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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-01 · 5 (1.6.1922) · p. Seite 67

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
5 (1.6.1922)
Date
1922-06-01
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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67 Menschen vom Nomadenleben Zum seßhaften Ackerbau, dann zum SLädtelebeu und zum militärischen, bürgerlichen und industriellen Staat, bewirkte jedesmal eine Umgestaltung der ganzen Vorstellungswelt. Alle Wandlungen und Kämpfe in dieser Vorstellungswelt, die den Inhalt der Geschichte aus machen, sind abhängig von den vorausgegangeneu Wandlungen in der Wirtschaft, die die soziale Materie der Weltgeschichte bildet. Will man die Ursachen der französischen Revolution von 1871 ergründen, so dürfe man nicht bei den Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stehen bleiben, sondern man muß auf die ökonomischen Veränderungen zurückkommen, die jenem Ereignis vorausgegangen waren. In der Industrie und im Großhandel wuchs eine seit einem Jahrhundert immer mehr erstarkende Klasse heran, die nach der Beseitigung der alten Zünfte und Gilden, der Zoll- und Verkehrsschranken und aller anderen Hindernisse und Beschränkungen des Wirtschaftslebens strebte. Als diese Klasse stark genug geworden war, zerschlug sich die alte Staatsform und errichtete das Reich der wirtschaftlichen Freiheit. Diese Vorgänge ianden ihren ideologischen Ausdruck in den Ideen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Es ist klar, daß der geschichtliche Materialismus mit dem philosophischen kaum eine entfernte Aehnlichkeit, aber keinerlei Wesens- Verwandtschaft ausweist. Es wäre nun sehr schön, wenn man diese beiden Arten von Materialismus aus das Schuldkonto der Juden setzen könnte; denn beide scheinen die Materie über den Geist zu stellen, das Grobmaterielle, Sinnliche als das Wesentliche,. Höhere zu betrachten, das rein Geistige, Ideelle dagegen herabzusetzen, es als das Zufällige, Nebeniächliche, Minderwertige hrnzustellen. Beide leugnen angeblich Gott, Seele, Unsterblichkeit, zersetzen Religion, Kirche, Staat, Volk und zerstören die heiligsten Güter der Menschheit. Leider ist das für den philosophischen Materialismus beim besten Willen nicht möglich. Ihm hat fc'in namhafter jüdischer Denker jemals gehuldigt. Spinozas pantheistischer Monismus ist wohl von manchem als atheistisch betrachtet worden, es ist aber noch niemandem eingefallen, ihn als Materialismus zu verschreien. Nicht einmal Hermann Cohen, der Spinoza glühend bekämpft, hat das getan. Vielfach wird Spinozas Lehre als die allein mögliche und endgültige Ueberwindung des Materialismus betrachtet. Ja, Hans Blüher selber ist ein feuriger Bewunderer Spinozas — wogegen der arme Mische Weise sich'allerdings nicht wehren kann. Dagegen knüpft sich der historische Materialismus an den Namen von Karl Marx, der dem Blute nach Jude war. Nun ist es durchaus nicht wahr, daß der Materialismus, auch der philosophische, indem er die Materie erkenntnistheoretisch als das Primäre anfieht, sie notwendig auch höherstellen muß als das Geistige.. Nehmen wir an, einem materialistisch gesinnten Psychophysiologeu gelänge es, die ganze musikalische Schöpfertätigkeit Beethovens bis ins einzelne restlos aus Bewegungen und Veränderungen in der Hirnmasse und in dem Nervensystem zurückzuführen, die letzten Endes mit Vorgängen in den Verdauungsorganen Zusammenhängen. Wird dieser Forscher, solange er seines Verstandes mächtig ist, darum etwa die Neunte Sinfonie als das Nebensächliche, MiudMvert'i,ge, Belau glofse im Vergleich mit dem betreffenden Verdaunngs- und Sekretionsakt betrachten? Eine materialistische Weltanschauung muß nicht notwendig auch eine materialistische Wer tanschauung sein — wenn sie auch, namentlich bei oberflächlichen Köpfen, zu oieser hinsühren kann. Das gilt noch viel mehr vom historischen Materialismus, der das ganze System der „Ideen" eines gegebenen Zeitalters als Ueberbau über der Grundlage eines Systems wirtschaftlicher Erscheinungen - und Vorgänge gedeutet wissen will. Ein griechischer Tempel, ein gotischer Dom brldet unzweifelhaft einen Ueberbau über einem recht derben, handfesten, aus ganz gemeinem Material, nach nüchternen, handwerksmäßigen Regeln hergestellten Unterbau. Je feiner und Zarter der Turm ist, den der Künstler himmelanstrebend errichtet, je höher er ihn in die Region der Wolken hinausführt, desto solider und gröber wird die Grundmauer sein müssen, die er vom Handwerker verlangt, und desto tiefer wird er sie in die Erde hinabsenken. Aber nicht die Grundmauer, der unterbau, sondern das Tympanon und der Fries des griechischen Tempels, der Turm oder die Kuppel des Doms sind das allein Wertvolle, das Hauptsächliche, das Ewige, das dem Bauwerk Leben, Seele und Unsterblichkeit verleiht^ t Die Völker mühen und quälen sich in schwerer Arbeit und Kampf mit der gemeinen Not der Wirklichkeit, um die materiellen Grundlagen zu schassen, auf denen sich der Ueberbau der Ideen erheben kann;;e fester, solider und sicherer dieser gemeine Unterbau ist, desto Prächtiger und edler kann der Ueberbau werden, in welchem die Völker wohnen, den sie lieben, für den sie «käinpfen und leiden, den sie den künstigen Geschlechtern als kostbares Erbe überliefern und dessen Wandlungen den Inhalt ihrer Geschichte ausmacht. Es handelt sich hier, wie man sieht, um eine geschichtsphilosophische. Methode, die man annehmen oder ablehnen kann, ohne Rücksicht. darauf, ob man jüdisches oder nicktjüdisches Blut in den Adern hat. Der „Jude" Marx hat ihr den letzten schliss gegeben. Ist sie auch seinen: Kopse entsprungen? Schon M o n t e s g u i e tf betonte in seinem „Geist der Gesetze", ungefähr hundert Jahre vor Marx nachdrücklich den Zusammenhang' zwischen Bvdenbeschaftenheit und Klima eines Landes und den Sitten ' und Gebräuchen ferner Bewohner, zwischen ihrem Handel und ihrer Lebensweise und ihrem politischen Zustand und ihrer Neligion.. S a i n t - i m o n geht im zweiten Stadium seiner Entwicklung, namentlich in seinen: „System industriell“ (1821) und seinem „Cat6chisme des industrielles“ (1823) noch viel weiter. Er lehrt:' Die Entwicklungsstufender Industrie (worunter er die gesäurte gewerbliche Tätigkeit der Menschen, also auch, die Landwirtschaft' versteht) sind die entscheidenden im Mlkerlebeu; die „industriellen Ideen" bilden das dre Gesellschaft zusammenhaltende Band; die Nationen sind für ihn wesentlich nichts anderes als I n d u st r i e g e s e l l s ch a f t e n. Bon Saint-Simon rührt - auch die Einteilung der Gesell!chast in Kl assen her, je nach ihrer industriellen und sozialen .Stellung, und die Auffassung der Geschichte als eine Reihe von Klassenkämpse n. Im ausgehenden Mittelalter und in der Renzert, lehrt Sarnt-Simon, erwachse der feudalen Klasse ein gefährlicher Gegner in der zu immer größerer Macht gelangenden inousiriellen Klasse, die der ersteren schließlich die Herrschaft im Staate entreißt. Der Widerstreit der beiden Klassen beruhe nicht aus der Verschiedenheit ihrer intellektuellen Grundlagen, sondern ihrer wirtschaftlichen und sozialen Systeme. Der Umstand, daß die industrielle Klasse nicht nur eine immer wachsende wirtschaftliche Alleinige An zeigen “Annahme Rudolf Blosse, An zeigen-Annahme für sämtl» Zeitungen Deutschlands und des Auslands Berlin BW 19, Jerusalemer Straße 46-49 / Breslau / Chemnitz ✓ Cdln a. 9rh. / Dresden / Düffeldorf / Er,urt ✓ Frankfurt a. M. . ✓ Lalle (Saale) LanOurg / Lannover / Leip-.ig / Magdeburg ✓ Mannheim / München / Nürnberg / Stuttgart / Drag / Wien / Warschau Basel / Zürich ZupHautpflege'Kopperpftege'Schönheffspflege Zup Babypflege < fäpMafßge’fünSportsleute’ WKW Anchrazii-OefeK^^tnat-CadL«G°bidNa^ iebe Srove au, Lager. 30.6 bis!4.8.an! Telephon: C CriinffP & Pft c r U n w so 1 ~~ iftmjfiutft 1363. W Uliyc ÜL v*U» Eisenacher Straße :4. slie nimmt ges. ihr. Kind vom ___die Ostsee mit. ßtf.wnt.Ffo.IOHanMttdo f Moffe, Frankfurt a.d.O. ec=3 L ® «ei G Strahl & Aalcke Gegründet 1888 Gegründet 1888 Mirmenairsstettung Stets größte Auswahl von Blumenarrangements und (I Trauerspenden sowie Topfgewächsen und Schnittbluwen. ä öjlkMWl: Tischäekoralionen. WWkAkU! * Brautgarnituren / Balkonbepflanzung. Nur Berlin, Mauerstratze 78,79. | I? Nubinsteins Restaurant f n Unter Aufsicht dos Rabbinats »***»«» S y }WjJ der Jüdischen Gemeinde JWw J| s Chartoitenburg, Kantstraße 122 ' y Telephon: Steinplatz 6183 1? 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