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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-08 · 6 (8.6.1922) · p. Seite 77

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
6 (8.6.1922)
Date
1922-06-08
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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77 den Juden, ganz gleich, ob der mosaisch oder nicht mosaisch, nationaldeutsch oder deutschnational heißt. Doch mögen sich die Juden selbst mit denen ihrer Glaubensgenossen mtseinandersetzen, die hier an dem gleichen schmierigen Strick ziehen wie die schäbigsten Na Lionalunken, unsere Sache ist es, dem Antisemitismus nicht wegen der Juden, sondern wegen der Deutschen auf den Leib zu rücken. Das ist die Fechterstellung, die Wilhelm Michel in seiner bei Paul Steegemann in Hannover erschienenen ganz glänzenden Streitschrift zur Judenfrage „V e r r a t a m D e u t s ch t u m" einnimmt. Von einem lauteren Ethos tief durchdrungen, ist Michel zugleich ein verinnerlichter deutscher Romantiker im Gefolge Hölderlins. Wenn er mit Bewußtheit das Wort deutsch ausspricht, hallen ihm hundert Domglocken, klingen ihm hundert Gefühlswerte darin. Deutsche Geistesfreiheit, deutsche Tatsachenforschnng und deutsche geistige Weltumspannung sind für ihn nicht nur so hingesagte Begriffe, sondern wahre Herzenserlebnisse. Deutsch fühlen heißt ihm alle Dinge, Fragen, Menschen, Sonnen und Planeten aus ungeheurer Liebeskraft umfassen, deutsch denken ist ihm welthaft und lebensschöpferisch denken. Und mit dieser Einstellung voll tempelhafter Ehrfurcht vor allem, was im Tiefsten und Echtesten deutsch ist, kehrt Michel die Spitze seines blitzenden Rapiers wider den krätzigen Antisemitismus als „die frechste Unternehmung gegen das Deutschtum, die jemals ins Werk gesetzt wurde" und spießt die Antisemiten auf als „eine Herde von Verrätern aller edlen, geistigen, ritterlichen Ueberlieferungen des Deutschtums". Mit eingewurzeltem sittlichen Abscheu in der Brust sieht er in dem Judenhaß der Nachkriegszeit „das geschwungene Messer, das wütende Gekeif der Massenverbrecher, den Verzicht auf gerechte Untersuchung, die begeisterte Empfindungslosigkeit für sittliche Hemmungen, die Bereitschaft zu jeder Art von Kannibalismus, die alkoholische Erwärmung durch eine ganze brüllende Herde, und ganz im Hintergrund das wonnig feige Gefühl, jederzeit in der verantwortungslosen Masse verschwinden zu können". Nirgends findet er in der glänzenden Vergangenheit deutschen Geistes und deutschen Forschens einen Menschen, der mit wissenschaftlichen Problemen so niedrig verfuhr wie die Theoretiker des Judenhasses, und in der großen deutschen Sagen- und Heldenwelt entdeckt er nirgends einen feigen, hinterlistigen Betrüger wie Arthur Dinters Spießgesellen, „nirgends eine Hand, die die Wände beschmierte mit gefälschten Inschriften, niemals einen Entarteten, der Gräber bespucken ließ". Und klar und scharf umreißt er: „Aus alles mögen sich die A n t i f e m i t e n b e r u f e n, auf gekränkte Interessen, auf den bestialischen Untergrund der Menschennatur, ans das Bedürfnis, einen Schuldigen Zu erfinden, auf sämtliche Schwachen und Erbärmlichkeiten eines verächtlichen Nationalwahns, nur aus das Deutschtum nicht." Manche Art gibt es, die Judenheher im Genick zu packen. Es ist dankenswert und war an der Zeit, daß cs auch einmal auf diese helläugige und hölderlinsche Art geschah. Ja, auch um des Deutschtums willen, das er entehrt und befleckt, Kamps dem Antisemitismus. Wie aber den Kampf führen? Einfach genug! Unter den Insektenpulvern ist Z a ch e r l i n das b e st e! Der 7. Lehrerverbanöstag. Zum ersten- Male nach dem großen Kriege fanden sich zahlreiche jüdische Lehrer aus allen Teilen des Vaterlandes in Berlin zur 7. Tagung des Verbandes der jüdischen Lehrer vereine zusammen. Unerträglich schwer lastet die Sorge um das tägliche Brot gerade auf dem jüdischen Lehrern und Beamtenstande, so schwer, daß damit eine alarmierende Gefahrfür die Pflege der geistigen Güter des Judentums heraufbeschworen ist. Wenn diese Gefahr bisher gebannt werden konnte, so ist dies in erster Reihe der Liebe und Hingebung der jüdischen Lehrer für ihren Berns zu danken. Die Tagung wurde durch eine Erinnerungsseier für die Lehrer, die dem Vaterland ihr Leben opferten, eröffnet. Der Vorsitzende des Verbandes, Rektor Feiner (Hamburg), pries den Hochsiun und Heldenmut der Gefallenen, voran den unvergeßlichen Sender. Sie alle kämpften und sielen in dem gewaltigen Vatcrlaudsaedanken: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen. Am Schlüsse seiner Worte verlas er unter der stillen Trauer der Verfaunuluug die lange, lange Namensreihe der jüdischen Lehrer, die ins Hel dengrab gesunken sind. Lehrer Falkenberg (Berlin) widmete dem um Gründung mib Bestand des Lehrerverbandes hochverdienten, dahillgeschiedeneu Direktor Dr. Adler (Frankfurt) dankbare Gedenkworte, indem er sin wirkungsvolles Bild des Lebens und Strebe ns des bedeutenden Mannes aufrollte. Sodann wurde der 7. Lehrerverbandstag eröffnet. Schon die wuchtige Eröffnungsansprache des Verbandsvorsitzenden glühte von verständlicher Erregung und Empörung über die finan- Aielle Notlage der jüdischen Jngendbildnew besonders in den Mittel¬ und Kteingemeinden, und über die unzulämFiche Abhilfe. Und' scharfe Zwischenrufe und Beisallsbezeu gangen bewiesen, wie gewaltig es in der Lehrerschaft gärt. Trotzdem klang es immer wieder durch sei ne Worte: U n s e r L e h, r e r i d e a l, u n s e v e selbstlose Weiterarbeit an der jüdischen Jugend lassen ln i x u n s t r o tz kärgliche n Brot e s u ich t r a u ben , aber wir erheben gewaltige Klage darüber, daß es soweit kommen aber wir erheben gewaltige Anklage, daß es so weit kommen konnte. Zahllose Begrüßungsansprachen folgten. Wir nennen: für den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde AmtsgerickMrat Wolfs, für die Repräsentantenversammlung Gewerberat Plotke, für den Deutsch-israelitischen Gemeindebund Professor Kali scher, für den Allgemeinen Räbbinerverband und das Berliner Nabbinat Dr. Baeck, für den Allgemeinen Kantorenverband Fabisch (Göttingen), für die bayerische Lehrerschaft Hauptlehrer Dingselber (München), der in markig-bayrischer Rede nach dem bayerischen Vorbilde nicht Wohlwollen, sondern Gerechtigkeit verlangte. Die Grüße des C e n t r a l - V e r e i n s deutscher Staatsbürger jüdischen G l a it b c n s, der durch Dr. Paul Nathan und stellvertretenden Syndikus Dr. A. Wiener vertreten war, brachte Dr. Paul Nathan zum Ausdruck. Der Centrat-Verein, der den Kampf für die Gleichberechtigung der deutschen Juden im deutschen Vaterlande führe, habe vor dem Stande, der unsere Zukunft, nufere Jugend, zu guten deutschen Juden und Staatsbürgern -erziehe, die größte Hochachtung. Müsse diese Erziehung aus wirtschaftlichen Nöten, leiden, so sei diese Tatsache ein- Unheil für das deutsche Judentum; denn unser Kamps setze Liebe zum Vaterland und Judentum voraus, die der Lehrer erwecken und pflegen muffe. Der Central-Verein habe es als eine Ehrenpflicht angesehen, nicht mit Worten, sondern mit Taten der Notlage der jüdischen Lehrer beizuspringen, soweit ihm dies nach seinen Satzungen und Kräften möglich gewesen wäre. Auch fernerhin könnten die Lehrer auf den Eentral-Verein zählen. Alls die hochbedeutsamen weiteren Verhandlungen kommen wir noch in einem Artikel aus berufener Feder zurück. Eine Lehre! Die E l t e r n b e i r a t s w a h l e n an den Volksschulen haben statt-gesunden. Im allgemeinen stand der christlichunpolitischen Liste, die Juden grundsätzlich als Kandidaten nicht enthielt, die Liste der freiheitlichen Elternbeiräte gegenüber. Es scheint nunmehr festzustehen, daß die „judenreine" Liste den Sieg davongetragen hat. Die Wahlbeteiligung war sehr schwach. Was haben die jüdischen Eltern daraus zu lernen? Einmal, daß ste stets rechtzeitig aus dem Posten sein müssen, wenn es gilt, ihre Rechte zu wahren.' Dann aber auch, daß ste im entscheidenden Augenblick nicht fehlen dürfen-, damit nicht durch den Ausfall ihrer Stimmen der Gegner gewonnenes Spiel hat. N o ch st e h e n u n § dieWahl e n a n d c n h ö h eren S ch u l e n bevo r. Wenn auch die Bedeutung der Elternbeiräte zurzeit noch -eine geringe ist — eine Erweiterung ihrer Rechte ist geplant —, darf doch kein jüdisches Elternpaar die Notwendigkeit seiner Mitarbeit bei der Wahl leugnen. Darum, jüdische Eltern, geht vollzählig zur Wahl. Väter wie Mütter! Die Mühe, die von euch verlangt w ird, ist gering. N e h m t sie i m Interesse -eurer Kind e rauf e u ch! Klagen der rumänischen Inden. Ter Reichsverein der Inden Rumäniens steht vor einer völligen Reorganisation im Sinne der durch die Parlamentswahlen geänderten Verhältnisse. Bei dieser Gelegenheit unterzieht die jüdische Presse das bisherige Verhalten der srRcgrermtg der Judenheit gegenüber einer überaus scharfen Kritik. „Gorrierul Israelit" beklagt, daß trotz der Anerkennung der jüdischen Staatsbürgerrechte durch die Verfassung die Ausübung dieser Rechte bei weitem nicht restlos garantiert ist. Während die Kirchen der Staatsreligion und die Moscheen der Moslems vom Staate unterhalten werden, genießen die Synagogen diese Begünstigung nicht unb müssen von den Inden selbst erhalten werden. Der Magistrat der Hauptstadt Bukarest hat den jüdischen Schulen 6000 Lei als Subvention bewilligt. Diese geringe Summe zur Unterhaltung so zahlreicher jüdischer Kultnrinstitutionen wird von der jüdischen Oesseutlichkeit z u r ü ck g e w i e s e u , da sie eine Verhöhnung ihrer Forderungelt bedeutet. Ein überftthrter antisemitischer Verleumder. Zur Zeit der Amtstätigkeit des Staatssekretärs H i r s ch behauptete ein Herr Zimmer mann, seines Zeichens Schutz- und Trutzhäuptling in Aachen, in einem Zeitungsartikel, daß der Vater des Staatssekretärs. Herr Generalagent H i r s ch, sich mit Ausnutzung der Beziehungen seines Sohueschnerlaubte Vermögensvorteile verschafft habe. Vor Gericht st e l l t e s i ch d i c völlige Haltlosigkeit dieser V e r l e u m d it u g Hera it 8; Herr Zirnmerwann tat öffentlich de- und wehmütige Abbitte, übernahm alle Kosten und zahlte an die Geschädigten von Oppau eine Buße von 300 Mark. Vielleicht ist er nächstens vorsichtiger.

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