Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 7 (15.6.1922)
- Date
- 1922-06-15
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277380-2277387--00095-2279191- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
87 Ernte g e n t r lt m § p a r t e t und als Minderleitspa rt e i en die polnische und die sozialdemokratische Partei. Sie wissen, daß die Zentrums;» 7t r t e i i h r e r ganzen Traditio n n a ch n i ch t j u d e n f e i n d I i ch ist, wie eine Partei, die die Toleranz in ihre Weltanschauung eiubezieht, religiöse Unduldsamkeit immer ablehnen wird. Ich must auch anerkennen, daß die oberschlefische u Jude:! sich immer als gute, loyale S t a a Ls - b ü r g e r e r w i e s e n h a b e n , die bestrebt waren, ihrer Heimat- Provinz mit allen Kräften zu dienen. Von der Zentrumsseite her kann also den oberschlesischen Juden auch für die Zukunft keinerlei Schaden drohen. Die -starke Minderheit der Polen dürste dem Judenhaß kaum Helfersdienste leisten. Es liegt im Wesen der Minorität, daß sie genug mit sich 311 tun hat, um ihre Rechte der Majorität gegenüber zu sichern, und es ist nicht anzunehmen, daß die polnische Minorität der jüdischen feindlich gegenüberstehen wird. Von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft ist gemäß ihrem Programm und ihrer Tradition eine feindliche Haltung gegen das Judentum nicht zu befürchten. Unser Gespräch lenkte sich dann auf ein anderes Thema. Ich erzählte den: Herrn Pfarrer, .daß ich in Cosel einige Glaubensgenossen getroffen hätte, die jedem, der es hören wolle, offen und frei bekennen, daß sie Zentrmnswähler seien. Es wäre mir doch sehr interessant, von einer autoritativen Stelle einmal zu erführen, tute sich die Zentrnmspartei als christliche Partei zu diesem ihren Anhang aus jüdischen Kreisen, der bereits in Bayern und in anderer: Gegenden in Erscheinung getreten sei, stellt; ob nach seiner Ansicht nicht ein jüdischer Zentrmnswähler eine Art Widerspruch in sich selbst sei. Pfarrer Ulitzka widersprach ganz energisch. Juden in Oberschlesien hätten schon zu einer Zeit die Zentrumsliste gewählt, als die Stimmabgabe noch eine öffentliche war. Kein Mensch in Zeutrumskr-eisen hätte diese Stimmabgabe als etwas Unangenehmes oder gar Befremdendes betrachtet. Politik sei nichts ohne Weltanschauung, und auch die Politik der Zentrnmspartei müsse sich naturgemäß in ihrer Weltanschauung auswerten, die nicht nur für Christen bestimmt sei. Können unsere politischen Grundsätze der Achtung der Autorität, der Toleranz, des sozialen Empsindens, der charitativen Tätigkeit, der durch den Positiven Glauben bedingten Kultur nicht auch die Ideale eines deutschen Juden sein? Ueberall, wo das Zentrum von ausschlaggebender Bedeutung ist, hat die jüdische Religionsgemeinschaft keinerlei Schädigungen bei der Ausübung der religiösen Andacht, in ihren religiösen Einrichtungen und Gebräuchen zu erwarten. Wir unterhielten uns dann noch längere Zeit über die Frage der Autonomie Oberschlesiens, die uns als spezifisch politisches Kapitel an dieser Stelle nicht interessiert. Unter den oberschlesischen Juden gibt es Anhänger und Gegner der Autonomie. Charakteristisch war jedoch die Bemerkung des Herrn Pfarrer, daß die maßlosen Uebertreibungen, die vor einer gewissen provinziellen Selbständigkeit Oberschlesiens bange wachen sollen, aus den hakatistischen deutschnationalen Kreisen Oberschlesiens stammen, denen wir letzten Endes zu verdanken» haben, daß ein Teil Oberschlesiens verloren gegangen» ist und die neben ihrem starken Jude n h a ß auch den Haß gegen das Zentrum im Busen tragen.- Ich schied mit Worten des Dankes von dieser starken Persönlichkeit, die wohlt bei allen, die mit ihr in Berührung »kommen, einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen muß. Auf meine Andeutung, ich wäre sehr überrascht gewesen, den Herrn Pfarrer in so augenfällig frischer Gesundheit vorzusinden, obwohl man hätte annehmen müssen, daß all das, was in den letzten Monaten auf ihn eingeftürmt sei, ihn hätte körperlich und seelisch niederwersen müssen, antwortete er mit überlegenem Lächeln: „Wer sich durch den Kamps unterkriegen läßt, der soll seine Hände von der Politik lassen." Wären doch alle Führer unserer deutschen Juden von dem Vertrauen und der Kampfeslust dieses prächtigen Vertreters der deutschen Katholiken beseelt! Dieser Wunsch und die Hoffnung, daß solch vorurteilsfreie Männer in christlichen Kreisen an ihrem Platze sein werden, wenn Haß und Verblendung gegen die Juden auch in Oberschlesien um sich greifen sollten, beherrschten mich während meines Heimwegs lange Zeit. A. Sch. 3ch kann kein Gesetz über Juden billigen» das mehr als vier Worte enthält: Gleiche Rechte» gleiche Pflichten. Freihetr Karl August v. Hardenberg, n. März 1812. Die „beweise" öes Generals v. wrisberg. Der bekannte Frankfurter Nationalökonom Dr. Franz O p P e n h e i m e x hatte sich vor längerer Zeit in der „F rankfurter Zeitung" mit den Kriegserinnerungen des Generalmajors v. Wrisberg auseinandergesetzt. Daß die Juden zusammen mit sat „Sozis" den berüchtigten „D 0 l ch st 0 ß i n d e n N ü ck e n der Front" geführt haben, wird hier selbstverständlich von neuem behauptet. Allein das Wrisbergsche Buch hat noch ein anderes Vorrecht: Es bringt zum ersten Male die berühmte Armin sch e I u d e n st a t i st i k als Beleg für die Drückebergerei der jüdischen Kämpfer. Treffend bemerkt über sie Franz Oppenheimer: „Nur so viel sei hier gesagt, daß sie für jeden, der auch nur die ersten Anfangsgründe der statistischen Kunst kennt, eine Quelle, der ungetrübtesten Heiterkeit sein würde, wenn es nicht so unendlich traurig wäre, daß hochgebildete Männer wie der Verfasser in so plumpe Schlingen laufen und dadurch in einer Zeit von solchem Ernst neue Keime der Zwietracht in unser schon so arg zerspaltenes Volk tragen können." Jetzt hat Herr v. Wrisberg in der „Frankfurter Zeitung" seine Anschauungen über den unglücklichen Kriegsansgang und die vermeintlich an ihm Schuldigen erneut ausgesprochen, und mit einer Offenheit, die man nur begrüßen kann, dem Judentum den schärfsten Kamps ungesagt. Er beginnt diesen Abschnitt mit dem inhaltsschweren Satze: „Das Judentum — wobei ich natürlich manche Angehörige dieser Nasse ansnehme — hat unser Volk schon vor und dann während des Krieges vergiftet und verseucht." Nach den üblichen Beschuldigungen faßt er seine „Beweise" in die folgenden Worte: . . Wie aber, Herr Professor Oppenheimer, soll ein kaisertreuer, deutscher Offizier sich Ihrer .Meinung nach verhalten, wenn er weiß, daß in einer stark besuchten jüdischen Versammlung in der Neichshauptstadt unter brausendem Beifall die" Aeußernng fällt, die Juden in Deutschland lebten in einem christlichen Staat, und dieser christliche Staat entspreche nicht den Interessen des Judentums, er muffe deshalb beseitigt werden? Die Versammlung, in der dies geschah, war im „Nheingold"' (Berlin) am 29. Januar 1912 von der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" veranstaltet, und der Sprecher jener Worte war der Rechtsanwalt Moritz L 0 e b." Sich mit Herrn v. W r i s b e r g über die Unrichtigkeit aller seiner „Beweise" für die gefährlichen Umtriebe des Judentums hier zu unterhalten, ist jetzt nicht die Zeit. Die „Frankfurter Z e i - t u n g" hat an leitender Stelle (3. Juni, Abendausgabe) darüber Ausgezeichnetes gesagt. Wie aber sieht es mit dem Kernstück seiner Beschuldigungen ans, mit Der V e r s a m m l u n g s r e de d e s R e ch t s - an Walt Loeb? Wir nahmen pflichtgemäß sofort Veranlassung. Herrn Rechtsanwalt Loeb darüber zu befragen und konnten nur unsere aktenmäßigen Feststellungen bestätigt finden. Inzwischen hat die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" in der „Frankfurter Zeitung" auch ihrerseits den Sachverhalt einwandsfrei klargestellt, indem sie, eine Berichtigung des „R e i ch s b 0 t e n" zu - demselben Angriffe vom 31. Januar 1912 (!) verössentl'icht. Diese lautet: „In unserer Nr. 22 berichteten wir unter -der Ueberschrist: „Staat und Judentum" über eine Versammlung der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums". Wie wir uns aus einer eingehenden Darstellung des Vortrages des Herrn Rabbiner Dr. Esra Nt unk überzeugt haben, hat er nicht die Behauptung aufgestellt, daß der Machtbereich der jüdischen Religion sich auch in der Gegenwart noch über Verfassung, Recht und Gesetz erstrecke. Vielmehr sei es Forderung des jüdischen Religionsgeseh-es, das Staatsg-esetz des Landes, in welchem der Jude lebt, als verbindliches Gesetz in allen Verkehrsangelegenheiten anzuerkennen. Lediglich zur 'Aufklärung über das Jneinandergreifen der Gesetzesgruppen, der Ethik und des starren Rechts wurde aus den literarischen Entwicklungsgang der Kodisizierung der Gesetze hingewiesen, die mit der Zeit begonnen hat, wo sich die Machtsphäre des Judentums auch auf Verfassung und Nechtsgesetz ausdehnte, d. h. der Zeit des Bestandes -des jüdischen Staates. Was nun die Bemerkung des Rechtsanwalts Dr. Loeb — der übrigens nicht als Redner der Vereinigung sprach, sondern als letzter Diskussionsredner eine Persönliche Meinung äußerte — 'betrisst, so -hat er keineswegs Trennung von Staat und Kirche gefordert, sondern nur betonen wollen, daß die Theorie vom christlichen Staat nicht dahin führen dürfe, daß infolge der Ignorierung der Interessen des Judentums seitens des Staates die Aufrechterhaltung von dessen Institutionen in Frage gestellt und damit die Autorität seines Lehrinhaltes bei den eigenen Anhängern des Judentums geschwächt, die Religionslosigkeit — gegen das Interesse des Staates — gefördert werde. , Der hier gegebenen Aufklärung entspricht übrigens die bisherige politische Stellungnahme des orthodoxen Judentums, das u. a. zurzeit auch für die Konsessionaliät der Volksschule eingetreten ist/ Ob diese bündige Widerlegung -den judengegnerischen Rednern, Zeitungen und Handbüchern den Mund stopfen wird? Wer wagt das zu glauben? Herr v. Wrisberg darf sitz aber nicht wundern, wenn ihm so d e u -t -l ich e W 0 r t e über seine „Beweise" gesagt werden, wie es kürzlich hier an leitender Stelle geschah. Würden