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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-08 · 6 (8.6.1922) · p. Seite 80

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
6 (8.6.1922)
Date
1922-06-08
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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80 Weltteil — heißt es in den „Ideen zur Philosophie der Geschichte", XVI, 6 — haben sich die Völker so vermischt wie in Europa, in keinem haben sie so oft ihre Wohuplätze und mit denselben ihre Lebensart mto Sitten verändert. In vielen Landern würde es jetzt den einzelnen schwer sein, zu sagen, ob sie von Goten, Mauren, Juden, Karthagern, Römern, ob sie von Sälen, Khmren, Burgundern, Franken, Normannen, Sachsen, Slawen, Finnen, Illyriern herstammen und wie sich in der Reihe ihrer Vorfahren das Blut gemischt habe. Gewiß enthalten Herders Schriften mich Aussprüche, die, aus dem Zusammenhang gerissen, antisemitisch klingen. So bedauert er einmal (Ideen, XII, 3), daß die Juden nie zur Reife einer Politischen Kultur auf eigenem Boden gelangten, sondern eine Parasitische Pflanze aus den Stämmen anderer Nationen, ein Geschlecht schlauer Unterhändler wurden, das trotz aller Unterdrückung nirgends sich nach einem Vaterlande sehnt. Allein der Kenner der Neligions- und sittlichen Kulturgeschichte, der mit so tiefer Ehrfurcht zur „ältesten Urkunde des Menschengeschlechts" hinaussah, der sich so fein in den „Geist der hebräischen Poesie" einzuführen versuchte, wußte von entarteten Auswüchsen den edlen S t a m m z it scheiden. Er fühlte, wie schwer die Nathan-Gestalten — ein Spinoza, ein Moses Mendelssohn — an der Schande verdorbener Blutsgenossen tragen, und hoffte, daß eine Judenschaft, der ihr guter Name lieb sei, dem Ehrlosen in ihrer Mitte keinen'Schutz gewähre. Tenn hohes Ehrgefühl zeichne den edlen Juden aus, der, ausgeschlossen von staatlichen Aemtern, das ständige Sichduckenmüssen vor den Vorgesetzten nicht gelernt habe. Von dieser edlen Judenschaft erwartet Herders „Adrastea" (VII, 7. Stück, 5. Kapitel) eine wertvolle Mitarbeit an Staat und Gesellschaft. Der Jude sei frei v o n mancheupolitis ch e n Vorurteilen, die wir mit Mühe oder gar nicht ablegen. Den Durchschnittschristen drücke gewöhnlich die Würde der höheren Stände wie Blei und Eisen zu Boden, daß er kaum aufrecht stehen, geschweige gerade sehen kann; von Kindheit auf würden seine Begriffe über Stand und Ehre verschoben und irre gemacht. „Nicht also der Jude. Da er auf keine Würden im Amt Anspruch machen darf, wohl aber mit allen Ständen Gewerbe hat, die Schwächen aller kennt und ihre Geheimnisse weiß, so lernt er alles schützen und wahren Wert vom falschen gewiß unterscheiden." Mit Montesquieu erkennt Herder die Schuld der Christen, die durch menschenunwürdige Gesetze im Juden verbissenen Groll und Rachegelüste erzeugten oder noch jetzt durch Inanspruchnahme der Schacherjuden deren unsauberes Geschäft befördern. Vom verderbtesten Teil der Nation ziehen diese ihren verbotenen Gewinn: von verschwendenden Jünglingen, von Großen, die in dürftiger Pracht, von Mächtigen, die bei ihren aufs höchste gestiegenen Bedürfnissen in verschwendender' Armut leben. Au wem liegt die Schuld, fragt Herder, daß jene ihren Gewinn haschen dürfen? Wo also Juden sind, müsse die Verbesserung bei ehrlosen Christen angefangen werden, die den Hebräer mißbrauchen. Mit dieser Mahnung zur Selbstkritik und Selbstkorrektur vertritt Herder einen Standpunkt, wie ihn Peter Rosegger in seinem offenen Brief an die Wiener Antisemiten 1889 einnahm. Da heißt es: „Ich frage, ob die krasse Geldgier, die Prunksucht, das Parvenüwesen auf Grundlage der Gewissenlosigkeit bei Juden allein vorkommt. Jungen, eurem ganzen Geflunker glaube ich nicht, solange ihr in eurem persönlichen sozialen Leben nicht andere Wege einschlagt." Dem Neid auf ehrliche jüdische Geschäftserfolge gibt Herder den Rat: verstehet euer Gewerbe so gut, betreibt es so emsig wie die Juden das ihrige, stehet einander in Familien und Zünften so bei, wie es die'Juden gewohnt sind! Der Pädagoge Herder erhofft von einer gleichförmigen Erziehung der Juden- und Christenkinder eine Regeneration des Judentums in dem Sinne, daß es die alten stolzen Nationalvorurteile, jene Sitten, die für unsere Zeit und Verfassung, selbst für unser Klima nicht gehören. leb bedauere es tief, dass der Antisemitismus Fragen erweckt und wieder zur Erörterung bringt, die doch für jeden Gebildeten längst erledigt schienen. Söhne des gleichen Vaterlandes sollen sich nicht befehden, und in ihren Rechten wie in ihren Pflichten soll und darf kein Unterschied sein. — Darum werde ich jedem Versuche, die Juden gesetzlich zu beschränken, immer entgegentreten und die antisemitische Bewegung bekämpfen als eine hohe Gefahr für unsere ganze Kultur. — Prinz Heinrich zu Schoenaich-Carolath. ablege und mit dem ihm eigenen Scharfsinn dem Wohl des schützenden Staates und der Gesamtkultur der Menschheit diene. Nicht zurück nach Palästina weist er den Juden den Weg. „Nicht auf den nackten Bergen Palästinas, des engen, verheerten Landes, allenthalben erstünde geistig ihr Tempel aus seinen Trümmern; alle Nationen verehrten mit ihnen, sie mit allen Nationen verehrten den Weltschöpfer, indem sie sein Bild, Vernunft und Weisheit, Großmut und Wohltätigkeit im Menschengeschlecht ausbildeten und erhüben. Ihr Palästina ist sodann da, wo sie leben und edel wirken, allenthalben." Alle diese Ausführungen Herders sind ein besonders schönes Denkmal seines historischen Sinnes, seiner Gerechtigkeit und feines Glaubens an die Kraft der sittlichen Erziehung — kurz: von inneren Besitztümern, deren Ausbildungt dem seiner Würde bewußten Deutschen der Gegenwart wichtiger erscheint als die Kolportage antisemitischer Schauermären. 2jup Haijtpflege'Körperpftege'Schönheitspflege' Zur Babypflege/ für htaflage ‘fürSportsleut& r©^ MM linMttMs. Fort mit dem\ prP Korkstiefel. Beinverkürzung unsichtbar. 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