Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 6 (8.6.1922)
- Date
- 1922-06-08
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277380-2277386--00082-2279177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
75 Wandlungen im Antisemitismus. Don Moritz A. L o e b. In der Hngadah, die uns kürzlich das Pessachf-est wieder irr Geist und Herz lebendig werden ließ, heißt es: „Denn nicht einer allein ist anfgestanden, «uns zu vernichten, sondern in jedem Zeitalter ist man gegen uns nufgestanden, uns zu vernichten." Die historische Wahrheit, die der Verfasser der Hagadah mit so schlichten Worten vor mehr denn tausend Jahren ausspricht, sie hat heute noch die gleiche Geltung. Der alte Judenhaß, wie er in Aegypten das Leben unserer Vorfahren verbitterte, wie er im Perserreich die Existenz des gesamten jüdischen Volkes bedrohte, wie er im Mittelalter blühende Gemeinden mit Feuer und Schwert restlos vernichtete, er ist geblieben bis aus den heutigen Tag. Freilich hat er Namen und Formen gewechselt. „Antisemit" klingt vielleicht besser als „Judenhasser", und wenn zu der wohlklingenden Bezeichnung noch ein bißchen wissenschaftlicher Firnis kommt,wenn man von „völkischen Belau gen", von„Rass-eneigenkümlichkeiten", von „Bindungen des Blutes" und dergleichen spricht, dann ist der also verbrämte Antisemitismus salonfähig. Diese Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Gerade in Deutschland kann die heule lebende Generation davon aus eigener Erfahrung erzählen, und es ist vielleicht nicht überflüssig, hier einmal ans die Wendungen und Wandlungen hinzu-- weisen, die die Aelteren unter uns ans eigener Anschauung kennen lernten. Nach der Wiederaufrichtung Deutschlands zu Anfang der siebziger Jahre schien es, als sei mit den bösen Geistern der Spaltung und Zwietracht auch der des Judenhasses für immer verschwunden. Aber es schien nur so. Der wirtschaftliche Niedergang, den die Krise von 1873 einleitete, brachte den großen Schichten des Mittelstandes wie der Arbeiterklasse schwere Tage. Den breiten Massen -erschien di es um so unerklärlicher, als man sich von den fünf Milliarden, die Frankreich als Kriegsentschädigung zahlen mußte — für jene Zeit eine märchenhafte Summe —, den Anbruch des goldenen Zeitalters versprochen hatte. Die uns heute gelänsige Einsicht, daß es sich um Wehen handelte, wie sie von der Entwicklung des Agrarstaates zum Industriestaat unzertrennlich waren, fehlte; man suchte nach einem Sündenbock und fand ihn in den Juden. Eine hochgehende Bewegung entstand. Gefördert wurde sie durch den Umstand, daß ein Mann wie Treitschke es nicht für unter seiner Würde hielt, vom Katheder Schlagworte in die Menge zu schleudern, wie „die Juden sind unser Unglück". Gewissenlose Agitatoren, an ihrer Spitze Hof- und Domprediger Adolf Stöcker, . ihm zur Seite Henrici, Förster usw., verstanden es, die wirtschaftliche Unzufriedenheit, zu einer Aktion gegen die Juden auszinnünzen. Es kam zu einer an das preußische Abgeordnetenhaus gerichteten Massenpetition um Aufhebung der in der Verfassung verbrieften Gleichberechtigung der Juden. Wohl wußte man, Bismarck sei zu klug, um die antisemitischen Tiraden ernst 31t nehmen, aber man wußte auch, haß ihm die antisemitische Strömung als Mauerbrecher gegen die verhaßte Fortschrittspartei sehr willkommen war, und wer konnte voraussehen, wie weit Bismarck hierin gehen würde? Am 20. November 1880 war der große Tag, da im Abgeordnetenhaus die Petition zur Verhandlung kam, da die Spannung sich entladen sollte. In einer gewaltigen Debatte zerpflückten die Redner der Linken die Argumente der Petitionsbegründung. Die Negierung ließ durch den Mund des Vizepräsidenten des Staatsministeriums, Graf Stolberg, mitteilen, daß sie nicht beabsichtige, eine A e n d e r u n g der G e s e tz g e b u n g b e z ü g l i ch der Gleichb e r e ch t i g n n g d e r K 0 n s e s s i 0 n e n e i n t r e t e n z n. l n s s e ii. Diese matte Abwehr ließ der Hoffnung Raum, daß eine Fortsetzung des Kampfes ein besseres Ergebnis bringen könne, und so verdoppelten die Antisemiten ihre Anstrengungen. War bisher nur eine regellose Agitation entfaltet worden, so schritt mau jetzt zu planmäßiger Bearbeitung geeigneter, Bezirke und Provinzen. So gelang es in? Jahre 1887, den Wahlkreis Fritzlar für einen ausgesprochenen Antisemiten, Liebermann von Sonnenberg, zu erobern. Schon zwei Jahre später kam es zur Bildung der Deutschsozialen Partei, die bei den Wahlen von 1890 fünf Mandate erlangte. 1892 hielten die Konservativen hier in Berlin ihren Parteitag ab. Es handelte sich um ein neues Programm. Bei dessen Beratung wurde der im Entwurf stehende Satz: „Wir verwerfen die A u s s ch reit u n g e n des Antisemitismus" mit allen gegen sieben Stimmen -gestrichen.- Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn bet den beiden folgenden Wahlen, die im Jahre 1893 stattfanden, die antisemitische Agitation auf ihren Höhepunkt gelangte. Es ist unmöglich, heute eine Vorstellung des Grades der Erbitterung und der Verhetzung zu geben, den die gewissenlose Agitation der Vöckel, Hi r sehe t u. a. in Mitteldeutschland, besonders -tn Kurhessen und Oberhessen, erzeugt hatte. Eine Diskussion war kaum mehr möglich. Schlagworte beherrschten die Menge. So war es kein Wunder, daß bei diesen Wahlen im Jahre 1893 sechzehn antisemitische Abgeordnete gewählt wurden, die im Reichstag selbst eine Fraktion bilden konnten. So schlimm das zunächst schien, so hatte die Sache doch auch ihr Gutes. Die ganze Unfruchtbarkeit und Oede antisemitischer Denkungsart trat nunmehr 'bei den folgenden Debatten im Neichstag offen ans Tageslicht. Mehr als alles andere rnag diese Bloßstellung der antisemitischen Führer im Neichstag selbst dazu berge tragen haben-, daß die Strömung wieder abflaute. Die Einigkeiten der antisemitischen Fraktion Hielt nicht lange an. Man trennte sich nach verschiedenen Richtungen, und dementsprechend wurden die Erfolge bei den nächsten Wahlen geringer. Weshalb ich diese Bilder der Vergangenheit hier aufrolle? Es scheint nur und hoffentlich nicht nur mir, als ob dieser Rückblick doch einen Trost gewahre. Er zeigt uns, daß auch die antisemitische Flut ihre Strömungen hat. Der Weltkrieg und die anschließende Revolution, die auf so vielen Gebieten einen völligen Umsturz hervorvorriefen, sie haben auch die Wasser des Antisemitismus gewaltig an schwellen lassen. Aber, wie es m den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts der deutschen Jndenheit gelungen ist, jener Hochflut Herr zu werden, so wird es auch jetzt und in Zukunft der Fall sein. Unter ein c r B ed ingu n g : der Geschlossenheit nach a u ß e n. Die Kämpfe, die sich im Innern der deutschen Jndenheit abspielen, sie sollen- und brauchen nicht zu verschwinden. Der Gegensatz zwischen der liberalen und der gesetzestreuen Richtung, der Kampf des Zionismus um seine Anerkennung, sie sind das Ergebnis vorhandener Strömungen. Jeder Versuch zu ihrer Unterdrückung wäre unnatürlich und unwirksam. Aber diese Gegensätze müssen da halt machen, wo es sich um den Kampf mit dem gemeinsamen Gegner, den Kumpf mit dem Antisemitismus, handelt. Für d i e ge se tz e s t re u e 3t i ch t u n g darf ich die Tatsache feststellen, daß dieser Grundsatz von ihr nie vergessen wurde, obgleich sich ihm mehr als einmal verlockende Gelegenheit dazu bot. Ich erinnere daran, daß es eine Zeitlang eine beliebte Taktik der antiseuntischen Mache war, zu sagen: Die gesetzestreuen Juden, die bei dem Glauben ihrer Väter verharren, die sindgor nicht so schlimm; wir meinen eigentlich jene Juden, die mit der Satzung ihrer Väter nichts mehr zu tun haben. Diese Unterscheidung ist von gesetzestreuer Seite stets uns das schärfste zurückgewiesen worden. Es ist hier nicht der. Platz, darüber zu sprechen, ob bei dem Kampf zwischen anderen Richtungen innerhalb des Judentums die gebotene Rücksicht immer -eingehalten wurde. (Ebenso sehe ich davon ab, auf eine Erscheinung wie die des nationalen Deutschen oder Deutschnall onateu Dr. Max Naumann einzugehen, eine Erscheinung, die wohl mehr pathologisch zu werten ist.) Aber was in der Vergangenheit möglich war, muß heute, da der Kampf wieder die schärfsten Formen anzunehmen droht, wegfallen. D i e g e s ch l 0 s s e n e F r v n t g e g e n den Antisemiti s m u s ist das dringendst e G e b 0 t der S t u n de. Maßregelung eines ankisemitifthen Lehrers. Die Thüringer A b g e 0 r d n e t e n : „B c rlLuer Saujud e n". Das Thüringische Ministerium hat an den Handelsschnllehrer Otto Schneller in Gera folgende Zuschrift gerichtet: „Nach einem Bericht des Schulvorstandes haben Sie in einer Unterrichtsstunde, an welcher der jüdische Schüler Wertheim teilnahm, sich des Ausdrucks „S a n j lt d c n" bedient. Die Aeußerung ist nach Ihren eigenen vor der Schulleitung zu Protokoll gegebenen Angaben in einer Weise erfolgt, daß Sie Ihrer Verwunderung darüber Ausdruck gaben, daß sich in Deutschland gewisse Parteien landfremde ^nusuden vor die Nase setzen und sich von diesen blindlings leiten ließen. Der Schüler Wertheim hat den Zusammenhang so dargestellt, daß Sie mit Bezug auf die Vertreter Thüringens im Reichstag gesagt batten, der'Abgeordnete Leutheusser sei «fast der einzige, der für Thüringen eintrete. Die übrigen Gewähkien seien lauter Berliner S n u j u d e n. In jedem Falle steht fest, daß Sie in einer ganz ungehörigen Form das Vorhandensein eines unheilvollen politischen Einflusses, sei es eingeborener, sei es eingewanderter jüdischer Staatsbürger, behauptet haben. Sie haben damit nicht nur Parteipolitik in die Schule getragen — denn Ihre Worte waren geignet, die Schüler zuungunsten bestimmter Parteien zu beeinflussen und die Empfindungen Andersdenkender zu verletzen —, sondern Sie haben vor allem ich einer jedes erzieherische Feingefühl verm i s s e n lassenden Weise den Schüler Wertheim gekränkt. Wegen dieser schweren Verletzung Ihrer Dienst-- p slichte n (§§ 2, 14 des Neuß. Gesetzes vom 9. Oktober 1891 den Zivilstaatsdienst betressend, in der Fassung des Gesetzes vom 15. Juni 1912 und Art. 148 Absatz 1 und 2 der Reichsverfassuncft erteilen wir Ihnen einen Verweis und legen Ihnen zugleich eine G e l d st r 0 f c von eintausend M ark auf. gez. Greil." Zur Orientierung flüchtiger Leser möchten wir nachdrücklich darauf Hinweisen, daß dies in Thüringen und n i ch t inPreuhen geschah.