Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 5 (1.6.1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- Seite 61 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer IM. Blätter füriteuifchtum unöluoentum Postschecklontv; 30*72 Gerlin, 1. Juni 1922 I. Jahrgang ❖ Nr. 6 oryan des lLuteal^ereius üeutfcker ElmttsdürseriüdiscitenülmrvMS'?« Verlag und Schriftleitung: öerlin SW HZ, LinöenstraKe 13 * Zernsprecher: ftmt Moritzplah 11S9S, 1S31S, 7S77 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po st an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 7,50 zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 12,— für die 6 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesfer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche M. 6,—, die 90 in in breite Reklamezeile M. 60,— Die falschen Sehauptungen öes Generals v. wrisberg. Offener Srief öes Spnöikus Dr. Ludwig Holländer an Generalmajor v. Wrisberg. Herr General! Sie haben in Ihren Kriegserinnerungen -durch Veröffentlichung der Statistik über die Teilnahme der jüdischen Soldaten am Heeresdienst — einer Statistik, die, wie auch Ihnen genau bekannt ist, nur bis zum 1. November 1916 reicht — in offenbarer Absicht gegen das Judentum Stellung genommen. Die Antwort auf diese, im allgemeinen schon in der Schrift von Otto Arnim enthaltenen Angriffe ist durch die Broschüre von Dr. Segall: „Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914—1918" gegeben. Ihre Behauptungen werden überdies durch eine von Professor Dr. Franz Oppenheimer in Frankfurt a. M. - verfasste, in den nächsten Wochen erscheinende Studie in ihrer vollen Hinfälligkeit erwiesen werden. Sie, Herr General, haben in Ihrem Dortrag in der Ortsgruppe Charlottenburg des „Deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbundes" am 23.. Mai in der Aula des Leibniz-Realgynmasiums in Charlottenburg nach Erbringung des Beweises für die Schuldlosigkeit Deutschlands am Kriege die Behauptung aufgestellt, die Machenschaften unserer früheren Feinde seienunter st ü tz t w o r d e n d n r ch d a s internationale Judentum. Hieraus haben Sie angegeben, es sei nachgewiesen, daß die Oberleitung des jüdischen Volkes in der Zerstreuung nach der Weither r s cha f t des Jude n t u m s st r e b e. Als angeblichen Beweis führten Sie den Ausspruch des „Juden" Rathenau an, daß dreihundert Männer die Geschicke der Welt leiteten. Sie wecken den Anschein, als wenn Rathenau nur von Juden spräche. Um dieses Ziel der Weltherrschaft Zu erreichen, sei ein Krieg und vor allem die Niederwerfung Deutschlands unbedingt ei> forderlich. Das war, wenn nicht wörtlich, so doch inhaltlich' der wiederum gegen die Juden erhobene Borwurf. Sie haben ferner erklärt, daß Sie diesen Vortrag bereits Aum 193. Male hielten, und haben also 'offenbar überall diese Behauptung, die ich als gänzlich falsch und jeder Spur der Wahrheit entbehrend bezeichnen muß, an vielen Orten ausgestellt. Sie sind so wenig gewissenhaft in Ihren Aeußerungen gewesen, daß Sie den bekannten Sozialdemokraten Kautsky als Juden bezeichnet haben, obwohl Herr Kautsky die Unrichtigkeit dieser Tatsache längst öffentlich.bekanntgegeben hat. 7- Ich mache Sie daher auf Folgendes aufmerksam: Die von. Ihnen dem Wortlaut und dem Sinne nach entstellten Aeußerungen von Walter Rathenau finden sich in der Wiener „Reuen Freien Presse" vom Jahre 1910 in einer volkswirtschaftlichen Untersuchung über die treibenden Kräfte des Welthandels unv der internarronalen Gütererzeugung. In dieser Abhandlung sagt Rathenau: „390 Männer, von denen jeder jeden tonnt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung." Von Juden ist dabei keine Rede, von irgendeiner Geheimabsicht noch weniger. Rathenau spricht über die Industrie und über die Verflechtung der Industrie der einzelnen Länder in eine Kontinentallvirtschast. Auf dem Kontinent, stellt er fest, kennendie Großproduzenten eines jeden Industriezweiges einander genau. Ich muß annehmen, daß die letzthin von Ihnen gemachten Ausführungen nicht das Ergebnis eines persönlichen Studiums der einschlägigen Literatur, sondern nur die Wiedergabe von Berichten oder tendenziös gefärbter Schriften fein können. Vielleicht mag die Verbindung mit dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund, dessen Hauptbestrebung ja die Bekämpfung des Judentums ist, Sie dazu veranlaßt haben, in der geschlossenen Versammlung etwas weiter zu gehen, als Sie es bei einer öffentlichen Gelegenheit getan hätten. Von Ihrer Loyalität aber hoffe ich erwarten Zu dürfen, daß Sie die zu Unrecht gegen das Judentum erhobenen Vorwürfe sowohl in der hier eingehend besprochenen Beziehung wie auch in bezug aus die Leistungen der jüdischen Soldaten klar stellen werden. Sie hatten bei Ihrem Vortrag ausdrücklich betont, es sich zum Grundsatz gemacht zu haben, nicht nur die Wahrheit zu sagen, sondern }iq a u ch anzuhören. Das bestimmt mich zu der Annahme, eine Berichtigung Ihrerseits erwarten zu dürfen. Die „C. V.-Zeitung" wird Ihnen gern zu einer solchen ihre Spalten öffnen. Sollten Sie aber w i d e r E x - w a r t e n auch .weiterhin derartige Betz a u p t u n g e n a u f st eile n , s o stehe i ch nicht an. Sie, den alten Offizier, einen Verleumder gu nennen. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Syndikus des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. /' Dr. L- Holländer,