Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 9 (30.6.1922)
- Date
- 1922-06-30
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Sollen' wir Dutzende solcher Fälle aufzählen? Werden jemals die gemeingefährlichen Flugblätter der Deutschvöltischen vom Gericht beschlagnahmt? Vaterlandsverrat, Ritualmord, Kinderschändung dürfen ungestraft den Juden vorgeworfenwerden. Die uns gewordenen Bescheide sagen, das sei keine Aufreizung zum Klassenhaß. Wir hüten uns, solche Entscheidungen des 'deutschen Richters mit einem jetzt sehr gebräuchlicher Worte zu belegen. War aber solches Verhalten nicht angetan, die Deutschvölkischen in ihrem brutalen Vorgehen zu bestärke n? Wundert man sich noch, wenn jene Kreise sich einbildeten, ihnen sei alles erlaubt? Wir jüdischen Deutschen verlangen nie Sonderrechte. Wir verlangen aber — und dies mit allem Nachdruck —, daß die bestehenden Gesetze und V erordn ungen uns genau so s chütz en wie jeden anderen Volksgenossen. Wir klagen an! Wehe dem Staat, in dem treue Glieder fürchten müssen, es würde ihnen keine Gerechtigkeit! Mit allen guten Deutschen hoffen auch wir, das Vaterland möge heil durch diese düsteren Tage kommen. Was die nächste Zeit im Schoße birgt, wissen wir nicht. Möge die Erkenntnis wachsen, welch schwere Gefahr deutschvölkisckw Hetzarbeit für das Volksganze darstellt. Dann wird in dieser Erkenntnis die beste Unterstützung des K a m P f e s liegen, den wir jüdischen Deutschen furchtlos und treu fuhren. Dr. Alfred Wiener. Walther AaLherrsrr unö öas Iuöerttum. Mehr als Andern geziemt es uns Juden an der Bahre dieses hing-emeuchelten Unersetzlichen bewegte Totenklage Zu erheben. Nicht weil er unserem Stamme entsprossen -und sich stets zu ihm bekannte, mich nicht weil er zu Lebenshohen emporg-estiegen, die in Deutschland vor chm kein Jude erklommen. Nein, unser Schwerz und unsere Klage gilt dem Mann, der seinem Lande und seiner Zeit besser und eindringlicher als je ein anderer den Beweis erbrachte, daß vollwertiges Deutschtum und stolzbewußtes Judentum -keine Gegensätze sind, sondern sich in wundervoll harmonischer Synthese zu einen vermögen. Er war ein Deutscher und er war ein Jude, und aus solch doppeltem Quell gespeist erwuchs das Gebilde seiner Persönlichkeit zu einer Kullu-rerscheinnn'g von blendendem Glanz, Zu einer Inkarnation erdgebundener Tatkraft und dichterisch beschwingter Geistigkeit, deren Fülle, Leuchtkraft, Wert erst völlig erkannt und gewürdigt werden dürfte, wenn der Politiker Rathenau häßlichem Parteihader längst entrückt sein wird. Darm wird man auch erkennen, daß nicht bloß, die Eigenart seiner geistigen Struktur, nicht bloß sein Leben, seine Größe, sein Ausstieg, sondern auch die Tragik seines stützen Endes von seinem Deutschtum wie von seinem Judentum bedingt war: Denn Rathenau wurde Politiker, wurde Minister, weil er ein begeisterter Deutscher"— und wurde ein Opfer tierischer Mordwut, weil er ein aufrechter Jude war. Sein Deutschtum, seine opferfreudige, gläubige Vaterlandsliebe wagt selbst geifernder Haß nicht anzuzweiseln. Mit dem Ucberschwang dichterischer Schwärmerei wurzelte er im Boden, in der Sprache, in der Kultur des Landes, dem er Bildung und Prägung verdankte, und als einmal die Frage ausgMwrstn wurde, was Wohl einen in unsere Tage versetzten Griechen zu tiefster Bewunderung Zwange, meinte er, der Techniker, der Ingenieur, der Chemiker: „Gewiß nicht unser technischer Besitz. Denn selbst den Aeroplan hat der Grieche in seinem Mythos von Ikaros vorgeahnt. sondern: die germanische Naturbetrachtung und die deutsche Musik." — Daß ein Mann, der Deutschland und deutsche Art mit solcher Gefühlsinnigkeit umfaßte, sofort, als eine Phalanx von Feinden uns bedrohte, Laboratorium und Schreibstube verließ, um Zu Helsen, um die Gefahr naher Verelendung, die. er als erster klar 'erfaßte, zu bannen, war nur selbstverständlich. Damals schuf er die Rohstoffversorgung-Deutschlands, ohne die der Krieg in wenigen Monaten verloren gewesen wäre. Daß aber ein Jude dem deutschen Heer so eine Waffe schmiedete, besser und wirksamer als alles, was in Hüttenwerken und aus Werften entstand, das haben die Männer dieses Heeres heute scheinbar vergessen — sonst ständen sie nicht sozahlreich im Lager seiner Feinde. Wie er dann, als Ueberrnacht und Erschöpftm-g dennoch stärker wurm als alle Waffen, an der Spitze jener stand, die vom Glauben an Deutschlands Genesung beseelt, ihr ganzes Können, Wissen, Denken und Wollen einsetzten, um den vernichtungswüiigen Siegestaumel Frankreichs zu sachlich nüchterner Ueberlegung zu sonstigen, wie er als erster und einziger dieser Männer es verstand, sich in die Psyche der feindlichen Unterhändler so einzuleben, daß sein Wesen und sein Wort ihm dort drüben immer mehr Beachtung, immer mehr Würdigung und schließlich einen Respekt erzwang, der die ersten Brücken gegenseitigen Verstehens schlug — dies alles steht in Zn lebendigem Erinnerung, um heute nachdrücklichen Hinweises zu bedürfen. In der. Anschauung, im Urteil des Auslandes war er der achtunggebietendste Repräsentant Deutschlands, der stärkste Exponent kulturgesättigten, kulturwilligen Deutschtums. Sollte es seinen politischen Gegnern nicht zu denken geben., daß dieser bewunderte, vorbildliche Deutsche ein Jude war? Denn Rathenau war und blieb bis Zum letzten Atemzuge ein so kernfester und überzeugter Jude, wie Deutscher. Lange bevor der Judenhaß in heutiger Heftigkeit loderte, trat er mit dem gleichen Einsatz seiner ganzen Person, mit der' gleichen Mannhaftigkeit, mit der er^später für sein deutsches Vaterland kämpfte, für seinen jüdischen ^tamm ein. Im Jahre 1912 schon nennt er die damalige preußische Inden- Politik „rückständig, falsch, unzweckmäßig und unmoralisch". Diese Worte st-ehen in einer „Staat und Judentum" betitelten Polemik, die Rathenau damals mit mehreren sachlichen Gegnern führte, und die er in seinem Band „Zur Kritik der Zeit" (S. Fischer) ausnahm. Mer diese Ausführungen liest, wird zugeben, daß selten ein Jude besser, streitbarer, rafsebewußter für seine Art kämpfte. Man höre, was er über die Dause sagt, die damals als einfachstes und sicherstes Mittel gegen antisemitische Aechtung empfohlen wurde: „Jeder Staatsbürger weiß, daß mit der Zugehörigkeit zum Judentume nur bürgerliche Nachteile, mit Uebertritt zum Christentums erhebliche Vorteile verknüpft sind . . . Daß der generationsweise wiederkehrenden täglich erneuten Versuchung, die dieser eigenartige Ausfluß unserer Staatsweisheit herbeiführt, ein relativ kleiner Prozentsatz der deutschen Juden erliegt, offenbar meines Erachtens die stärkste Qualität des modernen Judentums . . . Diesem Verzicht liegt die Neberzeugung zugrunde, daß ein ideeller Schritt seine Reinheit verlieren muß, wenn er zu materiellen Vorteilen führt; eine Erwägung, die nicht ganz zu der Vorstellung paßt, die man gemeinhin von der kühlen Berechnung des jüdischen Geistes sich bildet." An der gleichen Stelle spricht er über den jetzt wieder so beliebten Vorwurf der jüdischen „Vaterlandslosigkeit": „Die Sinnlosigkeit der antinationalen Unterstellung wird doppelt evident, wenn man die vorsichtigen Vergleiche mit Polen, Elsässern und Dänen prüft, denn diese Vergleiche enthüllen sich als Gegenbeweise: Polen, Elsässer und Dänen blicken auf außerdeutsche politische Zentren . . . Wollte man unter den Juden selbst den kleinen Prozentsatz der Zionisten ernsthaft politisch fassen, so könnte man nur sagen, daß es sich imt ein Auswanderungsideal handelt. Eine Absplitterung deutscher Landesteile zugunsten eines jerusalemitischen Staples hat wohl noch niemand befürwortet oder befürchtet. Es bleibt also für die Mehrzahl der Juden die Tatsache notorisch, daß sie außerhalb des Reiches kein politisches Ideal oder Zentrum kennen, während die deutschen Katholiken, deren Nationalitätsgefühl kaum angezweifelt werden dürfte, jenseits der Alpen ein anerkanntes religiöses Zentrum verehren, das sich politisch durchaus nicht immer indifferent verhalt . . . Weiter. Die deutsche Judenschaft ist in Handel und Wandel, in Besitz und Kultur so eng an das Wohlergehen der deutschen Länder und des deutschen Reiches geknüpft, daß kaum ein anderer Teil des Volkes in gleichem Matze leiden würde, wenn die politische Macht Deutschlands sich senkte. Viele der kultivierten Länder bieten den Juden bessere wirtschaftliche Aussichten als Deutschland, fast alle bieten ihnen größere Rechte. Wenn sie dennoch ihre wirtschaftliche und ^kulturelle Existenz an das Land ihrer Heimat gekettet haben: ist es dann wahrscheinlich, daß sie dem Geschick dieses Landes gleichgültig oder übelwollend gegenüberstehen?" Und als ihm Einwnnde gegen die Zulassung der Juden in den höheren Verwaltungsdienst vorgehalten werden, tritt er ihnen mir folgenden Argumenten entgegen: "„Mangelt es den Inden in so hohem Maße an ethischen Werten, daß sie deshalb zur Ausübung jeglicher staatlicher Autorität unmöglich wären, so müßte sich dieses Manko wissenschaftlich, statistisch, geschichtlich fassen lassen. Polen, Slowenen, Rumänen, Serben sind regierungs-sähig: die- Juden sind es aber nicht. Oder sind sie es am Ende doch? Verdankt England nicht seine Imperial- Politik einem Juden, dessen Standbild vor der Westminsterkirche steht? . . . Sie werden nicht leugnen können, daß Handel und Industrie, die entscheidenden Faktoren unserer Wirtschaft, auf bem Bürgertum und nicht zum mindesten dem jüdischen Bürgertum beruhen. Und deshalb können Sie den Elementen, die die Wirtschaft erhalten, auf die Dauer nicht die Mitwirkung an der Verwaltung versagen. . . . Deshalb bleibe ich bei meiner Ueberzeugung und Zuversicht: der Sinai kann auf keine seiner intellektuellen und moralischen Kreiste verzichten; er muß und wird dem Bürgertum im weite steil 'Linne und somit auch den Juden, die Mitwirkung an den gemeinsamen Arbeiten zugunsten des Staats- Wohls gewähren und dies in kürzerer Zeit als die Beteiligten annehmen." Welcher Deutsche und welcher Jude hat in den letzten Jahrzehnten Worte von solch unpathetischer Wucht, von solch Zwingender Logik gefunden, um das Unrecht zu beheben, das sluchartig einen Teil der Bevölkerung verfolgt? Muß der Mann, der solches schrieb, nicht ein verehrungswürdiger Vertreter seiner Art genannt werden?