Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 6 (8.6.1922)
- Date
- 1922-06-08
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 oötntä«» A Hilfe für die bedrängten Glaubensgenossen im Auslände. Auf der letzten Hauptvorstandssitzung am 14. Mai wies Herr Fabrikant Arthur Sußmann (Chemnitz) auf die Notwendigkeit hin, unsere Aufklärungsarbeit'auch den nordischen Staaten zugute kommen zu lassen, in denen jetzt der Antisemitismus energisch Fuß fasse. Schon als das „Deutsche Reich" noch das offizielle Vereinsorgan des Central-Vereins wartz wurde es regelmäßig in die verschiedensten Gebie'le Schwedens gesandt und dort ausgiebig für die Abwehrtätigkeit'benutzt. Die „C.-V.-Zeituug", die in vielen Exemplaren nach den nordischen Staaten geschickt wird, ijst dort, wie uns übereinstimmend geschrieben wird, b e s o n d e r s fr e u d i g b e g r ü ß L worden. Die zweite Nummer-unseres Blattes mit der Notiz über die Not in der Krim hatte in Göteborg eine Sammlung veranlaßt, die schon jetzt eine beachtenswerte Höhe erreicht hat. Äuch der religiöse Antisemitismus scheint in den nordischen Ländern aufzutauchen. Wir konnten unsere Glaubensgenossen auf ihre Wünsche hin besonders^ mit Material gegen die judenfeindlichen Angriffe auf das rituelle Schächten versehen/ Auch in der S ch w e i z lebt der Judenhaß auf. Hier sind es die „Weifen von Zion", die nach gut russischdeutschem Muster den: schweizerischen Volke die Weltherrschaftsgelüsle der Juden vor Augen führen sollen. Die Gegenaktion unserer Glaubensgenossen in der Schweiz hak kräftig eingesetzt, und es ist bezeichnend, daß das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz", das in Zürich erscheint, die maßgebenden Stellen bittet, sich an den Central-Verein in Berlin zu wenden, um sich von dieser aus gezeichnet eit Abwehrorganisation beraten zu lassen. Den Volks- und GcwertfchasSsbibLislhekeu wendet die Zentrale in erheblichem Umfang ihre Aufmerksamkeit zu. Eine Unterstützung dieser unserer Aufklärungsarbeit durch die Ortsgruppen ist dringend notwendig. Aus Essen und anderen Orten" wird uns gemeldet, daß die dortigen Gewerkschaftsbibliotheken großes Interesse für Emil Feldens Buch „Die Sünde wider das Volk" gezeigt haben, und daß dieses Bnch, das der Bibliothek in mehreren Exemplaren übergeben wurde, ständig vergriffen ist. An unsere Freunde ergeht die Bitte, bei unserer Arbeit dieses Instrumen t Ter Aufklärung nicht zu übersehen und Volks- und Gewerkschastsbibliocheken geeignete Bücher unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Vorträge in Kurorten. Dem Central-Verein ist es bisher schon gelungen, in einer Reihe von Erholungs- und Kurorten das Interesse seiner Freunde zu wecken, indem er unterrichtende Vorträge und belehrende Aussprachen veranstaltete. Wir erinnern an die glänzende Versammlung, die, von Herrn Lehrer B o r ch a r d t und Herrn Dr. Wiener in Bad Neinerz irn vorigen Jahre vorbereitet und von Herrn Dr. SaJomonski rednerisch versorgt, einen so großen Erfolg für unsere Sache brachte. Wir bitten dringend und herzlichst, dafür Sorge zu tragen, daß derartige Veranstaltungen in diesem Jahre wiederholt werden, und daß insbesondere unsere Mitglieder außenstehende Freunde für die Arbeit des Central-Vereins zu gewinnen suchen. Wer sich darüber klar ist, in welcher Gefahr sich das Judentum durch die deutsch völkische und deutsch-nationale Agitation befindet, wird in der Stärkung des Central-Vereins durch Menschen und Mittel eine seiner wichtigsten Ausgaben erblicken. In der Freizeit kann dafür sehr viel geschehen. Der Jndisferentismus weiter Kreise birgt die schwersten Gefahren für das Judentum. Wir warnen dringend und herzlichst vor dieser Gleichgültigkeit. Auf dem 7. Lehrerverbandstug in Berlin wurde eine größere Anzahl geeigneter Broschüren unter den ans allen Teilen Deutschlands herbeigeeilten jüdischen Lehrern verteilt. Dieselben sollen auf der einen Seite unsere Jugendbildner mit dem neuesten Stande der antisemitischen Bewegung und ihrer Bekämpfung vertraut machen, anderseits dazu dienen, in geeigneter Weise in christlichen Kreisen verbreitet zu werden. Das Hakenkreuz als Nerrnfarbe. Bei einem kürzlich in Tilsit stattgefundenen Neunenlief ein Pferd aus dem Stall Bongehr- Wolssdors, dessen Jockei aus Brust und Rücken ein g r o ß esweißes Ha kenkreuz hatte, obwohl im Programm die Farbe des Herrn Bongehr mit „schwarz,Joeiße Nähte und Kreuz" -angegeben war." Auf eine Eingabe unserer Tilsiter Ortsgruppe -erklärte die Rennleitung, daß sie vor dem Rennen die Farben des Stalljockeis n i-ch t b e me rk t hätte (!!), sonst wären diese Farben nicht zu gelassen worden'. Herr Vongehr sei deswegen in Farbenstrase genommen und der Obersten Rennbehörde zur Bestrafung wegen öffentlichen Aergernisses angezeigt worden. Die „Tilsiter Allgemeine Zeitung" bemerkte hierzu sehr richtig, daß Besitzer und Jockei aus diesen Folgen ihres provozierenden. Gebarens merken mögen, daß der Tilsiter Nennverein nicht der Ort sei, wo Taktlosigkeit (um nicht zu sagen: Ungezogenheit) an den Tag gelegt werden könne. Darauf richtete Herr Vongehr ein Schreiben recht eigenartigen Tones an die Redaktion, in dem er darauf hinwies, daß seine Pferde am 14. Mai in Königsberg wieder unter d e in b e i m U n i o n k l u b e i n g e t r a g e n e n H a k c n kreuz laufen w ü r d -e n. Unsere Königsberger Ortsgruppe hat hiervon den Nennverein sofort benachrichtigt, und das Pferd ist dann in Königsberg nicht gelaufen. Wir haben den Unionklub um Auskunft ersucht, ob das Hakenkreuz tatsächlich als Stall färbe eingetragen ist, und um eventuelle Abänderung der Farben gebeten. Iuöenhetze unü Deutschtum. Von H e r m a n n Wendel. In der „Glocke" lesen wir die folgenden, höchst beachtenswerten Ausführungen des bekannten mehrheitssozialistischen Schriftstellers Hermann Wendel: Antisemitismus muß es geben, denn wo sollten sonst die Leute, die p o l i tisch a n s dem Halse r i e ch e n , Unterschlupf finden? Aber mit beut Antisemitismus verhält es sich ähnlich wie mit der Dummheit, mit der er ja innerlich verknüpft ist: auch sie ist eine Gottesgabe, doch im Uebermaß genossen wirkt sie störend. So hat auch die Judenhetze allgemach Formen und Umfang angenommen, daß der Ruf nach dein Kammerjäger berechtigt erscheint. Da er vor mehr denn einem Meufchenalter als politische Bewegung austauchte, hatte der „Sozialismus des dummen Kerls" immerhin eine scharf antikapitalistische Note; die verkrachenden sächsischen Kleinkrämer und die ausgewucherten hessischen Kleinbauern stellten den Heerbann seiner Anhänger und Wähler. Heute ist das Wirtschaftliche weit in den Hintergrund geschoben. Heute ist Antisemitismus nur mehr giftige Schmähung der Republik, der Demokratie und des Sozialismus; „Nieder mit den Juden!" ist in unseren Tagen das pöbelhafte Stichwort für alles, was sich in dem barbarischen Haß gegen eine neue, hellere Rechts- und Gesellschaftsordnung zusammenfindet. A n tise m i. t i s m u s i st s o w e n i g e ine W e l t a n - s ch a u u u g ui i e d a s Delirium tremens, Antisemitismus ist nichts als Organisation des Pogroms. Aber gerade darin ruht ein Teil seiner Stärke und Anziehungkrast. Was an üblen und gemeinen Trieben der Menschenbrust durch das mehr als vierjährige Völkermorden entkettet wurde, nutzt er für seine Zwecke aus, und darf sich um so siegessicherer blähen, als er bei feiner Werbung n i ch t d i e geringste geistige Vor a u s f e tz u n g brau ch t. Um eine politische Doktrin zu begreifen, und sei es die der Deutschen Vollspartei, bedarf es wenigstens einer Messerspitze Grips, eines Augenblicks der Ueberlegung, einer, wenn auch winzigen, Möglichkeit eigenen Urteils. Aber ohne all das kann man sich durch Judenhetze als teutscher Edeling erweisen-. Der A n t i s e m i t i s m u s i ft s c l b st d e m Insassen einer B l ö d e n a n st a l t eins, zwei, drei ei nzutrichtern, indem man ihn zu dem haßfauchenden Ruf: „Tie Juden sind schuld!" anhält, und nur ein wenig sittliche Minderwertigkeit ist nötig, ein Wegfall gewisser moralischer Hemmungen, damit auch ein H a l b t r o t t e l als Held u n b F ü hrer der A n t i s e m i t e n a u s - treten kann. So schöpftder Antisemitismus aus der großen Reservearmee der Dummen, die es gläubig hinnehmen, daß am Kapitalismus und am Sozialismus, am Ausbruch und am Ausgang des Weltkrieges, am Verlust Oberschlesiens, am Sinken der Valuta, an der Verbreitung der Grippe, an der Zunahme der Säugliirgssterblichkeit, an zu viel Regen und zu viel Sonne, daß an alldem die ffftz Juden schuld sind. Derart klingt eine für Denkträge so verführerische Politische Anschauung aufs trefflichste mit der dünnen und durstigen Kadettenbildung Ludendorfss zusammen, der nicht etwa die deutsche Oberste Heeresleitung, sondern eine sagenhafte „Oberleitung des jüdischen Volks" für Deutschlands Niederlage verantwortlich macht; auch ein Alibi ist heute der Antisemitismus, mit dem sich Schuldige der verdienten Strafe zu entziehen suchen. Nach allem scheint es fast manche Anwürfe der Antisemiten zu bestätigen, wen n eine gewisse Spielart deutsche r I lt d e n ih nen geradezu in die H ände a rbei tet. Die sogenannten nationaldeutschen Juden machen in Versammlungen und in einer von ihrem Wortführer Max Naumann herausgegebenen Schriftenreihe „Der nationaldeutsche Jude in der deutschen Umwelt" (Deutsche Verlagsgesellschast für Politik und Geschichte m. b. H., Berlin) seit einiger Zeit einigen Lärm. Dieser Richtung kommt es vor allem daraus an, in der Judenheit Trennungsstriche zu ziehen: drüben die „Zwischenschichtler", die „Wurzellosen", in deren Brust deutsche und stammesjüdische Kräfte miteinander ringen, hüben — Hurra! — der nationaldeutsche Jude, der „instinktmäßig den deutschen und nur den deutschen Weg" geht, der „Deutscher ist im Gefühl seines unauflöslichen Zusammenhangs mit dem Heimatboden, ein Deutscher, nicht, weil er es will, sondern weil er es muß". Denn was macht den Deutschen? „Nicht daß Aeußere, nicht das Temperament, nicht der sogenannte Geist: ihn macht allein das Herz." Und wie der „Arier" dem „Semiten" hochmütig den Rücken zeigt, so kehrt sich der nationaldeutsche I u d e, der den heiligen B e r u s i n s i ch v e r spürt, ei n M o n o k e l z u trag e u , Osfizi er zu w e r d en und zur lan gschä dlig en, blonden Herrenrasse zu gehören, von dem „Zwischenschichtler" ab, in dem das „unausgetilgte jüdische Stammesgefühl früher oder später einmal ganz überraschend sich durchsetzt". Aber selbst wenn hinter ihrem Streben mehr als irdische Eitelkeit, selbst wenn Wille nach Vertiefung darin steckte, würden die deutschnationalen Juden ihr Ziel nimmer erreichen, denn ein Blödian, der mit Lern Knütteldes Rassenwahns vor die Stirn geschlagen ist, sieht in seiner Verdöstheit im Juden immerdar