Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 7 (15.6.1922)
- Date
- 1922-06-15
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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91 75jähriges JmbiSäum dev Äeipzigev ReLiüionsgemein-e. Am 2. Juni beging die Leipziger israelitische Religionsgemeindc die 5?eier ihres 75jährigen Bestehens. Wohl gab es bereits in alter Zeit vorübergehend kleine jüdische Gemeinschaften in Leipzig, es hatte sich auch im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, besonders durch die Messen, ein kleines Häuflein Juden in Leipzig emgefundcn. Erst 1837 wurde ihnen aber gestattet, eine Neligionsgemeinde zu gründen und ein Gebäude für den Gottesdienst zu erwerben. Im Jahre 1846 wurde ein provisorisches Statut von der damaligen Negierung genehmigt und am 2. Juni 1847 konstituierte sich die Gemeinde. 'Es gab damals in Leipzig etwa 270 jüdische Seelen, und das erste vorhandene Verzeichnis der wählbaren Mitglieder der Gemeinde weist 52 Namen auf. Die kleine Gemeinde stellte den später als Oberrabbiner Don Wien berühmt gewordenen Dn Adolf Jellinek als Prediger und Neligionslehrer an, eröffnete/bereits 1848 eine Religionsschule und übernahm im Jahre darauf einen bis dahin von privater Seite unterhaltenen Betsaal im Heilbrunnen. Im Jahre 1849 wurde auch der im Johannistal liegende Israelitische Friedhof, der bereits 1814 von den die Messe besuchenden auswärtigen Juden' angelegt worden war, in die Verwaltung der Gemeinde übernommen, und als erster Gemeindeverein rekonstruierte sich im Jahre 1850 Me bereits gegründete Gesellschaft der Freunde. Die junge Gemeinde wuchs in den ersten Jahren nur langsam. Freilich konnte sie bereits im Jahre 1855 am 10. September die Synagoge in der Gottschedstraße einweihen, die nach den damaligen DerhülLnissen als ein ansehnlicher Bau galt. Nach der Aufhebung der letzten gesetzlichen Schranken für die Niederlassung der Juden durch das Gesetz des Norddeutschen Bundes von 1869 nahm die Gemeinde an Zahl schnell zu. Während im Jahre 1867 1148 Juden in Leipzig lebten, waren es nach dem 70er Kriege bereits 1739. Die Bereinigung der Shrragogerrgemeirrderr in Preußen, Berlin. Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hat, wie uns berichtet wird, beschlosien, noch in diesem Monat eine Tagung der preußischen jüdischen Gemeinden nach Berlin einzuberufen. Der Umstand, daß die Bgründung einer Gesamtorganisation der deutschen Juden zunächst aus starke Schwierigkeiten gesetzgeberischer Natur stößt, hat den Wunsch rege gemacht, zunächst die preußischen Gemeinden zu einer geschlossenen Organisation zusammenzuführen. Es wird erwartet, daß in diesem Falle die von jetten der Regierung entstehenden Schwierigkeiten leicht zu überwinden sein werden. Jüdische Hilfsaktion in Indien. Der Hilferuf der hungernden Juden in Rußland ist bis zu den jüdischen Gemeinden im fernen Indien gedrungen. In den großen Städten des Landes, namentlich in Bombay und Kalkutta, wird jetzt eine umfassende Sammeltätigkeit zugunsten der Hungernden eingeleitet. Mehrere reiche Juden Indiens haben zu diesem Zweck bereits namhafte Summen gespendet. Rücksicht aus die politischen Wirkungen nach außen, der großen Presse übergeben. So hat denn der Kampf gegen den Judenhaß nur den Schaden davon. Selbst einen Vorteil für den Namnannschen Verband vermögen wir bei dieser Art und Weise der Pressetätigkeit nicht im entferntesten zu erblicken. Die „Deutsche Tageszeitung", deren judengegnerische Gesinnung seit altersher bekannt ist, knüpft an die Naumannsche Notiz die folgende Anmerkung: „Der Kampf des Judentums gegen nationale Bestrebungen in den eigenen Reihen zeigt in besonders krasser Weise die j ü d i s ch e A b n e i g u n g gegen a l l e s, gvas sich zum n a t i o n a l e n Gedanken bekennt." Mit den Männern der „D e u t s ch e n T a g e s z e i t u n g" möchten wir jede Diskussion über den Begriff „national" vermeiden, der für jene mit dem Besitze des Mitgliedsbuches zur Deutschnationalen Volkspartei verknüpftist, während er für uns nichts als vaterländisch bedeutet. Die 12 000 jüdischen Deutschen, die ihre Treue zum Baterlande mit ihrem Heldentod besiegelt haben, hätten es gewiß weit von sich gewiesen, „n a t i o it n I e" Gesinnungsgenossen der Herren Reventlow, Baecker und Genossen von der „Deutschen Tageszeitung" zu sein. Oder dürste vielleicht aus diese Herren die Obers ch l e s i e n r e s o l u t i o n Eindruck machen, die der Hauptvorstand des C. B. zur Abstimmung gefaßt undveröfsentlicht hat und die also lautet: „Wir ersuchen, in allen Versammlungen unserer Ortsgruppen unsere Mitglieder darauf hinzuweisen, daß sie/ sofern sie in Oberschlesien gebürtig sind, ohne jedes Wenn und Aber sich zur Abstimmung zu begeben haben, und daß sie weiter im Kreise ihrer Freunde und Bekannten für eine geschlossene Teilnahme an der' Abstimmung wirken müssen. Wir erwarten von unseren Freunden, daß sie diese Angelegenheit mit dem Ernst und der Entschlossenheit behandeln, die sie im vaterländischen Interesse verdient." Alle solche Aufklärung verpasst natürlich bei der „Deutschen Tageszeitung" und ihresgleichen. Das aber läßt uns völlig kalt. Der Central-Verein und mit ihm die erdrückende Mehrheit der jüdischen Deutschen wird stets wissen und fühlen, was er dem deutschen Baterlande schuldet. Eine Vaterlandsliebe, die sich täglich auf offenem Markt anpreist und aubietetz, ist nicht die unsere. So mußte es kommen! Folgen Naumann scher Taktik. In einigen Blättern der Rechten wird nach Mitteilung der B.S.-Korrespondenz, die in enger Fühlung zum Naumannschen Verbände steht, berichtet, daß ein Vortrag des Herrn Dr. Nau - man n, den di eser vor der „Deutschen Gesellschaft 1914" halten wollte, infolge einesProtestes einiger dem Central-Verein nahestehender Mitglieder der Gesellschaft a b g e s e tz t worden sei. Soweit wir unterrichtet sind, smden die Vorträge in der „Deutschen Gesellschast 1914" ohne eine Aussprache statt. Außerdem war bei her vorgeschrittenen Jahreszeit eine umgehende Aufklärung durch einen gesonderten Vortrag über die Aussassung von Deutschtum und Judentum, die die erdrückende Mehrzahl der jüdischen Deutschen besitzt, nicht mehr möglich. Es ist daher durchaus verständlich, daß verschiedene Mitglieder der Gesellschaft unter diesen Umständen an dem Vortrag des Herrn Dr. Naumann Anstoß nahmen. Im übrigen ist diese Angelegenheit Sache der „Deutschen Gesell° schaft 1914", deren Vorstand, dem kein Vorstandsmitglied des Eentral-Vereins angehört, für die Nichtigkeit und Gerechtigkeit seiner Handlungsweise gewiß gern die Verantwortung trägt. Uns aber gibt der an sich so belanglose Vorfall einen erneuten und schlagenden Beweis,,welch schwere Schäden für das deutsche Judentum Dr. Naumanns Taktik fortgesetzt heraufbeschwört. Jede Mitteilung, die ihm nützlich erscheint, wird) ohne Fugenun- Antisemitismus. Von Herbert Goldschmidt (Berlrrr-Dahlem). Innerhalb der Jugend gibt es zwei Gruppen: Die eine macht und die andere erleidet den Antisemitismus. Beide sind auss tiefste zu bedauern. Die eine ist von gewissenlosen Hetzern irregesührt, die andere um ihre sorgenlose Kindheit gebracht. Wer wahrhaft jung ist, kann nicht Antisemit sein. Wer es doch ist, der ist Bauernsängern ins Garn gegangen. Die Jugend ist bis zu einem gewissen Alter der Zuschauer im Theater des Lebens, der Zuschauer, der ohne Kenntnis und Urteil des Stückes ins Theater geht, um es kennen zu lernen und um Partei zu ergreifen. Wenn aber ein Sekundaner herausfordernd das Hakenkreuz trägt und sich stolz als Antisemit bezeichnet, so zeigt er damit, daß er sich nicht selbst ein Urteil gebildet, sondern daß ihm ein solches suggeriert worden ist, daß er sich das Schauspiel des Lebens mit einem Vorurteil ansieht. Wahre Jugend aber hat keine Vorurteile! Die antisemitische Bewegung hat — man kann, da sie sicherlich auch so Anhänger gefunden hätte, im Zweifel sein, warum — ihr Vorgehen mit sogenannten theorcthischen und praktischen Erkenntnissen, wirklichen und angeblichen Tatsachen und nicht zuletzt mit Märchen und Legenden begründet. Wer ihre Beweisführung kennt, wird sie wegen ihrer Oberflächlichkeit und Unrichtigkeit wenig schätzen. Aber das eine steht doch fest: Die Beweggründe des Antisemitismus sind nur auf Grund von Lebenserfahrung und WEINBRAND Alleinige Anz eigren-Annahnie Rudolf ftEosse, Anzeigen-Annahme für s&mtl. Zeitungen Deutschlands and des Anslands Derlin SW 19, Jerusalemer Straße 46-49 / Breslau / Chemnitz / Cöln a. Rh. ✓ Dresden ✓ Düsseldorf / Erfurt ✓ Frankfurt a. M. ✓ Lalle (Saale) «ambrrrg / Lannover / Leipzig ✓ Magdeburg ✓ Mannheim ✓ München / Nürnberg / Stuttgart ✓ Prag / Wien j Warschau / Basel / Zürich 6