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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-08 · 6 (8.6.1922) · p. Seite 79

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
6 (8.6.1922)
Date
1922-06-08
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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79 die nach ihm Eduard Jacobson, Louis Herrmann, allerdings auch die nichtjüdischen Nachfolger Wehrauch, Heinrich Wicken usw. weiter gefördert haben. W:r wollen den Witz unsererseits auch nicht gerade überschätzen, und es nicht, wie etwa Börne, Schiller und Goethe sehr verargen, daß ihr Briefwechsel wenig Witz und Humor answeist. Es sei auch zu gestanden/daß der Witz — im Gegensatz Zum Humor — ohne einen kleine!: Zusatz von Bosheit schwer zu denken ist. Es ist eine scharfe Würze unserer geistigen Nahrung, die er leicht überwürze:: kann, und während der Humor in: warmdurchsonnten Gemüt seinen Ursprung hat, zuckt der Witz oft blitzartig und zündend aus'dem elektrisch geladenen Verstände. Immerhin halte :ch es mit dem nrdeutschen Fichte, der den Witz den „Götterfunken" nennt, der „nie zur Torheit herabsückL" und mit Jean Jaques Nousseaus Wort: 81 par hasard, on vous dit qu’un vauricn. a de Fesprit, Monsieur, irieu croyez rien. Einverstanden, ganz einverstanden, wenn Herr G. vor der unvorsichtigen, gedankenlosen Verbreitung jüdischer Selbstverspottungsanekdoten lvarnt, die in antisemitische Pfeile umgeschlissen werden können! Aber auch da wollen wir nicht rufen: „Fort mit dem jüdischen Witz!'/ sondern: fort mit dem Geist der Verhetzung und Verleumdung, de-r die Unbefangenheit erstickt und den unschuldigen Spaß an der Lelbstverulkung vergiftet/ mit der sonst Bliemchen seine Sachsen, Fritz Reuter seine Mecklenburger, Daudet seine Südfranzosen harnckvs neckt. In wiedergesundeten Zeiten wollen wir uns gern den jüdischen Witz und auch die jüdischen Witze lachend gefallen lassen. Denn wir halten es mit Goethes Epigramm: „W e r s i ch n ich t f c I b st z u u: beste n h a b e n 'k a n n , der ist g e - w iß nicht v o ll d e n B e st e n." I. L a :: d a u. * Zatsche Logik. Bemerkungen zun: Artikel „B a h r i s ch e S o m in c x - frische n/ Unter obigem Titel verössentlicht Herr Hans G u g g e n h e i m e r (München) in der vorletzten Nummer einen Artikel, der viel Wahres enthält, dessen Folgerungen ich aber sür gänzlich verfehlt halte. Im ersten Teil gibt Herr Guggcnheimer zu, daß es in Bayern vor dem Krieg eigentlich keinen Antisemitismus gegeben habe; die heutige Verbreitung des Judenhasses sei an: größte:: in: bayerischen Oberland. Er schildert dann in sehr charakteristischer Weise, wie der Antisemitismus zustande gekommen ist: nämlich durch das geschmack- und taktlose Benehmen minderwertiger Juden, welche glauben, mit ihrem typisch jüdischen Aeußeren in Lederhosen und Wadenstrümpfen mnhergehen zu rnüjsen, die Frauen dazu mit großen Brillanten und Perlen behängt. Und un: dieses Häusleins minderwertiger Gesellen wegen soll die ungleich größere Menge naturbegeisterter, geistig hochstehender, sich tadellos benehmender Juden das schöne Bayerland meiden? Würden wir damit nicht Zugeben, daß wir das Auftreten der anderen billigen, daß wir uns eins mit ihnen fühlen? Nein, mein Herr, ich bst: der entgegengesetzten Ansicht. Wir anständigen, bescheiden auftretenden Juden sollen das B e n e h:n e n j e n e s P r o tz e n g e s i n d e l s e r st r e ch t b r a n d - marken, wir sollen uns wohl als Juden zu erkennen geben, aber ihnen Zeigen, daß sie die Schuld tragen an den: Wachstum des Antisemitismus. Ich war vor dem Kriege drei Jahre hintereinander mit meiner Frau und Tochter in Schliersee, wo Juden nur in sehr geringer Menge vertreten sind; ir: unserem Hotel Zeigten sich Juden nur ganz vereinzelt und wir merkten bald, daß die Wirtsleute auf jüdischen Besuch keinen Wert legten. Wir sehen alle drei gar nicht jüdisch aus und wurden sicher in der ersten Zeit sür Christen gehalten; als \\m\ uns erkannt batte — lsauptsüchlich wohl durch den Besuch von Verwandten mit jüdischen: Aussehen und ebenso klingenden Namen'— war in ihren Herzen kein Platz mehr für antisemitische Gedanken. In der Folge hat sich Zwischen unseren Wirtsleute:: und uns eine herzliche Freundschaft entwickelt. Es fehlte ihnen, wie den meister: Christen, die Kenntnis, den gebildeten, besseren Inder: von dem minderwertigen Zn unterscheiden. Wiederholt habe ich ihnen, wem: anscheinend christlich aussehende, aber uns als Juden bekannte Gäste in ihren: Gasthof erschienen, anseinandersetzen können, daß es doch viel mehr anständige, bescheidene, „ganz wie Christen" auftretende Inden gebe, als sie je geglaubt haben. — Nur:, Herr Guggeuheirncr, habe ich da nicht viel mehr zur Bekämpfung des Antisenutisrnns getan, als wem: ich schuwllend den schönen Berger: der: Rücker: kehrte und sie den Protzen und Schiebern ganz überlassen würde? Ehe wir an dieses Schreiben irgendwelche Bemerkungen knüpfen, bitter: wir den Autor des bemängelte!: Artikels, Herrn Hans G u g g e n h e i m c r, das Wort zu ergreifen. (ttt fordere Stellung zur Iuöenfrage. Von Lic. Dr. Karl Anet, Pfarrer in Berlin. Wir Deutschen der gegenwärtigen Zeitwende können nichts Besseres tun, als bei unseren geistesgewaltigen Denkern tm 18. Jahrhundert immer »nieder stille Einkehr zu halten. Sie verkörpern ein Deutschland, das frei von jeglichem Materialismus die Welt der Innerlichkeit pflegt und das Leben der Gesellschaft nach den Grundsätzen der Humanität, das ist der Menschenwürde, zu gestalten trachtet. Sie vermögen uns heute auszinöhnen mit dem durch die Kriegsphantastik erreichten Verlust unserer äußeren Weltmachtstellnng, sie zeigen mit der. Ruhe'der Neberlegenheit über alle politische Leidenschaft den geistigen Weltberns des Deutschen und halten uns neben dem ernsten Spiegel der Kritik das Bild dessen vor Augen, was >vir werden sollen. Vor allem hat Herder, der Geschichtsphilosoph unter den Großen unseres klassischen Zeitalters, eine Mission an uns Heutigen auszuüben ft, indem fein Denken die Menschheit umspannt lind dabei die besondere Individualität des eigenen Volkes voll Liebe erfaßt, mit heiligem Prophetenzorn Irrwahn und Gemeinheit richtet und doch an die sittliche Höherbildung des Menschentums glaubt. Von ihm könnten wir manche ethische Wegwcisung in Gegenwartsfragen empfangen, unter anderem für das Problem, das ein« Lilettierende Diagnose der Zeitkrankheiten gern in den Vordergrund schiebt, die Judensrage. Diese Frage wird von dem heutigen Antisemitismus unter möglichster Ausschaltung des konfessionellen Gesichtspunktes lediglich bvm Standpunkt des völkischen oder Rassegedankens aus gelöst. Demgegenüber belehrt uns Herder über die Torheit.des Geredes vom „ r e i n e n B l u tIn keinem *) Zu diesem Zweck habe ich eine Anthologie aus Herder unter dem Titel „Herders Botschaft an nufere Zeit". 1620, bei Krüger u. Co. in Leipzig, mit Erläuterungen veröffentlicht.; I rwursK» Mto=gta«»j| jej(jen> Harnsäure, Eiwciss, Zucker, Sodbrennen usw. § Zu Hausirinkkuren —— —— - \ bei Gicht, Rheumatismus, Nieren-, Blasen- und Fraueni l * j T_J fi*)§«*■a«» Cä.aw« Nahmldtoi /•^iueraJ—.— Bei Diphtherie zur Abwendung von Folgeerscheinungen Man befrage den Hausarzt! Brnnnensehriften durch das Fachingor ZentraIbarcau,Berlin WG6,\YiIIiö]mstr.r>5 % Mtoerafoasser # " Alleinig’e Anzeigen-Annahme Rudolf Blosse, Anzeigen-Annahme für sämtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands li'Beriht SW 19, ^erufafe'mev Straße 46 -49 / Breslau / Ehemnih Cöln a. Rh. / Dresden ✓ Düsseldorf / Erfurt ✓ Frankfurt a. M. 5)atte (Saale) Lamblirg / LannovLr / Leipzig / Magdeburg / Mannheim / München / Nürnberg / Stuttgart / Prag / Wien / Warschau / Base! / Zürich

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