden einen Vertrag abgeschlossen haben. Der heißt nun der deutsch-russische Vertrag, statt daß man ihn den alljüdischen Vertrag nennt. Und wieder einmal verkauft Judas ein Volk und verrät es, aber nicht für Silberlinge. Diese 39 in Genua kosten uns zwar einige Milliarden Mark, aber das sind sie uns wert. f Wahrscheinlich kosten sie uns noch viele Milliarden Mark dazu; ersichtlich jedoch sür alle Nichtblinden ist die Tatsache, daß wir unter dem jüdischen König! Rat Henau und seiner 39!öpfigen, beschnittenen Gefolgschaft in! Genua alles zu erwarten Haben, was uns Deutschen Schaden, den! Juden aber Nutzen-bringt." Der „N a b b ü r g e r Volksbot e", das amtliche Publikationsorgan für den Bezirk Nabburg, hat den Außenminister Rathen anbei seiner Ernennung am 9. Februar 1922 wie folgt begrüßt: „Wer hat Rathenau zum Außenminister gemacht? Seine Korpulenz F. E b e r t, seines Stammes der I., den jetzt die Sattlergenossen aus der Gewerkschaft rausgeschmissen haben? Nein. Herr Dr. Wirth, des Deutschen Reiches großer Kanzler? Nein, horcht, ihr Republikaner: Rathen au machte sich selbst zum Minister. Ist auch weit einfacher; er stellte ein Ulti- - matmn: Entweder — oder, friß Vogel oder stirb. Rathenau ist gewiß ein fähiger Mann, er mauschelt perfekt Englisch und Französisch, aber er ist der Abkommandierte der : großen G. m. b. H., der goldenen Internationale. In Rathenaus Adern rollt kein arisches Blut. Er hat es selbst stolz von sich bekannt und darum dürfen auch wir es schreiben: „Ich bin ein Jude!" . . . Rathenauist derOrganisatorder Zwangswirtschaft. Leut', wißt ihr noch, wie ihr um Fleisch und Brot, um a Packl Schlawiner stundenlang angestanden seid? Das hat mit seinem Können Rathenau getan! - Demokratie! Nein, glatter Schwindel! Gewiß haben wir unsere Vertreter gewählt, aber die haben ja nichts zu sagen als! müh, mäh — und hernach bäh, bäh. An Stelle der von Gottes : Gnaden thronen die von Judas Gnaden. Rathenau brauchte bloß! mehr gekrönt werden zum Kaiser Neudaitschlands." Die Hetze gegen R a t h e n a u ist nicht etwa erst jüngeren Datums. Sie setzte planmäßig ein, als Rathenau zum Wiedera u f b a u m i n i st e r ernannt wurde. Um ihn als Verräter am deutschen Vaterland, der im feindlichen Sold steht und nur die Interessen des Feindes wahrnimmt, zu brandmarken, bediente sich die „Deutsche Zeitung" in ihrer Abendausgabe vom 14. Juni 1921 eines j o u r n a l i st i s ch e n B u b e nst ü ck s. In dem L. E.- Bericht aus Paris vom 14. Juni, der einen Auszug aus dem „Echo de Paris" enthält, heißt es wörtlich: „Rathenau hat den Grundsatz, daß Deutschland durch seine Arbeit reparieren solle. Aber es wolle dies auf die vorteilhafteste Werse tun, indem es so wenig als möglich bezahlt -md dabei so wenig als möglich verarme. Wenn Deutschland Arbeitskräfte und Rohmaterialien liefern solle, so sei dies grundsätzlich unter den Bedingungen zulässig, daß Deutschland beides bezahlt. Denn müßte Frankreich bezahlen, so würde es ruiniert werden und Deutschland würde sich bereichern." Den Zweiten Satz, den wir inFettdruck wieder ge geben haben, ließ die. „D e u t s ch e Z e i t u n g", wie rnan durch Vergleich mit den Berichten in anderen Blättern feststellen kann, in ihrem Telegramm einfach fort. In gewissenloser Weise wurde hier also aus einer Polemik des französischen Blattes gegen Rathenau eine Wiedergabe a n g e b l i che r N a t h en a u s ch e r Grundsätze gemacht. Am 19. Juni 1921 brachte das deutschnationale „Chemnitzer Tageblatt" einen aussehenerregenden Artikel „Nathenau als Organisator des kommunistischen Rußland." In diesem Artikel wird ein angebliches Selbstbekenntnis Nathenaus wiedergegeben, das folgendermaßen gelautet haben soll: „In seiner gesamten Geschäftsführung richtet sich Herr Lenin nach meinen vorbildlichen Arbeiten. Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß die russische Sowjetrepublik seinerzeit bei m i r o i e Organisationsplane zur Einrichtung der Kommiss ariate, vor allem des Kommissariats für Wirtschaft und Arbeit, bestellt hat. Heute arbeitet man also in Rußland durchweg auf der Basis der von nlir ausgearbeitet e n P l ü n e." Dieser angebliche Ausspruch Nathenaus war von Anfang bis zu Ende aus der Lnft gegrisfen. Der deutschnationale „V o g t l ä n>di s che Anzeiger" in Plauen berichtet in seiner Nummer vom 5. April 1921, daß auf einem politischen IInterhaltungsabend des Deutschnationalen Volksvereins am 4. April man sich über Rathena u s Bereitwilligkeit, seinerzeit in die Münchener Räteregierung e i n z u t r e t e n, in einer ausgedehnten und interessanten Aussprache unterhalten habe. Die. kleine Blutenlese beschränkt sich, wie unsere Leser erkannt haben werden, auf amtliche Kreisblätter und offiz i e l l e Organe der Deut sch nationalen Partei. Wollten wir auch nur einen kleinen Auszug aus den Preßergüssen der deutschvölkischen Wochenblättchen, wie „Miesbacher Anzeiger" und „Deutsches Wochenblatt", „Völkischer Beobachter" und „Deutschvölkische Blätter" usw. usw., oder gar aus der Giftmischerei eines „Deutschen Tageblatts" oder „Spandauer Tageblatts" usw. veröffentlichen, die eine nicht zu überbietende Hetze gegen Rathenau getrieben haben, wir müßten sämtliche Spalten unseres Blattes für Wochen in Anspruch nehmen. Die beste Illustration sür diese elenden Verleumdungen, die sich immer um dasselbe Thema konzentrierten, hat Herr Kunze in seinem „Deutschen Witzblatt" Nr. 25 gegeben, das auf der Titelseite Karikaturen der Herren Nathenau und Loucheur mit folgendem Text bringt: Loucheur: „Sie wollen also dafür sorgen, daß „urrsere" Interessen gewahrt bleiben?" Rathenau: „Unsere Interessen bleiben immer gewahrt." Chor der jüdischen Presse: „Das Ergebnis der Unterredung Zwischen Nathenau und Loucheur war recht befriedigend." Bemerkt sei nur noch, daß das „Deutsche Wochenblatt" des Herrn Kunze noch in seimer (v ordati er ten) Nunrrner vom 28. Juni, also vier Tage nach dem Morde, Rathenau heftig als einen Mann, der nur an feine eigenen Taschen denkt, an greift. A. Scli. An unters Leser! Nichts kann unsere Bestrebungen besser und wirksamer fördern, als wenn alle unsere Mitteilungen und Aufsätze im Kreise unserer Mitglieder und darüber hinaus zu lebhafter Erörterung und Stellungnahme Anlaß geben. Daß dies der Fall ist, zeigen uns Zahlreiche Zuschriften unserer Freunde, aus denen wir mit Befriedigung ersehen, daß die meisten mit unseren Veröffentlichungen einverstanden 'sind. Wir erfahren aber auch mehr oder minder berechtigte Kritik. Mögen alle, die solche Zuschriften an uns richten, davon überzeugt sein, daß keine Anregung und keine Kritik unbeachtet bleibt. Es wird alles geprüft und wenn möglich verwertet. Doch sind wir außerstande, alle diese Zuschriften zu beantworten. Betont sei hierbei, daß wir selbstverständlich in unserer Zeitung nicht bloß Mitteilungen und Meinungsäußerungen veröffentlichen können, für die wir die volle Verantwortung übernehmen. Wir müssen unseren Mitarbeitern weitesten Spielraum lassen, wenn wir auf Mitarbeiter von geistiger Selbständigkeit Wert legen. Alle Veröffentlichungen, die als Meinungsäußerungen der Vereinsleitung betrachtet werden sollen, sind vom Vorsitzenden, dem Syndikus oder von dessen Vertreter gezeichnet. Aufsätze ohne Unterschrift sind in der Schristleitung entstanden. Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Dr. I. Brodnitz.