Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 6 (8.6.1922)
- Date
- 1922-06-08
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277380-2277386--00085-2279180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
78 Deutschttitziorrare Geldgeschäfte in Ungarn. Im „Miesdacher Anzeiger" (Nr. 115) befindet sich ein Inserat, in dem der Verlag Franz Kirmayer, München, Schüferstraße 11, zur Beteiligung an einem deutschen Konsortium in Ungarn auffordert, durch llebernahme von Aktien, bei denen in der letzten Zeit schon auf Einlagen von 200 000 Mark 160 000 bis 180 000 Mark verdient w u r d e n. Der Verlag bezeichnet die Anlage als erstklassig und hochrentabel, behauptet arrch, die b a n kmäßige U e b e r w e i s u n g des Geldes sei deutscherseits g e - stattet. (?) Als Käufer für die Aktien kommen nur deutschnational gesinnte Kreise in Betracht. Diesmal wird der „Atiesfrndjcr" wohl'nicht von jüdischen Wucherern sprechen können. Was sagt die Steuerbehörde 31t diesen „Transaktionen"? Ein internationaler Bund der JntelLettneltcn. Wie berichtet wird, hat der Völkerbundsrat ein Komitee eingesetzt, welches die Ausgabe hat, die Frage der Zusammenarbeit aller intellektuellen Kräfte der Welt zu studieren. Zu den Mitgliedern des Komitees gehören 11. a. Madame Curie, Professor Henry Bergson itnb Professor Albert Einstein. Die erste Sitzung dieses Komitees wird am 1. August dieses Jahres in Genf stattfind-en. Kommnuistenputsch in Eislcvcn. In einem Prozeh gegen den Urheber des Gerüchts, der Kommunistenpuisch in Eisleben fei von den Juden unterstützt worden, ist gerichtlich die H n w a h r h e i tr dieses Gerüchts festgestellt worden. Die jüdische Einwanderung in Südafrika. In Beantwortung mehrerer Anfragen über die Benachteiligung der Inden in der Ansführung der neuen Juunigratiousvorschriften in Südafrika gibt der Minister des Inner!:, Duno, bekannt, daß das neue Beschränkungsgesetz in gleicher Weise für Asiaten und Europäer Geltung hat. Nur infolge der bedeuteirden Arbeitslosigkeit nu Lande mutz die Immigration aus Rußland und Zentraleuropa derzeit mit besonderer Strenge überwacht werden. I e d 0 ch s i n d d i e In d e n i n d i e s e r Hi n s i ch t den anderen Völkern g e g e n ü b e r nicht b e n a ch t e i l i g t. Warnung! Die Zeutralwohlfahrtsstelle macht darauf aufmerksam, daß ein Herr F r 0 m rn h 01 d mit g e f äl s ch t e n Zeugniffeu von den Herren Rabbiner Carlebach (Köln) und Goldmann (Leipzig) hernmfähr: und Geld sauunelt. Es wird Ij.icrmit vor diesem Manne öffentlich gewarnt. Niederlage der national-sozialistischen Arbeiterpartei. In Mannheim hat diese Partei und mit ihr die Hakenkreuzler einen 'gänzlichen) Mißerfolg erlebt. Sie hatte sich den bekannten Herrn Esser aus München als Referenten verschriebe!?. Doch schon der einleitende, von Arbeitersängeru intonierte Chor ..Brüder zum Licht empor" veranlasse d i e H a k e n k r e n z - l e r i h r e A b z e i ch e u v e r s ch w i n d e n z u l a s s e n. Herr Esser wagte daher trotz mehrfacher höhnischer Zurufe aus der Versammlung nicht ein einziges Mal das Wort Jude zu gebrauchen. Nachdem zwei sozialdcuwkratische Redner Herrn Esser gründlich ab ge fertigt Haltens verschloand er. Die Arbeiter Mannheims wollen für die Folge keine Versauunlung der Nationalsozialisten mehr dulden. Ein jüdisches Organ der polnischen Antisemiten. Eine ganz einzigartige - Publikation wird jetzt in Polen augekündigt: Die Gruppe der extremenpolnische!: Antisemiten verbreitet unter dein ' polnischen L-esepublikum einen Prospekt, in welchem zum Abonnement des neuen Mouatsjournals „Pszeglond Judaistiezni" (Jüdische Rundschan), der „ersten von 9ckchtjuden herausgege'benen speziellen jüdischen Zeitung in der Welt" auMsordert wird. In den: Prospekt heißt es u. a. noch: „Das Bedürfnis nach einem solchen Journal in Polen ist um so dringender, als die Zahl der. Inden iw Polen größer ist, als die Zahl der Juden irr allen übrigen europäischen Ländern zusammengenommen (?). Die Losung der Juden in Polen lautet: Die Juden voran in den polnische!: Städten? Der jüdische Einfluß in Polen rnacht sich im ökonomi sichen und kulturellen Leben besonders fühlbar." Die Sterblichkeit in der Ukraine. Die ukrainische Abteilung des Völkerbundes berichtet: In Odessa wurden im Monat Januar 2020 Todesfälle infolge Hungers verzeichnet. Im allgerneinen beträgt die Sterbtichkeitszisstr in Odessa 90 vom Tausend. In der Stadt Cherson forderte die Hungersnot in: Februar dieses Jahres 1189 Todesopfer. Ferner heißt es im Berichts In einigen Süd-Gouverneuients der Ukraine ist die Sterblichkeit unter den Erwachsenen auf 25 Prozent, unter Kindern auf 50 Prozent gestiegen. Ein Werk von Schalem Asch über die Emigranten. Schalom Asch arbeitet gegenwärtig au einem Werke, welches das Leben der jüdischen Flüchtlinge und Emigranten zum Gegenstand hak. Ein Jude ViZe-Vovflhender des Aufbauamtes in Warschau. Zum Bize-Vorsitzeudeu des Anfbauarutes beim Warschauer Magistrat wurde der jüdische Ratsmann Ingenieur Körner gewählt. Berufung Franz Oppenheimers nach Japan. Dem „Dresdener Anzeiger" zufolge hat der bekannte Nationalökonom Professor Franz Oppen Herrn er eine Berufung au die Universität von Tokio angenommen. Ein Kriegerdenkmal. Im Vorrmmr der Synagoge in C hem - nitz wurde dieser Tage ein künstlerisches Denkmal zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen Söhne der Gemeinde enthüllt. Die Festrede hielt Rabbiner Dr. F w ch s. Zort mit dem jüdischen MtzN Gemach! Gemach! Nicht so eilig mit dem Verurteilen, und nun gar mit dem Todesurteil? Herr G. entrüstet sich in der Nr. 4 der „C.-V.-Zeitnng" mit Recht über die „jüdische Selbstverspottnng" und gelangt, mit 1l n r e ch t, zu dem Jornesrnf: „Fort mit dem jüdi scheu W i tz r Gar so grausam, gar so mörderisch ist der Herr Verfasser in Wirklichkeit gar uicht. Er will ganz gewiß nicht den jüdischen W i tz aus der Welt schassen, sondern nur d:e „jüdischen Witze", und das ist etwas anderes. Der Witz ist immer geschäht und hoch bewertet worden als eine überraschende, eine funkelnde und oft sieghafte Bekundung schlagfertigen und humorübersonnten Scharfsinns. Die Franzosen sind stolz auf ihren „Esprit", die Engländer tun sich viel zugute auf ihren anders gearteten Witz, und die Amerikaner Pflege:: mit besonderer Liebe ihren zum Grotesken neigenden, durch überraschende Uebertreibungen wirkenden Humor. Der jüdische Witz darf mm, vermöge seiner Herkunft, auf ein besonderes Ansehen Anspruch machen. Dieser Witz, wesentlich in der schnellsten Auffindung verborgener Aehnlichkeiten im Ungleichartigen, oder verborgener Unterschiede im Gleichartigen sich betätigend, dieser Witz, der eine Rekordleistung im Gerstesspvrt bedeutet, ein Virtuosentum der Begriffs- oder Gedankenakrobatik, ist ein Erbteil aus der durch viele Generationen gepflegten Beschüjtigung mit gelehrten Forschungen, mit feinen Begrisssbestimmungerü mit philosophischer Spekulation. Ist doch die Vornehmheit bei den Juden einzig im geistigen Besitz, im erworbenen Wissen begründet, und ihre Aristokratie ausschließlich ein Gelehrtenadel! Wahr bleibt cs darmn nicht minder, und darin ist dem Herrn G. beizustimmen, daß die Juden mit ihren harmlos erfundenen. Selbstverspottungsanekdoteu die Arsenale ihrer Feinde füllen, daß sie den Antisemiten Pfeile liefern, die sie daun, vergiftet, auf uns abschießen. Als gegen Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die neuere und die widerlichste Form der Judenhetze, das Anrisemitentum, in die Erscheinung trat — auch dieser N a m e stammt erst aus jener Zeit — da meinte einmal ein kluger und witziger Kopf: „Aus den: Antisemitismus wird nicht eher etwas werden, als bis ihn ein tüchtiger Jude in die Hand nimmt!" Nun denn, diese tüchtigen Juden habensich gefunden. Ich meine damit nicht etwa die getauften und ungetansten Renegaten, die den Hausierern des Antisemitismus gefälschte, rnißdeutete, verdrehte Talmudzitate lieferten, mit denen sie nun die Jahrmärkte beziehen und sich als Kenner gebärden. Nein, den Rohstoff — und wie roh kann dieser Stoff sein — die Halbfabrikate für das Judenhetzergeweeve liefern, unabsichtlich, unbewußt, die Verbreiter der jüdischen Witze. Was harmlose Selbst: ronie gutartig erfindet und in Umlauf setzt, das verkehrt die Bosheit irr ätzende Lauge, verwandelt, was milde, wem: > auch nicht gerade „Milch der froüuneu Denkart" war, in gärend 1 Drachengift, llnb dabei bringt es die Beharrlichkeit' mit der Zeit j so weit, als häßliche, lächerliche Fehler erscheinen 31t lassen, was im! Grunde eine Art Vorzug ist. Die angeblich jüdische Gestikulation I wird in hundert Scherzen verspottet. Dabei weiß jeder künstlerisch! empfindende Mensch, wie wertvoll die körperliche Beredtsamkeit für 5 den 'Ausdruck von Empfindungen und Leidenschaften ist, wie stocksteif und leblos es wirkt, wenn sie nur mit auswendig gelernten Reden bei sonst unbeweglichen Gliedern zur Geltung ' gebracht werden sollen. Was bei der Düse, was bei Kainz als Vorzug gerühmt wird, die Ausdrncksfühigkeit der Glieder, das wird beim Juden — der freilich nicht immer die vorn Künstler erreichte Schönheit der Linie wahrt — gedankenlos verspottet. Vergessen wir aber nicht, wenn wir zwar nicht den jüdischen Witz, aber doch die Verbreitung der den: Mißbrauch ansgesetzten Anekdote:: bekämpfen, vergessen wir nicht, welchen Wert dieser Witz in unserer eigenen Rüstkammer als wirksmne Abwehr- und Verteidigungswaffe besitzt! Der Witz ist die Kraft des Schwachen und Leidenden, der Witz ist Schild und Speer des Wehrlosen, die Davids-Schleuder im Kampfe mit dem plumpen, ungeschlachten Goliath. Vertreter des Witzes ist bei den Griechen nicht der strahlende Achill, nicht einmal der listenreiche Odysseus, sondern der bucklige Aesop. Witz war den: häßlichen Voltaire zu eigen, dem kleinen und schwächlichen d'Alembert. Ilnd wie schneidig erweist sich diese Waffe nicht in der Abwehr autisenritischer Angriffe! Der polnische Kaftanjude, de:: einige österreichische Leutnants durch Nachahmung seines Jargons hecheln, ruft ihnen endlich —- es war kurz nach den: Kriege'von 1860 — zu: „Was machen Sie mir nach, Rem armen Juden 1 Machen Sie lieber nach Moltkeu." Und die jüdisch anssehende Verkäuferin au einen: Ersrischnngszelt in: Wohltätigteitsbasar antwortet dem Leutnant, der sie anspricht: „Na, Fräulein Rebekka, darf ich um einen Kognak bitten'?", „Rebekka tränkte die Kamele nur mit Wasser." Laßt uns den Witz, den jüdischen Witz, iunnerhin in Ehre:: halten. Es ist'den: deutsche!: Literaturbesitz innerhalb gewisser Grenzen ganz leidlich zustatten gekommen,. daß David Kalisch den „Kladderadatsch" ins Dasein gerufen und die moderne Berliner Posse geschaffen hat.