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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-15 · 7 (15.6.1922) · p. Seite 90

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
7 (15.6.1922)
Date
1922-06-15
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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90 Beamtenschaft klarzumachen, die Gewissen zu wecken und die notwendigen Mittel flüssig zu machen. Wenn ich mich nunmehr mit diesem Appell an die jüdische Oesf e n 11id)!ei t wende, so geschieht es im Dienste dieses Beschlusses und im Aufträge jener Kommission. Wohl leiden weite Kreise des gesamten deutschen Volkes unter der furchtbaren Not der Zeit; auch der Staatsbeamte fühlt ihren Stachel. Nirgends aber ist das Elend fo groß wie in der jüdischen Beamtenschaft, von der nur ein geringer Bruchteil das Existenzminimum bezieht. Rabbiner mit dem Gehalt eines Unterbeamten, K u l t u s b e a rn 4t %, di e a l s Jahresgestalt den M o n a t s l o h n eines! u n g e I e r n t e n A r - b e i t e r s beziehen, sind serienweise a u s z u z ä h l e n. Es sind statistisch Jahresgehalter von drei- bis sechstausend Mark sesLgestetlt. Durchschnittsgehülter von fünfzehn- bis zwanzigtausend Mark sind die Regel. Die Folgen liegen aus der Hand: g e i st i g e V e r k ü m m e r it n q , seelische Verknöcherung, körperliches Siechtum. Der Beamte wird gezwungen, zu standesunwürdigen Beschäftigungen zu greisen, die nicht nur ihn, sondern das ganze Judentum schädigen. Das Judentum verliert sein Fundament und seine Pfeiler: Schule und Kanzel veröden, denn der Nachwuchs an Lehrern und Rabbinern bleibt aus. Heute schon sind die Serninare bis aus zwei geschlossen, und die übrigen werden folgen müssen. Den kostspieligen Bildungsweg über die pädagogische Akademie wird aber kein Jüngling einschlagen, um dem sicheren Elend in die Arme zu laufen. W a s d r o h t d a a l s E r s a tz '? D e r M e l a m e d!! E r st e h t schon vor der Tür, urrd wenn er erst seinen Einzug g e h a 11 en h q t im S ch n l e u n d Gotte § h ans, d a n n k n n n die Loge ihre kulturellen, der CentraI-Verein seine politischen Ideale auf das weite Trümmerfeld der' enttäuschten Hoffnungen werfen. Wir kämpfen u m sonst g e g e n d e n A n t i s e m i t i s m u s, wir arbeiten um sonst an der Regeneration des Judentums, wenn wir nicht die Klein- und Mittelgemeinden lebendig erhalten; denn sie sind die Quellen, aus d e n e n das deutsche Judentum Kraft und Verjüngung zieht. Darum rufen wir die E -i n s i ch t i g e n und Willigen auf Zum R e t t u n g s k a m p s e für das in feiner Wurzel bedrohte I n d e n t u m. E s' g i l t zweierlei zu $ u n. 3 u m e r st e n : Es mix s s en d i e Mittel bereitg e st e l l t werden für leistungsschwache Gemeinden, sei es durch Zusammenschluß der Gemeinden. sei es durch die OP f e r w i l.l i g kei t Privater. Zu m zweiten: Es mutz die Verantwortlichkeit geweckt, es -müssen die Gewissen geschärft werden, da m i t d i e leistungsfähigen, aber leider unwilligen mein Sen zur Erkenntnis und endlich zur Erfüllung ihrer Pflicht fommen. Und das i st das Wichtigste, auch aus sittlichen Gründen. Denn daß es Gemeinden gibt, die das Notwendige n i clj t zu -tun vermögen, i st ein Unglück. Daß es aber Gemeindengibt, die das Notwendige spielend leisten können, aber nicht wolhen, ist eine Schande. W e n n e i n Dutzend Gemein d e n i h r e B e a m t e n in die staatlichen B e s o l d u n g s g r u -p P e n einordnet, da n n können h n n de r t andere Gemeinden, die sich i n der gleichen finanziellen Lage befinden, dasselbe tun. Blühende Gemeinden in bekannten Mittelft ä d t e n z a h l e n i h r e n B e a m t e n aber S po t t g e h ä l t e r, weil die Beamten zu stolz sind, um zu betteln', und zu jüdisch, u m die Schande ihrer Ge m e i n d e n in die Oe ffen tli chke i t zu tragen. Und hier mutz die Aufklärungsarbeit unserer Freunde e in* setzen: von Haus zu Haus, von M a n n zu Mann. Wenn dann die großen Organisationen an die G y me i n>d e n , die Gemeinden an ihre Mitglieder herantreten, müssen sie verständige Köpfe, willige Herzen und offene Hände finden. Es soll anerkannt werden, daß schon manches getan worden ist; aber was geschehen ist, konnte n u r vorübergehend die höchste Not lindern. Es gilt aber, dem Uebel an die Wurzel zu gehen. Daß dies mit Erfolg möglich ist, hat der bayerische Gemeindeverband bewiesen, der die Fragerestlos gelöst hat. Darum, Glaubensgenossen, erkennt^ und tut eure Pflicht! Ihr tu t sv vi e l sü r f re m de Not, nun tut endlich etwas für die eigene. Wißt! Was ihr euren B *> a m t e n* tut, tutih r e u ch s e l b ft, tut ihr dem gesamten Judentum! Habt nur den Willen! Denn wo ein Wille i st, da i ft a u ch immer ein Weg! ' ' J Dey neue Vorsitzende des Letzrerverbandcs. Schon in der Eröffnungsansprache des.Lehrerverbandstages teilte Rektor Feiner (Hamburg) zur Ueberraschung vieler mit, daß er das Amt als Vorsitzender n i e d e r l e g e n würde. An seiner Stelle ist Herr Mittelschullehrer Heinrich Stern (Kattowitz), jetzt in Berlin, zum e r st e n B o r s i tz e n d e n des L e h r e r v e r b a n d e s gewählt worden. Die Niederlegung des Vorsitzes durch Herrn Feiner ist, wie wir erfahren, allgemein bedauert worden. Diesem allgemeinen Bedauern schließen wir uns an, denn unsere Zusammenarbeit mit Herrn Rektor Feiner — der auch ein geschätztes Mitglied unseres Hauptvorstandes ist — vollzog sich stets in der sachlichsten und angenehmsten Weise. Durch seine literarische Tätigkeit ist Rektor Feiner auch weiteren Kreisen kein Fremder. Heinrich Stern (Kattowitz) ist über seine Fachkreise hinaus im deutschen Judentum als politischer Schriftsteller durch seine Veröffentlichungen im „Deutschen Reich" und im „Israelitischen Familienblatt" wohl bekannt. Was er für die deutsche Sache in der A b st i m m ungszeit i n Oberschlesien getan hat, ist hoch anzurechnen. Unvergessen bleiben die Abschiedsworte, die er namens der staatlich an Polen übergehenden jüdischen Deutschen Oberschlesiens an die letzte Hauptversammlung des C. V. richtete. - Wir wi'm scheu dem neuen Führer des Verbandes, daß es ihm ae* lingen möge, die berechtigten materiellen Wünsche der jüdischen Beamten zur Erfüllung zu bringen. Die vurchgesalLenen antisemitischen Kandidaten Ln Ungarn. Am ersten Wahlsonntag sind in 141 Wahlbezirken Ungarns die Wahlen zur zweiten Nationalversammlung vorgenomuieit worden. Obwohl in -diesem ersten Turnus jene Wahlbezirke \n Betracht kamen, in denen die Regierung im Vorteil war, erhielt die Regierungspartei in den 141 Wahlbezirken bloß 71 Mandate, in ' 21 Bezirken sind Stichwahlen notwendig und in 16 Bezirken wurden Oppositionelle gewählt. Das Ergebnis in den restlichen Bezirken steht zurzeit noch aus. Der Terror »der R e g i e r u n g s - a n h ä n ger , beso n d c r s der A n t i s e m iten, war u n - b c s chrei b l i ch. Trotzdem brachten die Wahlen die Niederlage der Antisemiten. So wurde z. B. der gegenwärtige noch nn Amt befindliche Jnstizminister Wilhelm Paul Tomcsany, einer der r skrupellosesten Judenverfolger, nicht wiedergewahlt. In der neuen Nationalversammlilrig wird auch Julius Ferdinandy fehlen, der als Innenminister des antisemitischen Kabinetts Teleki das berüchtigte Gesetz über die Prügelstrafe eingebracht Hut, dessen Spitze sich hauptsächlich gegen die Juden richtet. Nicht gewühlt wurde ferner der Staatssekretär Julius Pekär, einer der Initiatoren des numerus clausus an den ungarischen Hochschulen. Ter gewesene Vo lks er n ährimgsmmistcr Karl Ereky, der im Parlament den Antrag einbrachte, das Vermögen der Juden teilweise zu fonft^^ieren und sie mit 100 Prozent zu besteuern, kam nicht einmal zur Stichwahl. Der antisemitische Agitator Stephan Somogyi trat in zwei Bezirken als Kandidat aut, siel aber in beiden Bezirken durch. Von den 141 bisher zur Besetzung gelangten Mandaten hat die Ehriftlichnationale Partei, die Begründerin des antisemitischen Kurses in Ungarn, nicht ein einziges erhalten. Hingegen haben die bürgerlichen Demokraten und die Sozialdemokraten überraschend gut abgeschnitten. — Somit scheint es in. Ungarn tagen zu -wollen. Europäische Rechtszustände werden freilich erst ein treten können, bis die Opposition stark genug ist, um Horthy zu verjagen, dessen „Königsmacher" — wie die hundertfach über führten Raubmörder Hojas, Pronay usw. — frei umher gehen, und deren „erwachende" Terrorbanden "von Horthy gegen Staatsanwalt wie Polizei geschützt werden. Immer wieder: Das Hakenkreuz der Beamten. Im September vorigen Jahres trug ein Schalter beamter am Haupbbahnhof in Breslau wahrend des Dienstes ein Ha-kenkre u z. Dies erregte den Unwillen des Publikums. Ein christlicher Herr ersuchte den Beamten mehrfach, das Kreuz während des Dienstes nicht zu tragen. Als sich der Beamte weigerte, es abzunehmen,' riß er es ihm ab und warf es aus die Erde. Aus die Anzeige desangegriffenen Beamten wurde er wegen tätlicher Beleidigung zu einer Geldstras-e verurteilt. Bemerkenswert war jedoch, daß der Vorsitzende in der U r i e i l s b e g r ü n d u n g folgendes erklärte: „Es ist dringend erwünscht, daß von einem Beamten eine solche Gesinnung im Dienst n i ch t z ur ch a it g e t rage n \v t r d. Ter Beamte hcck zweifellos gewußt, daß das Hakenkreuz - als Abzeichen des Juden» Hasses gilt und als solches auch von einem größere Teil seiner Gesimumgs'genosftn' getragen wird. Eine solche Behandlung durch einen Beamten muß sich 'das Publikum n i ch t gef alle n l asse n. Denn der Beamte ist für das Publikum dch nicht das Publikum für Len Beamten." — Die. Breslauer „Schlesische Zeitung" ereifert sich über das Vorgeben gegen Hakenkreuzler von seiten Andersdenkender mit der Begründung, daß doch noch niemand gegenden Träger eines David-Sterns aus gleiche Weise vorgegangen sier- Die „Schlesische Zeitung" weiß aber sehr genau, daß noch nie unter dem Zeichen des David-Sberns in irgend einer Form Gewalt gegen andere gepredigt wurde. Sie hat sicherlich auch noch nie bemerkt, daß solche David-Sterne nächtlicherweile mit Teerfarben an Kirchen gemalt worden sind, während in vielen deutschen Großstädten Synagogen mit Hakenkreuzen besudelt wurden, wahrscheinlich in der Absicht, sie als „deutsche" Einrichtung zu kennzeichnen. Die Verlogenheit' derartiger Argumente der Hakenkreuzler und ihrer Beschützer kann nicht scharf genug gebrandmarkt werden'. ~

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