Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 5 (1.6.1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 3m Lichte des Zestbüchleins. Zum Wochenfeste. Von Bezirksrabbiner Dr.. B eer m ann (Heilbronu). Der Thorabericht über die Weltenwende am Sinai mit -der ge- ' waltigen Gewifsenssprache des Göttlichen und das liebliche Idyll des Ruthbuches, wie weit scheint das voneinander abzuliegen. In der Ofsenbaritngsstun.de. der machtvolle Ruf des himmlischen „Du sollst", dem von der Gottesgemeinschaft hiugenommene Seelen ihr; Treugelübde begegnen lassen: „Alles, was der Ewige geredet hat, : wollen wir tun", und hier in der schlichten Erzählung Leim Sichelklang das Schicksal liebender und leidender Menschenkinder. Und doch hat seiner Takt gerade dieses Schriftlein fürs Osfenbarungsi fest ausgewählt. Wie viel wird im Hader der Parteien unter uns l hin und her gestritten, was das wahre Judentum sei. Das Ruthbuch sagt uns, es ist keine Rassensache, sondern ein Anliegen der : Gesinnung, es liegt im Gemüt' und nicht im Geblüt. Rein innerjüdisch wollen wir zunächst diesen Gedanken würdigen. Es ist ja nicht das einzige Mal, daß unser heiliges Schrifttum zeigt, wie die Erfüllung der sittlichen Gottessorderungen nicht an Volkstum und Abstammung gebunden ist. Der treue Knecht Elieser, der Abrahams Vertrauter ist, ist im damaskischen Heidentum heimbürtig und Jethro, der Midianiter, ist der väterliche Freund und Berater Mosis, während die biblische Weisheit den Edomiter Hiob zum leidensreichen Träger selbstloser, schmerzerprobter Frömmigkeit macht. Ruth ist Mvabiterin. Die Landessremde wird Stammutter des mes-stanischen Heilskönigs. Der ritenstrenge Talmud, der jüdische Eigenart zu schützen suchte, hat keineswegs den Schwerpunkt dieser Anschauung verrückt: „Wer sich erbarmt dev Menschen, der ist Abrahams Kind, der ist Jude." Lazarus, der Begründer der Völkerpsychologie, hat feinsinnig be- . merkt, das Judentum mußte sein Sonderwesen wahren, um seine; allgemeinen menschlichen Werte zu schützen. Und es ist ja kein i Widerspruch zwischen der Liebe gegen die eigene Gemeinschaft und! dem Sinn für die großen Aufgaben der Menschheit. Der Weg zum Völkerbunde führt über den Volksbund. Die Menschenliebe : beginnt mit der Liebe zum eigerrereVol-ke. Auchrn unserm deutschen; Vaterlaude können die, welche den pazifistischen Idealen der Menschheitsverbrüderung und des Völkersriedens ergeben sind, mit gutem; Gewissen zuvörderst an der Erstarkung und Bereicherung des , eigenen Volkstums arbeiten, denn Einheit der Menschheit bedeutet; nicht Einerleiheit, und was ein einzelnes Volk an Herausprägung l seiner wertvollen Art leistet, bereichert die Menschheitskultur: I „Schmückt die Rose selber sich, schmückt sie auch den Garten." < Gut hat R. Seira aber noch einen andern Wesenszug des Judeni tmus durch unser Buch unterstrichen gesehen. Wenn er sagt: „Diese! Schrift belehrt nicht über: Erlaubt und Verboten, über: Rein und i Unrein, sondern sie predigt Liebe und Güte als Hauptanliegen der j Gotteslehre." Ja man darf diese Bemerkung noch dahin zuz spitzen: Wir sehen hier die Zaubermacht der Liebe, sie veredelt nicht i nur, was ihr Hauch berührt, sondern sie wirbt und weckt immer i neue Liebe. Noomi, die zu den Schwiegertöchtern Gütige, erfährt! wieder Güte, Boas der Milde und Barmherzige, wird durch Liebe! belohnt und Ruths Aufopferung für die greise Freundin weckt die ) liebevolle Teilnahme des Edlen, der sie heimsührt. In einer Welt, j zerrüttet und Zerklüftet von Hatz und Haider, soll das Judentum die j versöhnende Frohbotschaft erlösender Liebe künden. Auch in den i mannigfachen Wirren des Wirtschaftslebens, in den Fehden und i Streitigkeiten der politischen Meinungen und Ansichten, im Wett-! bewerb und Geisteskampse der Bekenntnis soll das Judentum seines - Ringes Kraft durch Werke Praktischer Nächstenliebe bewähren. Ich j weiß, wie sehr uns die Förderung gemeinnütziger Einrichtungen; durch die ungeheure Geldentwertung erschwert wird. Unsere Altersj Heime, unsere Krankenhäuser, unsere Waisenerziehungsanstalten sind i in ihrem Bestände teilweise auss schwerste gefährdet. Da gilt es j unter Anspannung aller Kräfte der lastenden Zeitennot zu trotzen; und unter Opfern einen Sieg der Liebe zu erringen. I Tiefer noch aber hat ein mittelalterlicher Denker — Nachmani-; des — im Ruth-Buche einen Widerschein der ganzen Thora erblickt,; wenn er einmal andeutet, man sehe im Ruth-Buche, wie der Sinn . des Lebens nicht möglichst reicher Genuß ist, sonder kiddulo; dejissurin, seelengroße Hinnahme des Leides. Die drei liebe-! umhauchten Gestalten Ruth, Noomi und Boas unserer Festmegilla; sind Schmerzen »träg er, über deren Seelen Trennungsweh und j Todesabschied gebreitet ist, und vielleicht sind sie gerade dadurch zn i dem geworden, wodurch sie unsterblich fortleben. Harte Schicksale > haben von jeher die Heroen des Geistes und der Güte stark gemacht, i Erst das Leid der Verfolgung hat die herrlichsten Seherworte des; Jeremias uns geschenkt, und die schmerzensreiche Vereinsamung hat! manchen unvergänglichen Psalm geboren. Auch unser deutsches; Volk trägt jetzt drückende Leidenslast. Auch ihm soll das Leid der > Schmelztiegel sein, in dem sich sein Charakter als lauteres Gold j erprobt. Es muß mit der Iphigenie seines großen Dichters sprechen . lernen: „Die Schmerzen sind's, die ich zu Hilfe rufe, denn es sind Freunde, Gutes raten sie", es muß der biblischen Ruth gleich sich bergen unter den Fittichen des Ewigen. Was wir an äußeren Schätzen verloren haben, müssen wir durch innere Werte ersetzen, und uns mit dem Worte, trösten: i!;' „Mit Sehnsucht wünschest du das Glück herbei, Und zürnest, daß es nicht gekommen sei. Gibt's etwas Schöneres als Männlichkeit Mit Ungemach und Not in edlem Streit, Drum nutz* dein Leid und preise Gott dazu, > ' War' es nicht da, drum bitten müßtest du." Die Juden und üas deutsche Rommersbuch. Jüdische Lieder — antisemitische Sänger. Vom> Geheimen Justizrat O s c a v C a s s, e l. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die meisten studentischen Korps, Burschenschaften, Landsmannschaften und andere große studentischen Verbände, Juden, sogar auch sogenannte Judenstämmlinge, von ihrer Mitgliedschaft ausschließen. Ein jüdischer Student kann in dem Kriege die größte Hingabe für das Vaterland bewiesen, schwere Verwundungen erlitten, höchste Kriegsauszeichnungen erlangt haben, er wird von diesen Kreisen nicht als ein Deutscher behandelt. Es wäre dies kaum zu glauben und ist sonst in der Welt unerhört, aber es ist traurige Tatsache. Juden und Judenstämmlinge werden von diesen Studenten nicht als vollwertig betrachtet, aber die Lieder solcher Männer werden von ihnen gesungen und befinden sich in den Kommersbüchern von Max Friedländer und vom Teubnerschen Verlag. Beide von 1892. Ich nenne folgende Lieder: 1. „Die Loreley", von Heinrich Heine. 2. „Im Elsaß über dem Rheine, da wohnt ein Bruder mein", am 20. August 1870 gedichtet von Berthold Auerbach. 3. „Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren", von Dr. med. Alexander Wollheim. 4. Lothringer Volkslied, beginnend: „Jetzt kenn' ich das gelobte Land", von Wollheim. 5. „Das war der Gras von Rüdesheim", von Ernst Bloch und Albert Benda. 6. Das so ergreifende „Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium", von Elias Salomon, späterem Sanitätsrat in Bromberg. Judenhass erwächst aus Heid, Dummheit, Unfähigkeit 7. „Es ward einmal geschlagen bei Belle-Alliance die Schlacht", von W. Levhsohn. 8. „Es kamen drei Schneider wohl an den Rhein", von Karl Herloßsohn. 9. „Es war ein Edelmann am Rhein, gar sürnehm und gebildet", von Wollheim. 10. Bierstaat. „Ha, wie die Pokale blinken", von Wollheim. 11. „Seht her, wie stolz ich um mich schau, die Brust geschmückt mit weißrotblau", von Wollheim. Dieses Verzeichnis macht nicht etwa auf Vollständigkeit Anspruch, es wird noch eine weitere Anzahl von jüdischen Dichtern von Kommersliedern geben, deren Namen nicht ohne weiteres auf ihre Abstammung Hinweisen. 0 tempora, o mores, wie traurig haben sich die Verhältnisse seit meiner Jugend verändert! Ich war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Schüler des ehrwürdigen „Gymnasiums zum Grauen Kloster" in Berlin. Während. dieser ganzen Zeit-erlaubte sich ein einzigesmal ein Schüler der Obertertia eine seine jüdischen Mitschüler kränkende Bemerkung. Direktor des Gymnasiums war Dr. Friedrich Bellermann, ein Lützower Jäger von 1813, der die vaterländische, freiheitliche, ideale Begeisterung seiner Jugend bis an sein Lebensende bewahrt hat. Er erschien in der betreffenden Klasse, erging sich in den heftigsten Vorwürfen gegen den beregten Schüler, und drohte ihm bei Wiederholung mit Verweisung von der Anstalt. Ich hatte mir unvergeßliche, zum Teil das Leben hindurch währende Freundschaft, nicht nur mit jüdischen, sondern mit vielen christlichen Mitschülern erworben, verkehrte in ihren Elternhäusern und an deren Tischen, aufs freundlichste und herzlichste ausgenommen. Meine schönsten und dankbarsten Jugenderinnerungen sind hiermit auf das innigste verknüpft, und nun diese Wandlung, deren sittlich, staatlich und gesellschaftlich vergiftende Wirkungen ich hier nicht ausmalen will. Die Abgeschlossenheit dieser Studentenkreise führt zu konfessional jüdischen Verbindungen, und ist ein bedeutender Hebel zur Verbreitung des Zionismus in so vielen jüdischen Jugendgemütern. Ich bin ein Mann optimistischer Weltanschauung; nur diese hat mir Kraft zu öffentlichem Wirken gegeben. So bin ich der zuversichtlichen Hoffnung, daß endlich das Licht alle Nebel und Schatten zerteilen und das Menschheitsideal unserer Klassiker zur sicheren Verwirklichung gelangen wird. „Denn zuletzt siegt doch die Liebe, Kiegt ein fühlend Menschenherz."