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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-01 · 5 (1.6.1922) · p. Seite 66

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
5 (1.6.1922)
Date
1922-06-01
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 Hans Slühers entdecktes Judentum. Das Judentum ist wieder einmal entdeckt worden. „Jelmda palet — d. h. Juda ist offenbar und kann nickst mehr verkannt werden." Mit diesen Worten beginnt die neueste Schrift von Hans Blüher „86663810 J u d a i c a , Philosophische Grundlegung der go rischen Situation des Judentunls und dv'v a-ntisemitischeir vegung". (Der „Weihe - Ni.tt.er.-Verlag", Berlin.) Nun wissen wir's. Juda ist vsseirbar, und das. „in^ einer Weise, die weder Len Juden noch den Antisemiten alten Schlages lieb ist." Der gute alte Eisenmenger kann sich verstecken. Auf seine Entdeckung begründet Blüher den neuen, den „echten" Antisemitisnms, und der „hört nur aus das Schicksal und nicht auf die Menschen". Er kennt nur das rein historische Ereignis, er verlegt die Judensrage von der Erfahrung in die Substanz und handelt in diesem Sinne. Und in diesem Sinne darf es einem Juden nicht erlaubt sein zu sagen: „Wir Deutschen": man muh ihm stets und unter allen Umstünden zu verstehen geben, daß man weiß, wer er ist. Bon diesem Augenblick lenkt 'man sein Handeln von der verderblichen Bia hu. ab, die es vor Aufhebung der. Mimikry beschriften. „In diesem Sinne ist es nickst erlaubt, daß ein Jude Offizier wird, obgleich die Juden stärker, als es die Antisemiten alten Schlages zu geben wollen, Mannschaften gestellt haben zur Verteidigung Deutschlands und tapferer waren, als man ahnte, und ihnen das Eiserne Kreuz gebührt." „Es gibt Juden von salomonischer Gerechrigkeit und ihnen gebührt die volle Ehre ihrer Gesinnung, aber es gebührt sich nicht, daß ein Jude deutscher Richter wir d." Ueberhaupt arbeitet dieser „neue, echte" Antisemitismus mit einer eigenartigen Methode. Er spricht den Juden nicht jede gute Eigenschaft ab. Der Jude kann ein Genie an Geist, ein Engel an Güte und reiner Gesinnung sein, das hilft alles nichts. El tarnen Judaeus est — er bleibt doch ein Jude. „Ein Jude kann leidenschaftlich Deutschland lieben und sein Leben dafür einsetzen — Et tarnen Judaeus est." „Es gibt Juden von großer Milde des Charakters, die der sozialen Not steuern wollen und sich in die Politik verstricken, mit bestem Willen um das deutsche Volk. Et tarnen Judaei sunt." Das ist freilich originell, aber neu ist es nicht. Viel schöner und „geistvoller" hat das schon der alte Patriarch in Lessings Nathan gesagt: „Macht alles nichts, der Jude wird verbrannt." Allein Hans Blühers Wissenschaft und Philosophie arbeiten mit abgegulfsenen Atünzen, die ralmivergoldet unter das Volk gebracht werden. Aus dieser nicht ganz ehrlichen Prozedur beruht auch seine große Entdeckung des Judentums oder der „Idee Juda". Das ganze nichtzionistische Judentum (also in Summa 99 Prozent sämtlicher Juden) steht im Dienste einer destruktiven Geschichtswirkung gegenüber den Gastvölkern (soll wohl heißen: Wirtsvölkeru), unter denen es wohnt." Wohlgemerkt: wir stehen im Dienste einer destruktiven Idee. Es ist ein Gebot der Geschichte, es ist das unentrinnbare Verhängnis der Juden, daß sie unter den Völkern, unter denen sie wohnen, destruktiv wirken. Sie müssen zerstören, ob sie wollen oder nicht. Ein anderes Mal spricht Blüher von dem großen Flügel des Judentums, der zur Destruktion „beordert" ist. Jeder einzelne Jude muß zerstören, ob er auch den besten Willen Zum Ausbau hat. „Sein ganzes Leben mag ein einziges Opfer im Dienste einer positiven aufbaueuden Idee sein, am Ende wird doch nur Zerstörung dabei herauskommen." „Es gelingt ihm nicht immer, bis in die historisch-empfindlichen Schichten des Volkstums einzudringen; wo es aber gelingt, da ist die ausnahmslos destruktive Wirkung sofort nachweisbar. Das Judentum ist tief in die historisch-empfindliche Schicht des deutschen Volkes eingedrungen. Seine Aufgabe ist, das Reich zu verhindern. Jeder, Jude, ganz gleichgültig, ob hoch oder niedrig, hat Teil an diesem Berus." „Die Mittel, deren sich das Judentum bedient, um das Reich zu zerstören, sind die korruptiven Gedankengüuge." Es gibt eine ganze Anzahl solcher Gedankengänge, die die Juden, der metaphysischen Notwendigkeit gehorchend, ersonnen haben, um das Reich zu zerstören. ,Der wichtigste Gedaukengang des Judentums ist die sozialistische Theorie. Sie hat Deutschland am tiefsten getroffen und seine Ehre vernichtet." „Das Judentum ist der Träger und Propagator der nute r ia l i st i f cf) e n G e s ch i ch t s a u s s a s s u n g , die sich inkonsequent im Liberalismus, konsequent im Sozialismus ausspricht." Glücklicherweise ist das alles gar nicht wahr, und es ift schwer, mit einem Autor zu streiten, der die Judensrage „von der Erfahrung in die Substanz verlegt". Tie „Substanz" ist eine metaphysische Gegend, in die sich zu begeben nickt jedermanns Sache ist. Aber für gewöhnliche Sterbliche, die es nicht verschmähen, im Reiche der gemeinen Wirklichkeit zu verweilen, ist es lohnend, folgende Betrachtung anzustellen: Es mag dahingestellt bleiben, ob die sozialistische Theorie Deutschland am tiefsten getroffen und seine Ehre vernichtet hat oder nicht; daß diese Theorie ein torruptiver Gedankengang des Inden tu ms sei, ist einfach unwahr. Unter den Schöpfern des modernen Sozialismus hat es der Abstammung nach nur zwei Juden gegeben: Marx und Lassalle. Lange vor ihnen war dieser korruptive Gedankengang ausgebaut worden, von dem Engländer Robert Owen, von den Franzosen Gras Henry de Saint-Simon, Fourier, Prondhon, Blaue, dem d e u t s ch e n Professorensohn und Großgrundbesitzer R o d b e r t u s , dem deutschen Schneiderlein S c i 11 i n g , um rmr die wirklich Bahnbrechenden zu nennen. Ms die Bezeichnung: „Sozialisten" zum erstenmal geprägt wurde, hatte noch kein Jude an dieser Theorie mitgearbeitet. Das geschah im Jahr 1841 durch den Franzosen Re.ybaud in seinem Buch „Etüde sur les Reformateurs ou Socialistes modernes“, in dem er die Lehren Owens, Saint-Simons und Fouriers auseinandersetzte und vom sittlichen Standpunkt als gefährlich und verwerflich verdammte. Sie übertrieben der Gedanken der s o z i a l e n Gemeinbürgschaft der , Menschen und seien darum sozialistisch. Und während wir als Geburtshelfer des modernen Sozialismus den kerndeutschen Großbürgersohn Enge l s in treuer, Mitarbeit mit dem Juden M arx siuden, können wir als dessen Vater einen deutschen Professor ansprechen, den berühmten Philosophen Christian Wolfs (1679—1754), den Begründer der deutschen Aufklärung. Wolfs hatte nämlich zuerst den Lehrsatz ausgestellt, daß alle Menschen von Natur aus gleich seien. Rousseau (1712—1778) vertrat die gleiche Lehre später in Frankreich. Es sind also alle deutschen Stände mitschuldig daran, den „korruptiven Gedankengang" des Sozialismus in die Welt gesetzt, durch ihn das deutsche Volk ins Mark getroffen und ihm die Ehre genommen zu haben. Daß aber alle diese nichtjüdischen Männer von den Juden bestochen und gekauft worden wären, ist nicht ganz wahrscheinlich. Folgende Tatsache ist nämlich bemerkenswert. Das Wirken aller dieser Männer füllt in das Zeitalter, da die Inden um ihre Gleichberechtigung kämpften, und unter ihnen allen war Robert Owen der einzige, der im englischen Unterhaus die Sache der Juden verteidigte. Fourier bekämpfte und schmähte die Judon. Lassalle, der, obwohl der einflußreichste deutsche Agitator seiner Zeit, doch lauge nicht vollberechtigter Staatsbürger war — er hätte z. B. nicht Volksschul- oder Oberlehrer au'einer öffentlichen preußischen Schule werden können —, Lassalle, der seine ganze Kraft der Emanzipation des vierten Standes widmete, hat für die Emanzipation der Juden nie ein Wort gesprochen, nie den kleinen Finger gerührt; dagegen finden sich von ihm ein paar Aeußernngen, die seine unverhohlene Abneigung gegen das Judentum bekunden? Marx (der in seinem sechsten Lebensjahr getauft wurde, also persönlich unter der Rechtlosigkeit der Juden nicht zu leiden hatte) hat sogar eine ganze Schmähschrift gegen die Juden verfaßt, mit der er den um ihre Gleichberechtigung j Kämpfenden förmlich in den Rücken siet. Tas^ alles ist keine „Substanz" und keine NietaPhysik, sondern nackte Tatsache. Noch schlimmer ist es um den jüdischen Ursprung der materialistischen Geschichtsauffassung bestellt, die Blüher als den niedrigsten der korruptiven Gedankengänge des Judentums hinstellk und den er mit dem Materialismus schlechthin identifiziert. „Nur ein Jude formte eine so tiefe Fälschung siuden, daß sie^ vernichtend in die gestlstckstsempsindeude Schicht des Volkes eingreifen konnte." „Jedes Volk, das der Stimme Judas Gehör schenkt, ist verloren." „Dev jüdische Sozialismus hat '-die Ausgabe, die Völker von der Idee ihres Volkes und von der Erkenntnis ihres Schicksals abzulenken. Er ist leicht verständlich, jeder kann ihn lernen, er befriedigt die Besitzgier des niederen Volkes und ist daher die exquisite Pöbelp h ff osoP h t c." Man muß diesen Punkt ausführlich behandeln, weil er von besonderer Wichtigkeit ist. Die Wahrheit — nicht die „Substanz" — sieht nämlich ganz anders aus. Tie sogenannte materialistische, richtiger wirtschaftliche Geschichtsausfajsuug, als deren Urheber Marx gilt, hat mit dem philosophischen oder erkenntnistheoretischen Materialismus, wie ev in Deutschland besonders von 8 u d w i g B ü ch n e r vertreten wurde, nichts zu tun. Einer der eisrigsteu Apostel des historischen Materialismus, Franz Mehring, hat an Ludwig Büchner zu seinem Jubiläum 1893 einen hohnvollen und grimmigen Absagebrief gerichtet — im Namen des Sozialismus. „Materialistisch" stammt hier gar nicht vorn Begriff Materie, womit jener undefinierbare Urstoff bezeichnet wird, der nach der Lehre des Materialismus das allein Wirkliche und Seiende tut Weltgeschehen ist, und als dessen bloße Funktion alles Geistige hiugestellt wird, sondern von Material. Als Material des geschichtlichen Weltprozesses gelten nämlich für Marx die wirtschaftlichen Vorgänge innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Während nun der philosophische Materialismus die Existenz des Geistigen als selbständiger Wesenheit leugnet und das ganze Seelenleben und alle geistige Tätigkeit des Menschen unmittelbar aus Bewegungen und Veränderungen der Materie in Hirn- und Nervensystem zurückführt („Bewegung ist Denken", „eich Gedanke entsteht im Gehirn, ganz wie die Sekrete in der Leber", „kein Gedanke ohne Phosphor"), betrachtet der historische Materialismus die Inhalte der geistigen Kultur jeder gegebenen Epoche als bedingt von den wirtschaftlichen Vorgängen. Die staatlichen Einrichtungen, die rechtlichen, philosophischen, ethischen, ja sogar die künstlerischen und literarischen Jdeensvstcme bilden nach ihm den ideologischen Ueverbau über der wirtschaftlichen Grundlage. Friedrich Engels formuliert das folgendermaßen: „Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satze aus, daß die Produktion imö nächst der Produktion der Austausch der Produkte die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder gesckicktlich-anfstreben'den Gesellschaft die Verteilung der Produkte und mit ihr die soziale Gliederung der Klassen oder Stände sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetanscht wird". Marx hat diesen Teil schwer Lehre nirgends systema-tischi .entwickelt, sondern nur in gelegentlichen Bemerkungen skizziert, die Zusammengefaßt folgende Gedankengüuge ergeben: Für eine wissenschaftliche Erkenntnis der Meuscheugeschichte kommt cs aus das Erforschen ihrer notwendig bestimmenden Grundlage an, nuh diese ist Sozialwirtschasst von welcher Sitten und Gebräuche, künstlerische, philosophische und religiöse Vorstellungen, vor allem politische Verfassung und Recht abhängen. Der Uebergang der

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