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Central-Verein-Zeitung · 1922-06-01 · 5 (1.6.1922) · p. Seite 63

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
5 (1.6.1922)
Date
1922-06-01
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 Das Zitat als politisches Rampsmittel. Pon Professor Dr. Julius Go Idstein (Darmstadt). II. t Ich habe bisher nur über Zitate von Nichtjuden gesprochen. Fast noch wichtiger ist es für den Antisemitismus geworden, Zitate von jüdischen Schriftstellern für feine Zwecke zu verwenden. Er durchstöbert systematisch alles, was von Inden in Vergangenheit und Gegenwart geschrieben worden ist und bringt ^ctfie, die ihm für seine Zwecke nützlich erscheinen, auf dem Wege der Presse und des Flugblattes unter die Menge'. Diese Zitate sind scheinbar unangreiflich, — die Juden selbst sagen in ihnen ja das, was der Antisemitismus behauptet. Wiederum hat die Entente in vorbildlicher Weise dieser Technik vorgearbeitet. Zitate von alldeutschen Schriftstellern wurden mehr oder minder genau registriert' und gesammelt, unb dann als Gesinnung des ganzen deutschen Volkes dargestellt. Voraussetzung war immer: Die Deutschen sind eine die alle gleich denken, sich die individuellen unterschiedslose Masse von Men In der Kriegsstimmung verwi. Unterschiede; der Hatz individualisiert nicht, er stilisiert mit wenigen Strichen den Feind zur Teufelsfratze. Der Hatz verfährt inuner deduktiv; ein allgemeiner Satz abwertender Art steht ihm a priori fest. Für ihn sucht er Beweise und Belege.; Jedes Wort des Feindes genügt dafür. Das literarische Eei wissen hat feine Feinfühligkeit verloren. Alle Künste der! Verdrehung, der Sinnverschiebnng, der ungenauen Uebersetzung, der Weglassung entscheidender Worte — bis zur Vollendung ist das alles geübt worden in der Pretzpropaganda der Entente. Ich erinnere nur an „Deutschland, Deutschland über alles", das zum Beweis für das Streben nach Weltherrschaft gedeutet wurde, so wie etwa Lhotzky in einem Darmstäöter Vortrag vor Studenten das Bibelwort „Machet die Erde euch untertan" als Beweis für jüdische Weltherrschafts- Pläne verwendet hat. In welch erschreckender Weise religiöse Kreise Frankreichs die Verdrehungskunst des Zitats getrieben haben, zeigt das Buch von Dr. Heinrich Schröers, Professor der katholischen Theologie an der Universität Bonn: „Das christliche Gewissen im Weltkriege" zur Beleuchtung des Buches „Lallemagne et 3es Allies devant la conseienee chrclionno" (Freiburg 1916). Dem dritten Kapitel, „Das christliche Gewissen und das literarische Gewissen", entnehme ich das folgende Beispiel: „Treitschke widerfuhr das Geschick, daß etwas, was er bekämpft, ihm als eigene Ueberzeugung angekreidet wurde. Nach Mgr. Chapon hat er gejagt: „Qu’on sauve d’abord FEtat. et teilt le rnon-de ensuite approuvera les moyciis dont on s’est servi. (A. 75, Anm. I.) Was steht aber an der angegebenen Stelle? „Es war Machiavelli, der den Gedanken aussprach: Wenn es die Rettung des Staates gelte, so solle gar nicht gefragt werden nach der Reinheit der Mittel; man erhalte nur den Staat, die Mittel werde nachher jedermann billigen." Diesen Standpunkt des Florentiners bekämpft Treitschke; er spricht von der „tiefen Unsittlichkeit" seiner Staatslehre". — Mit welcher fast an Komik grenzenden Unverfrorenheit Zitate noch heute von den Franzosen verwendet werden, dafür sei das folgende Beispiel für alle Zitatgläubigen festgehalten. Man verbreitet am Rhein gegenwärtig eine Flugschrift unter dem Titel: „La France et les Pays Rhenans“. Als Motto ist dieser Flugschrift ein Zitat vorgesetzt, das sich in den Memoiren Friedrichs des Großen findet: „Du cote de FEst, la France n’a cFautres limites que eelles de sa moderation et de sa justice. II serait ä souhaiter, que le Rhin put coiilinuer a faire la lisiere de cette monarchie". Ein Kommentar erübrigt sich. Wer die antisemitische Literatur kennt, dem werden ähnliche Methoden in der Verwendung des Zitates oft begegnet .sein. Was beweist aber schließlich das Zitat irgendeines Juden für die Gesinnung der Judenheit? Als zufällige individuelle Aeußerung hat das Zitat ja kaum Bedeutung. Soll es Wirkung haben, so muß der Leser glauben: Was in diesem Zitat steht, das ist die Auffassung aller Juden, Die andern Zagen es nur nicht. Hier hat einer einmal verraten, wie und was alle denken. Man betrachtet die Juden wie eine heimliche Verschwörergesellschaft. Man nimmt ihnen gegenüber die Stellung des Staatsanwaltes ein, der aus Aeußerungen Einzelner Gesinnung und Plan der ganzen Verschwörergesellschast zu erraten hat. Wenn der Antisemitismus diese seelische Haltung gegenüber den Juden durch seine Presse hervorl'gebracht har, dann hat jedes Wort irgendeines beliebigen Juden seine Zufälligkeit verloren; dann kann man mit diesem Worte verfahren nach dem Wahlspruch des französischen Advokaten: „Gebt mir ein Wort von einem Menschen, und ich bringe ihn an den Galgen!" — Irgendein jüdischer Literat schreibt in einem schauderhaften Roman eine obszöne Stelle, in der ein psychopathischer Jude sich erotischer Erfolge gegenüber blonden Christemnädchen rühmt: Die Stelle wird von irgendeinem Völkischen Beobachter entdeckt, macht die Runde durch die antisemitische Presse, um dann in eines der antisemitischen Parteihandbücher als Auffassung des Judentums für alle Zeiten festgehalten zu werden. Der Bedarf an Zitaten, die von Juden herrühren, ist in letzter Zeit so groß geworden, datz die Antisemiten selbst solche jetzt fabrizieren. Flugblätter mit Zitaten von Juden, die nie existiert haben, sind nichts Seltenes mehr. (Ein Flugblatt mit der Unterschrift „Bund der aufgeklärten Arbeiter" wurde kürzlich in Breslau verbreitet. Es enthielt Aussprüche zweier Rabbiner, Abraham und Keresty, die niemals existiert haben.) Eine besondere Rolle spielen die Talmudzitate. Keiner der Schutz- und Trutzbündler. die heute den Talmud zitieren, verstehen ein Wort "hebräisch, keiner ist imstande, persönlich die Uebersetzung nachzuprüsen, die er, zumeist noch ungenau, von seinen Gesinnungsgenossen aus früheren Jahrhunderten übernommen hat. Wenn es gleichgültige Zitate wären, die man. nur wegen der Prägnanz des Ausdruckes anführt, so würde die Unkenntnis der Sprache wenig bedeuten. Wenn aber ein solches Zitat eine ungeheuerliche Ehrabschneidung enthält, dann sollten Menschen, die von deutscher Ehre und deutscher Treue reden, sich schämen, ein so robustes literarisches Gewissen zu haben. Talmndzitate können nur aus ihrem geschichttichen Zusammenhang begriffen werden. Das setzt aber eine Kenntnis des Textes 'voraus, welche die antisemitischen Agitatoren nicht besitzen. Mit welchen Umsalschungen und Weglassungen ein Mann wie z. B. Fritzsch in seinem „Handbuch der Jüdenfrage" arbeitet, davon kann jeder sich überzeugen, der die ausgezeichnete Schrift von Paul Fiebig, „Juden und Nichtjnden" (Leipzig 1921), liest. Was die Talmndzitate für den heutigen Antisemitismus bedeuten, das haben im Emauzipalionskampf der Katholiken die Zitate aus der Literatur der Moralkasuistik für die Protestauteu einmal bedeutet. Es gibt ein Werk des großen katholischen Denkers, Kardinals Newman, das in der deutschen Uebersetzung den Titel führt: „Vorträge über die gegenwärtige Stellung der Katholiken in England" (Negensburg 1853). Dieses Werk könnte Katholiken und Protestanten, die sich durch die verleumderischen Talmudzitate eines Ecker und Rohling noch heute betören lassen, zur Besinnung bringen. Man kann keine Seite dieser Schrift von Newman lesen, ohne an den heutigen Antisemitismus erinnert zu werden. Schon die Eingangsworte zeigen die englischen Katholiken der damaligen Zeit" in einer Stellung, die heute den deutschen Inden Vorbehalten ist: „Ich gehe daran, zu untersuchen, woher es kommt, dag in dieser einsichtsvollen Nation und in diesem aufgeklärten neunzehnten Jahrhundert wir Katholiken von unseren eigenen Landsleuten, mit denen wir von Jugend auf zusammengesetzt haben, so verachtet und gehaßt werden, daß sie geneigt sind, jede noch so abenteuerliche Geschichte zu glauben, die zu unserem Nachteile erzählt wird, als wären wir, einer wie der andere, ganz unbedenklich, entweder bis zum Stumpfsinne betört, oder die unbegreiflichsten Heuchler: sie selbst dagegen im Vergleiche mit uns vollendete Muster von Scharfblick, Weisheit, Rechtlichkeit männlicher Tugend und erleuchteter Christlichkeit." — Ganze Kapitel dieser Schrift geben in geradezu erschreckender Weise Parallelen zu der literarischen Technik des gegenwärtigen Antisemitismus. Aus Raumgründen beschränke ich mich auf die Wiedergabe nur einer einzigen Stelle: „Suarez, Vasquez, De Lugo, Lambertini, St. Thomas, St. Bonaventura, eine schöne Reihe von Foliobänden in unseren Bücherschränken! Man sollte meinen, die Lehre zu bewältigen, welche das ganze Leben einiger der größten Denkmeister der Welt ausgesüllt, ihr ganzes Genie in Anspruch genommen hat, das müßte einige Zeit kosten. Unser Protestant ist gleichwohl fest überzeugt, diese Werke müßten, eben weil sie so viel Gewicht, um so weniger Gehalt haben! Er hat daher unsere Lehren nicht studiert, unsere theologischen Ausdrücke nicht gelernt, nennt sie Kauderwelsch und denkt, die ganze Sache läßt sich in eine Nußschale fassen. Er nimmt immer ein Ding für das andere, und meint, das hat nichts zu sagen. Unwissenheit ist bei ihm freilich nicht die Mutter der Frömmelei, wohl aber des unbegreiflichsten Dünkels und unerhörter Ungerechtigkeit. Wenn er angreisen oder antworten soll, so nimmt er das nächste beste Pröbchen unserer Lehre her, welches die Neformationsgesellschaft liefert, also irgendeinen fürchterlichen Spruch des Jesuiten Bellarmin

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